Das Sturmtief
Das infernalische Krachen eines Blitzeinschlags in die Kiefer direkt hinter dem Haus riss Svea aus dem Schlaf. Mit einem Satz war sie aus dem Bett. Ehe sie auch nur einen einzigen klaren Gedanken fassen konnte, flogen ihr Trümmerteile um die Ohren. Die Naturgewalt hatte den dicken Stamm im Bruchteil eines Wimpernschlags zerfetzt, die Krone des fallenden Baumes hatte das Reetdach durchschlagen und die Mauer eingedrückt, Ziegelsteinbrocken flogen umher.
Svea hatte nicht den Funken einer Chance. Von einem Stück Mauerstein an der Schläfe getroffen, explodierte eine Supernova in ihrem Kopf, dann versank alles in tiefster Schwärze. Bewusstlos fiel sie zurück auf das Bett.
Irgendwann wurde es wieder hell, eigentlich zu hell, das Licht blendete sie trotz geschlossener Augen. Zudem hämmerte es hinter ihren Schläfen, als baue eine ganze Schar Zwerge Erz in einer Mine ab.
„Ahhh, die Lebensgeister scheinen wiederzukehren“, hörte sie eine männliche Stimme sagen, worauf eine weibliche Stimme antwortete: „Nach fast anderthalb Tagen wird es ja auch langsam Zeit.“
Schließlich wandte sich die männliche Stimme Svea direkt zu. „Können Sie mich hören?“
Svea glaubte zu nicken.
„Sieht nicht so aus“, flüsterte die Frau.
„Abwarten“, erwiderte der Mann. „Versuchen Sie bitte, die Augen zu öffnen.“
Beim dritten Versuch gelang es Svea, obwohl die Lider nur Spaltbreite zuließen.
„Hervorragend! Ich bin Doktor Ahrens.“
„Angenehm. Svea Petersen“, hauchte Svea mühsam, denn das ganze Gesicht schmerzte.
„Na, da haben wir ja nun schon etwas mehr als nur Geschlecht, Körpergröße und Gewicht“, schmunzelte der Doktor.
„Ist das hier ein Krankenhaus? Was ist geschehen?“, fragte Svea irritiert, die kahlen weißen Wände und die Decke musternd, soweit sie die Augen verdrehen konnte, denn der restliche Körper reagierte auf gar nichts.
„Ihr Nachbar hat sie während des Gewitterinfernos vorgestern aus den Trümmern Ihres Hauses gezogen und den Notdienst alarmiert. Der Krankenwagen hat Sie direkt hier nach Bergen in die Notaufnahme gebracht. Sie haben mehr als einen ganzen Tag im Koma gelegen.“
„Nachbar?“, staunte Svea. „Ich habe keine Nachbarn. Mein Haus steht mutterseelenallein auf weiter Flur.“
Jetzt war es an Dr. Ahrens, erstaunt zu schauen. „Henner Jansen ist nicht Ihr Nachbar?“
„Nie gehört“, erklärte Svea mit matter Stimme. „Aber ich bin ihm sehr dankbar, wer immer er auch sein mag.“
Der Doktor warf der Schwester einen fragenden Blick zu.
„Es ist nichts über ihn vermerkt, außer dem Namen“, gab sie bekannt, eifrig in den wenigen Unterlagen zum Fall der Verunglückten blätternd. „Er hat dem Rettungsdienst aber Ihr Handy mitgegeben.“
Svea versuchte zu lächeln. „Falls der Akku dazu bereit ist, kann ich Ihnen noch mehr, als meinen Namen verraten. Sie werden ja sicher Krankenkasse und Versicherungsnummer haben wollen.“
„Das ist allerdings wahr. Der Amtsschimmel scharrt schon recht ungeduldig mit den Hufen“, witzelte Dr. Ahrens. „Aber ruhen Sie erst ein wenig. Ich komme heute Nachmittag wieder. Bis dahin überlasse ich Sie der Obhut von Schwester Bärbel.“
Schwester Bärbel stellte das Kopfteil des Bettes hoch, um Svea in halb sitzende Position zu bringen, dann setzte sie ihr die bereitstehende Schnabeltasse an die völlig ausgetrockneten Lippen.
„Oh, das tut gut“, seufzte Svea, nebenbei ihre Arme und Hände taxierend. Bandagiert wie eine Mumie. Nur in blütenweiß. „Damit sieht es wohl schlecht für Daten aus dem Smartphone aus“, überlegte sie laut.
„Touchpen“, meinte die Schwester.
„Touchpen!“, gab Svea amüsiert zurück und wollte im nächsten Augenblick wissen: „Bin ich komplett eingewickelt?“
„Zu 60 Prozent“, seufzte Schwester Bärbel. „Ein grenzt an ein sehr großes Wunder, dass Sie das Unglück so gut überstanden haben.“
„Ich kann mich absolut nicht daran erinnern, was sich zugetragen hat“, klagte Svea.
„Im Bericht steht, dass Sie vom einstürzenden Dach Ihres Hauses begraben wurden“, verriet die Schwester.
Svea zog die Stirn kraus. „Warum sollte mein Dach einfach einstürzen?“
„Blitzschlag.“
Svea zuckte zusammen. „Stimmt! Da war was! Aber wer hat das Feuer gelöscht?“
„Vielleicht Ihr Nachbar? Aber von einem Brand ist nirgends die Rede.“
„Ich habe keine Nachbarn“, wiederholte Svea zunehmend ärgerlich und schloss die Augen.
Schwester Bärbel erschrak, beruhigte sich aber schnell. Ihre Patientin war einfach nur völlig erschöpft eingeschlafen. Vielleicht erinnerte sie sich ja irgendwann auch wieder an Henner Jansen.
Mittags gelang es Svea trotz verbundener Hände, die Schnabeltasse mit der Gemüsebrühe allein zu fassen und genüsslich zu leeren. „Wird schon wieder!“, freute sie sich im Stillen und schob ein zufriedenes: „Geht doch!“, hinterher, als sie allein zur Toilette schlurfte. Die Folgen der Gehirnerschütterung hielten sich in halbwegs erträglichen Grenzen.
Die Mundwinkel wanderten ein ganzes Stück nach oben, als Dr. Ahrens am Nachmittag bekanntgab, dass sie zwar Quetschungen, Prellungen und Schürfwunden habe, aber keine Verrenkungen oder Knochenbrüche.
Das Handy gab die begehrten Daten preis und Svea wurde als Privatversicherte umgehend in ein Einzelzimmer verlegt, welches nicht so brutal steril wirkte.
Das Einzige, was ihr wirklich Sorgen machte, waren ihre Tasche und der Koffer, die irgendwo im Schutt liegen mussten, sowie das Auto, dessen Schlüssel ebenfalls in der Schultertasche steckte. Sie hoffte inständig, dass ihre Habe nicht in böswillige Hände fiel.
An diesem Punkt stutze sie. Ihr Smartphone hatte auch in der Schultertasche gesteckt. Und das war allein, ohne die Tasche mit den Papieren, hier im Krankenhaus gelandet. Wer, um alles in der Welt, mochte Henner Jansen sein?!
Svea setzte sich auf die Bettkante, um ihr Konto zu checken. Aufatmend stellte sie fest, dass es keinerlei Unregelmäßigkeiten erkennen ließ. Sie setzte aber den Tagesbetrag für Abhebungen und Zahlung auf 100 Euro herunter, um ganz sicherzugehen, denn eine Sperrung schien nicht vonnöten zu sein.
Sie begann, mit dem Touchpen Notizen für die Versicherung zu hinterlegen, nachdem sie kurze Mails an die jeweiligen Gesellschaften verfasst hatte.
Vier Tage später wurde Svea die ersten Verbände los und sie begann sich Sorgen zu machen, in welchem Aufzug sie am übernächsten Tag nach Hause kommen solle. Immerhin war sie halbtot und im Pyjama hier eingeliefert worden.
Sie wollte gerade eine Express-Bestellung direkt ins Krankenhaus ordern, als es an der Zimmertür klopfte. „Treten Sie ein!“, rief sie neugierig.
Henner Jansen
Den groß gewachsenen Mann, der daraufhin eintrat, verortete sie im allerersten Impuls ins Obdachlosenmilieu, obwohl er sich Mühe gegeben hatte, nicht völlig ungepflegt zu erscheinen. Er trug eine fleckige Schultertasche und einen verbeulten, stark zerkratzten Aluminiumkoffer bei sich. „Guten Tag!“, wünschte er mit überraschend angenehmer Stimme.
„Guten Tag!“, erwiderte Svea, ihn von Kopf bis Fuß musternd, wie er sie ebenfalls. „Sie wollen wirklich zu mir?“
„Ja. Ich dachte mir, Sie würden Kleidung und Ihre Papiere brauchen.“ Er stellte Koffer und Tasche neben den Tisch.
Erst jetzt erkannte Svea ihr Eigentum, das durch die Ereignisse, stark gelitten hatte.
„Setzen Sie sich!“, rief sie. „Ich nehme an, Sie sind Herr Jansen!“
„Der bin ich“, gab er nickend bekannt. „Ich freue mich sehr, dass es Ihnen wieder besser geht.“
Svea nahm seine Hand. „Dank Ihnen! Ich weiß gar nicht, wie ich das wiedergutmachen kann!“ Um gleich darauf zu fragen: „Sie wohnen wirklich in der Nachbarschaft?“
Herr Jansen schüttelte kaum merklich den Kopf, zog die Nase hoch, um dann fast flüsternd „nein“ zu sagen.
„Ein Geheimnis?“
„Ja.“ Er schaute ihr auffallend hilflos in die Augen. „Ich ... ich ... ich habe aber in den letzten Tagen ein bisschen aufgepasst, dass sich keiner an Ihrem Auto und dem Haus zu schaffen machte. Ich hatte gesehen, wie sie den Koffer aus dem Auto genommen haben und dachte, er müsse Kleidung enthalten, die Sie hier sicher brauchen werden.“
...