Projektablauf‎ > ‎Fotokulisse‎ > ‎

Mühlenstraße 4

Diakonie / Tageswohnung
Auch das Haus Müh­lenstraße Nr. 4 wurde bei dem Großbrand vom 25. Juni 1809 vollständig zerstört. Der damalige Besit­zer des Gebäudes - dessen Name leider nicht ermittelt wer­den konnte - machte sich wie die meisten anderen Burgdorfer Bürger an den Wie­deraufbau.

Um das Jahr 1900 ist der Fuhrmann Hein­rich Schrader Eigen­tümer des Hauses. Er beantragt bei der Burgdorfer Stadtverwaltung am 4. Juli 1904, ein so genanntes Russischrohr zu setzen. Die Baukommission erteilt bereits am 8. Juli 1904 die erforderli­che Baugenehmigung nach den „Bau-Bestimmungen der Stadt Burgdorf vom 19. September 1901“.

Heinrich Schrader ist aber mit seinen Wohnverhältnissen nicht zufrie­den und so beantragt er am 24. Februar 1908 bei dem „hochlöblichen Magistrat zu Burgdorf“ einige bauliche Verände­rungen, und zwar soll das auf der rech­ten Seite des Hauses befindliche 2,20 Meter hohe Zimmer auf eine Höhe von 3,40 Meter gebracht werden. Außerdem soll die vorhandene Wand um 1 m herausgesetzt werden, so dass der Flur kleiner und das Zimmer größer wird. Die Haustür soll um 50 Zentimeter zurückge­setzt werden. Die Genehmigung für dieses Bauvorhaben wird am 5. März 1908 erteilt. Die Kosten für die Geneh­migung belaufen sich auf 10,30 Mark.

Nach diesen baulichen Maßnahmen folgen nach den Bauakten der Stadt Burgdorf durch Heinrich Schrader keine genehmigungspflichtigen Um- ­oder Ausbauten mehr.
Der dann als „Hofmeister" bezeichnete Heinrich Schrader veräußert das Ge­bäude mit Vertrag vom 21. März 1929 an den Schlosser Otto Brandes. Aus dem Grundstückskauf schuldet Otto Brandes dem Veräußerer noch 3.000 Goldmark. Für diese Schuld wird im Grundbuch eine Restkaufgeldhypothek eingetragen. Die Hypothek wird ab 1. April 1929 mit jährlich sieben Prozent verzinst. Das Restkaufgeld soll in vierteljährli­chen Raten bis zum 30. April 1931 gezahlt werden. Die Hypothek wird im Jahre 1938 gelöscht.

Aufgrund der Auflassung vom 15. Ja­nuar 1951 wird der Schlosser Georg Brandes am 13. Februar 1951 als Eigen­tümer in das Grundbuch eingetragen. Gleichzeitig wird für die Eheleute Otto Brandes und Margarete Brandes geborene Adahl ein Wohnrecht eingetragen.

Nach mehreren größeren Reparaturen an der Umfassungswand und am Schornstein erfolgt im Jahr 1959 der Bau  einer Entwässerungsanlage mit An­schluss an die städtische Kanalisation.

Nach dem Tod von Georg Brandes wird seine Witwe als Vorerbin in das Grund­buch eingetragen. Nacherbin ist Gisela Koehnsen geborene Brandes, die am 13. Oktober 1975 als solche in das Grund­buch eingetragen wird.

Frau Koehnsen verkauft das Haus dann an den Mathematikprofessor Dr. Eck­hard Salje. Dieser zieht mit seiner Frau ein. Das beim Einzug kinderlose Ehe­paar zieht Anfang 1985 mit fünf Kindern nach Cambridge in England. Der Professor lehrt nun an dieser renommierten Universität.

Das Haus steht zum Verkauf. Der Kir­chenkreis Burgdorf, der in Burgdorf eine Beratungsstelle für Durchreisende eingerichtet hat, sucht für Menschen ohne Wohnsitz eine Möglichkeit, diesen eine wärmende Stube und die Gelegenheit zur Körperpflege und zum Waschen ihrer Wäsche an­zubieten. Aus der Chronik der Sankt-Pankratius-Kirchengemeinde geht hervor, dass der Kirchenkreis das Haus Mühlenstraße 4 als für diese Zwecke geeignet ansieht. Da der Kirchenkreis nicht über die nötigen Geldmittel ver­fügt, ist die Kirchengemeinde Sankt-Pan­kratius bereit, das Haus zu erwerben und an den Kirchenkreis zu vermieten. Der Kaufvertrag wird am 24. April 1985 abgeschlossen. Die Eintragung in das Grundbuch kann aber nicht erfolgen, da das Landeskirchenamt die Geneh­migung zum Kauf verweigert.

Die Initiatoren des Projekts lassen aber nicht locker und so gelingt es endlich im Jahre 1986, das Landeskirchenamt von der Notwendigkeit des Vorhabens zu überzeugen und das Haus für den Kir­chenkreis Burgdorfer Land anzukaufen. Ein ursprünglich vorgesehener Ausbau des Dachgeschosses, mit dem für Durchreisende Schlafgelegenheiten geschaffen werden sollten, kann allerdings aus Kostengründen nicht ver­wirklicht werden.
Heute ist das Haus als Tageswohnung nicht mehr wegzudenken. Zu den Öff­nungszeiten kommen zahlreiche Nichtsesshafte und neuerdings auch arbeitslose Burgdorfer Bürger, die die Angebote des Hauses nutzen. Die Lei­terin der Einrichtung, Marion Carstens, hilft den zu Betreuenden nicht nur bei der Körper- und Kleiderpflege, sondern auch bei erforderlich werdenden Be­hördengängen. Im Hause können warme Mahlzeiten eingenommen und Kaffee gekocht werden. Zur Unterstüt­zung von Carstens ist eine halbe Stelle für einen Sozialarbeiter eingerichtet worden. Diese Stelle wurde im Zuge der Sparmassnahmen innerhalb der Landeskirche gestrichen. Ein Förder­kreis, an dessen Spitze der ehemalige Bankdirektor Hans-Jörg Lüke steht, hat es sich seit dem Jahr 2006 zur Aufgabe gemacht, die für diese Stelle erforder­lichen Geldmittel durch Spenden ein­zusammeln und die erfolgreiche Arbeit der Tageswohnung dadurch aufrecht zu erhalten, denn gerade die notwendig werdenden Behördengänge machen es erforderlich, dass eine zweite Kraft im Haus tätig ist.

In den Jahren 2000 bis 2005 schafften es die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter immerhin, rund 50 Nichtsesshafte wie­der sesshaft zu machen. Die Burg­dorfer Tageswohnung, die die erste ihrer Art in Niedersachsen war, hat als Pilotprojekt dazu geführt, dass es in Niedersachsen inzwischen 20 vergleich­bare Projekte gibt.
Durch seine Aktivitäten hat es der För­derkreis erreicht, dass zumindest in den Jahren 2006 und 2007 die erfor­derlichen Geldmittel zusammenkamen, die die Beschäftigung einer zweiten Kraft ermöglichen. Es ist zu hoffen, dass dies auch in den kommenden Jahren gelingt!

Text: Jürgen Mollenhauer mit freundlicher Genehmigung von Heinz Neumann und Jürgen Mollenhauer (Burgdorfer Stadtchronisten)