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Die Schlacht um Wildforest

...

Offenbarungen

 

    „Lady Brenda hat die Pfeilspitze entfernt und meinen Sohn in einen heilenden Schlaf versetzt“, begann er. „Ihr, edle Ritter, dürft Euch erheben“, fuhr er fort, denn die Geharnischten hatten noch immer ein Knie auf den Boden gestützt und die Köpfe gesenkt. Er deutete auf Bänke, die den Raum einsäumten. „Setzt Euch! Ich werde Euch jetzt mit Informationen überhäufen, die Euer Weltbild gehörig ins Wanken bringen werden.“
    Die Ritter beeilten sich, dem Wunsch Folge zu leisten, legten die Waffen und Helme ab. Als Ruhe einzog, sprach der König weiter.
    „Nachdem wir Drachen seit vielen Generationen unerkannt unter Euch gelebt haben, ist nun endgültig der Zeitpunkt gekommen, uns zu erkennen zu geben.“
    Er schaute in die sehr gefasst wirkende Runde, nickte den Prinzen zu und meinte dann: „Ich merke schon, dass Ihr einen kleinen Teil erfahren habt. Dies erleichtert es mir, frei darüber zu sprechen, weil Ihr zumindest alle schon die Tatsache akzeptiert, dass es uns gibt und wir nichts Böses im Schilde führen. Sogar im wahrsten Sinne des Wortes.“
Lächelnd ließ er die Fingerspitzen über einen der an der Wand lehnenden Schilde gleiten, den das Wappen mit dem Drachen zierte.
    „Ich herrsche seit mehr als 500 Jahren über dieses wundervolle Land und ich habe nicht vor, es mir von irgendwelchen Schurken wegnehmen zu lassen. Das Gerede, ob ich denn zu feige sei, gegen die Nachbarn vorzugehen, wenn sie in unser Land eindringen, kenne ich. Spätestens seit heute dürfte der Letzte unter Euch wissen, dass ich mich aus völlig anderen Gründen gezügelt habe. Ich werde, nun wo alle wissen, dass uns ein Drache hilfreich zur Seite steht, mit aller Härte gegen jegliche Übergriffe vorgehen. Ob als Mensch oder in Gestalt des Drachen, wird die jeweilige Situation bestimmen.“
    Er legte Andrew und Kenneth von hinten die Hände auf die Schultern.
    „Diese beiden und Lady Brenda sind ebenfalls Drachen. Wobei Lady Brenda derzeit der mächtigste Drache ist. Zudem ist sie nicht meine Schwester, wie man zu wissen meint. Sie ist meine älteste Tochter und somit ist Kenneth einer meiner zahlreichen Enkel.“
    Sir Elliot kratzte sich am Kinn. Der König hatte nicht übertrieben. Es galt tatsächlich, das ganze Weltbild neu zu ordnen.
    „Ihr werdet unseren Stammbaum studieren müssen, Sir Elliot, wenn Ihr halbwegs klar sehen wollt“, schmunzelte Sir William. „Ich befehle es Euch nicht. Ich stelle Euch dies frei.“
    Das zustimmende Gemurmel zauberte Grübchen auf Lady Brendas Wangen. „Ich stehe Euch gern zur Verfügung, da mein Vater in den nächsten Tagen andere Sorgen als Familiengeschichte haben wird.“
    Sir William stimmte zu. „Das kommt mir sehr entgegen. Ich werde mich unserer beiden Jungspunde annehmen und Vincent um Verzeihung bitten müssen, ihn nicht eingeweiht zu haben.“
    Versonnen sah er aus dem Fenster, um etwas leiser zu berichten: „Die meisten aus meiner langen Ahnenreihe sind Menschen. Und nicht alle sind mir unbedingt ergeben. Als Drache werden nur wenige geboren. Wobei alle unsere Nachfahren die Anlagen haben, sich zu Drachen entwickeln zu können. Nur ist nicht jeder dazu in der Lage. Wer sich bis zum 20. Lebensjahr nicht verwandelt hat, der wird in der Regel auch kein Drache mehr.“
    „Dann besteht für Euern Ältesten also noch ein winziger Funken Hoffnung?“, wagte Sir Elliot zu fragen.
    Der König nickte kaum merklich. Vincent war 19. Er frönte lieber der Dichtkunst und der Musik, als sich im Waffenhandwerk zu üben. Mit einer Handbewegung wischte Sir William die Gedanken beiseite.
    „Meine Herren, ab morgen werdet Ihr ein besonderes Kampftraining bekommen. So können die beiden prinzlichen Heißsporne auch gleich zeigen, ob sie würdig sind, mit in die kommende Schlacht ziehen zu dürfen. Meine Herren Ritter, haltet Eure Ohren offen und die Münder geschlossen. Es werden harte Zeiten kommen.“
    Er entließ sie für den Augenblick mit einer kurzen Geste und hielt nur Ritter Elliot, seinen besten Mann, zurück. „Euch erwarte ich nach Einbruch der Dunkelheit im hinteren Burghof beim alten Kerker. Kleidet Euch warm und verzichtet auf jegliche Panzerung.“ „Ein Dolch reicht!“, rief er ihm noch nach, als Elliot schon fast die Tür hinter sich geschlossen hatte.
    „Was für ein Training habt Ihr für uns vorgesehen?“, bestürmten ihn die Prinzen.
    Sir William lachte. „Wie ich schon sagte - Heißsporne. Ihr werdet es zum gleichen Zeitpunkt wie die anderen erfahren.“
    Milde lächelnd macht er sich auf, seinen verwundeten Sohn zu besuchen.
    Prinz Vincent lag mit schmerzverzerrtem Gesicht im Bett. Die sedierende Wirkung der Kräuter hatte nachgelassen und er freute sich, etwas abgelenkt zu werden.
    „Nun, mein Sohn, musstet Ihr am eigenen Leibe erfahren, dass jene, die keine Waffen tragen, trotzdem durch welche umkommen können“, seufzte der König. „Wie fühlt Ihr Euch?“
    „Unschön. Wie ein aufgespießter Eber. Zudem denke ich die ganze Zeit darüber nach, warum nur mich ein Pfeil getroffen hat. Sie fielen doch fast wie Regentropfen vom Himmel.“
    „Das ist es, worüber ich mit Euch sprechen möchte, selbst wenn es Euch zutiefst kränken könnte, warum ich es erst heute wage. Was ist das Letzte, woran Ihr Euch erinnern könnt?“
    „Dass die Ritter die Schilde nach oben rissen, dann ein Zischen, ein Schmerz und mehr weiß ich nicht.“
    „Ganz sicher?“
    „Der Rest muss eine Fieberfantasie gewesen sein …“
    „Erzählt es mir trotzdem“, bat der König.
    „Nun, ich glaube, einen Drachen gesehen zu haben. Er hat mich mit seinen Krallen sanft und sicher durch die Lüfte hierher getragen“, erklärte Vincent mit stockender Stimme.
    „Diesen Drachen gibt es wirklich und er hat Euch tatsächlich nach Hause gebracht, damit Euch Lady Brenda retten konnte.“
    „Was?! Wo kam er so plötzlich her und warum haben wir nie von ihm gehört?“ Prinz Vincent versuchte, den Kopf zu heben.
    Sir William biss sich auf die Unterlippe. „Ihr kennt den Drachen und habt seit 19 Jahren täglich mit ihm zu tun. Ich will es kurz machen – ich bin der Drache.“
    Vincent wusste nicht, ob er lachen oder weinen sollte. Vielleicht hatte sein Vater im Kampf ja einen Schlag auf den Kopf erlitten. Anders konnte er sich den Unsinn nicht vorstellen, den dieser soeben von sich gegeben hatte.
    William begann schallend zu lachen. „Mein Sohn, ich habe weder eins auf den Helm bekommen, noch zu tief in den Weinbecher geschaut. Und ganz nebenbei bemerkt kann ich die Gedanken der Menschen lesen.“
    „Oh weh!“ Vincent wurde noch eine Spur blasser, als er durch den hohen Blutverlust schon war.
    „Ich, an Eurer Stelle, würde mich auch für verrückt geworden halten“, erklärte der König milde.
    „Ihr meint das offenbar alles ernst. Bitte lasst Lady Brenda holen!“
    „Die übrigens nicht Eure Tante, sondern Eure älteste Schwester ist“, warf der König ein, als er den Befehl gab, Brenda zu rufen.
    Vincent fasste sich an den Kopf. Er fürchtete ernsthaft, jeden Augenblick die Fassung zu verlieren.
    Lady Brenda trat mit einem amüsierten Kichern ein. „Mein lieber Sir Vincent, Ihr lasst einen zweiten Drachen rufen, Euch gegen den Ersten beizustehen? Eine interessante Entscheidung.“
    Vincent klappte der Mund auf. „Ihr … Ihr … Ihr auch … ist das eine Verschwörung?“
    „Nein, Euer Vater versucht nur, Euch endlich die Augen zu öffnen.“ Sie schloss die Lider und bildete die milchweiße drachenschuppige Haut aus. „Genügt das als kleiner Beweis, dass auch ich ein Drache bin?“
    „Darf ich Euch berühren?“, hauchte Vincent.
    „Natürlich!“ Sie hielt ihm eine Hand entgegen, die der junge Prinz beinahe verzückt betastete.
    Der König rückte ihr einen Stuhl zurecht und ließ sich auf den Zweiten sinken.
    „Ihr seid wirklich meine Schwester und nicht meine Tante?“, hörte er seinen Sohn fragen.
    „Richtig, mein Prinz. Wir werden Euch in den nächsten Tagen in alles einweihen. Bitte seid uns nicht gram, weil wir die ganzen Jahre geschwiegen haben.“
    „Und was ist mit Andrew und Kenneth?“
    „Sie sind beide Drachen“, antworteten Lady Brenda und Sir William wie aus einem Mund.
    Diesmal huschte ein winziges Lächeln über das Gesicht des Schwerverletzten. „Das war zwar nicht die Absicht meiner Frage, aber die Antwort erstickt viele andere Gedanken gleich im Keim.“
    „Ihr müsst schnell zu neuen Kräften kommen.“ Lady Brenda ließ ihre Drachenhaut wieder verschwinden, entzog ihm aber ihre Hand nicht.
    Vincent drückte diese vorsichtig. „Danke, meine große wundervolle Schwester.“ Er schloss die Augen und schlief im selben Moment ein.
    „Er wird die Wahrheit verkraften. Nun wird unser Schöngeist wohl von gigantischen Drachen und deren Abenteuern träumen“, sinnierte sie. „Gehen wir.“ Sie zog Sir William an der Hand aus dem Zimmer.
    „Ihr wollt heute Nacht mit Sir Elliot fliegen, vermute ich“, sagte sie auf dem Flur.
    „Genau das habe ich vor.“ Sir William stützte sich auf das Fensterbrett und schaute der Sonne nach, die langsam ihre Bahn vollendete.
    „Daran tut Ihr gut. Er ist der Vertrauenswürdigste unter den Menschen. Unseren gesamten Clan habe ich informiert. Die Blackstones und Whitecastles sind bereit, uns beizustehen.“
    „Ausgezeichnet!“
    „Die Drachen aus Wildforest treffen morgen hier ein.“
    Sir William schaute Lady Brenda neugierig an. „Was bewegt sie dazu?“
    „Die alte Dankbarkeit. Sie sind halt so.“
    „Dabei bin ich derjenige, der dieser Familie des Clans beinahe alles zu verdanken hat.“
    Brenda schmunzelte. „Also auch alte Dankbarkeit.“
    „Unbedingt. Deshalb werde ich auch besonders aufpassen, dass Sir Elliot, der beste menschliche Spross aus jenem Hause, bei unserem kleinen Ausflug nicht zu Schaden kommt.“
    Der König schlenderte mit ihr weiter bis zum Palas, wo er sich mit einer angedeuteten Verbeugung verabschiedete.
    Ritter Elliot kontrollierte gerade, ob sein neuer Knappe den Harnisch ordentlich geputzt und geölt hatte. Die Kleidung für den Abend lag schon bereit. Als er nach seinem Dolch fassen wollte, spürte er einen stechenden Schmerz hinter der Stirn, gleichzeitig hörte er deutlich die Stimme des Königs in seinem Kopf: Wenn Ihr bereit seid, kommt sofort zum Kerker.
    Elliot zog ungläubig-erstaunt die Augenbrauen zusammen und hoffte, dass sein Herr die gedachte Antwort hören konnte: Ich gehorche, mein König. In wenigen Augenblicken bin ich bei Euch.
    „Du hast jetzt schon dienstfrei“, wandte er sich an den Knappen. „Mich rufen dringende Geschäfte.“
    Den Dolch umschnallend und einen warmen Umhang überwerfend, eilte er zum vereinbarten Treffpunkt, wo der König tatsächlich auf ihn wartete.
    „Ihr seid begabt“, lobte der und verwandelte sich ohne Vorwarnung in den Drachen. Steigt auf meinen Rücken und haltet Euch an meinen Hörnern fest.
    Sir Elliot hätte niemals zu widersprechen gewagt. Er nahm die dargereichte Klaue als Steighilfe dankbar an und wusste sofort, dass er gleich ein atemberaubendes Abenteuer erleben werde.
    Mit mächtigem Schlag der dunklen Schwingen stieg der schwarze Drache beinahe senkrecht in den Himmel. Die anfängliche Furcht des Ritters wich rasch der Neugier und er betrachtete mit leuchtenden Augen das weite Land unter sich.
    Die letzten Sonnenstrahlen verwandelten den Fluss in ein goldgleißendes Band, in den Fenstern der Hütten rings um die Burg glimmten erste Lichter auf und weiße Rauchfahnen stiegen in den Himmel.
    „Grandios“, murmelte er beeindruckt.
    Ich weiß, wie Ihr Euch fühlt. Ich selber habe dieses Bild vor fast 300 Jahren zum letzten Mal gesehen. Ich hatte schon fast vergessen, wie wundervoll es ist, fliegen zu können. Die Menschen werden sich wieder an den Anblick durch die Lüfte gleitender Drachen gewöhnen müssen.
    „Das werden sie gewiss tun“, versprach Elliot, den Flug mit allen Sinnen genießend.
    Auf einer kleinen Wiese, fernab jeder Zivilisation landete der Drache und Sir Elliot sprang von seinem Rücken.
    Jetzt zeige ich Euch, was wir noch für Fähigkeiten haben. Im selben Augenblick loderte eine gigantische Flamme in den nächtlichen Himmel. Als Nächstes griff der Drache nach einem Baum, riss ihn ohne Mühe aus und biss den fast meterdicken Stamm einfach durch. Einen herumliegenden Felsbrocken in der Größe eines Schafes zerquetschte er zwischen seinen Pranken. Dann verwandelte er sich zurück in menschliche Gestalt.
    „Es wäre mir ein Leichtes, missliebige Menschen zu beseitigen. Nur ist es nicht das, was wir Drachen wollen. Im Grunde genommen wollen wir nichts weiter, als in Ruhe gelassen werden. Reizt man uns aber so, wie es seit vielen Monaten geschieht, dann ist auch unser Maß voll. Dass man meinen Sohn heute fast getötet hätte, ist der genau jener Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt.
    Ruft die waffentauglichen Männer zusammen! In vier Wochen ziehen wir gegen König Wenzel zu Felde. Bis dahin werden die Prinzen und zwei ausgewählte Ritter eingespielte Teams sein.“
    „Darf ich fragen, wie viele Drachen es gibt?“
    „Nie mehr als 49. Das scheint eine magische Grenze zu sein, die wir nicht überschreiten können. Aktuell gibt es 42 von uns. Ich bin einer der ältesten noch lebenden Drachen, wobei sich meine Zeit langsam dem Ende nähert.“
    „Sire!“
    „Keine Bange! Falls man mich nicht auf perfide Art mit einer Speerschleuder ermordet, dann kann ich sogar Euch noch für wenige Jahre überleben. Ihr habt Euch oft gefragt, warum ich Euch schon als Knappen auf meine Burg und persönlich unter meine Fittiche genommen habe, obwohl andere damals körperlich geeigneter waren. Aus Dankbarkeit für Euren Ahnherrn Ken. Er hat mich indirekt zum Drachen werden lassen. Ich habe ihm, als ich durch seinen Turniersieg über den alten König, dessen Platz einnehmen konnte, die Ländereien zurückgegeben, die ihm mein Vorgänger geraubt hatte. Es ist eine lange Geschichte, die ich Euch irgendwann in einer sentimentalen Stunde erzählen werde.
    Jedenfalls schlummerten schon als Knabe in Euch die Kraft und das Feuer der Brennigans of Wildforest, was Ihr seit jenem ersten Tag bei mir immer genutzt habt, um überall der Beste zu werden. Aber fliegen wir zurück. Sonst vermisst man uns noch.“
    Von Menschen unbemerkt erreichten sie die Königsburg, wo sich Sir Elliot mit sehr bewegten Worten für all das Gute bedankte, das ihm immer wieder von der Königsfamilie zuteilwurde.
    Auf dem Weg zu seinen Räumen erschreckte ihn, wie schon so oft, Lady Brenda, die gerade noch einmal nach Vincent gesehen hatte und aufgrund ihrer scharfen Drachenaugen keine Kerze mitgenommen hatte. Heute musste Elliot, eingedenk dessen, was er alles erfahren hatte, über die Begegnung schmunzeln, während es ihm diese bisher ziemlich suspekt erschienen waren.
    Einen Quergang weiter rannten ihn fast die beiden Prinzen über den Haufen, die wohl wieder irgendwelche Streiche ausgeheckt hatten, was ihn zu dem Ausruf veranlasste: „Himmel, hier muss irgendwo ein Nest sein!“
    „Ein Drachennest, Sir Elliot!“ Die beiden wollten kichernd davonhuschen.
    „Halt! Müsstet Ihr nicht in Euren Betten liegen und Kraft für das Training morgen sammeln? Auch junge Drachen sollten ihren Eltern gehorchen. Besonders wenn es sich dabei um den König und seine Familie handelt.“
    „Ihr habt recht“, murmelte Andrew. „Es war dumm von uns, jetzt, wo es Krieg geben kann. Verzeiht uns bitte.“
    „Ich lasse ausnahmsweise Gnade vor Recht ergehen.“ Er sah den beiden hinterher, die sich den Rüffel sehr zu Herzen nahmen. Ihr Verhalten war wenig geeignet, sie bald in den Ritterstand zu erheben. Drachen hin oder her.

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