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Marktstraße 59

Die Sparkasse von Burgdorf
Nach dem großen Brand von 1809 erhält die vorher verwinkelte und enge Marktstraße ihre heutige Fluchtlinie. Drei kleine Grundstücke gegenüber der Sankt-Pankratius-Kirche werden unter der Versicherungsnummer 96 zusam­mengelegt. Nach Straßen geordnete Haus­nummern gibt es noch nicht. Alle Haus­grundstücke unserer Stadt sind durchgehend nummeriert. Diese Nummern dienen auch der Brandkasse als Zuordnungsmerkmal.
Das neue Grundstück mit der heutigen Hausnummer 59 erstreckt sich von der Marktstraße entlang der Willersgasse bis zur Mittelstraße und ist 1.441 Quadratmeter groß. Hier baut der Brannt­weinbrenner Wil­helm Wil­lers (1773 bis 1868) um 1811 ein zweige­schossi­ges Wohn- und Geschäftshaus. An der Mit­telstraße befinden sich der Vieh­stall und das Brennereigebäude.
Wilhelm Willers ist von 1818 bis 1849 auch ehrenamtlicher Bürgermeister der Stadt Burgdorf. Nach dem Tod seiner Frau lebt er zunächst ohne Trauschein mit der Witwe Caroline Klauke zusammen. Das wider­spricht den damaligen Moralvorstel­lungen. Er muss 1849 auf öffentlichen Druck als Bürgermeister zurücktreten. Das hat ihm so­gar die Landdrostei in Lüneburg nahe gelegt. Kurz nach seinem Rücktritt heiratet er Caro­line Klauke doch noch.

Bürgermeister und Brenner Willers über­gibt seinen Betrieb 1840 an seinen Sohn Philipp. In den folgenden Jahren kommt es zwischen Vater und Sohn wie­derholt zu Rechtsstrei­tigkeiten, die sie auch gerichtlich austragen. Philipp Willers be­treibt neben seinem Brennereibetrieb auch Landwirt­schaft. Er besitzt 50 Morgen eige­nes Ackerland und hat wei­tere Ländereien ge­pachtet. Technischen Neuerungen aufge­schlossen, installiert er 1852 eine der ersten Dampfmaschinen in Burgdorf. Sie leistet sechs PS und wird mit Steinkohle befeuert. Um 1855 richtet er in seinem Haus auch eine Gastwirt­schaft ein.

1878 verkauft Philipp Willers sein Grund­stück an der Marktstraße an den Brenner Friedrich Fasterding. Aus dem Verkaufser­lös baut er vor den Toren der Stadt das Gut Burgdorf (siehe dazu auch den vorstehenden Beitrag „In den Kämmern“). 

Der Magistrat genehmigt dem neuen Besit­zer der Brennerei 1880 den Einbau eines leistungs­fähigeren Dampfkessels. 1898 richtet Fasterding eine von der Ab­wärme der Bren­nerei be­heizte Warmwas­serbade­an­stalt ein. Burg­dorfs Ein­wohner begrüßen freudig, so schreibt das Kreisblatt, dass es ihnen möglich ist, künftig warme Wannenbä­der zu genießen.

Anfang 1900 mietet die Sparkasse der Stadt Burg­dorf zwei rechts neben dem Hausein­gang gelegene Räume. Sie sind nach einem Revisionsbericht aus dem Jahre 1903 dun­kel und un­freundlich. Die für eine Spar­kasse erforderliche Sicher­heit ist nicht ge­währleistet. Für die Kunden hat das neue Sparkas­senbüro allerdings den Vorteil, dass sie sich nach der Abwick­lung ihrer Bankge­schäfte in der über die gemeinsame Diele zu erreichenden Bren­nereigaststätte bei Burg­dorfer Korn und Bier stärken können. 
Im Jahre 1911 entschließt sich die Stadtsparkasse, das Grundstück Marktstraße 59 von dem Brenner Friedrich Fasterding für 53.350 Mark zu erwerben. Fasterding ist altersbedingt nicht mehr in der Lage, seine Brennerei, die Gaststätte und die Land­wirtschaft weiter zu betrei­ben. Das zum Grundbesitz gehörende Ackerland,  mit Ausnahme einer Parzelle im Burgdorfer Bürgermoor (Oldhorster Moor), übernimmt später die Stadt Burgdorf. 

Die Sparkasse lässt die Brennerei- und Wirtschafts­gebäude abbrechen. Archi­tekt Bludau aus Hannover entwirft die Pläne für den Umbau des bisherigen Ge­schäfts- und Wohnhauses. Er ist in Burgdorf durch den Bau herrschaftlicher Villen bekannt. Die Arbeiten be­ginnen im Sommer 1911. Vier große Bogenfenster an der Marktstraßenfront sor­gen für einen hellen und freundlichen Kassenraum. Ein geräumiger und gut ge­sicherter Tresor nimmt die Bargeldbestände auf. In Schrankfächern verschiedener Größe können die Kunden der Sparkasse erstmals ihre Wertsa­chen deponieren. Ausreichende Nebenräume sind vorhanden. 
Das Fachwerkhaus erhält im Obergeschoss eine vorgehängte Fassade. Unter den neuen Fenstern stellen holzgeschnitzte Tafeln die verschiedenen Wirtschaftzweige unserer Stadt wie Handel, Handwerk, Landwirtschaft und zwei Jagdszenen dar. Die Fugen im Putz des Erdgeschosses täuschen Bossensteine vor. Am 1. April 1912 kann die Stadtsparkasse ihre neuen Räume beziehen. Das Gebäude der Sparkasse gehört zu den schönsten Häusern Burgdorfs.

In den neuen Räumen ar­beiten 1911 zwei Beamte und ein Gehilfe. Während der Inflationszeit 1923 sind es bereits 17 Mit­arbeiter. Nach der Wäh­rungsum­stellung vermindert sich die Zahl der Beschäf­tigten wie­der. Der Einsatz von Büro­maschinen und ei­ner mo­dernen Registratur zwingt den Sparkassenvor­stand im Jahre 1928, einen Anbau zu beschließen. Im Anschluss an den Kassen­raum sollen neue Büros ent­stehen.
Die Bauarbeiten beginnen noch im selben Jahr. Sie können, bedingt durch einen außergewöhnlich kalten Win­­­ter, erst im Sommer 1929 abgeschlossen werden. Der Anbau nimmt das Treppenhaus für die Woh­nungen im Obergeschoss und ein Büro für den Di­rektor auf. 

Die günstige wirtschaftliche Entwicklung der Sparkasse erfordert 1937 erneut zu­sätz­lichen Arbeitsraum. Der großzügigen Erweiterung fällt leider der auf zwei Säu­len ruhende, wappen­ge­schmückte Eingang an der Ecke zur Willersgasse zum Opfer. Der neu gestaltete Schalter­raum mit den Ar­beitsplät­zen für die Kunden­betreu­ung ist nun durch ei­nen schlichten Eingang an der rechten Seite des Hauses zu erreichen. In ei­nem An­bau zur Hofseite entstehen Räume für die Maschinen­buchhal­tung, die Registra­tur und das Sekreta­riat.

Die Stadtsparkasse, die bis­her eine unselbstständige Ein­richtung der Stadt war, er­hält 1936 eine eigene Rechtspersönlichkeit. Das Grundbuchamt löscht die bisher für das Grundstück Marktstraße 59 als Eigentü­merin eingetragene Stadt­gemeinde Burgdorf. Neuer Eigentümer ist die Spar­kasse der Stadt Burgdorf. Der Vorstand besteht aus Bürgermeister Thießen und Sparkassendirektor Grosch. 

Die schnelle Erholung der Wirtschaft in der Nachkriegszeit bedeutet auch für die Stadtsparkasse Burgdorf eine positive Geschäftsentwicklung. Der steigenden Kundenzahl sind die bisherigen Geschäftsräume nicht mehr gewachsen. In den Jahren 1960 bis 1962 baut die  Sparkasse entlang der Willersgasse eine neue, 320 Quadratmeter große Schalterhalle. An der Mittelstraße entsteht ein modernes zweigeschossiges Gebäude. Es ist durch die Schalterhalle mit dem Altbau verbunden. Der Haupteingang befindet sich jetzt in der Mitte des Altbaues an der Marktstraße. 1962 können die neuen Räume bezogen werden. 

1976 müssen sich der Verwaltungsrat der Stadtparkasse und der Stadtrat erneut mit Erweiterungsplänen befassen. Beide Gremien erkennen die räumlich beengte Situation an. Die Sparkasse hat inzwischen das benachbarte Haus des Friseurmeisters Heinemann erworben, um sich auch an der Marktstraßenseite ausdehnen zu können. Die zunächst vorgelegten Pläne der Architekten sehen einen Abbruch der Fachwerkfassade und eine moderne Frontgestaltung zur Marktstraße vor. Aus Gründen des Denkmalsschutzes stimmen Stadt und Sparkasse diesem Entwurf erfreulicherweise nicht zu. Das Fachwerk und die wertvollen Holzschnitzarbeiten bleiben erhalten. Nur der auf dem Grundstück Heinemann entstehende Anbau wird nach dem ursprünglichen Entwurf der Architekten gebaut.
Im Herbst 1978 beginnen mit dem Abriss des Hauses Heinemann die Arbeiten zur Neugestaltung des Gebäudes. Sie findet in drei Bauabschnitten statt. Zunächst stellen die Bauhandwerker den Anbau auf dem ehemaligen Heinemannschen Grundstück fertig und binden ihn an das bestehende Gebäude an. Im Keller des Anbaus entsteht ein neuer großzügiger Tresor für die Sparkasse und im Erdgeschoss wird ein moderner Kundentresor gebaut. Der alte Tresor muss dem neuen Raumkonzept weichen. Er leistet den hochwertigen Diamantbohrern der Abbruchspezialisten mit seinen im Mauerwerk verankerten Stahlplatten hartnäckigen Widerstand. Ein Beweis, wie sicher er gewesen ist. Die Tresortür ist heute im Selbstbedienungscenter an der Marktstraße zu bewundern. 

Im zweiten Abschnitt folgt der Erweiterungsbau an der Mittelstraße mit den überbauten Kundenparkplätzen. Besucher der Sparkasse nehmen sie dankbar an. Im Obergeschoss schafft ein Bürotrakt eine zusätzliche Verbindung zum Altbau. Der dritte Bauabschnitt berührt das bestehende Gebäude. Die Kassenhalle wird auf etwa 470 m2 vergrößert und erhält eine neuzeitlichen Ansprüchen gerecht werdende Ausstattung. Der Eingangsbereich von der Marktstraßenseite kann künftig nach Dienstschluss von der Halle getrennt und als Spätschalter mit Geldautomaten und Kontoauszugdruckern genutzt werden. Ihr heutiges äußeres Bild erhält die Stadtsparkasse durch diese 1980 abgeschlossenen Um- und Erweiterungsbauten. 

Im Juni 1995 präsentiert sich die Hauptgeschäftsstelle Burgdorf der Stadtsparkasse ihren Kunden im neuen Gewand. Die Kassenhalle hat im Flachdachbereich eine große Glaskuppel erhalten. Sie lässt mehr Tageslicht herein. Die trapezförmigen Fenster sind  zu öffnen und ermöglichen es, die Halle zu belüften. Der Boden ist mit neuen Fliesen ausgelegt. Der Selbstbedienungsbereich verfügt jetzt über drei Kontoauszugsdrucker, zwei Geldautomaten, zwei Terminals für Überweisungen und Informationen sowie ein Geldkartenladegerät. Einladend und angenehm gestaltete Räume empfangen den Kunden. 

Ein weiterer vollautomatischer Kundentresor, der ohne Sparkassenangestellte mit EC-Karte und Geheimzahl zugänglich ist, ermöglicht dem Schließfachinhaber, seine Wertsachen jederzeit zu deponieren oder zu entnehmen. Der elektronisch gesteuerte Roboter holt aus dem Keller die Box des Kunden und fährt sie in den videoüberwachten Schalterraum. Damit verfügt  das Kreditinstitut jetzt über drei Tresore. Der Sparkassentresor im Keller sichert vor allem die Bargeldbestände. Der Kundentresor mit den herkömmlichen Schließfächern befindet sich im Erdgeschoss. Und die robotergesteuerten Schließfächer sind im Keller mit Kundenzugang über das Erdgeschoss. 
Das 190 Jahre alte ehemalige Brennerei-  und Gaststättengebäude fügt sich heute dank der behutsamen Renovierung durch die Stadtsparkasse harmonisch in das Bild der von schönen Fachwerkhäusern geprägten Hauptgeschäftsstraße unserer Stadt ein.  

Text mit freundlicher Genehmigung von Heinz Neumann  (Burgdorfer Stadtchronist)