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Der Nebelwald

...

Vater und Sohn


Dass der Morgen begann, wie die Nacht geendet hatte, verstand sich fast von selbst. Entsprechend hungrig erschien James bei Tisch, nachdem er sich am Brunnen gewaschen hatte.
Lilians Speisekammer schien bestens gefüllt zu sein, denn von gekochten Eiern bis zu einem Honigtöpfchen stand alles auf dem Tisch. Aus dem Backofen duftete es nach Fladenbrot.
Lilian seufzte, James’ Blick ging ihr tief unter die Haut. Als er nach dem Frühstück sein Pferd sattelte, reichte sie ihm einen Mantelsack mit Proviant.
„Vergesst mich nicht“, bat sie, ihm zum Abschied die Hand streichelnd, wobei sie einen Wappenring an seinen Finger steckte.
James lächelte. „Ich schwöre, dass ich zurückkommen werde!“ Dann gab er seinem Pferd die Sporen.
Der Nebel umwaberte ihn auch heute in dicken Schwaden, schien aber beinahe silbrig zu glänzen. Um die Mittagszeit lichtete er sich, genau wie der Wald. Sir James konnte in der klaren Luft der weiten Wiesen die Burg seines Clans erkennen.
Er galoppierte in den Hof, warf einem Stallburschen den Zügel seines Rappen zu und eilte, mehrere Stufen auf einmal nehmend, in den Palas, wo er seinen Vater vermutete.
Sir Edward saß beim Mittagessen. „Ihr seid zurück?!“ Er schaute seinen unversehrt heimgekehrten Sohn so erstaunt, entsetzt und gleichzeitig neugierig an, dass dieser am liebsten hellauf gelacht hätte.
„Habt Ihr daran gezweifelt?“, stellte der stattdessen die Gegenfrage.
Edward antwortete mit einer Mischung aus Nicken und Kopfschütteln. „Was ist Euch auf Euerm Weg begegnet?“, fragte er zögernd.
James beschloss, auf der Hut zu sein und sein Wissen vorerst für sich zu behalten. „Hitze, Kälte, Nebel“, erklärte er, nach dem Weinkrug fassend, dem ihm eine Magd reichte. „Man nennt ihn nicht umsonst den Nebelwald, wie ich jetzt aus eigenem Erleben bestätigen kann.“
„Und das Moor?“
„Ist riesig und stinkt wie die Pest.“ James riss der gebratenen Gans seelenruhig einen Schenkel heraus und biss kräftig hinein.
„Ihr seht nicht aus, als hättet Ihr im feuchten Gras geschlafen“, bohrte Sir Edward weiter.
James schaute an sich hinunter. „Stimmt. Es sieht tatsächlich nicht danach aus.“ Innerlich grinste er, weil er deutlich spürte, dass sein Vater immer unruhiger wurde.
„Ist Euch Seltsames begegnet?“, hagelte die nächste Frage auf ihn ein.
„Was versteht Ihr darunter?“
Edward zog es vor, die Fragerei zu beenden. James sprach der Gans zu, als habe er seit gestern gehungert. Als nur noch ein Häufchen Knochen übrig war, erhob er sich. „Wenn Ihr mich braucht, ich bin in meinen Gemächern.“
Edward schaute grübelnd hinterher. Und wieder glaubte er, einen grünen Schimmer zwischen den Türpfosten zu sehen.
„Was passiert hier?“, hauchte er erbleichend. Er sprang auf und hastete in sein Arbeitskabinett. Aber auch hier fand er keine Ruhe, sahen doch die Stellen, an denen einst die Bildnisse Lady Anns gehangen hatten, aus, als strahlten sie in hellem Licht. Mit den Worten: „Ich glaube, ich werde wahnsinnig“, sank Edward in seinen Sessel.
Erst zum Abendbrot wagte er sich aus dem Zimmer. Mit Dolch und Degen erschien er bei Tisch.
James schüttelte den Kopf. „Was wird das denn? Wollt Ihr in den Krieg ziehen? Waren nicht stets Eure eigenen Worte: Mordwaffen haben an der Tafel nichts zu suchen?“
„Die Zeiten ändern sich“, stieß Edward düster hervor.
„Von gestern auf heute? Ihr erstaunt mich.“ James spitzte die Lippen. Behauptete sein Vater doch sonst stets, seine Regeln seien für die Ewigkeit. Irgendetwas musste vorgefallen sein, das möglicherweise mit seinem Ausflug in den Wald zusammenhing.
Er wartete nur auf eine günstige Gelegenheit, die Fragen zu stellen, die ihm seit gestern im Kopf herumspukten.
Eine Magd legte ihm seine Lieblingsspeisen vor und schenkte aus einem Krug ein. Edward hob seinen Weinbecher und James dankte in gleicher Weise, wobei ein vorwitziger Abendsonnenstrahl genau den Siegelring traf und einen Lichtreflex durch den Saal huschen ließ.
Sir Edward stutze. Der Ring musste neu sein. Er konnte sich nicht erinnern, James jemals mit solch einem Schmuckstück gesehen zu haben.
„Was ist das?“, fragte er also mit seltsamer Betonung.
James zog den Ring ab. „Ein Liebespfand. Erkennt Ihr das Wappen?“
Sir Edward fiel der Weinbecher aus der Hand, dessen Inhalt sich als blutrote Lache auf dem Tisch verteilte. Dann sprang er auf und wich mit blankem Entsetzen im Blick bis an die Wand zurück.
„Ahhh, ich merke schon, Ihr kennt die Frau, die mir den Ring schenkte.“ James folgte ihm, um ihm das Wappen genau vor die Augen zu halten. „Was ist mit meiner Mutter geschehen?“
Edward konnte weder die Augen schließen, noch den Blick von dem Ring abwenden. Er rutschte mit dem Rücken an der Wand hinunter und sprudelte wie von Sinnen das Geständnis des Mordes heraus, ehe er bewusstlos zusammenbrach.
James ließ seinen Vater zu Bett bringen und schickte nach dem Arzt.
Dieser mühte sich redlich, aber ziemlich erfolglos. „Euern Vater hat ein starkes Nervenfieber befallen. Wir können nur warten und hoffen.“
Dass er, wie die meisten anderen, betete, die Krankheit möge den alten Whitecastle davonraffen, war dabei ein ziemlich offenes Geheimnis. James nahm es ihnen nicht einmal mehr übel.
Jedes Mal, wenn sich jemand mit einer Bitte an ihn, Sir James, gewandt und eine Zusage erhalten hatte, machte Edward dem Betreffenden das Leben danach umso schwerer.
James hatte für heute genug erfahren. Er packte Kleidung, diversen Kleinkram und Waffen zusammen, erleichterte die Vorratskammern um einige Spezialitäten und sattelte trotz der späten Stunde seinen Rappen.
Als Sir Edward nach Stunden wieder zu sich kam, hatte James die Burg, ohne das Ziel zu nennen, schon lange verlassen.
Sir Edward befahl auf der Stelle, die Burg in den Kriegszustand zu versetzen. Auf dem großen Hauptturm brachte man die Speerschleuder in Stellung, hinter jeder Schießscharte postierte er bis an die Zähne bewaffnete Söldner und die Torwachen an der Zugbrücke wurden verdoppelt. Zudem ließ er Tag und Nacht das Pech auf dem Wehrgang flüssig halten.


Lady Lilians Geheimnisse

In der sternenklaren lauen Sommernacht kam Sir James schnell voran. Der Mond stand als riesige silberne Scheibe am Himmel und schien einzig für ihn sein mildes Licht auf alle Wege zu senden.
Sogar die Irrlichter im Moor wirkten weniger beklemmend als sonst. Der Rappe lief ruhig und ausdauernd. James freute sich auf Lilian und das kleine gemütliche Haus, in dem er sich zum ersten Mal in seinem Leben wirklich frei gefühlt hatte.
Lilian hatte die abendliche Körperpflege beendet, den Staub des Tages aus dem langen Haar gebürstet und wollte gerade nach dem Öllämpchen fassen, als sie überrascht innehielt. Sie spürte eine liebevolle Wärme, die ihr bisher nur einer geben konnte – Sir James, der junge stattliche Ritter von Whitecastle.
Ungläubig lauschte sie in die Dunkelheit. Sie öffnete sogar die Tür, um, wie ein wildes Tier, in die Nacht zu wittern. Tatsächlich! Sie konnte James’ Ankunft deutlich spüren.
Eine Stunde später war es Gewissheit. Die Rüstung des nächtlichen Reiters blinkte am Rande der Lichtung im Mondlicht auf. Lilian eilte ihm entgegen und warf sich in seine Arme, kaum dass er vom Pferd gestiegen war.
„Ihr habt mir gefehlt“, verkündete sie im gleichen Augenblick, als er es sagte und brach, genau wie er, in fröhliches Lachen aus.
Gemeinsam rieben sie das schäumende Pferd trocken, versorgten es und trugen das Gepäck in Haus. Lilians Augen strahlten mit den Sternen und den Flämmchen der Öllämpchen um die Wette.
„Ihr seht glücklich aus“, stellte James amüsiert fest.
„Und das gebe ich auch noch gern zu“, erwiderte Lilian. „Ihr seid der erste Mann, der es geschafft hat, mir gleich an zwei aufeinanderfolgenden Tagen ein Lächeln ins Gesicht zu zaubern.“
„Oh, dann hoffe ich inständig, dass mir das noch viel öfter, am besten jeden Tag, gelingt“, wünschte sich James, sie zärtlich küssend.
Lilian schaute ihn mit großen Augen an. „Ihr habt vor, bei mir zu bleiben?“
„Das ist mein Plan. Es sei denn, er missfiele Euch.“
„Ganz und gar nicht! Im vollen Gegenteil!“ Sie wirbelte durch die kleine Küche, um Schinken und Wein auf den Tisch zu bringen. So gute Nachrichten mussten gefeiert werden.
„Dann bleibe ich also hier, bis Ihr mich mit Gewalt hinauswerft, mich der Befehl des Königs oder andere nicht vorhersehbare Widrigkeiten dazu zwingen.“
Lilian hob ihren Weinbecher. „Auf, dass man uns einfach in Ruhe und Frieden leben lasse!“
James nickte. „Auf Ruhe und Frieden!“
Nicht viel später kehrten die gewünschten Dinge auch im Haus ein. Es war für James ein anstrengender Tag gewesen. Lilian nahm es ihm nicht übel, dass er, nach kurzem aber heißem Liebesakt, einfach nur Haut an Haut mit ihr einschlafen wollte.
Die Tatsache, dass er, ohne einen Liebeszaubertrank erhalten zu haben, zu ihr zurückgekehrt war, machte sie glücklich.
Im Morgengrauen huschte sie aus dem Bett, ließ den Rappen auf die Lichtung, wo er nach Herzenslust weiden und galoppieren konnte. Dann widmete sie sich ihrem Tagewerk.
Als James die Treppe vom Oberstübchen herabstieg, duftete es nach Ölen, Essenzen und Salben. Einige Kräuter und deren Heilwirkung kannte er. Also blieb er stehen und schaute eine Weile interessiert zu.
„Ich lebe vom Verkauf und davon, damit Menschen und Vieh zu heilen“, erklärte Lilian, eifrig weiterarbeitend. „Auf dem Tisch steht Euer Frühstück.“
Der heiße Kräutertee schmeckte James vorzüglich. Er ließ seine Fingerspitzen über den Keramikbecher und die gehobelte Tischplatte gleiten.
„Woran denkt Ihr?“, fragte Lilian, die dies aus den Augenwinkeln beobachtet hatte.
„Daran, dass mir die Burg kein Stückchen fehlt“, gab er schmunzelnd bekannt. „Ihr müsst mir nur eine Aufgabe geben, damit ich mich nicht nutzlos fühle.“
„Dann zieht Ihr am besten los und erlegt einen Hirsch. Ich brauche dringend Leder. Und denkt daran, das einzig Gefährliche an und in diesem Wald bin ich.“ Sie blinzelte verschwörerisch.
„Wirklich? Als ich noch ein Knappe war, hörte ich auf einer Burg, man habe hier im Wald sogar einen Drachen gesehen.“
„Vor dem Ihr aber keine Furcht habt, weil Ihr sonst nicht mitten in der Nacht hierher geritten wärt …“, stellte Lilian in den Raum.
James schmunzelte. „Ich fürchte die unglaubliche Macht der Drachen, nicht sie selber. Wenn er mich nicht angreift, dann schwöre ich, ihn in Ruhe zu lassen. Ich sammle keine Jagdtrophäen.“
Lilian begann zu kichern. „Sehr schön, Ihr werdet Euch sicher gut mit ihm vertragen.“
„Es gibt ihn wirklich?“, staunte James. „Was ist es für einer? Kann er fliegen? Speit er Feuer?“
„Hört auf! Hört auf!“, lachte die Herrin des Waldes. „Mit solcher Begeisterung habe ich noch nie jemanden nach ihm fragen hören. Er kann fliegen und auch Feuer speien. Er ist kein Riese, aber groß genug, um Euch in voller Rüstung tragen zu können und ganze Heere in die Flucht zu schlagen.“
„Dann freue ich mich darauf, eines Tages im Guten Bekanntschaft mit ihm zu machen.“ James widmete sich seinem Teller. „Eine Frage habe ich doch noch: In welcher Himmelsrichtung lebt er? Ich möchte ihn nicht versehentlich belästigen. My home is my castle. Das gilt umso mehr, wenn es sich dabei um eine Drachenhöhle handelt.“
Lilian legte ihm beide Hände auf die Schultern und schaute ihm tief in die Augen. Darin stand tatsächlich die blanke Vorfreude, den Riesen eines Tages einfach nur anzuschauen.
„Ihr werdet ihn aus eigener Kraft nicht finden und demzufolge auch nicht belästigen. Wenn er es für richtig oder für nötig hält, werdet Ihr ihn sehen.“
„Das beruhigt mich.“ James gurtete Schwert, Dolch und Köcher um, dann schulterte er den Jagdbogen.
„Kein Brustharnisch?“, staunte Lilian.
„Nicht, wenn Ihr und der Drache die einzigen Gefahren hier seid.“ Ihr noch einen zärtlichen Kuss auf die Lippen hauchend, begab er sich auf die Pirsch.
Sie wartete noch ein paar Minuten, dann löschte sie alle Feuer im Haus, hüllte sich in einen hellen Umhang, der sie eins mit dem dicken Nebel scheinen ließ und folgte auf einem Wildwechsel James.
Sie staunte, dass er den geraden Weg aus dem Wald einschlug. Er ist ein guter Jäger, der ahnt, dass es hier im verwunschenen Wald kein jagdbares Wild gibt.
Es dauerte auch nur zwei Stunden, dann hatte der junge Ritter gefunden, was sein Herz begehrte. Auf einer Wiese standen mehrere Hirschkühe. Da keine Rede davon gewesen war, ein Geweih verarbeiten zu wollen, streckte er eines der Tiere mit einem Blattschuss nieder, um ihm lange Qualen zu ersparen.
Er wollte seiner Beute gerade die Läufe zusammenbinden, um sie besser schultern zu können, als es hinter ihm im Wald prasselte, als dränge sich etwas Gigantisches zwischen den Stämmen hindurch.
Erstaunt schaute er über seine Schulter, konnte aber nichts Ungewöhnliches entdecken. Vielleicht bahnte sich gerade der Drache einen Weg, um auch an die Hirsche zu kommen.
„Tut mir leid, ich habe einen Auftrag zu erfüllen. Außerdem war ich schneller“, murmelte James, sich den Hirsch auf die Schultern wuchtend. Dann verschwand er rasch im Wald und steuerte zielsicher auf die Lichtung zu. Natürlich blieb er immer wieder stehen und lauschte in alle Richtungen, sogar zu den Baumkronen hinauf. Womöglich kreiste der Drache irgendwo, um ihm das Wild abzujagen.
Allen Befürchtungen zum Trotz erreichte er unangefochten das Haus, vor dem er seine Last ablegte und: „Bin wieder da!“, rief.
„Ich auch!“, tönte es vom Waldrand, wo Lilian mit einem Körbchen voller Pilze nahte. Als sie den Hirsch begutachtete, sagte sie wie nebenbei: „Ihr habt Mut.“
James lachte. „Weil ich einen friedlichen Hirsch erlegt habe?“
„Nein, weil Ihr nicht geflohen seid, obwohl Ihr ahntet, dass der Drache in unmittelbarer Nähe war.“
„Woher wisst Ihr das?“ James schaute sie prüfend an.
Sie hielt ihm als Antwort den Pilzkorb unter die Nase.
James nahm einen heraus und blinzelte. „Die sehen nicht aus, wie schon vor zwei Stunden gesammelt.“
„Oh weh! Euch kann man wirklich nichts vormachen. Ich bin Euch hinterhergeschlichen, um zu sehen was passiert.“
„Ihr wusstet, dass der Drache kommen würde?“
„Hmm, hmm.“ Lilian schaute ihn schuldbewusst von unten herauf an.
„Habt Ihr so wenig Vertrauen zu mir?“
„Es tut mir leid. Es tut mir so wahnsinnig leid“, seufzte sie. „Ich bin so oft gerade von den Menschen betrogen worden, denen ich es nie zugetraut hätte.“
James atmete tief durch und begann den Hirsch aufzubrechen. Irgendwie konnte er sie schon verstehen. Sein Vater hatte sie auf bösartigste Weise verraten. Wie sollte sie sicher sein, dass er es nicht genau hielt.
„Ich möchte es wieder gutmachen“, flüsterte Lilian. „Ich weiß jetzt, dass ich niemandem stärker vertrauen kann als Euch. Ich möchte Euch etwas anvertrauen, selbst wenn mich das einmal Leben kosten könnte.“
James spülte sich das Blut von den Händen. „Seid Ihr sicher, dass ich der Richtige dazu bin?“
„Ganz sicher. Ruft bitte Euer Pferd und bringt es in den Stall. Dann stellt Ihr Euch genau wieder hier hin und schaut zu mir. Ich stelle mich inzwischen genau ins Zentrum der Lichtung ...“
„Wartet! Lasst den Unsinn! Wenn Ihr in einem Monat noch immer der gleichen Meinung über mich seid, dann bin ich gern bereit, Euch anzuhören.“ James schüttelte entschieden den Kopf und widmete sich dem Abhäuten des Hirsches.
Ihr seid, der Richtige! Lilian schlüpfte an ihm vorbei zur Tür hinein.
Diesmal wiegte James den Kopf eher amüsiert.
Lilian schaute nach dem Stand der Sonne und begann, das Mittagessen vorzubereiten. Sie hatte Freude daran, für zwei kochen zu dürfen, sie summte sogar ein Liedchen vor sich hin.
James erwischte sich dabei, dass er mitsummte. Er hielt kurz inne, zuckte mit den Schultern und stimmte wieder ein. Hier war er weder an des Königs Hof, noch an irgendeinem Ort, wo man peinlichst auf Etikette achten musste.
Zudem kannte er nicht eine Ritterregel, die ihm das Singen, Summen oder Pfeifen zum eigenen Zeitvertreib verbot.
Und ich verbiete es Euch erst recht nicht, hörte er Lilians Stimme in seinem Kopf.
Die Hausherrin schaute Augenblicke später zur Tür heraus und rief zu Tisch. Das Omelett mit frischen Pilzen und Kräutern schmeckte vorzüglich. Timothy, der Koch Sir Edwards, hätte es nicht besser machen können.
Wenn es sich James recht überlegte, war das Einzige, was ihm hier fehlte, ein Partner für das Kampftraining. Ansonsten vermisste er nichts aus seinem alten Leben.
„Ihr werdet heute Nachmittag gegen mich antreten“, ließ sich Lilian vernehmen, die wohl schon wieder seine Gedanken gelesen hatte. „Ich kenne die Regeln und werde sie einhalten. Kommt auch bloß nicht auf die alberne Idee, mich schonen zu wollen! In einem ehrlichen Turnier kann ich mich ganz auf mich selbst konzentrieren.“
„Ganz wie Ihr wünscht, meine schöne Herrin.“ James zog unter einer Verbeugung sein Barett.
Lilian schmunzelte. „Zuvor lasse ich Euch aber den Sieg beim Kampf zwischen den Kissen.“
„Ein faires Angebot“, lachte James, sie auf der Stelle ins Schlafkämmerchen tragend.
Auch die Annehmlichkeiten einer ausgiebigen gemeinsamen Mittagsruhe genoss er so intensiv wie Lilian.
„Lebt Ihr wirklich schon seit über 20 Jahren ganz allein in diesem Wald?“, fragte er beim Anziehen.
„Ja. Aber ich habe die Jahre nicht gezählt.“
„Und Ihr habt alle Männer getötet, die sich hierher gewagt haben?“
Lilian schüttelte heftig den Kopf. „Das ist ein ganz typisches Hexenmärchen. Ich habe fast alle unbehelligt ziehen lassen und die, die hier den Tod fanden, die hatten ihn verdient. Es waren ausnahmslos jene, die versucht hatten, mir Gewalt anzutun.
Ganz nach dem Grundsatz: Hier wird dein Schreien keiner hören. Ihr Schreien hat dann wirklich keiner gehört, als das zarte wehrlose Mädchen zu einer gnadenlos zuschlagenden Bestie wurde.“
James zog sie tröstend an seine Brust. „Wenn ich irgendwann einmal Herr über Whitecastle sein werde, nehme ich Euch mit auf meine Burg und mache Euch zu meinem Weib, wenn Ihr nichts dagegen habt.
Aber mir geht es wie Euch, ich suche nicht von mir aus nach Streit. Ich werde abwarten, wie mein Vater darauf reagiert, dass ich ihm ohne Worte den Rücken gekehrt habe.
Enterbt er mich, dann werde ich mich mit allen Mitteln wehren. Selbst, wenn ich dafür die ganze Bauernschaft gegen ihn aufbringen muss. Sie werden mir ihre Hilfe ganz sicher nicht versagen.“
„Ihr habt mein Wort, dass ich Euch dabei unterstützen werde. In welcher Gestalt auch immer.“ Lilian streichelte den Siegelring an seinem Finger. „Reibt ihn kräftig, wenn Ihr jemals wirklich in der Klemme stecken solltet. Ich werde spüren, dass Ihr mich braucht.“
„Und was sagt Ihr zu meinem Vorhaben, Euch heiraten zu wollen?“
„Ja, ja und nochmals ja!“ Sie hauchte ihm einen Kuss auf die Lippen.
Nur kam sie nicht dazu, ihn aufzufordern, nun für das Training seine Rüstung anzulegen. Ein lauschender Zug legte sich auf ihr Gesicht, dann wurde sie blass. „Euer Vater will meinen Wald niederbrennen!“
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