Infos und Tipps‎ > ‎

Wie kentert man richtig?

veröffentlicht um 26.02.2013, 05:22 von RBE Berlin   [ aktualisiert: 22.11.2013, 06:21 ]
Wie kentert man richtig?

In den Sportprogrammen vieler Kanuvereine werden oftmals "Kenterlehrgänge" angeboten, womit wohl
Eskimotierlehrgänge gemeint sind. Oder?...Sollte es vielleicht doch notwendig sein auch das Kentern zu
lernen?
Wohl kaum, denn Kentern geht in der Regel schnell, kommt unerwartet und geht vor allem ganz von
allein. Kentern gilt fast immer als unerfreuliches Ereignis, wird vielfach als Schande betrachtet, und es
gibt sogar Leute, die die Anzahl der Kenterungen als Maßstab für paddlerisches Können missbrauchen.
Eine Kenterung kann jeden treffen, und das nicht nur im Wildwasser. Eine Ungeschicklichkeit beim Ein- und
Aussteigen, ein übersehenes Hindernis, die Welle eines Motorbootes, eine plötzliche Windböe, der
Angriff eines Schwans und schon ist's auch auf dem harmlosesten Zahmwasser passiert. Und hier wollen
wir gar nicht von Kenterungen reden, bei denen es "brenzlig" werden kann, z.B. wenn man "aus
Versehen" in ein Wehr mit starkem Rücklauf gerät oder im Begriff ist, sich mit dem Boot um einen
Brückenpfeiler zu wickeln.
Kentern muss man also nicht lernen. Doch wie steht's mit dem Wissen um ein angemessenes Verhalten
nach einer Kenterung und der Bereitschaft für den "Ernstfall"?
Sicherlich ist jede Kenterung in ihren Umständen einmalig. Patentrezepte kann es daher nicht geben.
Grundsätzlich sollte jede Kenterung ernst genommen werden, denn durch die Verkettung unglücklicher
Umstände könnte es zu einer ernsten Unfallsituation kommen. Zum Glück sind solche Fälle selten.
Meistens passiert weiter nichts Schlimmes, und die Kenterung wird schließlich lustiger Bestandteil
eigener Beiträge zum "Paddlerlatein".
Sieht man von der Möglichkeit einer Verletzung beim Kentervorgang ab, ist wohl die größte unmittelbare
Gefahr für den Gekenterten die eigene Angst, wenn sie Panikreaktionen auslöst. Ich habe in dieser
Hinsicht schon Reaktionen von völliger Bewegungsunfähigkeit bis zum wildesten Umsichschlagen erlebt.
Bei den ersteren Fällen musste ich die Betreffenden aus dem Boot ziehen, und von den letzteren kann so
mancher erzählen, dass das gewaltsame "Abstrampeln" des Bootes "bunte" Waden und Schienbeine
gibt, die ganz gemein weh tun können.
Doch, kann man Angst überwinden und Panik vermeiden? Das hängt in erster Linie sicherlich von der
Persönlichkeitsstruktur ab. Dennoch wird eigenes Üben des kontrollierten Aussteigens unter Wasser zu
einem größeren Vertrauen auf die eigenen Fähigkeiten beitragen.
Um Überraschungen vorzubeugen, haben wir es uns in unserer Familie zur Regel gemacht, dass
Freunde und Bekannte erst dann mit uns Boot fahren dürfen, wenn sie uns mit Erfolg Kentern und
Aussteigen in einer Übungssituation vorgeführt haben. Ein hartes, aber aus unserer Sicht notwendiges
Verfahren.
Ist nach einer Kenterung der Ausstieg aus dem Boot gelungen, gilt es, die eigene Rettung, und wenn
diese gewährleistet erscheint, die Bergung von Boot und Paddel in Angriff zu nehmen. Doch wie
schwimmt man mit Boot und Paddel im See, wie in einem Fluss und wie in einem kräftigen Rücksog? Wie
hält man sein Boot und sein Paddel, wenn man sich gleichzeitig noch selbst an der Bootsschlaufe eines
helfenden Kameraden festhalten soll?
Ist man nicht selbst der "Reingefallene" gilt es zu helfen! Welche Möglichkeiten zur Hilfe gibt es, auf
einem See, auf einem Fluss, in einem Wehr? Wie bekomme ich einen bei winterlichen Temperaturen
mitten auf dem Wannsee gekenterten Kameraden wieder ins Boot? Berge ich auf einem Fluss zuerst ein
abgeschwommenes Boot oder das Paddel? Der Beitrag, den gekonnte Hilfeleistung zur Überwindung von
Angst liefern kann, sollte nicht unterschätzt werden. Man kann erfahren, dass man auf Hilfe angewiesen,
auf diese Hilfe vertrauen und erleben kann, dass sie gewährt wird.
Fragen über Fragen, deren Beantwortung eigentlich Gegenstand eines Sicherheitslehrganges sein sollte!
– Oder ...... sollte man sich nicht eigentlich in jeder Paddelsaison fragen: Wie kentert man richtig? Denn
Kentern geht in der Regel schnell, kommt unerwartet und geht vor allem ganz von allein!

1988 / Armin Schneider