Leseproben‎ > ‎

Das Geheimnis des Aurëus


(Teil 2 zum Roman)
...
Marc und Thomas bereiteten den Grill vor, das heißt, sie stapelten die großen Steine der Feuerstelle um, damit man mehrere Grillspieße in Form alter Lanzen nebeneinander legen konnte. Martha schnitt mit den Elfen Früchte für einen schmackhaften Obstsalat, dem die Männer sicher auch reichlich zusprechen würden. Die Freude über die ungewöhnliche Arbeit in einer Drachenhöhle zauberte ein glückliches Lächeln auf ihr Gesicht.
„Das ist wie Campingurlaub, nur noch viel, viel aufregender“, versuchte sie zu erklären. „Auf dem Zeltplatz habe ich zumindest noch keine Drachen und Nixen getroffen.“
„Vielleicht hast du sie nur nicht erkannt?“ Stella blinzelte den anderen zu.
Martha schaute ihre Enkelin groß an. „Meinst du?“
Stella lachte. „Das sollte ein Scherz sein.“ Sie drückte ihre Großmutter, um Verzeihung bittend.
Martha erwiderte die Umarmung. „Seit ich euch kenne, bin ich nie so ganz sicher, wen ich unterwegs vor mit habe. Bei jedem Punker überlege ich, ob er ein Drache sein könnte, der nur mal kurz in unserer Welt wandelt. Manche Menschen sehen eben zu exotisch aus.“
„Ja das ist wohl wahr“, lachte Galantha. „Aber genau das ist unser Glück, wir finden immer eine passende Erklärung für unser etwas Anderssein.“
„Ich möchte auch die Welt hinter dem Tor sehen“, seufzte Diandra. „Aber mit dem da…“, sie deutete auf ihren Fischschwanz, „…dürfte das kaum möglich sein.“
„Möglich schon, aber extrem gefährlich“, erwiderte Marc. „Du müsstest entweder im Haus bleiben oder ständig damit rechnen, dass man dich wie ein Wundertier einsperren und mit dir herumexperimentieren würde, so man dich zwischen die Finger bekäme.“
Diandra schaute Marc entsetzt an. „Dann bleibe ich lieber hier. Sind Menschen wirklich so böse?“
Aurëus hob die Schultern. „Wirklich böse sind wenige. Die Dummheit ist das schlimmste Übel. Die Menschen zerstören vieles, weil sie es nicht begreifen können und denken, wenn man es in kleine Scheibchen zerlegt würde der Blick klarer werden. Solche, wie die vier hier, musst du allerdings schon fast mit der Lupe suchen. Ich habe während meiner langen, langen Zeit in ihrer Stadt nur Tina, Mario und Luigi getroffen, denen man ähnlich vertrauen kann.“
Stella überlief ein Frösteln. „Ich erinnere mich an unseren Tag im Zoo. Da hat Vater gesagt, dass man die Drachen vermutlich auch in große Käfige sperren würde.“ Sie streichelte die beiden. „Ein furchtbarer Gedanke! Mutter und ich könnten den Menschen wenigstens noch die Sinne vernebeln, um zu entkommen. Hier akzeptiert man, dass es Wesen aus anderen Welten gibt, die ab und zu auf der Durchreise sind. Bei den Menschen gilt deren und damit unsere Existenz als Hirngespinst. Wir sind Märchenfiguren auf dem Papier, mit denen man Kinder unterhält.“
„Jetzt verstehe ich, warum unsere Welt fast vernichtet worden wäre“, murmelte die Nixe mit zusammengezogenen Augenbrauen. „Das hängt mit dem kurzen Leben der Menschen zusammen. Die Kinder werden groß und wollen andere Geschichten hören, die sie dann wieder ihren Kindern erzählen und nach ein paar Generationen sind Nixen, Drachen, Elfen, Einhörner, Zauberer und alle anderen Wesen vergessen, weil es unsere Geschichten gar nicht mehr gibt.“
„Es sei denn die Kinder hießen Alfons, Marc und Thomas und würden auf das pfeifen was andere sagen“, ergänzte Aurëus lächelnd.
„Genau!“, rief Diandra überschwänglich. „Und deshalb müsst ihr das Kraut des Lebens finden, damit Alfons und Martha bis in alle Ewigkeiten mithelfen können, die Erinnerung an unsere Welt zu bewahren.“
Bromer küsste sie auf die Nasenspitze. „Wir werden uns Mühe geben.“
„Gibt es hier eigentlich Vampire?“, fragte Thomas plötzlich.
„Was für Dinger?“ Die Drachen und auch Diandra schauten verständnislos.
„Ich glaube, diese Blicke sind schon die Antwort“, kicherte Thomas. Dann erklärte er: „Das sind Untote, die ihren Opfern in den Hals beißen, ihnen das Blut aussaugen und sie so wieder zu Untoten zu machen, die dasselbe tun.“
„Untote?“ Pyron zog ein angewidertes Gesicht. „Klingt ja eklig. Wenn man versehentlich so einen frisst, verdirbt man sich garantiert den Magen. Glücklicherweise habe ich davon noch nie etwas gesehen oder gehört.“
„Wenn ein Drache das sagt, dann muss was Wahres dran sein“, amüsierte sich Marc. „Es ist jedenfalls sehr beruhigend, dass deren Dimension keine Berührungspunkte mit der euren hat.“
„Wie sehen die aus?“, wollte Diandra nun ganz genau wissen.
Thomas beschrieb ihr Dracula in den finstersten Farben.
„Hör auf! Davon bekomme ich heute Nacht sicher Albträume!“ Die Nixe schüttelte sich.
„Keine Sorge, die mögen keine Gewässer, besonders fließende nicht“, setzte Thomas nach.
„Sehr beruhigend.“
Pyron betrachtete amüsiert seine dunklen Flughäute. „Also, wenn hier irgendeiner rumflattert und wie eine schwarze Fledermaus aussieht, dann bin ich das, damit das klar ist!“
„Ach ja, Feuer mögen die auch nicht“, rief Thomas grinsend in die Lachsalven der anderen.
„Pyron und Thomas, das ist genau das richtige Gespann für Situationskomik. Ich habe noch nie gelesen, dass Drachen eine Ader für Humor haben“, sagte Alfons.
„Liegt vielleicht daran, dass keiner lange genug lebte, um einen Drachen wirklich kennen zu lernen“, versuchte Pyron zu erklären. „Ich habe ja früher auch alle geröstet, die nicht schnell genug verschwunden waren.“
„Hm, das ist ein stichhaltiges Argument“, erwiderte Alfons. „Sogar eines, das ich voll gelten lasse. Ich würde auch einen Knüppel zücken, wenn ein Fremder ungebeten durch mein Haus schliche.“
Inzwischen waren die ersten Fische gar. Marc löste geschickt die Gräten heraus und teilte sofort gerecht an alle aus. Die Drachen nahmen sich je einen großen Hecht, neben den Abfällen, die die anderen nicht mochten.
„Lieber ein kleiner ganz toter Fisch, als ein großer untoter Vampir“, murmelte Pyron und leckte sich das Maul.
„Oh je! Da hat Thomas wieder etwas angerichtet!“ seufzte Galantha mit lustig verdrehten Augen. „Das erinnert mich stark an unseren Indianerabend.“
Pyron kicherte und blies Rauchringe in die Luft.
Aurëus stutzte. „Jetzt verstehe ich die Sache mit dem Traumfänger. Hab mich gewundert, wieso um alles in der Welt, so ein filigranes Knüpfwerk in einer Drachenhöhle hängt.“
Pyron grinste den Zauberer harmlos an. „Ein Drache von Welt muss schließlich wissen, dass nicht alles, was Federn auf dem Kopf trägt, auch ein Vogel sein muss.“
Das ohrenbetäubende Gelächter der Feiernden war mindestens bis zum Nixensee zu hören.
„Ich schmeiß mich weg!!!“ Thomas klopfte sich wiehernd auf die Schenkel. „Und da sagt ihr, ich hätte ulkige Sprüche drauf!“
Bromer und Diandra schauten von einem zum anderen. „Verrückte Bande“, murmelten sie gleichzeitig, worauf das Gelächter erneut aufflammte.
...
Comments