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Kara - Blume der Urzeit

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Also unternahm er in den nächsten Tagen immer wieder Exkursionen flussaufwärts und stieß dabei auf einen wahren Urwaldriesen, den irgendeine Naturgewalt gefällt und als natürliche Brücke über den Fluss geworfen hatte. Andreas balancierte hinüber und folgte einem Wildwechsel in den Wald.
Der lehmige Boden stieg terrassenförmig an und ging in Granitgestein über, auf dem bald nichts mehr wuchs. Und plötzlich stand Andreas an einer fast senkrecht abfallenden Wand.
Am Boden und so weit das Auge reichte, lagen dunkler Sand und Gesteinsbrocken. In der Ferne glaubte er, einen hellen Haufen zu erkennen und etwas, das wie ein Pfahl aussah. Ohne den Blick abzuwenden, kramte er in der Außentasche seines Rucksacks nach dem kleinen Fernglas. Das ohrenbetäubende Brüllen eines Raubtieres ließ ihn zusammenzucken und sich platt auf den Boden werfen.
Etwas Großes, Dunkles, Bedrohliches huschte über die Ebene und verschwand genau so schnell, wie es gekommen war. Andreas hob den Feldstecher vor die Augen und schüttelte überrascht den Kopf. Er hatte deutlich eine Art Marterpfahl mit rötlichen Bemalungen erkannt, vor dem ein ganzer Haufen Knochen lag, aber auch die Reste von Früchten.
„Ich werd verrückt”, hauchte er. Hier gab es also auch Menschen und dieser Gedanke jagte ihm unerklärliche Furcht ein.
Die Höhe bis zum Grund des Kessels schätzte er auf fünfzehn Meter. Keine Hürde für ihn, mit seinem Bergsteigerseil.
Nun hoffte er, dass die anderen bleiben würden, wo sie waren. Er blieb mehrere Stunden liegen und beobachtete den offensichtlichen Ritualplatz.
Am Nachmittag brach er nach Hause auf, wobei er nach Vögeln und Kleingetier Ausschau hielt, das sich möglicherweise ohne große Gegenwehr überwältigen ließ.
Zwar erwischte er keine Vögel, fand aber ein Entengelege, welches er bis auf zwei Eier ausnahm. So gab es zum Abendbrot Rührei mit frischen gehackten Kräutern und als Nachtisch ein Häppchen von einer Bienenwabe.
Reifes Obst hatte er noch nirgends entdeckt. Möglich, dass das irgendwo in den höchsten Urwaldriesen hing, die er nicht einmal dem Namen nach kannte. Er konnte zwar Gattung und Familie bestimmen, aber welcher Art Urahn der im 21. Jahrhundert wachsenden Bäume es war, bekam er nur in wenigen Fällen heraus.
Inzwischen war auch ziemlich sicher, dass es hier weder Temperaturen unter Null noch Schnee gab. So, wie die Pflanzen in Wachstums- und die Tiere in Paarungsstimmung waren, musste gerade Frühling sein und von einem Winter hatte er nichts bemerkt, außer täglich zwei bis drei Gewitter.
Heute zog es Andreas wieder in die Nähe des Ritualplatzes, den er immer wieder aufsuchte, um vielleicht etwas über die Menschen herauszufinden.
Noch immer war er ziemlich unbehelligt geblieben. Nur einmal hatte er mit Feuer ein Wolfsrudel verscheuchen müssen. Seitdem herrschte gnädige Ruhe.
Auch Fleisch lag nun hin und wieder auf seinem Teller. Allerdings nicht selbst gejagt. Er bediente sich am frischen Riss der Raubtiere am anderen Ufer. Ihm war es sogar gelungen, die ganze Hinterkeule eines Riesenhirsches zu stehlen und sicher in sein Häuschen zu bringen.
Einen großen Teil trocknete er in dünnen Streifen, den anderen grillte er und aß sich drei Tage lang davon richtig satt. Sein Vorratsregal war immer bestens gefüllt.
Wenn es Bindfäden regnete, blieb er einfach zu Hause im Trockenen.
Jetzt war gerade wieder in Richtung Ritualplatz unterwegs, überquerte den Fluss, erreichte die sandige Ebene und versteckte sich zwischen den Steinblöcken.
Das riesige dunkle Raubtier hatte er in den letzten Wochen auch immer wieder gesehen und als Bären eingestuft. Es schien eine Art Totemtier oder Geist zu sein, dem man Fleisch und Früchteopfer brachte, wohl, um es vom Lager fernzuhalten.
Nach dem Stand der Sonne war es fast Mittag und Andreas wunderte sich nicht, als eine Prozession kleiner dunkler Punkte heranzog. Nur waren es diesmal nicht nur zehn oder zwölf, wie bisher. Fast dreißig in Tierhäute gehüllte Gestalten stapften durch den Sand.
Und noch etwas bemerkte er rasch – sie hatten einen gefangenen Fremdling dabei, den sie offenbar dem Bären opfern wollten. Auffällig an dem Fremden war die hellere Haut und das semmelblonde Haar, welches ihm fast bis an die Hüfte reichte.
„Mein Gott!“, stöhnte Andreas und schob sich näher an die Kante heran. Es dauerte ziemlich lange, bis die Gruppe so nah heran war, dass er Details erkennen konnte. Dem recht kleinen, fast zierlichen, hellhäutigen Fremden hatte man mit Lederriemen die Hände zusammengebunden und ein Mann zerrte ihn hinter sich her.
Wenn er verzweifelt an seinen Fesseln riss, wurde er von einem anderen in den Rücken gestoßen, sodass er Mühe hatte, auf den Beinen zu bleiben. Dann blies ein Windstoß die wirr herabhängenden Haare aus dessen Gesicht und Andreas hätte fast aufgeschrien.
Man zerrte eine Frau zum Opferplatz und sie schien noch sehr jung zu sein. Eine Stunde später traten die Menschen den Heimweg an und ließen ihr gefesseltes Opfer, an den Pfahl gebunden, aber auch Körbe voller Früchte für den Bären zurück.
Noch bevor sie völlig außer Sicht waren, knotete Andreas bereits sein Seil um einen Felsblock und stieg ab. Wenn nicht Unvorhergesehenes geschah, dann hatte er noch fast drei Stunden, ehe der Bär erschiene, um seine Beute zu zerreißen.
Ohne, auf Deckung zu achten, spurtete er in der glühenden Sonne über die Ebene.
Als er die Fremde erreichte, war sie bereits durch die unbarmherzig brennende Sonne ohnmächtig geworden. Er schnitt nur die Lederriemen durch, die sie am Pfahl hielten, dann warf er sich die Frau auf die Schulter. Mit der anderen Hand griff er nach einem der kleineren Körbe und schleppte alles dahin, wo sein Seil einladend herabhing. Er fühlte nach dem Pulsschlag der Ohnmächtigen und nickte zufrieden.
Den Korb pferchte er einfach in seinen Rucksack, welchen er nun offen lassen musste, dann überlegte er krampfhaft, wie er alles, möglichst mit einem Mal, auf den Felsen bringen sollte.
„Tut mir leid, aber es geht nicht anders“, murmelte er, als er der Fremden den Rucksack umschnallte und sie sich mitsamt allem, an den noch immer gefesselten Händen um den Hals hängte. Nach unendlich scheinender Zeit wälzte er sich völlig fertig auf den Fels. Mit weit geöffnetem Mund pumpte er Luft in die Lungenflügel.
Das war eindeutig zu viel des Guten gewesen. Er hoffte inständig, dass sich die Mühe gelohnt und die Frau wirklich überlebt hatte. Jetzt löste er ihre Fesseln und legte ein feuchtes Tuch auf ihre Stirn. Mit einem verlorenen Blick öffnete sie die Augen und wäre vor Schreck fast wieder ohnmächtig geworden.
„Alles in Ordnung“, flüsterte er, ihre Wange streichelnd. „Du bist in Sicherheit.“
Erstaunt lauschte sie der fremden Sprache und betrachtete forschend Andreas’ Augen, die erleichtert und freundlich blickten.
Er setzte ihr vorsichtig die Wasserflasche an die Lippen. Gierig trank sie und hielt seine Hand krampfhaft fest, als er kurz absetzen wollte. Bekümmert betrachtete er ihre aufgescheuerten Handgelenke. Sie bemerkte das mit Erstaunen.
Nach einer halben Stunde stand Andreas auf, steckte die leere Flasche in den Rucksack zurück und hielt der Fremden die Hand hin, um ihr aufzuhelfen.
Ziemlich irritiert fasste sie zu. Noch nie hatte es irgendeinen Mann interessiert, wie sie zurechtkam. Dieser seltsame Fremde hatte sie nicht nur vor einem furchtbaren Tod bewahrt, er behandelte sie auch wie seinesgleichen und nicht als Arbeitssklavin. Die anderen hätten sie jetzt mit Fußtritten hochgetrieben und sie den schweren Sack tragen lassen. Vor allem hätten sie sie wieder so gefesselt, dass sie nur mühsam hätte laufen können.
Er zog sie nicht einmal gewaltsam hinter sich her, als sie sich taumelnd erhob, sondern führte sie beinahe behutsam den Trampelpfad entlang bis zum Fluss mit der Baumbrücke. Er deutete ans andere Ufer.
Als er ihr auf den bemoosten Stamm helfen wollte, brach sie vor Schwäche zusammen und wartete zitternd auf Strafe. Andreas band ihr vorsichtig das Seil um die Taille, dann kletterte er auf den Baum und zog sie zu sich herauf.
Ohne das Seil zu lösen, nahm er sie auf die Arme und trug sie, sich langsam Schritt für Schritt vorantastend, auf die andere Seite. Hier ließ er sie zuerst am Seil herab, ehe er hinuntersprang, um sie sofort loszuknoten. Er setzte sich zu ihr, zog ein paar Früchte aus dem Rucksack und hielt sie ihr entgegen.
Mit ungläubigem Blick und überaus zögerlich nahm sie sich ein ganz kleines Stückchen. Andreas legte ihr kurzerhand alles auf den Schoß, fischte für sich selbst etwas aus dem Korb und biss kräftig hinein.
Endlich entspannte sich sein Gegenüber und begann, in winzigen Bissen zu essen. Sie schloss ab und zu genussvoll die Augen. Er ahnte, dass man ihr in der Gefangenschaft entweder nichts oder nur wertlose Reste gegeben hatte.
Jetzt hatte er auch Zeit, sie genauer zu betrachten. Sie schien wirklich noch sehr jung zu sein und war durchaus hübsch, auch wenn sie im Augenblick von Kopf bis Fuß schmutz- und blutverkrustet war. Nichts, was nicht mit Wasser und ein paar heilenden Pflanzen zu beheben gewesen wäre.
Er wartete sehr geduldig, bis sie den letzten Bissen hinuntergeschluckt hatte, ehe er flussabwärts zeigte. Sie nickte, während sie aufzustehen versuchte.
„Na, ich glaube, so wird das nichts“, stellte Andreas fest. Er schnallte sich den Rucksack um und nahm sie wieder auf die Arme. Nach ein paar Metern spürte er, wie sie sich behutsam anschmiegte und ihren Kopf an seine Schulter bettete. Andreas durchströmte eine wohlige Wärme. Er ahnte wohl, dass sie es merkte, wie sich sein Herzschlag beschleunigte.
Erst kurz vor Sonnenuntergang erreichte er sein Häuschen, welches die Fremde mit weit aufgerissenen Augen betrachtete.
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