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Der Nixen-Clan




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Peter fuhr bis kurz hinter Potsdam durch, dann legte er eine Pause ein. Ehe er sich überhaupt abschnallte, zog er das Handy hervor und wählte Sinas Nummer. Schon beim zweiten Rufton hob sie ab.

„Ich halte gerade Rast und wollte wenigstens deine Stimme hören und dein Gesicht sehen“, erklärte er, weil sie etwas beunruhigt wirkte. „Ab Morgen kann ich mich ja wochentags erst abends melden.“

„Du rastest mit Gurt?“, lachte Sina.

Peter fiel in das Lachen ein. „Eigentlich nicht, aber was soll man machen, wenn die Sehnsucht jetzt schon so schlimm zwickt?“ Er klickte den Verschluss auf.

„Ich habe deshalb auch schon mit meiner Mama gesprochen“, gab Sina zu, um ihm sofort über die neuen Personaldokumente zu berichten.

„Das beruhigt mich. Wir brauchen in der Tat keine Leute, die in unser beider Leben herumwühlen. Deine Mutter ist wirklich eine wundervolle Frau.“

Peter aß nebenbei ein belegtes Brot aus seinem Reiseproviant. Nach dem Telefonat holte er sich noch einen Kaffee in der Raststätte, um sich schließlich wieder in die Autobahn einzufädeln. Am späten Nachmittag kam er zu Hause an, lud die Taschen aus und gab Sina Bescheid, damit sie sich keine Sorgen machen musste. Bis in die Nacht grübelte er über den Text seiner Kündigung nach, entschied sich schließlich dafür, es in einem Satz abzutun. Natürlich war die Nachricht, Peter würde hinwerfen, nach ein paar Stunden überall bekannt.

„Hast wohl doch eine große Erbschaft gemacht?“, fragte ein Kollege ungeniert.

Peter schüttelte den Kopf. „Nein, ich habe nicht einen Cent und auch keine materiellen Güter geerbt. Manche Dinge ergeben sich einfach.“ Mehr war aus ihm nicht heraus zu bekommen. Er ließ sich auch nicht anmerken, dass er die Frau fürs Leben gefunden hatte. Man wunderte sich nur, dass er zwei Mal im Monat am Wochenende irgendwohin auf Reisen ging und den Montag darauf stets blendend gelaunt wieder zum Dienst erschien. Nur die Nachbarn tuschelten, wohin er denn wohl die großen Kisten und Beutel bringen mochte, die er dann stets in sein Auto lud.

Heute war Peter zum Haus seines Vaters gefahren, in dem dieser wohl wieder eine Riesenparty geben würde, wie zu jedem Geburtstag. Die Straße war restlos zugeparkt und so suchte sich Peter zwei Ecken weiter einen Platz für seinen Wagen. Mit Blumenstrauß und Präsentkorb bewaffnet, tigerte er den Weg zurück. Auf sein Klingeln öffnete die Haushälterin. Peter grüßte.

„Ah, Herr Neuberg, schön, dass Sie schon da sind. Ich sage Ihrem Vater gleich Bescheid.“

Der alte Herr kam einen Augenblick später. Diesmal schien Peter ganz seinen Geschmack mit dem Geschenk getroffen zuhaben, denn der herablassende Blick fiel aus, welcher seinen Vater bei der bisherigen Annahme jeglicher Präsente auszeichnete. Stattdessen fragte er ehrlich angetan. „Meine Güte! Wo hast du denn solche Raritäten her?“

„Aus der halben Republik“, schmunzelte Peter. „Besondere Jubiläen schreien förmlich nach besonderen Aufmerksamkeiten.“

„Nicht übel. Komm rein, mein Junge!“

Peter glaubte, sich verhört zu haben. Solch eine Begrüßung hatte es höchstens fünf Mal in seinem ganzen Leben gegeben.

Was musikalischen Rang und Namen hatte, war heute hier versammelt. Peter wurde herumgereicht wie ein Wundertier, weil er offen zugab, völlig unmusikalisch zu sein.

„Bei mir hören höchstens die Patienten manchmal die Engel singen“, warf er mit ironischem Unterton ein.

Einzig die Bläser, unter den Musikern, wussten einen guten Zahnarzt zu schätzen. Als Schönheitschirurg hätte er vermutlich den ganzen Abend im Mittelpunkt gestanden. Peter fühlte sich völlig fehl am Platz. Dann baten ein paar engagierte Kellner zu Tisch und rollten eine riesige Geburtstagstorte herein. Musik erklang und in dem Moment, wo der Jubilar das konditorische Kunstwerk anschneiden wollte, öffnete es sich und eine halbnackte Burleske-Tänzerin räkelte sich aufreizend vor den Gästen. Die, vorwiegend älteren, Herren bekamen riesengroße Augen und nicht einer ahnte, dass Neuberg das selbst arrangiert hatte, um wieder einmal aufzufallen.

Die Feier endete am späten Abend, nach einem Mehrgängemenü. Peter hielt sich aus dem Trubel heraus, um eventuell noch ein paar persönliche Worte mit seinem Vater wechseln zu können, so dieser überhaupt geneigt war zuzuhören.

„Na?“, fragte Peters Vater kurz, weil sein Sohn kaum eine Miene verzogen hatte, als die Stripperin aus seiner Geburtstagstorte gestiegen war.

„Ganz nett.“

Der alte Herr schaute ihn prüfend an, denn die anderen Männer hatten sichtbaren Spaß an der Sache gehabt. „Ich dachte, es würde dich mal auf andere Gedanken bringen. Du kannst doch nicht ewig Single bleiben.“

Peter schüttelte mit leichter Missbilligung im Blick den Kopf. „Ich bin kein Single, ich führe nur eine Fernbeziehung, von der halt keiner weiß. Damit du beruhigt bist, wir werden demnächst heiraten.“

„Wie???“

„Standesamtlich“, erwiderte Peter ungerührt, innerlich grinsend, weil er genau wusste, dass die Frage nur ein Überraschungsausruf gewesen war. „Du hättest lieber wo fragen sollen. Denn hier, in München, wo es so sündhaft teuer ist, ganz bestimmt nicht.“

Peters Vater musste sich setzen. „Ist das dein Ernst, zu heiraten? Oder willst du nur schauen, wie ich darauf reagiere?“

Peter ließ sich neben ihm auf dem Sofa nieder. „Ich denke, dass man mit solchen Sachen keine dummen Scherze machen sollte.“

„Sie zieht zu dir?“

„Nein. Ich werde in den nächsten Wochen hier meine Zelte abbrechen und ziemlich weit weg verschwinden.“

„Wohin?“

„Ganz in den Norden der Republik, auf die Insel Rügen, und selbst dort noch nach ganz weit oben“, erklärte Peter sehr ernst. „Wir haben vor ein paar Tagen eine Praxis gekauft, die ich demnächst führen werde. Mein Vertrag hier läuft in acht Wochen aus.“

„Und das erzählst du so nebenbei?“

„Wann hast du jemals Zeit für mich?“, antwortete Peter mit einer Gegenfrage. „Dir hat es doch auch nie gepasst, dass ich Zahnarzt, statt Musiker geworden bin.“

„Welchem Job geht deine Angebetete nach?“

Peter zuckte mit den Schultern. „Ich hab sie nie danach gefragt und mir ist es, gelinde gesagt, auch völlig egal.“

Der Unterkiefer seines Vaters war inzwischen fast an den Schuhspitzen angekommen. „Du hast keine Angst, dass sie nur gut versorgt sein will, durch diese Heirat?“

„Kaum. Ich habe sie mit meinem Heiratsantrag ziemlich überrascht. Ihre Mutter ist auch nicht irgendwer. Sie ist Chefin einer sehr erfolgreichen Firma, besitzt einen Privatjet, einen Privatstrand und ist eine wirklich wundervolle Frau. Sie hat mich auch nicht gefragt, ob ich überhaupt in der Lage wäre, ihre Tochter zu ernähren und gut zu behüten.“

Vater Neubergs Augen wurden immer größer. „Klingt ja fabelhaft.“

Nun musste Peter herzlich lachen. „Sie ist fabelhaft und wenn ich mich ihretwegen völlig verausgabe, dann ausschließlich im Bett.“ Das Funkeln in seinem Blick, sprach Bände.

„Wie ist das mit der Praxis zu verstehen?“, wollte sein Vater doch genauer wissen.

„Ganz einfach – ich habe die Papiere unterschrieben und Sina hat mir einen, nicht unbedeutenden, Teil der Finanzen vorgestreckt.“

„Doch hoffentlich mit Vertrag!“

Peter wiegte ganz langsam den Kopf. „Nein. Ich würde es nicht wagen, sie zu betrügen.“

„Du sagst das so eigentümlich.“

„Sie ist eine Wilson, direkt verwandt mit unseren Vorfahren auf Tuvalu.“

Vater Neuberg erlitt den nächsten Schock. „Dir ist es tatsächlich vergönnt, in diese illustre Gesellschaft aufzusteigen?“

„Sieht ganz so aus. Es wundert dich offensichtlich, dass ein kleiner, unbedeutender Dentist plötzlich Aufmerksamkeit weckt.“

Verschämtes Nicken.

„Ich gehe davon aus, dass ihre Mutter zur Hochzeit kommen und sogar bei uns übernachten wird, statt im Hotel.“ Peter schaute seinen Vater fest an. „Wie auch immer – sobald ich meinen Umzug hinter mir habe, machen wir den Hochzeitstermin fest und verschicken die Einladungen.“

„Möbelwagen, nach da hoch, wird sicher teuer.“

„Mein Kofferraum reicht, ich muss nicht einmal einen Kleintransporter  mieten. Ich nehme nur meine Bücher, Kleidung, Dokumente, Laptop mit Zubehör und Kleintechnik mit. Den ganzen anderen Kram verkaufe ich. Einmal werde ich noch zurückkommen, um das Auto und den restlichen Krimskrams zu holen, den Sina vielleicht doch noch haben möchte.“

„Sag mal, habe ich das richtig begriffen, dass du dort deine eigene Praxis haben wirst?“

Peter grinste. „Das geht dir offensichtlich nicht aus dem Kopf. Ich werde auch meine eigenen Patienten haben, weil kaum Konkurrenz da ist. Es wird für mich, als Fremder, erst mal nicht einfach sein, aber ich bin ja Kummer gewohnt. Sina bringt mich schon wieder auf die Beine, wenn ich mental am Boden liege. Notfalls zupfe ich stundenlang Unkraut im Garten, um auf andere Gedanken zu kommen.“

„Unkraut zupfen?“

„Alles Arbeiten, die sein müssen und sich nicht alleine machen“, lachte Peter. „Tagsüber reiße ich Zähne raus und abends halt Brennnesseln.“

„Sie hat also ein eigenes Haus“, vergewisserte sich sein Vater.

„Direkt am Meer, reetgedeckt, dahinter ist ein riesiger Pool in einem wundervollen Bauerngarten mit uralten Obstbäumen. Das sind Sorten, die findest du heute nirgends mehr.“

„Also, wenn ich es nicht besser wüsste, dann würde ich meinen, du wärst nicht Peter“, seufzte Vater Neuberg. „Offenbar hast du wirklich deine Traumfrau gefunden. Schade, dass es Mutter nicht mehr erleben kann.“

„Ja, wirklich schade. Aber leider nicht zu ändern. Ich trage ihre guten Wünsche immer in meinem Herzen.“ Er legte seinem Vater den Arm um die Schulter und der schien das erste Mal zu begreifen.

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