4.4.3 Selbsterstelltes Szenario

Zwar sind die beiden vorangegangenen Beispiele bereits ziemlich eindeutig, mit einer fiktiven Wettkampfgeschichte lässt sich allerdings das Potenzial der neuen Punktewertung noch deutlicher veranschaulichen.

Motiviert durch den letzten Abschnitt entscheidet sich Deutschlands bester Nachwuchszehnkämpfer, Karl Käfer, im darauffolgenden Jahr für eine Teilnahme außer Wertung bei den mexikanischen Meisterschaften, die erneut in Guadalajara (1590m ü. NN) stattfinden. Ihm ist bewusst, dass er durch günstige äußere Einflüsse gegenüber anderen Wettkampforten einen Vorteil haben könnte und versucht auf diesem Wege, sich für die olympischen Spiele 2012 in London zu qualifizieren, für die der DLV eine Norm von 8000 Punkten verlangt. Am ersten Tag herrscht schon beim 100m Lauf eine drückende Schwüle von 34°C bei einer Luftfeuchtigkeit von 70%. Zusätzlich ist die allgemeine Wetterlage sehr windig, wodurch Käfer bereits beim 100m Lauf und beim Weitsprung mit 4,0 bzw. 3,6m/s Rückenwind begünstigt wird. Bis zum 400m Lauf ist der Temperaturabfall nur marginal und ermöglicht verbunden mit der dünneren Höhenluft hervorragende Leistungen. Der zweite Tag beginnt, wie der erste aufgehört hat. Deutlicher Rückenwind über 110m Hürden, den Stabhochsprung und den Speerwurf und Gegenwind beim Diskuswurf lassen Käfer von der Olympianorm träumen. Dafür würde er eine Zeit von 4:50min über die 1500m benötigen, was bei einer derartigen Hitze allerdings nicht einfach zu erreichen ist. Welch ein Glück, dass der Wettkampf plötzlich aufgrund eines heftigen Gewitters unterbrochen werden muss. Zwei Stunden lang schüttet es wie aus Eimern, während sich das Wetter gegen Abend ohnehin abkühlt. Schließlich wird der 1500m Lauf bei nasser Laufbahn, aber sehr angenehmen 20°C gestartet und Käfer übertrifft völlig überraschend die 8000-Punkte-Schallmauer.

Dieses Extremszenario reizt die Rieger-Punktewertung voll aus. Nach der neuen Punktewertung hätte Käfer nämlich mit einem Punktabzug von 7,0% auf 7438 Zähler rechnen müssen (siehe Abbildung 30). Am deutlichsten hätte sich der Wind auf seine Leistungen ausgewirkt (390,2 Punkte), gefolgt von der dünneren Höhenluft (119,2) und der Temperatur (69,3 Punkte). Ein derartiger Zehnkampfverlauf ist natürlich nicht besonders wahrscheinlich, in abgeschwächter Form aber sicherlich nicht unmöglich. Die 8001 Punkte würden sogar in den IAAF Bestenlisten auftauchen, weil die für den Mehrkampf maximal festgelegten 4,0m/s Rückenwind nicht übertroffen wurden. Die Rieger-Punktewertung hätte hingegen wie gezeigt auch hier eine faire Lösung gefunden.

Abbildung 30: Rieger-Punktewertung eines fiktiven Zehnkampfs mit viel zu guten äußeren Verhältnissen.

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