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Marktstraße 65

Gasthaus „Zum Mond“
Dem Großbrand von 1809 fällt auch das Haus mit der damaligen Ver­sicherungsnummer 17, heute Marktstraße 65, zum Opfer. Es wird um 1811 von dem Seiler und Ackerbürger Heinrich Brill als zwei­geschossiges Fachwerkhaus mit Stall wieder aufgebaut. Nach dem Hausverzeichnis von 1848 ist er auch zu dieser Zeit noch Eigen­tümer. Den Hypothekenbüchern des Amtsgerichtes Burgdorf ist zu ent­nehmen, dass der Seilermeister Brill 1834 eine Hypothek von 1.000 Reichsthalern in Gold aufnimmt. Der Zinssatz beträgt 4½  Prozent. Hypo­thekengläubiger ist später die Spar­kasse der Stadt Burgdorf.

1867 erscheint bei einer neuen Ein­tragung in das Hypothekenbuch als Berufsbezeichnung des Hauseigen­tümers erstmals „Seiler und Schankwirt“. Wie lange die Schankwirtschaft zu dieser Zeit schon besteht, ist nicht bekannt.
Am 15. September 1880 legt das Amtsgericht Burgdorf ein Grundbuch für das Hausgrundstück an. In der Verhandlung tritt Senator Klauke als Deputierter des Magistrats zu Burgdorf auf und erklärt, dass der „Gastwirth Gottfried Brill in Betreff des Hauses Marktstraße 65 im Eigenthumsbesitze ist“. Brill ergänzt, dass er das Grundstück mit einem Haus und einem Stall bebaut habe. Die Grundstücksgröße wird mit 235 Quadratmeter angegeben.

Im vorigen Jahrhundert war es üblich, in den Gasthäusern unserer Stadt Armen­büchsen aufzustellen, in die die Gäste kleine Spenden für bedürftige Mitbürger einwerfen. Bei der Leerung dieser Spendendosen im Januar 1890 - es gibt zu dieser Zeit in Burgdorf 24 Gastwirt­schaften - kann Schankwirt Gottfried Brill 1,47 Mark an die Armenkasse abführen. Sein Konkurrent von gegen­über, Gastwirt Conrad Kelle, bringt es nur auf 0,57 Mark. 
Fräulein Anna Grote, die Erbin des inzwischen verstorbenen Gastwirts Gottfried Brill, verkauft das Grundstück 1902 an den Kellner Richard Brendecke aus Gifhorn. Im Kaufvertrag wird festgehalten, dass der Vertrag nur wirksam wird, wenn der Kreisaus­schuss dem Käufer die Gastwirtschaftskonzession erteilt. Das geschieht, so dass Richard Brendecke das Gasthaus übernehmen kann. Der Name Gasthaus „Zum Mond“ taucht in den Akten zu dieser Zeit noch nicht auf. Ältere Burgdorfer berich­ten aber, dass die Gaststätte schon immer unter dieser Bezeichnung ge­führt wurde.

Nach einer Bauzeichnung aus dem Jahre 1912 - Gastwirt Brendecke möchte eine Waschküche bauen - befindet sich im Mittelteil des Erdgeschosses ein großer Flur. Rechts davon zur Klaukengasse liegt die Gaststube mit der Theke. Dahinter befinden sich mit einem Tor zur Klaukengasse die Pferdeställe. Es ist also ein Gasthaus mit Ausspann. Besucher aus der ländlichen Umgebung Burgdorfs können hier ihre Pferde unterstellen, während die Kutschen vor dem Haus auf der Marktstraße abgestellt werden. Links vom Flur liegen Wohnstube, Kammer und Küche.

Der Gastwirt Richard Brendecke stirbt 1929. Die Gaststätte wird von seinem Sohn Richard Brendecke junior weitergeführt. Er erweitert sie 1931. Aus dem vorderen Teil des breiten Flures und dem Wohnzimmer entsteht ein neuer Gastraum mit der Theke und einer dahinter angeordneten Küche. Die bisherige Gaststube wird zum Clubzimmer. Zu dieser Zeit fließen Biere der Lindener Aktienbrauerei aus dem Zapfhahn. Die fortschreitende Motorisierung macht 1934 die Pferdeställe über­flüssig. An ihre Stelle tritt eine kleine Wohnung. Auch der darüber liegende Boden­raum wird zur Wohnung ausgebaut.
1937 bekommt Richard Brendecke Ärger mit der Stadtverwaltung. Sie fordert ihn ultimativ auf, das Haus streichen zu lassen. Der Anstrich des Hauses sei vernach­lässigt und störe das Ortsbild. Brendecke beauftragt Malermeister Erich Elbing mit der Re­novierung und reicht dem Stadtbauamt eine farbige Tuschezeichnung zur Ge­nehmigung ein. Ein Jahr später erhält das Haus ein in die Straße hineinragendes schmiedeeisernes Schild mit der Inschrift „Zum Mond“.

Während des Zweiten Weltkrieges muss Richard Brendecke Wehrdienst leisten. Er wird ge­gen Ende des Krieges als vermisst gemeldet und kehrt nicht zurück. Seine Frau Alwine Bren­decke führt die Gaststätte zusammen mit ihrer Tochter Christa und später ihrem Schwieger­sohn Franz Benefeldt weiter. Sie lässt 1962 die kleine Wohnung an der Klaukengasse zu ei­nem zweiten Klubzimmer umgestalten, in dem viele Burgdorfer Vereine zusammenkommen, darunter auch der Burgdorfer Mo­torsportclub. Seit 1950 werden Biere der Hildesheimer Ak­tienbrauerei aus­geschenkt, die einige Jahre später von der Einbecker Brauerei übernommen wird.

Der Buchhändler Ulrich Wegener wird 1990 Eigentümer des Hauses Marktstraße 65 und ist es bis heute. Die Bezirksregierung Hannover hat das Gebäude 1987 in das Verzeichnis der Baudenkmale eingetragen. Das traditions­reiche Gasthaus „Zum Mond“ muss aber dringend saniert werden. Wegener ist der Kosten­aufwand zu hoch. Er entschließt sich 1995, das Lokal  aufzugeben und das Gebäude nach we­niger kostspieligen Umbauten künftig als Laden zu vermieten. Heute befinden sich dort das Geschäft „Clou & Classic - Werksverkauf“ und das Geschäft für Schmuck- und Geschenkartikel „Sammelsurium - Schönes von gestern und heute“ .

Text mit freundlicher Genehmigung von Heinz Neumann (Burgdorfer Stadtchronist)