Riedikon

Als ländliche Aussenwacht von Uster liegt Riedikon direkt am Greifensee südlich des Stadtzentrums. Obwohl einige Neubauquartiere entstanden sind, hat es seine dörflich-ländliche Struktur zum grossen Teil bewahren können.


Riedikon gestern, heute und morgen

Als ländliche Aussenwacht von Uster ist Riedikon ein Teil dieser lebendigen Landstadt am Greifensee, wo es trotz Bauboom während der letzten 10-15 Jahre seinen dörflichen und bäuerlichen Charakter erhalten konnte. Die alten Flarzhäuser zwischen Riedikerstrasse und See prägen noch immer das alte Zentrum. Sie waren als Reihenhäuser zur Zeit der Industrialisierung entstanden, in die mehr und mehr Arbeiterfamilien einzogen. Daneben aber bearbeiteten einige eingesessene Bauern ihre ausgedehnten Besitze und gaben den Ton an. Das sei alles lange her, ist man geneigt zu sagen, und heute sei sowieso alles ganz anders. Stimmt das wirklich?

Gegen Ende des 15. Jahrhunderts hatte Riedikon ungefähr 30 Einwohner; rasch ging es dann am Ende der Spätrenaissance und dem Zeitalter der Aufklärung aufwärts, nämlich von 76 Einwohnern im Jahre 1634 über 110 am Ende des 17. Jahrhunderts auf 227 nur 100 Jahre später. Das war die Zeit der französischen Revolution. Die der Aufklärung folgende Industrialisierung und politische Neuordnung von der alten Eidgenossenschaft über die Helvetische Republik zum modernen Bundesstaat hat schliesslich immer mehr Einwirkungen auch auf die heutige Aussenwacht Usters gehabt; auf dieses Riedikon, das bereits früher als Uster, nämlich im Jahre 741 urkundlich mit der Übertragung der Grundbesitzverhältnisse an das Kloster St. Gallen erwähnt wird. Jahrhundertelang zahlte Riedikon wie Mönchaltorf den Lehn, also den Zehnten, an die Kyburger, später ab 1273 an Rudolf von Habsburg. Schon damals gehörten zu diesen Gütern die Fischereirechte am Greifensee. Und auch damals gab es so etwas wie eine politische Vergesslichkeit, denn die Chronik weiss zu berichten, dass die Riediker und Mönchaltorfer den Haberzins um 1300 an den st. gallischen Dienstmann Ulrich Giel zahlten, der auf der Burg Liebenberg bei Mönchaltorf lebte; und eben schon damals wussten die habsburgischen Beamten nicht mehr, wie es zu diesen Einkünften gekommen war.

Mit Uster hatte man also lange nichts am Hut; erst anlässlich der Einweihung der Glattalbahn am 30. Juli 1856 war im 'Anzeiger' zu lesen: "Es wird ein Leben in Uster werden, von dem man jetzt keine Ahnung hat. ... Es wird eine Ausdehnung bis an den Greifensee erhalten." Übrigens damals dampften pro Tag nur vier Zugpaare von Uster nach Wallisellen, wo man Anschluss oder auch keinen Anschluss an die Nordostbahn nach Zürich hatte. Damit dürfte die Fahrt nach Zürich kaum so komfortabel gewesen sein, wie wir das heute mit der S-Bahn gewohnt sind. Wie ein jeder weiss, erst 1928 kam der politische Zusammenschluss mit Uster. Und deshalb weht heute wohl stolz auch die Riediker Fahne mit ihrem Wappen auf dem Ustermer Sternenplatz, gerade dort, wo die Zentralstrasse Richtung Riedikon abzweigt.

Während in den Zivilgemeinden Kirch-, Nieder- und Oberuster, die 1928 ebenfalls zur politischen Gemeinde Uster zusammengeschlossen wurden, dank der starken Industrialisierung neue Überbauungen entstanden, die übrigens vom aufblühenden Reichtum der Web- und Maschinenindustrie zeugten, bewahrten die Aussenorte ihren bäuerlichen Charakter. In Riedikon etwa entstanden zwischen 1813 und 1850 lediglich zwölf neue Häuser. Heute sieht das ganz anders aus. Seit Ende der 80iger Jahre des vorigen Jahrhunderts entstanden in Riedikon fast 200 Wohneinheiten, teils Einfamilien-, teils Mehrfamilienhäuser. Dadurch hat sich die Wohnbevölkerung in diesen Jahren massiv erhöht, ja mehr als verdoppelt. Die damit entstandenen oder vorher schon längst hängigen Probleme dieser kleinen Aussenwacht werden sich nicht von heute auf morgen lösen lassen, vielmehr werden sie noch die Zukunft bestimmen und nur durch gemeinsame Anstrengungen der Stadt und des Dorfes lösbar sein.

Wie sähe wohl heute der öffentliche Verkehr zwischen unserem Dorf und dem Zentrum von Uster aus, hätte man nicht die 1909 eröffnete elektrische Strassenbahn Oetwil - Uster am 30. September 1949 durch Busse ersetzt; vielleicht würde es dann morgens und abends weniger Gedränge in den öffentlichen Verkehrsmitteln geben. Trotzdem, die Verbindungen im Verkehrsverbund werden immer besser; mit Halb- und Viertelstundentakt bestehen für Riedikon hervorragende Anschlüsse in Uster an SBB und andere Buslinien. Und wie ruhig und wohnlich könnte wohl der Dorfkern heute sein, entlastet vom immer grösser werdenden Durchgangsverkehr auf der Riedikerstrasse, hätte man sich in den 50iger Jahren nicht so vehement gegen damals noch mögliche Strassenprojekte gewehrt, die die Umfahrung Riedikons vorsahen.

Die Zukunft verlangt von uns allen die Bewahrung unserer Umwelt und das Einstehen für Mensch, Tier und Pflanzen. Es gilt, die heutige Grösse des Dorfes, das immense Wachstum der letzten Jahrzehnte, zu verdauen. Man möchte meinen, dass weitere Grossprojekte jetzt nicht anstehen dürfen, solange die gesamte Infrastruktur nicht wieder ins Gleichgewicht gebracht wird. Gemeinsam mit den Einwohnern wird der Ortsverein Riedikon beharrlich versuchen, dieses kleine Juwel am Greifensee noch schöner und noch wohnlicher zu gestalten, als es ohnehin heute schon ist. Wo in der Lebensqualität noch Mängel zu verzeichnen sind, müssen diese Lücken geschlossen werden. Das neue Vereinslokal "Riediker Beizli" ist zum Beispiel ein bescheidener Ersatz für alle anderen inzwischen verschwundenen Restaurants; aber als Treffpunkt für alle ist es ein Forum, Meinungen neuer und alter Einwohner zu erkunden und Lösungsansätze für bestehende Probleme zu finden. Alle in Riedikon sind zuversichtlich; gemeinsam werden wir die Zukunft zum Wohle aller meistern.
                                                                                                                         Hans-Thomas Siebert © 1998