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Die Urenkelin des Aurëus

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So waren an einem lauen Sommerabend die vier Elfen noch in der Stadt unterwegs. Sie ließen den Tag im Lokal ihres Lieblingsitalieners bei einem Becher Eis mit vielen Früchten ausklingen, als sich eine alte runzelige Frau an den Nebentisch setzte. Das war an sich nichts Ungewöhnliches, nur dass die Fremde den vier lachenden Frauen hasserfüllte Blicke zuwarf, wenn sie sich unbeobachtet wähnte.
Auf dem Heimweg wirkte Viola auf die anderen in sich gekehrt, beteiligte sich kaum an der Unterhaltung und schrak manchmal zusammen, wenn sie angetippt wurde, weil sie nicht auf direkte Ansprache reagierte.
„Was geht dir durch den Kopf?“, fragte Galantha, als Viola ohne ersichtlichen Grund die Augenbrauen zusammenzog.
„Die alte Frau vom Nebentisch.“
„Was war an ihr so seltsam, das dich so grübeln lässt?“, staunte Stella.
„Alles.“ Viola zog ein Gesicht, als habe sie in eine Zitrone gebissen. „Ich glaube, sie zu kennen, weiß aber nicht woher.“
„Hä?“, machte Silvestra überrascht. „Das sagst du, die selbst jeden Käfer seinem genauen Umfeld zuordnen kann?“
Viola kratzte sich an der Stirn. „Ich weiß nicht, wer sie ist, hab aber ein verdammt ekliges Gefühl, wenn ich an sie denke. Vielleicht fällt es mir ja wieder ein.“
Die drei anderen wechselten nur kurze Blicke, dann flüsterte Stella: „Lahara“.
„Das ist es!“ Viola sprang auf. „Ihre hässliche Energie steckte in der schwarzen Wolke im Traumfänger, als ich noch ein Baby war! Wir müssen sofort nach Hause und die Männer warnen! Meine Güte! Wie lange braucht denn die Straßenbahn noch für die paar Haltestellen!!!“
Silvestra drückte sie auf ihren Sitz zurück, während sie gleichzeitig die Männer kontaktierte. „Hoffen wir, dass Diandra und Martha etwas ausrichten können, sollte das elende Biest vor uns auftauchen.“
Aurëus, Marc und Bromer hatten die Warnung sehr ernst genommen, den ganzen Straßenzug mit all seinen Häusern in eine magische Glocke eingeschlossen und warteten auf die Frauen.
„Alles gut“, rief Martha gleich an der Tür.
„Da fallen mir ganze Gebirge vom Herzen!“ Galantha eilte zu Marc, um sich persönlich zu überzeugen, dass Lahara, oder Ischtar, wie man sie vor Jahrtausenden noch nannte, nicht heimlich zugeschlagen hatte.
Viola musste mehrmals erzählen, warum sie auf die alte Frau aufmerksam geworden war.
„Keinen Schritt mehr ohne uns!“, forderte Stella von den Männern und bekam von allen Seiten volle Zustimmung.
Nun gab es aber Orte, zu denen die Frauen keinen Zutritt hatten, und genau dort lauerte ein paar Monate später das Verhängnis.
Marc und Galantha waren zu einem Opernball eingeladen und amüsierten sich prächtig. Das Buffet bot viel, was auch eine Elfe essen konnte, ohne mit der Auswahl aufzufallen. So naschte sich Galantha durch Obstsalate, Eiscreme und Obstgelees. Marc hielt sich an die fleischhaltigen Speisen, trank Champagner und flüsterte zu später Stunde seiner Gattin ins Ohr, für einen Augenblick dahin zu verschwinden, wo auch der Kaiser zu Fuß hingehen müsse.
Galantha begleitete ihn hinaus und wartete etwas abseits auf dem Gang, der nach zwei Biegungen zur Toilette führte. Ein zweiter Herr schlug die gleiche Richtung wie Marc ein, und traf in etwa dort, wo die Elfe stand, auf einen Freund, der soeben auf dem Weg zurück zum Ballsaal war.
„Mein Gott“, hörte sie ihn sagen. „Die Null-Null-Dame ist ja ausnehmend hässlich. Da kann einem das Geschäft glatt vergehen.“
„Musst sie doch nicht heiraten“, antwortete der andere lachend und lief rasch weiter.
Sekunden später ertönte ein Schrei, der Galantha losspurten ließ. Entgegen jeder Etikette riss sie die Toilettentür auf und hätte beinahe den Mann umgerannt, der gerade noch mit seinem Freund gewitzelt hatte. Er stand, aschfahl im Gesicht, im Raum, den Finger zu einer der Kabinen ausgestreckt, wo zwei Füße einer liegenden Person hervorragten und aus welcher grauenvolles Röcheln erklang.
Galantha trat mit Elfenkraft gegen die Tür, welche aus den Angeln flog und dabei die hässliche alte Vettel Lahara von ihrem wehrlosen Opfer fegte.
Ohne auf den Succubus zu achten, oder ihn gar an der Flucht zu hindern, beugte sich Galantha nieder, um mit zitternden Fingern am Hals der mumiengleich ausgetrockneten Gestalt nach einem Puls zu suchen. „Marc“, hauchte sie mit Tränen in den Augen.
Der Mann an der Tür stand noch immer wie eine Salzsäule, unfähig auch nur einen Muskel zu rühren. Er reagierte nicht einmal, als plötzlich zwei andere Männer aus dem Nichts erschienen. Einer von ihnen verschwand mit dem Toten, genau so seltsam, wie er erschienen war. Der andere wandte sich ihm zu, legte ihm beide Hände an die Schläfen und flüsterte: „Du hast nichts gesehen.“ Dann nahm er die zitternde Frau in den Arm und löste sich mit ihr ebenfalls in Luft auf.
Zurück blieb der Ballgast, der sich über die Augen strich, als sei er aus einem tiefen Schlaf erwacht, und auf eine der Kabinen zusteuerte, als habe es die letzten Minuten nie gegeben.

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