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Sehnsucht, Sex & Abenteuer


...
Obwohl gerade erst wieder zu Hause, packten sie schon nach wenigen Tagen erneut die übliche Unruhe und das Fernweh. Nico fehlte ihr. Zudem hatte sie jetzt mehrere Jahre eine Freiheit genossen, die das 21. Jahrhundert so nicht zuließ. So holte sie ihren kleinen Rollkoffer hervor, um ihn für die nächste Reise zu überprüfen.
Die Außenseite war topp, die Räder waren in Ordnung, der Reißverschluss funktionierte tadellos und das Innenleben ließ auf den
ersten Blick ebenfalls nichts zu wünschen übrig. Maja öffnete den Verschluss des Innennetzes und bekam tellergroße Augen – genau am Falz hingen zwei winzige Raupen, die sich in feste Seide eingesponnen hatten, welche nicht etwa einfach nur beige oder weiß war. Nein, sie schillerte, je nach Lichteinfall, in den zartesten Bonbonfarben.
„Motten?“, überlegte Maja laut und holte eine Lupe.
In Anbetracht der Tatsache, dass weder die letzte Kleidung noch die Kofferbestandteile irgendwelche Löcher aufwiesen, und die Optik
gar so verwirrend war, verwarf sie den Gedanken sofort.
„Was seid ihr?“, murmelte sie, während sie versuchte, die beiden seltsamen Puppen mit einer Pinzette abzuzupfen.
Du kennst uns nicht? Tz, tz, tz, hörte sie es deutlich in ihren Gedanken flüstern.
Maja hielt inne. „Schmetterlingsgedanken. Das gibt es doch nicht! Ihr habt überlebt?! Ich habe euch oft schmerzlich vermisst.“
Das glauben wir dir sogar, denn sonst hättest du uns jetzt gar nicht sehen können. Nur wird es eine Weile dauern, bis wir wieder richtig zahlreich sind.
„Das ist mir völlig egal, Hauptsache, ihr seid wieder bei mir.“
„Telefonierst du?“, hörte Maja ihren Mann fragen und schreckte zusammen.
„Nein, ich diktiere Stichpunkte für ein neues Buch ins Handy“, erwiderte sie geistesgegenwärtig, was die Gedanken amüsiert kichern ließ.
Fast wie in alten Zeiten, dachte Maja, worauf sich etwas in den pastellfarbenen Hüllen bewegte. Sie schaute genauer hin und bemerkte, dass sich die
winzigen Tiere zum Schlupf bereit machten. Ich lasse den Koffer einen Spalt offen, versprach sie.
Das amüsierte Grinsen der Schlüpflinge konnte sie nicht sehen. Dabei hätte sie wissen müssen, dass die Gedanken auch aus dem geschlossenen
Koffer zu ihr vordringen würden, so sie es zuließ.
Das Leben im 21. Jahrhundert wäre ohne die kleinen Biester, wie Maja die witzigen Schmetterlingsgedanken nannte, auch kaum zu ertragen gewesen. Man musste einfach einige Dinge mit bissiger Ironie betrachten.
Allerdings wirkte sich der Ausflug ins 15. Jahrhundert so aus, dass die Neugier auf Altes, das sich erhalten hatte, nur noch gewachsen war.
Zudem stieß Maja das Gesehene an, Notizen für unzählige neue Romane und Kurzgeschichten zu hinterlegen, um bloß nichts zu vergessen.
Gleichzeitig stieg das Verlangen, einige Dinge noch einmal zu betrachten. Nur diesmal unter einem ganz anderen Blickwinkel. Sowohl der Koffer als auch die neugierigen frisch geschlüpften Gedanken warteten schließlich auf neue Abenteuer. Oder auf alte, die man eben neu beleuchten konnte.

Vor Jahren hatte Maja in Waldenburg recherchiert und es trieb sie, noch einmal dahin zu fahren. An einem sonnigen Samstag setzte sie ihren Plan in die Tat um. Geführte Tagesfahrten mit dem Reisebus waren nicht zu haben gewesen, so fuhr sie schließlich mit dem Auto.
Die weiten Felder links und rechts der Autobahn ließen sie gleich wieder an den langen Ritt mit Georg denken, auf dem es erfreulich mehr zu sehen gegeben hatte. Wenigstens ging die Fahrt zügig voran und Maja stellte ihr Auto auf einem Parkplatz in der Nähe des Schlosses ab.
Dieses hatte man zwar auf den Resten einer Burg aus dem 12. Jahrhundert erbaut, war aber nicht das eigentliche Ziel ihrer Reise. Auch, dass die Hussiten 1430 die Burg zerstört hatten, und danach der Auf- und Umbau als Schloss erfolgte, wusste Maja. Ganz zu Schweigen von weiteren Änderungen im 18. und 21. Jahrhundert.
Majas Neugier galt dem Naturalienkabinett, dessen Domizil im 19. Jahrhundert eigens für die Kuriositäten-Sammlung der Apothekerfamilie Linck errichtet worden war. Bei ihrem letzten Besuch, der schon einige Jahre zurücklag, hatte sie sich ausgiebig mit der ausgestellten Mumie Schep-en-Hor beschäftigt, der sie einen wichtigen Part in einer ihrer mehrteiligen Buchserien widmete.
Maja schloss sich einer Gruppenführung an, um etwas mehr über das Ganze zu erfahren. Schon beim Eintreten hatte sie eine wesentlich angenehmere Atmosphäre bemerkt. Das untere Geschoss war umgebaut worden und präsentierte sich nun hell und freundlich. Auch in den oberen Räumen waren Teile der Ausstellung neu geordnet, was sich eindeutig positiv auf den Betrachter auswirkte.
Maja lauschte den Worten der Führerin und war froh, sich eine Fotoerlaubnis gekauft zu haben. Einige Exponate waren durchaus angetan, weiterführend zu recherchieren. Schon allein die astronomischen Geräte luden geradezu ein, tiefer ins Geschichtliche zu blicken.
Der wissenschaftliche Fortschritt ließ sich aber auch gut anhand der Tierpräparate verfolgen. Erstaunlich, welche handwerkliche Wandlung sich hier offenbarte. Und damit war Maja schon mit den Gedanken bei Schep-en-Hor, denn auch die ägyptische Mumifizierung diente dem Zweck, einen toten Körper für die Ewigkeit zu erhalten.
Scheps seelenlose Hülle lag noch am selben Platz wie beim ersten Besuch. Maja umrundete den Sarkophag, auf der Suche nach einem Fleck, von wo aus sie ein gutes Foto schießen konnte. Die zum Fenster hereinscheinende Sonne machte das so gut wie unmöglich, denn das Glas, hinter dem die Mumie lag, spiegelte äußerst störend.
Maja blieb zurück, als die Gruppe in den nächsten Raum weiterzog. Sie wollte noch einen Augenblick stumme Zwiesprache mit Schep führen. Um doch noch ein brauchbares Foto zu bekommen, ging sie in die Knie. Ein goldener Reflex huschte über die Mumie. Maja hielt überrascht inne und versuchte, zu ergründen, was das wohl gewesen sein konnte, denn sie war nachweislich allein bei Schep-en-Hor.
Verblüfft stellte sie fest, dass das merkwürdige Leuchten aus den Bandagen der Mumie drang.
Maja ging noch etwas näher und hatte plötzlich das Gefühl, der ganze Raum drehe sich um sie. Sie schloss für einen Moment die Lider.
Als sie sie wieder öffnete, erschrak sie zutiefst, denn dutzende Augenpaare beobachteten sie neugierig. Zudem trugen die braunhäutigen Fremden weiße Gewänder, lapislazulibesetzte Pektorale und kunstvoll geknüpfte Perücken.
„Du kommst spät, Liebe meines Lebens“, hörte sie eine bekannte Stimme hinter sich und kreiselte herum.
„N ... Nico?“, hauchte Maja, den Mann mit großen Augen musternd. Es irritierte sie, dass er sie vor den Anwesenden, als seine Liebste bezeichnete.
Zudem erhob er sich soeben von einem vergoldeten Thron.
„Bringt einen Schemel für die Favoritin des Pharao!“, befahl jemand und ein Diener eilte davon.
„Ich habe nicht mehr geglaubt, dich unter den Lebenden zu sehen“, wandte er sich ihr zu. Sie an beiden Händen haltend, schaute er ihr tief in die Augen. „Wie hast du es geschafft, zu entkommen?“
Maja hatte keinen Schimmer, um was es ging und auch nicht, in welches Jahrhundert sie geraten war. Nur, dass sie wohl im Ägypten der vorchristlichen
Zeit gelandet sein musste, ahnte sie.
Um keine Fehler zu begehen, antwortete sie: „Die Götter waren mir gewogen.“
„Offensichtlich, denn du bist die einzige Überlebende.“ Er geleitete sie zu ihrem Schemel neben seinem Thron.
Die einzige Überlebende? Maja erschrak. „Ich weiß nicht einmal, was geschehen ist. Es ging alles so schnell.“ Dabei lief ihr Gehirn auf Hochtouren. Wer war dieser Pharao? Was war geschehen? Wie kam es, dass er sie inmitten einer solchen Menschenmenge als Geliebte bezeichnete?
Sie hatte sich zwar im Rahmen ihrer Romanrecherchen mit den Horusnamen einiger Pharaonen beschäftigt, die hier gesehene Kartusche konnte sie allerdings nicht lesen.
„Ich kann mich an gar nichts mehr erinnern“, flüsterte Maja, „nicht einmal an meinen oder deinen Namen.“
Der Pharao hielt überrascht in der Bewegung inne. „Du weißt nicht, wer ich bin?“
Maja wiegte langsam den Kopf und hoffte, dass er in das Spiel einsteigen werde.
Da sagte er auch schon: „Ich bin Psammetich, Herrscher über Ägypten, und du bist meine Lieblingsfrau.“
„Psammetich ...“, hauchte Maja und schaute ihn verunsichert an.
„Erinnerst du dich wirklich nicht?“
„Spätzeit, Saïten-Dynastie. Die Sechsundzwanzigte, wenn ich mich nicht irre“, murmelte Maja.
Psammetich schaute sie beunruhigt an. „Ich weiß zwar nicht, was du mir damit sagen willst, aber ich glaube, dass es mit dem Überfall zusammenhängt.“
Er nahm sie sorgenvoll in den Arm. „Meine Geliebte, was haben sie dir nur angetan?“
Maja hatte inzwischen tief in ihrem Gedächtnis gekramt und den Augenblick in groben Zügen auf 500 bis 600 vor Christus datiert. Zudem stellte sie fest, dass sie zwar sehr viel über die politischen Erfolge Psammetichs, aber nichts über seine Frauen wusste.
Erzürne ihn nicht durch langes Zögern, hörte sie die Schmetterlingsgedanken flüstern.
Maja fasste nach dem dargebotenen Weinbecher. „Danke, mein Liebster, langsam löst sich der Schock.“
„Dann tanze für mich“, bat Psammetich, den Musikanten ein Zeichen gebend.
Maja hätte gar keine Chance gehabt, abzulehnen. Die heiligen Krokodile hatten in allen Jahrhunderten den gleichen Appetit und fraßen alles, was ihnen zugeworfen wurde. Also fasste sie rasch nach einem umherliegenden Schleiertuch, um mit einem aufreizenden Bauchtanz den hungrigen Mäulern zu entgehen.
Unzählige Male zum eigenen Vergnügen geübt, sorgten die geschmeidigen Bewegungen bei den Männern für tellergroße Augen. Offensichtlich war ihr Plan aufgegangen, denn nach Beendigung der Darbietung führte man sie sofort in die Gemächer des Pharao. Seinen Sexhunger zu stillen, war wesentlich erfreulicher, als die Fressgier der Krokodile zu befriedigen.
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