3.2.1 Disziplinspezifische Analyse

Zur besseren Übersicht entschied sich der Autor für die Aussortierung der 1920er und der 1934er Wertungen, weil sie zu große Ähnlichkeit zur 1912er- bzw. zur 1952er Wertung aufweisen. Des Weiteren lagen nicht genügend Quellen für eine hinreichend genaue Untersuchung der 1934er Punktetabelle vor. Die Kurven der 1952er Wertung basieren auf einzelnen Ergebnislisten der olympischen Sommerspiele der Jahre 1952, 1956 und 1960[1] und sind von der Tabellenkalkulation „Microsoft Excel“ sehr genau interpoliert, da zudem die 1000er und die 0-Punkte-Grenzen bekannt waren[2]. Die Formeln der 1985er-[3] und der 1964er-Wertungen[4] wurden aus der Literatur bezogen, die der 1912er-Wertung ließen sich aufgrund ihrer Linearität durch wenige Lauf-, Sprung- und Wurfergebnisse der olympischen Spiele 1912[5] zurückverfolgen. Vier zusätzliche Werte sind in den jeweiligen Diagrammen berücksichtigt: Der derzeitige Weltrekord (Abkürzung WR) und die Durchschnittsleistung der besten Zehnkämpfer des Jahres 2010 weltweit (N=30, Abkürzung WJB)[6], deutschlandweit (N=20, Abkürzung DJB)[7] und bayernweit (N=10, Abkürzung BJB)[8]. Im Folgenden wird jede Zehnkampfdisziplin einzeln betrachtet, um nicht zu viele Informationen auf zu engem Raum zu komprimieren.

100m: Bei der Betrachtung des 100m Laufs in Abbildung 1 fällt besonders die übermäßige Progressivität der 1952er Wertung ins Auge. Diese besitzt zwar eine niedriger angesetzte 0-Punkte-Grenze, als bei der heutigen Wertung, trotzdem hätte man ab etwa 12,2 Sekunden sehr schnell mehr Punkte erhalten. Richtung aktuellem Weltrekord hätte sich der Punktezuwachs weiterhin unverhältnismäßig auf ungefähr 1700 Punkte gesteigert. Ein Grund dafür ist, dass man zu dieser Zeit schlichtweg nicht damit rechnete, dass ein Mensch einmal in diese Leistungsbereiche vordringen könnte. Die 1964er Wertung ist für die meisten Zehnkämpfer unterdimensioniert, was mit der 1985er Wertung erfolgreich behoben wurde.

 

Abbildung 1: Punktevergabe beim 100m Lauf mit unterschiedlichen Wertungstabellen.

Weitsprung: Bei der Weitsprungpunktevergabe sind Abbildung 2 zufolge von allen Disziplinen über die Jahre hinweg die geringsten Veränderungen aufgetreten. Dank der linearen 1912er Wertung bemerkt man sofort den progressiven bzw. stark progressiven Verlauf der 1985er- bzw. der 1952er Wertung sowie den bereits bekannten regressiven Verlauf der 1964er Wertung.

 

Abbildung 2: Punktevergabe beim Weitsprung mit unterschiedlichen Wertungstabellen.

Kugelstoßen: Der stark progressive Verlauf der 1952er Wertung in Abbildung 3 ist erneut unübersehbar. Ab einer Weite von etwa 13 Metern erhielte man mit ihr mehr Punkte als bei der heutigen Wertung, was sich weiterhin mit einer exorbitant hohen Bewertung des aktuellen Weltrekords jenseits der 2000 Punkte niedergeschlagen hätte. Dies war erneut mit der damaligen Vermutung verbunden, dass Spitzenleistungen wie heute kaum zu erreichen seien. Das Hauptproblem der 1964er Wertung mit ihrem regressiven Verlauf kann hier ebenfalls nachvollzogen werden, auch wenn sich dies im Leistungsbereich der Zehnkämpfer nicht merklich auswirkt. Die 1985er Wertung besitzt beim Kugelstoßen ihre ausgeprägteste Linearität. Linear ist bekanntlich auch die 1912er Wertung, diese setzt allerdings erst bei 5,34m an und steigt viel zu steil.

Abbildung 3: Punktevergabe beim Kugelstoßen mit unterschiedlichen Wertungstabellen.

Hochsprung: Wie in Abbildung 4 ersichtlich, setzt die 1952er Wertung fast so niedrig an, wie die heutige. Doch schon ab einer Sprunghöhe von einem Meter steigt ihre Progressivität kontinuierlich, übertrumpft ab 2,10m sogar die viel flacher angesetzte lineare 1912er Wertung, und hätte beim heutigen Weltrekord erneut einen Punktewert von etwa 2000. Die 1912er Wertung ist ebenfalls bei weitem überdimensioniert, weil damalige Hochsprungtechniken nicht viel Spielraum nach oben ließen. Im Bereich der besten Zehnkämpfer war die 1964er Punktewertung leicht zu hoch angesetzt. Aufgrund ihrer regressiven Struktur nähert sie sich in Richtung des momentanen Weltrekords aber wieder ziemlich exakt der 1985er Wertung an.

Abbildung 4: Punktevergabe beim Hochsprung mit unterschiedlichen Wertungstabellen.

400m: Bis auf die viel zu progressive 1952er Wertung, erreichen alle Kurven in der Nähe des Weltrekords relativ einheitliche Punkteergebnisse, siehe Abbildung 5. 1964er Wertung und die heutige Wertung sind so eng beisammen, wie in keiner anderen Disziplin. Dies ist dadurch begründet, dass sich die Zeiten der Zehnkämpfer über 400m seit den 70er Jahren nicht signifikant verändert haben[9] und so kein Handlungsbedarf bei der Einführung der heutigen Punktewertung bestand. Die 1912er Wertung ist aus den gleichen Gründen wie zuletzt zu hoch angesetzt.

Abbildung 5: Punktevergabe beim 400m Lauf mit unterschiedlichen Wertungstabellen.

110m Hürden: Beim 110m-Hürden-Lauf gibt es, wie in Abbildung 6 zu sehen, die größten Differenzen der einzelnen Punktewertungen. Zudem handelt es sich um die einzige Disziplin, bei der die 0-Punkte-Grenze bei der 1964er Wertung mit etwa 32s niedriger liegt, als bei der 1985er Wertung. In Weltrekordnähe sind sie allerdings wieder gleichauf, ganz im Gegensatz zur 1952er Wertung, die in diesem Bereich wieder astronomische Werte angenommen hätte. Die 1912er Wertung wäre im interessanten Bereich erneut um ca. 150 Punkte überdimensioniert.

Abbildung 6: Punktevergabe beim 110m-Hürden-Lauf mit unterschiedlichen Wertungstabellen.

Diskuswerfen: Im Diskuswurf, Abbildung 7, entsteht bei der 1912er- und der 1952er Wertung, ähnlich wie beim Kugelstoß, ab etwa 50m ein unverhältnismäßig großer Punktezuwachs. Der regressive Verlauf der 1964er Wertung und der leicht progressive Verlauf der 1985er Wertung sind gut erkennbar, allerdings ist dieser Unterschied im Bereich der leistungsstärksten Zehnkämpfer vernachlässigbar gering. Erst in Richtung Weltrekord beträgt der Unterschied mehr als 100 Punkte.

Abbildung 7: Punktevergabe beim Diskuswerfen mit unterschiedlichen Wertungstabellen.

Stabhochsprung: Beim Stabhochsprung und Abbildung 8 zufolge ist der Unterschied zwischen der 1964er- und der heutigen Wertung aus bereits genannten Gründen am größten. Dank ihres regressiven Verlaufs nähert sich diese aber in der Nähe des heutigen Weltrekords wieder an die aktuelle Wertung an. Die 1952er Wertung und die 1912er Wertung sind gemessen an den heutigen Leistungen zu steil bzw. zu progressiv.

Abbildung 8: Punktevergabe beim Stabhochsprung mit unterschiedlichen Wertungstabellen.

Speerwerfen: Auch die Veranschaulichung der letzten technischen Disziplin ist laut Abbildung 9 geprägt durch die regressive Struktur der 1964er- und die leicht bzw. stark progressive Struktur der 1985er- bzw. der 1952er Wertung. Letztere ist im Bereich der meisten Zehnkämpfer sogar zunächst noch unterdimensioniert, erlangt aber ab ungefähr 70m starkes Punktewachstum. Die lineare 1912er Wertung ist zu steil, was den heutigen weltbesten Zehnkämpfern mehr als 200 zusätzliche Punkte eingebracht hätte.

Abbildung 9: Punktevergabe beim Speerwerfen mit unterschiedlichen Wertungstabellen.

1500m: Nach dem Stabhochsprung ist der Abstand der 1964er Punktewertung zur heutigen beim 1500m Lauf am größten, was deutlich in Abbildung 10 zu sehen ist. Spitzenzehnkämpfer erhalten heute durchweg 150 Punkte mehr für die abschließende aerobe Belastungsprobe. Die 1952er Wertung war sogar im Leistungsbereich der Zehnkämpfer noch „härter“ angesetzt, entwickelte sich aber in Richtung des aktuellen Weltrekords dank ihrer ausgiebigen Progressivität zur ertragsreichsten. Nur mit der 1912er Wertung wären die Zehnkämpfer noch besser bewertet worden, als heute.

Abbildung 10: Punktevergabe beim 1500m-Lauf mit unterschiedlichen Wertungstabellen.


[1] [42], Olympics Statistics and History, Unterseiten 1952, 1956 und 1960\Athletics\Men’s Decathlon

[2] vgl. [43], Trkal, S.14

[3] [11], DLV Leichtathletik Punktewertung (1994)

[4] [10], DLV Leichtathletik Mehrkampfwertung – Ausgabe 1981

[5] [42], Olympics Statistics and History, Unterseiten 1912\Athletics\Men’s Decathlon

[6] [20], IAAF Top Lists, Outdoor, Senior, 2010, Men, Decathlon

[7] [8], DLV (2010)

[8] [3], BLV (2010)

[9] [42], Olympics Statistics and History, Unterseiten 1972, 1976, 1980 und 1984\Athletics\Men’s Decathlon

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