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Gamal - Offizier der Leibgarde




...
„Du wirst Saladin und mich in einer Viertelstunde in den Königspalast fliegen“, befahl Raschid. „Hier hast du den Geländeplan, um dich vorzubereiten, die Flugnummer und sämtliche Daten, die du wissen solltest.“
Gamal salutierte und verließ mit den Papieren das Büro. Noch auf dem Weg zu seinem Zimmer las er quer. Der Privat-Heli des Prinzen stand im Palastgelände, wurde von zwei Gardisten bewacht und war stets abflugbereit. Auf dem Lageplan bemerkte er Bleistiftmarkierungen, die sich ins Papier gedrückt hatten. Er hielt ihn gegen das Licht am Fenster und fand Bemerkungen zum Anflugwinkel und Luftströmungen. Er faltete das Dokument auf die Größe seiner Brusttasche und noch dazu so, dass er schnell die Flugnummer ablesen konnte, sollte jemand danach fragen. Er wunderte sich auch nicht, als sich Raschid neben Saladin, statt auf den Copilotensessel setzte. Zwanzig Minuten später fragte der Palast die Kennung ab und bat um Identifikation des Piloten. Gamal fackelte nicht lange, er nannte seine Dienstnummer und fügte Trainingsflug hinzu. Saladin grinste. Diesen jungen Mann konnte tatsächlich nichts aus der Ruhe bringen. Augenblicke später stand der Helikopter exakt auf der Mitte des Landekreuzes und die drei Insassen strebten der großen Empfangshalle entgegen.
„Mit großem Gefolge?“, witzelte Sharif und kam Saladin mit ausgestreckten Händen entgegen.
Der blinzelte treuherzig und deutete auf seine Männer. „Ein Pilot und ein Bodyguard. Nur schwer arbeitende Personen. Von Gefolge kann keine Rede sein.“
„Kommt mit.“ Sharif steuerte sein Arbeitszimmer an. „Alle!“, präzisierte er, als Gamal, gewohnheitsmäßig, davor stehen bleiben wollte.
Er schaute Saladin und Raschid an. „Ich bin etwas erstaunt gewesen, über den Eilantrag. Jetzt, wo ich weiß, um welchen Gamal Al Aziz es sich handelt, bin ich es nicht mehr. Erst recht nicht, nachdem ich gesehen habe, dass er soeben deinen Hubschrauber hierher geflogen hat. In Anbetracht der Lage, dass du ihn nicht als Kampfpilot einsetzen lassen willst, gebe ich hiermit alle Genehmigungen.“ Er zog ein Dokument aus der Schublade. „Die Stempel sämtlicher Behörden sind drauf. Meiner kommt jetzt.“ Er ließ die Tat folgen, unterschrieb und winkte Gamal heran. „Junger Mann, machen wir es kurz. Hier ist Ihr gültiger Pilotenschein. Bitte.“
Gamal nahm überrascht das Papier entgegen, nahm Haltung an und bedankte sich.
Sharif klingelte, worauf ein Bediensteter erschien.
„Führen Sie unseren Gast in die Kantine und leisten Sie ihm Gesellschaft, bis wir ihn wieder rufen lassen.“
Als sie den Gang entlang schlenderten, schaute der Mann Gamal neugierig an. „Nach der Uniform sind Sie einer aus Saladins Spezialgarde.“
„Das ist richtig.“
„Man erzählt sich darüber unglaubliche Dinge …“
„Tatsächlich? Was denn?“
„Ihr sollt alle Supermänner sein.“
Gamal hob amüsiert die Augenbrauen. „Sehe ich wie Superman aus?“
Sein Begleiter hob hilflos die Schultern. „Es fällt schwer, nicht daran zu glauben, wenn ein junger Mann, wie Sie, in dieser Eliteeinheit dient.“
„Wir sind vielleicht ein bisschen zäher, als andere“, wiegelte Gamal ab.
„Man sagt, es wird mit scharf geschliffenen Säbeln und Dolchen trainiert.“
Gamal begann zu lachen. „Natürlich sind die Waffen scharf. Vor einem Nudelholz hätte wohl kaum einer Angst.“ Er grinste. „Na gut, solche Männer soll es auch geben, habe ich mir sagen lassen.“
„Haben Sie schon einmal gegen Raschid gekämpft?“
„Hin und wieder“, erwiderte Gamal. „Beim ersten Mal hat er mir zwei Gütesiegel der besonderen Art verpasst.“ Er schob seine Ärmel hoch, denn sein Gesprächspartner hätte ohnehin keine Ruhe gegeben. Und dessen verklärter Blick deutete drauf hin, dass er sich gerade fühlte, als würde er mit einem Halbgott sprechen. Wenigstens konnte Gamal dann unbehelligt sein Mittagessen genießen. Nun setzte sich einer von Sharifs Leibwächtern mit an den Tisch, den er im Fort Silverrain kennengelernt hatte. „Schau an, die harten Jungs kommen uns auch mal besuchen!“
„Man tut, was man kann“, schmunzelte Gamal. „Ist das Leben noch frisch?“
„Meins schon. Und bei dir? Neue Kerben im Pelz?“
„Nichts, was nicht wieder heilen würde.“
„Hab gehört, du fliegst neuerdings die Last-Helis.“
„Woher weißt du denn das schon wieder?“
„Vom großen Chef“, blinzelte der Leibwächter und meinte eindeutig den König.
Die Verzückung in den Augen von Gamals Begleiter wuchs und Sharifs Elitemann goss noch kräftig Öl ins Feuer, indem er sagte. „So sind die Supertypen, um die sich Legenden ranken.“
„Na danke“, schnaufte Gamal. „Heute Abend platze ich aus Ehrfurcht vor mir selbst aus der Uniform.“
Von seinem Gegenüber erntete er ein amüsiertes Lachen. Da summte sein Kommunikator und Gamal machte innerlich drei Kreuze, endlich hier verschwinden zu können.
Zurück im heimatlichen Palast, übergab er den Heli an das Wartungspersonal und dankte Saladin für das große Vertrauen. Der lächelte und erklärte: „Dein Flugschein ist mein verlorener Wetteinsatz.“
 
In den Tagen vor dem Studienbeginn ließ sich Jennifer zum Feierabend öfter von Gamal in die Stadt begleiten. Weniger, weil sie Kleidung für den schnell wachsenden Zwillingsbabybauch brauchte, sondern, damit sie Gamal wegen der richtigen Zivilkleidung beraten konnte. Im Gegenzug las er ihr, selbst im rein privaten Umgang, jeden Wunsch von den Augen ab.
„Wer dich mal als Schwiegersohn bekommt, kann sich absolut glücklich schätzen“, murmelte sie dankbar.
Er wiegte leicht den Kopf. „Eine Frau kann sich ein Spezialgardist nicht leisten. Nicht, weil es an Geld mangeln, sondern weil sie nach wenigen Wochen davon laufen würde.“
„Ja, ich weiß. Ihr lebt für und von Silverrain.“
An den Wochenenden teilte Raschid Gamal nur zum Frühdienst ein, aber dergestalt, dass er alle Transportflüge zum Fort übernehmen konnte, um in Übung zu bleiben und die geforderten jährlichen Flugstunden vorweisen zu können. Die Nachmittage hielten ihm Ibrahim und Abdullah frei, indem sie sich seine Dienste teilten. So kam es vor, dass er Saladins Familie und Jennifer oft tagelang nicht sah und dann jedes Mal staunte, wie Letztere immer runder wurde.
Gamal fuhr an seinem ersten Studientag mit dem Bus zur Uni. Nur nicht auffallen und ganz in Ruhe die Lage checken, hieß sein Motto. Schnell hatte er den richtigen Hörsaal gefunden und suchte sich einen Platz, von dem aus er alles gut im Auge hatte. Innerlich grinsend gestand er sich ein, dass er den Leibwächter einfach nicht ablegen konnte, obwohl er hier nur auf sich selber aufpassen musste. Er stöpselte seinen Laptop an die Stromversorgung des Tisches und beobachtete unbemerkt die anderen Studenten. Links neben ihn setzte sich ein junger Mann, der, der Kleidung nach, aus ziemlich vermögenden Verhältnissen stammen musste. Dieser musterte kurz seinen Nachbarn und vor allem dessen Technik.
„Neu?“, fragte er dann, auf Gamals Laptop zeigend.
„Brandneu.“
„Ziemlich viel, was er drauf hat, hab ich gehört.“
„Meiner kann noch mehr“, schmunzelte Gamal und begann aufzuzählen.
„Glaub ich nicht!“
„Wetten, dass?“ Gamal rief die Daten ab und sein Nachbar bekam große Augen. „Sonderanfertigung“, fügte er deshalb lächelnd hinzu.
Staunendes Schweigen. „Ich bin Hussein“, sagte der Fremde schließlich.
„Und ich Gamal.“
Sie reichten sich die Hände.
„Was hast du noch belegt?“, wollte Hussein wissen.
„IT.“
„War ja klar!“ Er deutete mit dem Kopf auf den getunten Laptop.
Gamal grinste breit. Dann begann die Vorlesung, welche er komplett als Video aufzeichnete, um sie gegebenenfalls noch einmal abrufen zu können. Schließlich hatte nirgends gestanden, dass dies verboten sein könnte. Die anderen merkten es nicht, denn er schrieb auch eifrig mit.
Mittags blieb reichlich Zeit, um essen zu gehen, ehe er sich den ersten IT-Stunden widmete. Für ihn erst einmal nur Auffrischung, denn in seiner bisherigen Ausbildung gab es schwierigere Dinge. Ziemlich zufrieden fuhr er mit dem Bus zurück zum Palast, um den Abenddienst anzutreten.
„Ahhh! Unser Student ist zurück“, rief Ibrahim, als ihn Gamal ablöste. „Alles im grünen Bereich?“
Der lachte. „Was soll man am ersten Tag sagen? Der heutige Stoff war für mich weder brandneu noch uninteressant.“
„Wir reden morgen beim Frühstück?“
„Machen wir! Angenehmen Feierabend!“
„Dir ruhigen Dienst! Machs gut.“
Als am nächsten Morgen die Kollegen erschienen, stemmte Gamal schon ein paar Minuten Hanteln.
„Wie sind die Kommilitonen?“, fragte Ibrahim.
„Ziemlich gemischt aus allen Schichten und aus mehreren Ländern.“
„Viele Frauen?“
„Einige.“
„Hübsch?“
Gamal hielt inne und schaute Ibrahim belustigt an. „Ich habe auf alles Mögliche geachtet, nur nicht darauf, ob die Frauen hübsch sind. Ich will dort lernen und nicht heiraten.“
Abdullah kicherte. „1 : 0 für Gamal.“
„Es sind schon recht interessante Leute dabei“, erzählte Gamal dann weiter. „Und die, wo die Eltern im Geld schwimmen, denken, dass es mir genau so geht, weil ich einen sündhaft teuren Laptop habe und in Markenklamotten der feinsten Sorte stecke. Ich habe auch keine Veranlassung, sie von diesem Trip abzubringen.“ Er beendete die letzte Trainingseinheit.
„Die würden es auch nicht glauben, so stilsicher, wie du in höchster Gesellschaft bist. Zumal du ja auch noch alle hohen Persönlichkeiten aus persönlichem Erleben kennst“, lachte Abdullah.
„Eben. Vorteile muss man schon nutzen.“ Gamal fasste nach zwei Dolchen. „Wer will freiwillig?“
„Ich!“
Die Männer fuhren erschreckt herum. Dass Raschid bereits seit ein paar Minuten an der Tür stand, hatten sie wirklich nicht bemerkt. Jetzt legte er Jacke und Hemd ab, zog ebenfalls zwei Dolche aus den Halterungen und nahm die Herausforderung an. Gamal kämpfte wie ein Löwe, gegen die Urgewalt Raschid.
„Du wirst wirklich immer besser“, lobte der dann auch. „Vor allem dein Tempo ist phänomenal. Hat echt Spaß gemacht.“ „Abdullah, du bringst Gamal dann zu Uni. Er ist schon ziemlich spät dran und will ja auch noch in Ruhe essen.“
„Danke“, murmelte Gamal. „Hab mich wohl etwas beim Schwätzen vertrödelt.“
„Kann man so nicht sagen“, blinzelte Raschid. „Hast ja dabei die Hanteln traktiert.“
Gamal ließ sich in einer Nebenstraße absetzen und trabte mit der Tasche unter dem Arm durch den kleinen Park.
„Heh, Gamal“, hörte er es plötzlich rufen und blieb stehen. Hinter ihm nahte Hussein mit großen Schritten. „Bist wohl auch nicht ganz standesgemäß hergebracht worden?“
„Was meinst du damit? Ich bin gestern mit dem Bus gefahren und heute hat mich ein guter Bekannter mitgenommen.“
„Wie??? Du fährst mit öffentlichen Verkehrsmitteln???“ Hussein betrachtete ihn von Kopf bis Fuß.
„Was ist daran so ungewöhnlich?“
„Alles! Ich würde im Traum nicht auf solche Gedanken kommen.“
„Muss ich nicht verstehen“, schmunzelte Gamal, ihm die Tür öffnend.
Sie fanden wieder zwei gute Plätze nebeneinander und richteten sich auf die Vorlesung ein. So ging das nun mehrere Wochen, ohne, dass Hussein herausbekam, wo sein Studienkumpel Gamal wohnte und wovon er lebte. Auffällig war nur, dass der ständig die neueste Technik hatte und immer wie frisch aus dem Ei gepellt aussah. Das, was sich an Muskeln unter dem Stoff abzeichnete, war auch sicher nicht geeignet, sich mit ihm anzulegen.
Gerade klappten beide Männer ihre Laptops auf, als Gamals Kommunikator summte.
Raschids Gesicht erschien auf dem Display. „Ich brauche dringend und sofort den kleinen kopiersicheren Code auf deinem Flugschein.“
Hussein horchte auf.
„Bekommst du sofort“, sagte Gamal und zog das Dokument hervor. „D32-HJ9-P34.“
Raschid wiederholte.
„Exakt“, bestätige Gamal.
„Danke. Saladin hat heute einen Nachtflug vor und so, wie es aussieht, wirst du den großen Heli fliegen. Machs gut.“
Gamal steckte Fluglizenz und Kommunikator zurück in die Tasche. „Hat es dir plötzlich die Sprache verschlagen?“, fragte er Hussein schmunzelnd.
„Du bist Pilot? Und dann auch noch bei Saladin?“, murmelte der verdattert.
Gamal legte einen Finger vor seine Lippen. „Pssst! Behalte es für dich. Ich kann Rummel um meine Person nicht brauchen.“
Wenigstens war es Hussein nun klar, weshalb Gamal nach den Vorlesungen nie mit in die Kneipen ging und um Frauen einen weiten Bogen machte. Auch die Muskelpakete ergaben nun einen ganz anderen Sinn. Von den Leuten des Prinzen hörte man die unwahrscheinlichsten Dinge. Nach diesem seltsamen Telefonat, dessen unfreiwilliger Zeuge er geworden war, glaubte Hussein nun auch, dass das alles der Wahrheit entsprach. Um Gamal nicht zu verärgern, beschloss er, sich auf andere Weise noch ein paar Informationen zu beschaffen. Am Geburtstag des Königs mischte er sich unter die Gaffer und es dauerte nicht lange, da erschien Prinz Saladin mit Frau und Sohn, abgeschirmt durch vier seiner legendären Leibwächter. Das Fahrzeug wurde von etlichen Männern mehr eskortiert und Hussein suchte unter diesen erfolglos nach seinem Studienkollegen. Dann fühlte er sich plötzlich beobachtet und schaute sich forschend nach den Leibwächtern des Prinzen um. Einer nickte ihm deutlich sichtbar zu und Hussein fiel fast aus allen Wolken. Das war Gamal! Der war mitnichten nur ein unbedeutender Serviceangestellter, wie er immer ziemlich glaubhaft behauptete! Im Augenblick nahm er gerade den kleinen Prinzen auf den Arm und tröstete ihn über die Langeweile der Feier hinweg. Woher Gamal die ganzen hochgestellten Persönlichkeiten kannte und um deren kleine Marotten wusste, war für Hussein im selben Moment glasklar. Sharif ließ sich Prinz Eric bringen und wechselte lächelnd einige Worte mit dem Bodyguard, der sofort seinen Platz wieder einnahm.
Am nächsten Morgen wartete Hussein am Rand des Parks auf Gamal, den er aus einer gepanzerten schwarzen Limousine steigen sah. „Sind das die neuen öffentlichen Verkehrsmittel?“, witzelte er.
Gamal lachte. „Ich bin erst vor zwei Stunden von Sharifs Geburtstagsfeier nach Hause gekommen. Da reichte die Zeit gerade noch zum Umziehen und Essen. Mit dem Bus wäre ich hoffnungslos zu spät gekommen und ich hasse Unpünktlichkeit.“
„Na ja, als kleiner Serviceangestellter kann man sich auch keinen Rüffel leisten“, schmunzelte Hussein.
„Stimmt. Da bekommt man dann einen Besen in die Hand und muss den ganzen Tag den Hof kehren. Echt unschöne Sache.“ Gamal grinste breit.
„Dir würden sie eher einen Hexenbesen verpassen, damit du weiter fliegen kannst“, platzte Hussein heraus.
Gamal brach in schallendes Gelächter aus. „Ich bevorzuge fliegende Teppiche.“
„So was habt ihr?“, fragte Hussein mit halbernstem Unterton, um in der nächsten Sekunde in das Lachen einzustimmen. „Wundern würde mich selbst das nicht“, fügte er hinzu, als er sich endlich wieder beruhigt hatte.
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