4. Standardisierte RIEGER-Punktewertung

Um zu verdeutlichen, dass eine derartige Variation des bestehenden Regelwerks nicht nur möglich ist, sondern auch Sinn macht, wird zu Beginn dieses Abschnitts ein Beispiel aus einer anderen Sportart genannt, die ein Punktesystem verwendet: Beim Skispringen staute sich seit Jahren der Unmut von Athleten und Trainern darüber auf, dass Wettkämpfe oftmals einer Windlotterie glichen und derjenige Springer den Sieg davontrug, der das Glück der besten Windverhältnisse hatte. Festgelegte Windkorridore, aufgrund derer nur Springer beispielsweise zwischen 2,0m/s Gegenwind und 1,0m/s Rückenwind die Schanze heruntergelassen wurden und die Tatsache, dass man bei sich langsam verschlechternden Windbedingungen den Wettkampf einfach neu startete und alle bereits gesprungenen Athleten wieder die Schanze hochschickte, waren nicht besonders elegant und spannungsschmälernd für die Zuschauer. Nachdem dadurch immer wieder ungerechte Wettkampfergebnisse herauskamen, beschloss der internationale Skiverband FIS zu Beginn der Wintersportsaison 2009/2010 eine gravierende Regeländerung[1]: Der zum Zeitpunkt eines Sprungs auftretende Wind, der von sechs Windmessern äußerst genau aufgezeichnet wird, ging von nun an direkt in die Punktewertung mit ein. Zusätzlich zur schanzenspezifischen Weitenpunktzahl und der Summe der drei mittleren Haltungsnoten addiert (bei Rückenwind) bzw. subtrahiert (bei Gegenwind) man seitdem eine Punktzahl, die aus dem besagten Windmittelwert gebildet wird. Machen zu weite bzw. gefährliche oder zu kurze Sprünge eine Anpassung des Anlaufs (oder des Gates) erforderlich, so kann dies während des Wettkampfs geschehen und die veränderte Anlauflänge geht ebenfalls in die Punktewertung mit ein. Abbildung 12 zeigt ein Bild aus einer Eurosport-Fernsehübertragung vom Februar 2011, bei der eine solche Korrektur bei der Bewertung des Sprungs auch für den Zuschauer sichtbar ist.

Abbildung 12: Kompensation des Winds und der Anlauflänge in der Endpunktzahl für Skispringer (rot markiert).

Zugegebenermaßen ist der Wind für Skispringer wettkampfentscheidender als für Leichtathleten. Insbesondere bei den Sprintspezialisten herrschen beispielsweise bei Finalläufen für alle Sprinter die gleichen Bedingungen. Bei Mehrkämpfen ist die Situation anders. Böiger Wind aus schnell wechselnden Richtungen ist insbesondere in Wettkampfstätten ohne große Zuschauertribüne bei Weitem keine Seltenheit. Werden z.B. die Zehnkämpfer zu Wettkampfbeginn auf vier 100m-Läufe verteilt, so ist es äußerst unwahrscheinlich, dass alle exakt gleiche äußere Bedingungen vorfinden. Bei den bayerischen Juniorenmeisterschaften im Jahr 2010 in Hof wurde beim ersten 100m-Vorlauf 1,4m/s Rückenwind und beim direkt folgenden zweiten Vorlauf 1,1m/s Gegenwind gemessen[2]. Dies entspricht einer Winddifferenz von 2,5m/s. Einige Läufer, die im benachteiligten Lauf eingeteilt waren, verpassten dadurch das Finale. Zwar handelte es sich hierbei nicht um Mehrkampfmeisterschaften, aber ähnliche Wetterverhältnisse sind natürlich auch bei Mehrkämpfen möglich. Es existiert noch nicht einmal ein festgelegter Wert für die maximale Abweichung. Unter der selbstverständlich zutreffenden Voraussetzung, dass alle 100m-Läufe auch exakt 100m lang sind und alle Zehnkämpfe in Stadien mit intaktem Tartanbelag stattfinden, sind auch wettkampfübergreifend gleiche Bedingungen Mangelware. Dass eine Revolution auch in der Leichtathletik stattfinden kann, zeigt die seit der Saison 2010 gültige Fehlstartregel[3], bei der für die Spezialisten bereits der erste und bei den Mehrkämpfern der zweite Fehlstart zur Disqualifikation führt. Dadurch, dass Windmessungen seit 1964[4] und Temperaturangaben seit Beginn des 20. Jahrhunderts durch sehr genau geführte Archive in den Leichtathletikverbänden und Wetterstationen vorliegen, ließe sich die Rieger-Punktewertung auch auf die letzten Jahrzehnte relativ genau anwenden. Je länger die aktuelle statische Zehnkampfwertung beibehalten wird, desto lauter wird, ähnlich wie dies beim Skispringern der Fall war, der Ruf nach einer neuen, flexiblen, den äußeren Bedingungen angepassten Punktewertung sein. Die Standardisierung dieser Wertung würde zusammenfassend in mehreren Vorteilen münden:

Ø faire Beurteilung der Leistung jedes Zehnkämpfers in Bezug auf die äußeren Bedingungen

Ø bessere wettkampfübergreifende Vergleichsmöglichkeiten

Ø Erhöhung der Zahl möglicher Wettkampforte durch flexiblere Punktewertung

Ø Anwendbar rückwirkend bis ins Jahr 1964


[1] vgl. [15], FIS (2010), S.80

[2] [4], BLV (2011), Unterseiten 2010\Bayerische Meisterschaften Jun/JgdAB/100m Junioren

[3] vgl. [9], DLV (2010), S.71, Regel 162.7

[4] vgl. [42], Olympics Statistics and History, Unterseiten 1960 und 1964\Athletics\Men’s Decathlon