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Das Geheimnis von Fort Silverrain

 

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Der Helikopter drehte bei, um direkt den großen Yachthafen an der Küste anzufliegen. Die „Arabia Fire Wing“ Husseins war kaum zu übersehen. Eine Riesin unter lauter Zwergen. Kaum stand der Heli auf dem Boden brachte Raschid das Gepäck an Bord. Er kannte das Spiel bereits in- und auswendig. Saladins Luxus-Kajüte war mit der seinen durch eine Tür verbunden. Hussein respektierte Saladins Wunsch, seinen Leibwächter und Berater jederzeit direkt erreichen zu können. Raschid packte sofort die Reisetaschen aus. Er hatte Saladin versprochen, sich um dessen persönliche Dinge zu kümmern, weil dieser ungern Husseins Personal um sich haben wollte. In einem kleinen Seitenfach entdeckte Raschid das himmelblaue Seidentuch Kendras. Er steckte es in die Jackentasche von Saladins Pyjama. Plötzlich fiel ihm ein, dass ihm Ahmed vor Wochen ein kleines Tütchen mit den Worten gegeben hatte: „Das lag auf dem Sieb des Abflusses vom Badebecken.“
Raschid hatte es in seine Laptoptasche gesteckt und nicht mehr daran gedacht. Beim Anblick des Tuches kam plötzlich die Erinnerung wieder. Raschid fingerte nach dem Tütchen. Er öffnete es vorsichtig und kippte den Inhalt auf seine Handfläche. Erstaunt betrachtete er das schmale Goldkettchen, welches er ziemlich gut kannte. Es gehörte Jennifer. Offensichtlich hatte sie nach jener heißen Nacht den Verlust ihres Fußkettchens nicht einmal bemerkt. Mit einem glücklichen Lächeln clipte es Raschid an das Metallband seiner Uhr. Dort war es ihm unauffällig nahe und ging sicher nicht verloren. Die Kette konnte nur ein gutes Zeichen sein. Irgendwie würden Saladin und er die leidigen Tage auf der Yacht schon überstehen. Hussein kam Saladin mit ausgebreiteten Armen entgegen. Dem Prinzen gelang es sogar ein unverbindliches Lächeln aufzusetzen. Allerdings fror es recht schnell ein, als die beiden Schwestern auftauchten. Saladin bewahrte Haltung, begrüßte sie mit Handkuss und war froh, als er sich mit ihrem Vater auf unter Deck in den kleinen Salon verziehen konnte. Raschid nahm ganz in der Nähe Platz. Trotz der Entfernung entging seinen Luchsohren nicht ein Satz, den die Männer sprachen. Es ging um Geschäfte, um die Ölförderung in der Wüste, die neue Trinkwasseranlage und um eine Zuchtstute, die Hussein um jeden Preis von Saladin haben wollte. Nach dem Mittagessen wollte sich Saladin ein wenig auf das Sonnendeck setzen.
„Ich hoffe hiermit in deinem Sinne gehandelt zu haben“, sprach Raschid, als er ihm Bermudas und ein langes weites Shirt reichte.
„Oh ja.“ Saladin nickte zufrieden. „Nur nicht zu viel Haut und schon gar keinen durchtrainierten Körper zeigen. Und was ziehst du an?“
Raschid deutete grinsend auf seinen schwarzen Anzug. „Ich bin im Dienst.“
„Mal sehen, wie lange wir das Spiel durchhalten“, seufzte Saladin. „Ich werde es mir sogar verkneifen, schwimmen zu gehen. Sonst klebt der nasse Stoff am Körper und weckt vielleicht doch noch Begehrlichkeiten.“
Kaum waren sie an Deck erschienen, tauchten Suleika und Aisha auf, die nicht im Entferntesten ahnten, dass Saladin bereits eine Frau fürs Leben erwählt hatte und dass er schon gar nicht auf die mollige Variante stand. Seelenruhig setzte sich Saladin auf einen der Liegestühle in den Schatten, zog ein Büchlein aus der Hosentasche und begann interessiert zu lesen. Neugierig versuchte Raschid den Titel zu erkennen. Saladin musste das Buch wohl in der Laptoptasche transportiert haben, denn er konnte sich nicht erinnern, es schon einmal bei ihm gesehen zu haben. Der Einband ließ keinen Aufschluss über den Inhalt zu. Auf dem hellgrauen Leinen standen mehrere Worte in Goldschrift. Saladin bemerkte, dass Raschids Hals immer länger wurde. Belustigt hielt er ihm das Buch hin – Geschichten aus tausend und einer Nacht in englischer Sprache. Raschid nickte zufrieden, machte es sich wieder bequem und ließ sich, für alle anderen unhörbar, mit heißen Rhythmen aus seinem Kommunikator berieseln. Die beiden Badenixen gaben sich alle Mühe Aufmerksamkeit zu erregen. Sie steckten in lackartig glänzenden Badeanzügen, die die unförmigen Körper walzenartig aussehen ließen. Einzig die Leute der Besatzung riskierten hin und wieder ein Auge. Immerhin hätte derjenige ausgesorgt, den das Los traf, Husseins Schwiegersohn werden zu dürfen. Saladin und Raschid saßen wie die Statuen und zuckten mit kaum einem Muskel. Dabei bekamen sie aus den Augenwinkeln durchaus mit, welch schmachtende Blicke ihnen die beiden Grazien zuwarfen. Nach fünf Tagen mit immer demselben Spiel, wurde es Hussein langsam unheimlich. Saladin verhielt sich den beiden Frauen gegenüber derartig reserviert zurückhaltend, dass Hussein langsam anfing zu glauben, sein Neffe stände auf Männer. Das wollte er seinen Töchtern dann wirklich nicht antun. Jetzt begann er sich auffallend bei Saladin nach Raschid zu erkundigen. Der Prinz roch Lunte. „Es wird brenzlig für dich“, sagte er eines Abends leise zu Raschid. „Offensichtlich glaubt Hussein, dass ich von der anderen Sparte bin und nun will er sich an dich halten.“
Raschid lachte leise. „Dann erzähle ihm doch, dass ich impotent oder zeugungsunfähig bin. Vielleicht gibt er endlich auf. Ich glaube nicht, dass er von meinen kleinen amourösen Abenteuern wirklich Kenntnis hat.“
„Sag mal, was macht dich eigentlich so cool, seit wir hier sind?“, fragte Saladin äußerst interessiert.
„Wie waren deine Worte? Ein Zeichen.“ Er reichte Saladin seine Uhr über den Tisch. „Das ist Jennifers Fußkettchen. Ahmed hatte es im Badebecken entdeckt.“ Dann erzählte er ihm, wann er sich daran erinnert hatte.
Saladin gab die Uhr zurück. Ein breites Grinsen, wie es Raschid noch nie bei ihm gesehen hatte, zog über sein Gesicht. „Der impotente Coole und der Schwule. Klingt doch fast wie der Aufreißer einer Klatschzeitung.“
„Mal bloß nicht den Teufel an die Wand!“, kicherte Raschid. „Dein Vater würde durchdrehen, wenn er das lesen müsste.“
„Noch drei Tage“, bemerkte Saladin zufrieden. „Dann haben wir es hinter uns.“
Am nächsten Morgen bekam er seine Chance. Hussein versuchte wieder Informationen über Raschid zu bekommen. „Dein Berater ist eine stattliche Erscheinung. Warum hat er keine Frau?“
Saladin zog ein bekümmertes Gesicht. „Ganz im Vertrauen, die Natur kann manchmal grausam sein. Das was sie ihm an Köpergroße und Statur gegeben hat, hat sie an anderer Stelle ironischerweise eingespart.“
„Wie meinst du das?“, fragte Hussein beunruhigt.
Saladin beugte sich zu ihm hinüber. „Behalte es bitte für dich. Ich habe ihm die besten Ärzte besorgt, Raschid ist unfruchtbar, vielleicht sogar impotent. So genau wollte ich dann doch nicht nachfragen, weil es ja nichts mit seinem Job bei mir zu tun hat. Denn den macht er hervorragend.“
Hussein warf einen fast mitleidigen Blick zu Raschid hinüber. Endlich hörte die neugierige Fragerei auf.
„So wie er mich anschaut, hat er den Köder geschluckt“, konstatierte Raschid, als er etwas später mit Saladin in dessen Kabine saß.
„Zufrieden?“
„Aber natürlich. Es muss doch eine schweißtreibende Tortur sein, solche Fleischberge zu beglücken.“
Die letzten Tage konnten beide wirklich ganz entspannt genießen. Suleika und Aisha gaben sich noch immer alle Mühe den Männern einen Blick zu entlocken. Hussein hatte die Informationen, die ihm Saladin hinter vorgehaltener Hand gegeben hatte, für sich behalten. Trotzdem atmeten sie erst auf, als sie im Heli saßen und Richtung Wüste flogen.
„Worüber denkst du nach?“, wollte Saladin wissen, als Raschid leise vor sich hin lächelte.
„Darüber, dass ich bei den beiden wohl wirklich Potenzprobleme bekommen würde. Ich habe selten etwas gesehen, das unerotischer war“, erklärte er. „Nichts gegen etwas fülligere Frauen, aber irgendwie sollten wenigstens die Proportionen stimmen.“
„Da sprichst du mir aus der Seele.“
Ahmed kam ihnen im Hangar entgegen. „Schön Sie wiederzusehen“, sagte er strahlend.
Saladin lachte befreit auf. „Danke, das beruht auf Gegenseitigkeit. Ich habe mich nie stärker nach Hause zurück gesehnt, wie in den letzten Tagen.“ „Wie läuft es in der Station?“
„Keinerlei Probleme. Die Fördermengen sind stabil. Das System gleicht die Schwankungen perfekt aus“, gab Ahmed zur Antwort.
Raschid stellte mit einem leisen Lächeln fest, dass Saladin schon wieder dieser verträumte Glanz in die Augen stieg. Ging es um die Station, dann hatte Saladin sofort Kendra im Kopf. Sie hatte ganze Arbeit geleistet – auch diesbezüglich. Raschid graute es jetzt schon vor den nächsten Begegnungen mit Hussein und seinen Töchtern. Wenigstens war dort kein Zwang, sich halbnackt zur Schau stellen zu müssen, wie auf der Yacht. Saladin schien wieder einmal Raschids Gedanken erraten zu haben, denn er sagte: „Eins schwöre ich dir – irgendwann machen wir so richtig Badeurlaub, ohne Fleischbeschau und Lügenmärchen. Außerdem habe ich beschlossen bei der Falkenjagd das volle Register zu ziehen. Nichts mit vom Pferd fallen, ganz im Gegenteil, wir beide werden alles in den Schatten stellen, was die anderen aufbieten. Wenn ich schon dieses alberne Spiel, welches Hussein begonnen hat, mitspielen muss, dann zu meinen Bedingungen.“ Saladin verschwand in seinem Arbeitszimmer.
Raschid hob eine Augenbraue. Wenn Saladin zu solchen Mittel griff, dann könnte es in den nächsten Wochen noch heiß her gehen. Hoffentlich verbrannten sie sich nicht die Finger. König Sharif standen sicher Mittel zur Verfügung, den renitenten Prinzen unter seinen Willen zu zwingen, falls Hussein das verlangte.
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