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Amy - Gefangen zwischen Raum und Zeit

Seit 01.06.14 im Handel.

...

Abends saßen beide Familien auf der Terrasse und grillten. John, inzwischen 87 Jahre alt, wurde von den drei Frauen besonders verwöhnt, obwohl er recht fit war und man ihn noch immer locker 20 Jahre jünger schätzen konnte.

Amy hing sehr an ihm, denn er hatte ihr stets jeden noch so skurrilen Wunsch erfüllt. Dabei war sie weit davon entfernt, eine verwöhnte Göre zu sein.

Sie studierte emsig, um einmal in seine Fußstapfen treten zu können, während sich Thomas zur Zoologie hingezogen fühlte, nebenbei aber eifrig botanisch tätig war wie sein Vater.

Die Mütter wunderten sich nicht, wenn die Kinder stundenlang mit im Labor hockten und grandiose Dinge erforschten. Die Väter integrierten die beiden schon jetzt fest in ihre Forschungsprogramme.

Auf irgendeine Weise waren Thomas und Amy auch unzertrennlich, ohne stets auf einem gemeinsamen Fleck zu hocken. So auch jetzt. Amy verließ kurz den Grillplatz, um zur Toilette zu gehen, Thomas holte Getränkenachschub aus dem Keller. In der großen Halle der Villa trafen sie aufeinander. Thomas setzte den Kasten ab.

Amy strich mit dem Zeigefinger über Thomas’ Arm. „Ich hatte heute wahnsinnige Angst um dich.“

„Es war in der Tat haarscharf“, gab er zu. „Ohne dich hätte ich echt alt ausgesehen.“

„Bin gespannt, wie du mich wieder besänftigen willst“, seufzte Amy.

„Ich habe eine Idee, die ich sofort in die Tat umsetzen werde, selbst wenn du mir dafür eine runterhaust.“ Er umfasste mit beiden Händen ihren knackigen Hintern, zog sie einfach an seine Brust und küsste sie.

Der erschreckten, aber halbherzigen Abwehrbewegung folgten ein hingebungsvolles Ankuscheln und die Erwiderung der heißen Offerte.

Sie merkten es nicht einmal, dass Thomas’ Vater hereinkam, erstaunt stehen blieb und beinahe auf Zehenspitzen wieder davonschlich. Die anderen schauten ihn fragend an, als er ohne die jungen Leute und ohne Getränke zurückkam.

„Pssst“, machte er. „Sie sind so miteinander beschäftigt, dass ich fluchtartig das Weite gesucht habe.“

„Wie?“, fragte Emilia verblüfft. „Bisher wären sie mit ihrem ganzen Verhalten glatt als Geschwister durchgegangen.“

„Bis der Blitz wohl gerade eben aus heiterem Himmel zugeschlagen hat“, schmunzelte Kara.

John hob die Schultern. „Ich hab nichts dagegen. Ich werde es Amy auch nicht ausreden, wenn sie auf noch engere Tuchfühlung gehen möchte. Ich bin glücklich, wenn die beiden zusammen Spaß haben.“

„Das sehe ich genau so“, blinzelte Andreas. „Deshalb bin ich sofort ungesehen verschwunden. Die beiden sind 20 und damit wahrlich alt genug, um zu wissen, was sie tun.“

Da nahten Amy und Thomas auch schon, mit unübersehbarem Glanz in den Augen.

„Ging nicht eher“, schmunzelte Thomas, die Flaschen auf den Tisch stellend. „Mir ist eine unaufschiebbare Sache mit höchster Dringlichkeitsstufe dazwischengekommen.“

„Und um diplomatische Verwicklungen zu verhindern, hat er sich entschlossen, die Getränkelieferung geringfügig später einzutakten.“ Amy sortierte das Leergut in den freien Kasten.

„Ah, ja!“ Die beiden Elternpaare warfen sich amüsierte Blicke zu.

„Zu meiner Zeit nannte man das noch erste Romanze“, schmunzelte John. „Und wenn es der Geldbeutel hergab, war ein Blumenstrauß fällig.“

Amy warf Thomas einen irritierten Blick zu. Woher wusste ihr Vater nur, was gerade geschehen war?

Doch Thomas tat, als bemerke er das nicht. Er pflückte eine Rose, ging vor Amy auf die Knie und reichte sie ihr mit den theatralischen Worten: „Holde Maid, nimm die Rose zum Zeichen meiner Liebe und schenke mir deine Gunst.“

Amys Augen blitzten, als sie die Rose entgegennahm. „Erhebe dich edler Recke und gewähre mir Schutz und Wärme unter deinem Umhang. Oder war’s die Bettdecke? Na egal. Ach, jetzt ist der Text wieder da! In deinen Armen.“

Die letzten Worte gingen im Gelächter der anderen unter.

„Klare Ansage“, kicherte Emilia.

Kara wischte sich Tränen aus den Augen.

Thomas grinste breit. „Ich fange am besten mit den Armen an, steigere mich bis zum Umhang, um dann ganz eindeutig die Bettdecke anzuvisieren.“

Amy fiel in das allgemeine Gekicher ein. Die Katze war aus dem Sack und niemand hob mahnend den Zeigefinger. Auch, als sie sich etwas später auf der Bank an Thomas kuschelte, schaute niemand pikiert.

„Wir begrüßen es voll und ganz“, verriet Kara. „Inzwischen ist es ja allgemein bekannt, dass ich nicht wirklich mit John verwandt bin und er mich als Enkelin adoptiert hat. Euch stehen also alle Wege offen.“

„Apropos alle Wege offen – gibt es schon Daten über den Dachs?“, hakte Amy sofort ein.

Andreas Winkler nickte. „Ich will aber morgen noch mehr Tests machen, um ganz sicher zu sein. Der Erste besagte, dass das Tier tatsächlich aus einer anderen Zeit stammt.“

„Oh, Shit!“ Thomas wurde blass. „Dann könnte theoretisch hier noch anderes Viehzeug aufkreuzen oder sogar schon herumlaufen.“

„Das befürchte ich auch“, murmelte Vater Winkler.

Thomas nahm Amys Hand. „Auf diesem Stück Land, außerhalb des Hauses, keinen Schritt mehr ohne mich! Falls wieder eine Zeitverschiebung eintritt, wie sie mein Vater erlebt hat, dann will ich wenigstens an deiner Seite sein.“

„Ich schwöre es“, hauchte Amy etwas ängstlich, wobei sie beinahe unbewusst Thomas’ ziemlich ausgeprägtes Sixpack streichelte. Er wäre ganz sicher in der Lage, sie vor allem Möglichen zu beschützen.

Immerhin hatte er erst kürzlich bei den Jugendlandesmeisterschaften im Kung-Fu den vierten Platz von fast 200 Teilnehmern belegt. Den Kraftraum im Keller, sehr zutreffend Folterkammer genannt, nutzte er mehrmals die Woche zusätzlich.

Zudem war er handwerklich genau so begabt wie sein Vater und machte aus den unmöglichsten Abfällen nützliche Dinge.

„Das trifft übrigens auch auf alle anderen zu“, präzisierte Vater Winkler. „Ab sofort gehen bitte alle nur zu zweit aus dem Haus.“

Karas Blick trübte sich. „Ich will nicht mehr in die alte Welt zurück.“

Andreas nahm sie tröstend in den Arm. John zog sein Handy aus der Tasche, schaute ihn fest an und wählte eine Nummer. Nach dem vierten Rufton meldete sich jemand.

„Grüß dich, Riley. Hier brennt die Luft. Wenn du es einrichten kannst, dann bring mir gleich morgen früh deinen Prototyp rüber.“ „Ja, ja, ich kenne die Risiken. Aber lieber die, als das, was jetzt passieren könnte.“ „Klappt? Na bestens! Bis morgen.“

Unglauben in Andreas’ Gesicht, Fragen bei den anderen.

„Es handelt sich um den voll funktionsfähigen Erstling eines Gerätes, mit dem Zeitverschiebungen kompensiert, aber auch simuliert werden können“, erklärte Andreas schließlich, weil John keine Anstalten dazu machte.

„Ein transportables Portal, wenn ich das jetzt richtig interpretiere“, sagte Thomas mehr zu sich selbst.

John nickte. „Das ist korrekt.“

„Und das soll wirklich funktionieren?“, flüsterte Amy mit großen Augen.

„Bei 95 Prozent der bisher getesteten Fälle hat es genau das getan, was es sollte“, ließ sich John vernehmen.

„Und die restlichen fünf Prozent?“

„Sind unkalkulierbares Risiko.“

Thomas schnaufte. „Ich weiß echt nicht, ob ich nun lachen oder heulen soll.“

„Wir auch nicht“, gab Andreas zu, nachdem er mit John einen kurzen Blick gewechselt hatte.

„Seit wann arbeitet ihr daran?“

„Seit über 20 Jahren. Der Durchbruch kam vor drei Jahren, als wir das erste Mal ein Zeitfenster öffnen und mehrere Insekten hierher holen konnten.“

Thomas schüttelte erstaunt den Kopf. „Woher?“

John atmete tief ein. „Aus einer ziemlich weit entfernten Zukunft.“

„Wo habt ihr die?“, fragte Amy sofort.

„Nicht im Institut“, entgegnete John ausweichend.

Amy sprang auf. „Die sind doch nicht etwa hier im Haus???“

Ihr Vater nickte sehr vorsichtig.

„Ich will sie sehen!“

„Ich auch!“, rief Thomas sofort.

„Wir wollen auch mit!“ Kara zeigte auf Emilia und sich.

Andreas seufzte. „Dann bleibt uns ja nichts anderes übrig, als euch die Krabbler zu zeigen. Morgen, bevor Riley kommt.“

Aufgrund der vorgerückten Stunde beendeten die beiden Familien den Grillabend. Thomas und Amy brachten den Servierwagen und die Getränkekiste ins Haus.

Thomas zog, kaum dass sich die Küchentür geschlossen hatte, Amy an sich. „Ich hab verdammte Lust auf andere Sachen, als jetzt ganz brav allein ins Bett zu gehen.“ Seine Hände glitten unter ihren Pullover und modellierten die festen Brüste nach.

„Ich hätte auch nichts gegen eine andere Nachtgestaltung“, flüsterte sie.

Kara klopfte vorsichtshalber an, ehe sie herein kam. Lächelnd hielt sie einen Moment inne. „Lasst euch nicht stören.“

Die jungen Leute schmunzelten.

„Das ist eine echte Option“, meinte Thomas. „Ich bin morgen pünktlich zum Frühstück am Tisch.“

Kara lachte fröhlich. „Okay. Dann weiß ich zumindest, dass ich keine Vermisstenmeldung aufgeben muss, wenn dein Zimmer heute leer bleibt.“ Sie blinzelte beiden zu und verschwand.

Emilia sah Thomas mit zur Tür hereinkommen und war ebenfalls sofort im Bilde. Unwahrscheinlich, dass die beiden jetzt noch Musik hören wollten.

Sie brauchte sich also nicht zu wundern, wenn morgens plötzlich Handtücher im Gästebad auftauchten. Amy zog Thomas in ihr Schlafzimmer und schloss ab.

„Ich habe keinen Gummi dabei“, gestand Thomas.

Amy kicherte. „Wäre ja auch nicht normal.“

„Stimmt. Der ganze Abend ist alles andere als gewöhnlich“, gab Thomas zu. „Ich kann nur nicht garantieren, dass ich mich wirklich im Griff behalte und wenn, dass nicht trotzdem was passiert.“

„Eigentlich sollten die fruchtbaren Tage noch nicht eingesetzt haben“, erklärte Amy, genießend, wie er ihr Pullover und Jeans abstreifte.

„Und uneigentlich?“

„Werden wir es merken.“

„Tolle Aussichten.“ Thomas schlüpfte aus seiner Kleidung, ohne jedoch die Pants abzulegen.

Amy öffnete ihren BH-Verschluss und fasste nach dem Slip.

„Der bleibt an“, forderte Thomas.

Sie schluckte. „Meinst du das ernst?“

„Todernst, auch wenn ich mich am liebsten völlig zügellos auf dich stürzen würde.“

Amy nahm sein Gesicht in beide Hände. „Selbst, wenn wir noch drei Tage als Sicherheit drauf rechnen, kann nichts passieren. So lange bleibt kein Spermium befruchtungsfähig.“

Dann ließ sie ihre Fingerspitzen langsam über seinen Rücken gleiten, erwischte den Bund der Hose und zog sie ihm einfach aus.

An diesem Punkt übernahm Thomas die Initiative. Er zündete die drei kleinen Kerzen auf dem Tischchen an, löschte die Nachttischlampe und begann genüsslich, Zentimeter für Zentimeter Amys Körper zu erkunden. Wann und wodurch ihr Slip abhandengekommen war, konnten sich beide kurz darauf nicht mehr erinnern.

„Jetzt kann ich endlich den Fressrausch der Haie verstehen“, flüsterte ihr Thomas ins Ohr, weit davon entfernt, seine Position zwischen ihren Schenkeln aufgeben zu wollen.

Amy begann, amüsiert zu kichern. „Guter Vergleich, die haben auch sehr kräftige Schwänze.“

„Ich liebe Komplimente“, schmunzelte Thomas.

„Dann mach mir noch einmal den Hai.“ Amy zog ihn fest an sich und er erfüllte die Bitte nur zu gern.

Kurz vor dem Morgengrauen hauchte er ihr einen Abschiedskuss auf die Lippen. Beinahe lautlos öffnete und schloss er die Türen, als er in seine Zimmer schlich, um noch eine halbe Stunde Schlaf nachzuholen, ehe der Wecker klingeln werde.

„Was? Schon wach?“, staunte Andreas, als er etwas später Thomas den Tisch decken sah. „Oder hast du gleich durchgemacht?“

„Schon wach“, entgegnete Thomas lächelnd. „Du weißt ja, dass ich durchaus zwei, drei Tage ohne, oder mit sehr wenig Schlaf auskomme.“

Amy hingegen wurde erst beim Duschen munter. Dann saß sie so verträumt und selig lächelnd am Tisch, dass sich John und Emilia amüsierte Blicke zuwarfen. Thomas schien mit sehr überzeugenden körperlichen Argumenten aufgewartet zu haben. Seine absolut durchtrainierten Muskeln waren da sicher nur Nebensache gewesen.

„Vaters Erbteil“, witzelte John, der sich lebhaft erinnerte, dass Kara nie ein Geheimnis darum gemacht hatte, warum Andreas für sie der Mann überhaupt war.

Amy grinste breit und hüllte sich in Schweigen, das beinahe noch mehr sagte, als viele Worte. Dann hob sie den Kopf. „Äh, Daddy, hast du einen heißen Verhütungstipp für uns?“

John lachte. „Sicher hab ich das. Inzwischen gibt es eine Pille, die praktisch keine Nebenwirkungen hat. Nicht ganz preiswert, aber echt genial.“

„Interessant!“, rief Amy. „Kommst du ran?“

„Na logisch!“ John zückte das Handy. „Grüß dich, Riley! Bring dann bitte zwei Packungen Xaron 4000 mit! Auf Privatrechnung! Okay! Danke!“

„Und wie hoch ist die?“, fragte Amy vorsichtig.

„2.500“, entgegnete ihr Vater, sich noch ein Sandwich nehmend.

„Heiliger Strohsack!“

John schaute die vergnügt lächelnde Emilia an, zuckte mit den Schultern, dann aß er seelenruhig weiter.

Amy beeilte sich nach dem Frühstück, das Geschirr in die Küche zu tragen, um anschließend ganz pünktlich mit allen anderen hinunter ins Labor zu gehen.

Andreas öffnete ihnen die Tür zum Hochsicherheitsraum. Sie passierten die Luftschleuse und blieben erschüttert stehen.

„Oh, mein Gott“, hauchte Kara.

Amy klammerte sich ängstlich an Thomas. Emilia machte einen Satz zurück und wäre am liebsten geflohen. Mit dem Rücken an der Tür blieb sie wie erstarrt stehen und beobachtete aus unnatürlich großen Augen das, was John und Andreas als Insekten bezeichnet hatten. Alle hatten mit irgendwelchen maikäfergroßen Tieren gerechnet, aber keinesfalls mit dem, was sich hier hinter Panzerglas bewegte.

„Wie groß sind die?“, fragte Thomas schließlich.

„Der Größte und Aggressivste ist über einen halben Meter lang“, antwortete John. „Er hat sich sofort auf seine Artgenossen gestürzt, sodass wir ihn separieren mussten.“

„Falls es wirklich Artgenossen sind“, warf John ein. „Sie sehen zwar alle fast gleich aus, aber das will nichts heißen.“

„Und die sind wirklich aus der Zukunft?“ Amy trat näher an das Terrarium heran. Sofort versammelten sich die metallisch grün glänzenden Monster an genau dieser Stelle. Amy schüttelte sich angewidert. „Ich fühle mich beobachtet.“

Andreas nickte. „Das tun sie in der Tat. Für einen Happen in deiner Größe brauchen sie übrigens nur wenige Minuten.“

Kara lief ein eisiger Schauer über den Rücken und sie zog es vor, sich zu Emilia an die Tür zu flüchten.

„Hat die Größe eine natürliche Ursache?“, hakte Thomas ein und taxierte den Käfer genau vor sich, der aufgeregt mit seinen Mundwerkzeugen zuckte.

John atmete durch. „Definitiv nicht. Diese acht Exemplare sind atomar verseucht, wenn auch nur äußerst gering und gerade noch messbar.“

„Ich möchte raus“, bat Emilia und Kara nickte heftig.

Andreas öffnete ihnen die Schleuse. Beide Frauen atmeten erst auf, als sie den Labortrakt verlassen hatten.

„Ab sofort stecke ich mein großes Messer auch im Haus ein“, schwor Kara. „Das sind gefräßige Ungeheuer! Dabei erinnern sie mich irgendwie an die Minzekäfer, die ich früher immer ins Feuer geworfen habe. Aber die waren nur so klein“, deutete sie mit zwei Fingern an.


Anomalien


Die Türklingel riss sie aus ihren Gedanken und Emilia beeilte sich, Riley hereinzulassen.

„Ihr seht aus, als hättet ihr einen Geist gesehen“, schmunzelte der.

„Schlimmer! Wir haben die Käfer gesehen!“, rief Kara.

„Na gut, das kommt tatsächlich fast auf das Gleiche raus.“

Riley machte sich grinsend auf den Weg ins Labor. Amy und Thomas starrten noch immer völlig fasziniert in das Terrarium der Riesenkäfer.

Riley begrüßte alle mit Handschlag, setzte seinen Koffer ab und fragte: „Habt ihr sie schon gefüttert?“

„Wir bereiten es gerade vor“, erwiderte Andreas, eine Hammelkeule aus dem Transportbehälter hievend. Mit einem Elektromesser trennte er ein Drittel ab.

„So viel kriegen die Viecher?“, staunte Amy.

„Falsch“, erwiderte John. „Sie bekommen alles. Das kleine Stück ist für den Monsterkäfer bestimmt.“

„Oh, ha!“ Thomas kratzte sich am Ohr. „Und wie lange sind sie dann satt?“

Andreas zuckte mit den Schultern. „Das ist die Frage. Bei uns bekommen sie einmal pro Woche eine solche Ration. Ob sie satt sind oder auf Sparflamme leben, kann ich dir beim besten Willen nicht sagen.

Irgendwo geht der Spaß ja auch ins Geld. Irgendeinen praktischen Nutzen kann ich zudem nicht absehen, was die Forschung an den netten Tierchen betrifft. Es ist besser, wenn keiner weiß, was wir hier versteckt halten.“

„Das ist wohl wahr!“, pflichtete Riley bei. „Ich plädiere nach wie vor dafür, die Käfer wieder zurückzuschicken.“

Thomas nickte. „Wäre sicher das Beste und für mich gleich der Beweis, dass dein Wundermaschinchen wirklich funktioniert.“

„Was könnte alles geschehen, brächen die Tiere aus?“, wollte Amy wissen.

„Sie werden auf alles losgehen, was sich bewegt oder was nach Fleisch riecht. Außer Feuer wäre kein Kraut gegen diese Killer gewachsen“, erzählte John. „In ihrer Welt gibt es nur Insekten.“

„Habt ihr auch herausgefunden, wer oder was den atomaren Supergau ausgelöst, der alles andere Leben vernichtet hat?“ Thomas schaute sehr genau zu, wie Riley seinen Koffer öffnete.

„In etwa“, sagte Andreas vorsichtig. „Irgendwo ist ein Waffenlager hochgegangen und hat eine weltweite Kettenreaktion ausgelöst. Es muss über Jahrhunderte einen atomaren Winter gegeben haben. Wie die Käfer überleben konnten, ist nur dadurch zu erklären, dass sie extrem mutierten und mit Frost bis Minus 80 °C mühelos klarkommen.“

„Hat im Wasser auch etwas überlebt?“, murmelte Amy verstört.

„Keine Ahnung. Wir wissen nur, dass die Meere zum größten Teil verdampften, wie auch das Süßwasser und irgendwann, nach unglaublichen Unwettern, der Rest allen Wassers einfror. Wovon sich die Käfer ernähren, wenn sie nicht übereinander herfallen, können wir euch auch nicht sagen.“

„Vergiss nicht zu erwähnen, dass nur knapp sieben Jahre vorher der Yellowstone in die Luft geflogen ist. Nachdem seine Kaldera an verschiedenen Stellen aufbrach, Dutzende Vulkankrater ausbildete und es nach diesem Inferno kaum noch nennenswertes Leben auf der Erde gab“, warf John ein.

Amy wurde blass, Thomas machte eine überraschte Handbewegung.

„Wenn ich euch so zuhöre, dann scheint ihr den Zeittunnel derart erzeugen zu können, dass ihr ihn als Fenster in die andere Zeit nutzen könnt. Selber seid ihr aber hier in relativer Sicherheit“, ließ sich er sich vernehmen.

„Das ist exakt“, bestätigte Riley. „Daher wissen wir, dass es definitiv keine Menschen mehr gab, als die A-Waffen alles verseuchten. Alle Berechnungen, die jemals angestellt wurden, um herauszufinden, was Yellowstone anrichten könne, waren übrigens voll daneben.“

„Ich schätze, dann werden auch die Phlegräischen Felder, das Tamu-Massiv und diverse andere Supervulkane ausgebrochen sein“, vermutete Amy.

„Exakt“, bestätigte John.

„Äußerst interessant. Darf ich dabei sein, wenn ihr das Gerät das nächste Mal einsetzt?“

Andreas seufzte. „Ich habe erwartet, oder vielmehr befürchtet, dass du diese Frage stellen würdest.“

„Das heißt: nein?“

„Auch diese Interpretation war klar“, schmunzelte Andreas. „Sagen wir so: Ich bin nicht ganz abgeneigt, dich dabei sein zu lassen.“

Über Thomas’ Gesicht huschte ein verhaltenes Lächeln. „Okay, dann harre ich darauf, wie du an jenem Tag geneigt bist, zu entscheiden.“

„Willst du auch?“, fragte John seine Tochter.

Die zog die Augenbrauen zusammen. „Mal schauen, wie ich an jenem Tag geneigt bin, mich zu entscheiden.“

„Zumindest war es kein eindeutiges nein“, lachte Andreas.

Amy hob die Schultern. „Ich würde es vermutlich nur tun, um bei Thomas zu sein. Weil ich schlicht Angst habe, dass irgendeine Katastrophe geschieht.“

„Es ist wohl besser, wenn wir erst mal gehen“, schlug Thomas vor, Amy an der Hand aus dem Labor zur Luftschleuse ziehend.

Riley sah ihnen erstaunt nach. „Scheint sich was Ernsteres anzubahnen?“

Beide Väter nickten.

„Es ist mittendrin“, verriet John schließlich mit ziemlich behaglicher Miene.

„Die optimale Konstellation“, kicherte Riley.

„Eher die perfekte“, präzisierte Andreas, während er den Zeitgenerator im Tresor einschloss. „Alles bleibt in der Familie.“

Amy war vor dem Labor stehen geblieben. „Willst du wirklich zuschauen?“

„Ja, natürlich“, bekam sie zur Antwort.

„Ich will dich ja nicht nerven. Aber kannst du dir unter Umständen vorstellen, dass ich wirklich Angst um dich habe?“

„Ohne eine gewisse Risikofreudigkeit sind geniale Forschungen und Erfindungen nun mal nicht zu machen“, hielt ihr Thomas vor Augen.

„Du bist und bleibst ein Draufgänger.“

Thomas lächelte breit. „In erster Linie im Bett. Kleine Kostprobe gefällig?“

„Als Nachtisch“, schlug Amy blinzelnd vor. „Meine Mutter wird gleich zum Essen rufen.“

Nach einem kurzen Blick auf die Uhr fragte Thomas: „Bei dir oder kommst du hoch?“

„Bei mir. Meine Eltern halten in jedem Fall sehr ausgiebige Mittagsruhe. Wenn du verstehst, was ich meine.“

„Bis dann!“ Thomas nahm gleich drei Stufen auf einmal, als er die Treppe hinauf eilte.

„Warum kommst du allein?“, rief Kara beunruhigt.

„Keine Panik. Ich bin mit Amy eher gegangen, weil sie sich auch nicht ganz wohl in der Nähe der Riesenkrabbler fühlt.“

„Ich denke eher, du hast ihr wieder mir irgendwelchen komischen Ideen Angst eingejagt.“

„Ganz bestimmt nicht“, schwor Thomas. „Sie ist nur seit gestern auffallend überbesorgt.“

„Ich kann sie verstehen. Ich habe auch stets Angst um deinen Vater gehabt. In jeder Kleinigkeit, die ich nicht begreifen konnte, habe ich Gefahren gesehen. Du kannst dir sicher vorstellen, dass das ziemlich viele waren. Heute wie damals liebe ich ihn mehr als mein eigenes Leben.“

Thomas nahm seine Mutter in den Arm. „Er hat mir voller Dankbarkeit erzählt, wie du ihn nach Hause geschleppt und was du für Ängste ausgestanden hast.“

„Kleine Revanche dafür, dass er mich nicht als Bärenfutter hat enden lassen“, schmunzelte Kara, „aber das hat er dir sicher auch erzählt.“

„Hat er“, blinzelte Thomas und öffnete seinem Vater die Tür.

„Mir knurrt gewaltig der Magen“, erklärte Andreas, sich an den Tisch setzend.

Kara hob eine Augenbraue. „Kein Wunder, wenn du zusehen musst, wie ein paar eklige Käfer eine ganze leckere Hammelkeule niedermachen.“

„Nicht mehr lange. Wir haben beschlossen, die Biester schon morgen zurückzuverfrachten.“

„Uaaaah, mich schüttelt es noch immer, wenn ich nur an die Viecher denke!“ Kara bekam eine deutlich sichtbare Gänsehaut. „Ich werde heute Nacht bestimmt Albträume bekommen. Mir sind früher die seltsamsten Lebewesen über den Weg gekrochen – aber das sprengt alle Rekorde. Pfui!“

„Kannst du dir die Larven dazu vorstellen?“, fragte Andreas, darauf anspielend, dass sie im Urwald diese Art der Leckerei, zu seinem Leidwesen, sehr bevorzugt hatte.

„Igitt!“ Kara schüttelte sich. „Hör bloß auf! Sonst vergeht mir noch das Mittagessen!“

Thomas schmunzelte. Wenn Mutter so reagierte, dann musste sie schon gewaltigen Ekel verspüren. Andreas verkniff sich lieber auch, sie ernsthaft zu verärgern.

Ihr Hirschbraten mit Preiselbeeren und Klößen zauberte ein zufriedenes Lächeln auf sein Gesicht. Nicht nur, weil es hervorragend schmeckte, sondern auch, weil sie die Teller wieder liebevoll garniert hatte.

Thomas war schon als ganz kleiner Junge sehr beeindruckt, wenn Mutti aus Obst und Gemüse kleine Kunstwerke zauberte, um ihm zu zeigen, wie man Essen zelebrieren konnte.

Seit er an seinem 16. Geburtstag detailliert erfahren hatte, wer seine Mum wirklich war, liebte er sie, und alles, was sie für die Familie tat, noch mehr.

„Braucht ihr mich jetzt?“, fragte er beim Tischabräumen. „Sonst verschwinde ich gleich zu Amy.“

„Mittagsschlaf halten?“, witzelte Andreas.

Thomas nickte und trollte sich schmunzelnd. Kara schaute amüsiert kopfschüttelnd hinterher.

Andreas strich ihr eine Haarsträhne aus dem Gesicht. Kara, inzwischen auch geschätzte Anfang 40, wäre in ihrer Zeit eine sehr alte, abgehärmte Frau gewesen. Hier sah sie noch immer ausnehmend gut aus, obwohl sich die genetischen Anlagen nicht völlig austricksen ließen.

Sie trug das, ehemals strohblonde, Haar natürlich grau gesträhnt. Die Gelenke spielten nicht mehr so mit, wie sie es sich für Andreas gewünscht hätte und zum Lesen brauchte sie eine Brille.

John und Andreas scheuten keine Mühe, immer die neuesten Errungenschaften der Forschung für Kara greifbar zu machen, um ihr noch einige Jahre zu schenken.

„Es ist schon etwas anderes, ob jemand wegen Mangelerscheinungen vorzeitig altert, oder ob er von Natur aus dazu verdammt ist“, seufzte John Andreas gegenüber, wann immer Kara zugab, dass sich ein neues Wehwehchen eingestellt hatte.

Andreas fuhr sich dann stets mit der Hand über die Augen. „Ich weiß ja, dass auch jetzt schon jeder Tag der Letzte sein kann. Ich will es nur nicht wahrhaben.“

„Das hab ich wohl mit ihr gemeinsam“, murmelte John.

Thomas gab von der Treppe aus Amy per SMS Bescheid, dass er gleich vor ihrer Tür stehen werde, und wurde prompt eingelassen, kaum dass er eintraf.

Er nahm sie sofort in die Arme, küsste sie zärtlich und merkte, wie ihre Knie weich wurden. Also trug er sie zum Bett. Er genoss es, wie sie sich an ihn schmiegte und es kaum erwarten konnte, seine heiße Haut auf der ihren zu spüren. Thomas zog ein Kondom aus der Hosentasche.

Amy schüttelte leicht den Kopf. „Lass die Spaßbremse stecken.“

Thomas folgte mit den Augen ihrer Blickrichtung. „Phänomenal. Ich wusste gar nicht, dass das Präparat schon freigegeben ist.“

„Du kennst es?“, fragte Amy überrascht.

„Ja. Deshalb werde ich jetzt auch jeden Augenblick mit allerbestem Gewissen genießen.“ Er ließ seine Lippen über ihren Hals wandern und mit jedem Knopf, den er an ihrer Bluse öffnete, ein Stück tiefer. „Vielleicht sollte ich die Spaßbremse doch nicht ganz wegstecken?“, flüsterte Thomas, als er am Zielort angekommen war.

„Abwarten“, gab Amy zurück, ihm mit den Fingern durchs Haar fahrend, um ihn gleichzeitig an jener Stelle festzuhalten, die ihn im Augenblick am meisten interessierte.

Unvermittelt fragte sie: „Hast du es schon mit anderen Mädchen getan?“

Es ja, das nicht“, gab Thomas unumwunden zu, ohne sich unterbrechen zu lassen. „Aus reiner Neugier, nicht aus Liebe“, fügte er erklärend hinzu.

Amy lächelte mit geschlossenen Augen. Thomas hatte sie noch nie belogen. Dass er in dieser Situation, auf ihre Frage sofort ehrlich geantwortet hatte, war für sie nur ein weiteres Zeichen, dass sie die eine für ihn war, wo die Neugier erst an zweiter Stelle stand.

Dass sie es anderweitig schon einmal probiert haben musste, war für ihn am ersten Tag so offensichtlich gewesen, dass er wahrlich nicht nachzufragen brauchte und er tat es auch jetzt nicht. Außerdem studierten sie an derselben Uni und da war es schnell ein offenes Geheimnis, wer mit wem.

Thomas führte Amy von einem Höhenflug zum nächsten. Ihr kaum merkliches Lächeln, das ihn an Da Vincis Mona Lisa erinnerte, erklärte, wie sehr sie seine Zärtlichkeiten genoss und auch deutlich genug, dass alles vorher nur schlechter Durchschnitt gewesen sein musste.

Etwas später lagen sie aneinandergekuschelt, um einfach nur die Nähe des anderen zu fühlen.

„Wann hast du den ersten Entschluss gefasst, etwas näher auf Tuchfühlung zu gehen?“, wollte Amy wissen.

Thomas schmunzelte. „Als dir Edward eindeutige Offerten machte. Für den schmierigen Typen warst du mir zu schade und da kapierte ich ganz plötzlich, dass du die Frau meiner Träume bist. Nur fand ich keine unverfängliche Möglichkeit, dir das zu sagen. Also habe ich gestern alles auf eine Karte gesetzt, immer mit der Angst im Hinterkopf, auch alles zu verspielen.“

Amy schmiegte sich noch enger an. „Verrückter Kerl. Ich liebe dich. Hab es ja auch erst gestern begriffen, dass du der Schlüssel zum Glück bist. An jedem Tag ohne dich hat immer etwas gefehlt.“

Thomas’ Blick streifte den Wecker. „Oh, ich glaube, wir sollten langsam die Mittagspause beenden.“

Amy lachte übermütig. „Wer zuletzt in den Klamotten ist, ist eine lahme Schnecke!“ Sie sprang mit einem Satz aus dem Bett.

Thomas schaute ihr sehr interessiert beim Anziehen zu, grinste genüsslich und meinte: „Was so eine richtige Schnecke ist, schleimt sich schnell wieder ein.“

Amy verwandelte das Ritual des Anziehens, begleitet durch einen aufreizenden Augenaufschlag, in einen umgekehrten Strip. Sie heizte Thomas damit derart auf, dass er nicht umhin konnte, sie mit einem schnellen Griff wieder ins Bett zu ziehen. Amy ergab sich sofort dem überfallartigen Angriff.

„Du bringst mich völlig um den Verstand“, raunte ihr Thomas ins Ohr, dem ein wohliger Schauer nach dem anderen über den Rücken rann, wenn sie in wilder Lust ihre Fingernägel in seine Haut grub.

Schließlich schafften sie es doch noch, aus dem Bett zu kommen.

„Hast du auf einem Nagelbrett geschlafen?“, flötete Amy, mit unschuldigem Blick, auf seinen Rücken deutend.

Thomas grinste breit. „Ich hatte ein Jagderlebnis mit der heißesten Wildkatze im ganzen Königreich.“

„Pirsch dich am besten gleich heute Abend wieder an, dann wird sie dich, als anschmiegsame Schmusekatze, etwas trösten. Vergiss aber nicht, deine Waffen mitzubringen.“ Sie ließ ihre Fingerspitze über seine Muskeln gleiten.

„Die Waffe, die dich am meisten begeistert, hab ich immer dabei“, blinzelte Thomas, sein Shirt überstreifend. Er folgte Amy aus dem Zimmer.

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