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Mittelstraße 15

Pfarrwitwenhaus
Die Mutter des in der Hinterstraße (heute: Schmiedestraße) wohnenden Schmiedemeisters Hennigs hängt 1658 trotz mehrfacher Warnung ihres Sohnes Flachs nahe beim Schmie­defeuer zum Trocknen auf. Durch Funkenflug entzündet sich der Flachs. Das Haus gerät in Brand. Die Flammen greifen bald auf die überwiegend noch mit Stroh ge­deckten Nachbarhäuser und auf die ganze Stadt über. 117 Häuser wer­den zerstört, 900 Einwohner sind obdachlos. Von den acht Stadt­quartieren Burgdorfs bleibt das vierte - und damit auch das Haus Nr. 15, das heutige „Pfarrwitwenhaus“ - verschont. Zu dieser Zeit stehen an der Westseite der Neuen Torstraße zwischen Mittel- und Hinter-/Schmiedestraße drei Häuser.

Das Eckgebäude an der Mittelstraße ist ein großbürgerliches Mittellängsdielen­haus, in dem auch noch gebraut wird. Die Wohnräume sind zu den beiden Straßen­seiten im Erd- und Obergeschoss angeordnet. Dem höheren Lager­bedarf dienen das über eine separate Treppe zu erreichende Halbgeschoss und eine halbseitige Unterkellerung. Das Baujahr des Hauses liegt zwischen der Brandschatzung un­serer Stadt durch schwe­dische Treppen (1632) und dem Brand von 1658.

Um 1650 ist der Bürger und Brauer Hans Mat­thias Eigentümer des Hauses, das auch die Braugerechtsame besitzt. Es bleibt 100 Jahre Eigentum der Familie Matthias. Weil er keine Nachkommen hat, verkauft im Jahre 1749 Wil­helm Henning Matthias -  wie sein Großvater ein Brauer - das Haus an die Witwe des Super­intendenten Johann Chris­toph Claren. Der Kauf­preis beträgt 700 Reichstaler. Da­von zahlt Frau Claren 300 Reichstaler bar, der Restbe­trag von 400 Reichstaler soll in halbjährlichen Raten abgetragen und mit vier Prozent ver­zinst werden.

Einige Jahre vorher, und zwar 1739, hatte Wil­helm Henning Matthias seinen Besitz noch vergrößert. Er kauft das Nachbargrundstück an der Neuen Torstraße, das „Gemein Be­cker­haus“ des Amtsbäckers Jürgen Heinrich Wild­hagen. Er lässt es ab­brechen, errichtet auf der so entstandenen Freifläche ein Stall­ge­bäude und nutzt den verbleibenden Rest des Grund­stückes als Hof und Garten.

Im Kaufvertrag zwischen Wilhelm Henning Matthias und seiner Frau Margret Elisabeth geborene Borchers mit der Witwe des Superinten­denten Claren vereinbaren Verkäufer und Käuferin, dass „das gesamte Haus, so wie es jetzt beschaffen, die Brauereigefäße ausge­nommen“, ver­äußert wird. Die Verkäufer er­halten ein lebenslanges Wohn­recht zugesichert und dürfen in dem zum Haus gehörenden Moor Torf stechen. W. H. Matthias stirbt allerdings schon 1754. Die Braugerechtsame bleibt nicht beim Haus. Mit einer ausnahmsweise erteilten Genehmi­gung des Brauamts erhalten W. H. Matthias und seine Frau das Recht, auf Lebens­zeit bei be­liebigen Brauern in Burgdorf für „ihres Lei­bes Nothdurft“, also für den eigenen Bedarf, zu brauen. Mit ihrem Tode erlischt das Brau­recht, es kann nicht vererbt werden.
Mit dem Verkauf an Frau Claren enden die Hausakten im Stadtarchiv. Zwar ist ihnen noch zu entnehmen, dass schon um 1660 eine „Superintendenten Witwen Caße“ bestanden hat. Be­sonders Superintendent Gabriel Meyer hat häufiger Grundstücke (Gärten, Wiesen, Moor) für diese Kasse erworben. Das Haus Matthias hat nach dem Kaufvertrag aber eindeutig Frau Claren persön­lich beses­sen. Möglich ist, dass es nach ihrem Tod Eigen­tum der Superinten­denten-Witwenkasse wurde.

Der nächste Hinweis auf das Haus findet sich erst 70 Jahre später im Hausver­zeichnis von 1817. Die Quartiere sind inzwischen neu ein­geteilt. Das Haus liegt jetzt im 3. Quartier und hat die Versicherungsnummer 88. Als Eigen­tümer ist im Verzeichnis aufgeführt: „Superinten­denten Witwe“. 

Die nachfolgenden Besitzer können den Grundbuchakten des Amtsgerichts Burgdorf entnommen werden. Nach diesen Akten hat die Witwe Justine Plaß geborene Nolte das Haus im Jahre 1850 vom „Superintendenten-Witwenthum Haus-Fonds zu Burgdorf“ gekauft. Das Gebäude hat also rund 100 Jahre als „Superintendenten-Witwenhaus“ gedient. 

Justine Plaß veräußert ihr Haus schon im Jahre 1861 an den Buchbinder Heinrich Görrig. Es bleibt dann bis 1927 im Eigentum der Familie Görrig. Besitzer sind nacheinander der Tisch­lermeister Ernst Görrig (ab 1873), der Klemp­nermeister August Görrig (ab 1890) und der spätere Sparkassenkassierer Karl Görrig, der das Grundstück schon 1894 als Kind erbt. Er verkauft es 1927 an den Friseur Fritz Gütter, von dem es auf den Kaufmann Hans-Jörg Wiet­feldt (Cara­cas/Venezuela) übergeht. 1981 erwirbt Amleto Delli Ponto das Haus. Er führt er­hebliche Sanierungsar­beiten durch und richtet im Jahre 1982 die Gaststätte „Pfarrwit­wen­haus“ ein. 
1951 mietet der Kaffeekaufmann Hans Wiet­feld das Stallgebäude in der Neuen Torstraße und richtet dort ein Kaffee-Spezialgeschäft ein. Er bezieht den Rohkaffee aufgrund frühe­rer Ge­schäftsverbindungen direkt aus Guate­mala und röstet ihn selbst. Heute befindet sich in diesen Räumen eine Boutique, die sich auf Mode aus Paris spezialisiert hat. 

Der 1739 von Henning W. Matthias hinzu gekaufte Grundstücksteil mit der heuti­gen Bou­tique ist vor einigen Jahren verkauft worden. Das Grundstück des „Pfarr­witwenhau­ses“ ist dadurch wieder auf seine ursprüngliche Fläche ge­schrumpft. Im Jahre 1988 kauft der Kaufmann Werner Staude (Getränkehandel, Hannover) das Pfarrwitwenhaus. Heute gehört es einer Eigentümergemeinschaft der Familie Staude.

In der Nacht zum Dienstag, dem 3. Oktober 2006, heulen gegen 1 Uhr die Feuerwehrsirenen. Aus dem Dach des Pfarrwitwenhauses lodern die Flammen. Das Feuer ist in der Wohnung im zweiten Obergeschoss ausgebrochen. Dessen Bewohner - Mutter und erwachsener Sohn - sind nicht zu Haus. Der Mieter der Wohnung im ers­ten Geschoss wird von Passanten geweckt und kann das Gebäude in letzter Minute verlassen. Die Pächter der Gaststätte - Ida und Giuseppe Armarrone -  haben ihr Lokal bereits verlassen. Die Feuerwehren aus Burgdorf und sieben be­nachbarten Orten bekämpfen den Grossbrand von zwei Drehleitern aus mit erheblichen Was­sermassen. Die Außenwände des Hauses bleiben erfreulicherweise stehen. Die Schäden im Innen­bereich sind erheblich. Trotzdem verspricht die Eigentümergemeinschaft Staude, das Haus zu erhalten. Später stellt sich heraus, dass der Brand durch Unachtsamkeit der Mieterin des zweiten Obergeschosses verursacht ist.

Nach mehrwöchigen schwierigen Aufräumarbeiten beginnt eine aufwändige Sanierung des Hauses durch Firmen, die auf die Restaurierung alter Fachwerkhäuser spezialisiert sind. Auf­lagen des Denkmalschutzes müssen beachtet werden. Nach elf Monaten ist es endlich soweit,  Ida und Giuseppe Armarrone können ihre Gäste ab 1. September 2007 wieder im Pfarrwit­wenhaus bewirten. Die Gaststätteneinrichtung im altdeutschen Stil hat durch den Brand, vor allem durch das Löschwasser, gelitten. Sie konnte aber wieder hergerichtet werden. Die Gäste müssen sich nicht umgewöhnen. Es ist alles so, wie sie es gewohnt sind. Nur die freiliegenden Fachwerkbalken wirken heller.
Es ist erfreulich, dass das älteste Burgdorfer Brauhaus gerettet werden konnte und seinen Charakter als mittelalterliches Bürgerhaus bewahrt hat.  

Über die Grenzen Burgdorfs hinaus war das „Pfarrwitwenhaus“ im Jahre 1845 bekannt geworden. Zu dieser Zeit wohnte hier ein Schachtmeister, der beim Bau der Königlich-Hannover­schen Eisenbahnlinie Hannover - Lehrte - Harburg arbeitete. Der Schlachtermeister Thöne erschlug ihn mit einem Beil und raubte die Lohngelder. Die Leiche verbarg der Mörder eine Woche lang im Keller, dann verscharrte er sie am Celler Tor, aber nicht tief genug. Hunde buddelten sie aus. Thöne wurde überführt und nach seiner Verurteilung zum Tode in Celle durch das Fallbeil öffentlich hingerichtet. Es war übrigens die letzte öffentliche Hinrichtung in Celle.

Text mit freundlicher Genehmigung von Heinz Neumann  (Burgdorfer Stadtchronist)