Kai Antholz

Diakon Kai Antholz

 

Kai  Antholz

* 25.01.1936  -  Eintritt am 27.02.1954  -  Einsegnung am 4.10.1961  -  + 14.02.2010

Johann Hinrich  Wichern, geboren am 21. April 1808, hatte angesichts des Kinderelends seiner Zeit das Rauhe Haus 1833 als junger Kandidat der Theologie mit Hilfe einflussreicher Hamburger Bürger in dem Dorf Horn vor den Toren Hamburgs aus kleinsten Anfängen als „Rettungshaus“ für gefährdete Kinder und Jugendliche gegründet und aufgebaut. Für seine immer umfangreiher werdende pädagogische Arbeit benötigte er schon bald Gehilfen. Aus dem Kreis dieser Gehilfen entwickelte sich später der Beruf des Diakons.

Das Familienprinzip, in dem Wichern seine Schützlinge betreute und erzog, erforderte eine größere Anzahl von Gehilfen. Im Sommer 1834 zog ein Bäckergeselle, namens Josef Baumgärtner, zu Fuß von Basel nach Hamburg, um Wichern als erster Gehilfe für ein mageres Taschengeld von 100 Mark im Jahr bei freier Kost und Logis als Betreuer einer „Knabenfamilie“ zur Hand zu gehen. Nach drei Jahren übernimmt Baumgärtner ein eigenes neu gegründetes Rettungshaus in Mitau im Kurland. 1839 ermächtigte der Verwaltungsrat Wichern, der Ausbildung von Gehilfen im Rauhen Haus "die gröstmögliche Veröffentlichung zu geben". Wichern ließ deshalb von 1843 an über die Gehilfen, schon damals Brüder genannt, eigene Jahresberichte erscheinen. Auf ihre theologische Ausbildung in seinem "Gehilfeninstitut" verwandte er große Sorgfalt. Aus seinen „Gehilfen“, die Wichern aus ganz Deutschland rief und die ihn bei seiner Erziehungsarbeit im Rauhen Haus unterstützten und von den Jungen der Erziehungsfamilien „Brüder“ genannt wurden, baute er den hauptberuflichen Mitarbeiterstab der Inneren Mission auf, die „Berufsarbeiter“, die als Hausväter in „Rettungshäusern“, als Strafvollzugsbetreuer oder als Stadtmissionare in ganz Deutschland und im Ausland bis hin nach Übersee tätig wurden.

Wichern: „Treue, gottesfürchtige Männer, so ernst als wahr, so klug als weise, in der Schrift bewandert, im Glauben gegründet, voll Liebe zum armen Volke, geschickt zu solch einem Umgang, der Menschen fürs Himmelreich gewinnt, wünschen wir in Scharen unter das Volk.“

Erst Jahrzehnte später nannte man diese „Gehilfen“ entgegen Wicherns ursprünglichen Vorstellungen Diakone. Bis in die 1970er Jahre sprach man von der männlichen Diakonie. Daneben gab es den Beruf der Diakonisse. Danach wurden Ausbildung und Beruf im Rahmen der allgemein sich durchsetzenden Emanzipation auch für Frauen geöffnet. Aus der Brüderschaft wurde die Brüder- und Schwesternschaft des Rauhen Hauses.  Heute werden in der Evangelischen Hochschule für Soziale Arbeit und Diakonie in verschiedenen Studiengängen etwa 500 Studierende ausgebildet.

 *  *  *

Nachruf für Kai (Karl-Friedrich) Antholz,

geboren am 25.01.1936, gestorben am 14.02.2010

„Ist es richtig, dass Du eine gute Verbindung zu Kai Antholz hattest?" schreibt mir unsere Konviktmeisterin und bittet mich um einen Nachruf für den Boten.  Ich werde nun nicht mehr nach meinem Freund und Bruder anlässlich geschwisterlicher Treffen im Rauhen Haus Ausschau halten können, um mich mit ihm auszutauschen, manchmal wechselseitig zu trösten oder zu ermutigen.  Darum will ich den Auftrag der Brüder- und Schwesternschaft gerne annehmen.

Bei den Recherchen für diesen Nachruf erfahre ich, Kai lebte in den Jahren 1939 bis 1941 in verschiedenen Kinderheimen, weil seine Mutter schwer an Tuberkulose erkrankte und die Jahre 1939 bis 1944 fast ausschließlich in Krankenhäusern und Heilstätten verbrachte.  Erst als die Großmutter die Führung des Haushalts übernahm, konnte Kai in die elterliche Wohnung zurückkehren.

Bruder Erich Liewald schreibt am 17.1.1954 an das Rauhe Haus: „Beide Eltern sind aus der Jugendbewegung hervorgegangen, der Vater heute noch in der CP tätig."

Diese in seinem Elternhaus erlebten Vorbilder und die Zugehörigkeit zu der von Bruder Erich Liewald in Lübeck geleiteten Christlichen Pfadfinderschaft führten zu einer Orientierung, die Kais Leben prägte für Kai die Brücke ins Rauhe Haus.

Im pfarramtlichen Zeugnis, das mit den Bewerbungsunterlagen eingereicht werden musste, heißt es: „Karl-Friedrich Antholz ist ein Junge mit offenem Herzen.  Sein besonderes Kennzeichen ist die Leidenschaft zur Jugendführung und die Bereitschaft zu leibhaftigem Einsatz.“

Eher unüblich, begann Kai bereits mit 18 Jahren am 27. Februar 1954 seine Ausbildung.  Wir begegneten uns zum ersten Mal im Mai 1955 auf dem Kattendorfer Hof.  Kai arbeitete dort bereits seit einem Jahr in den Aufgabenbereichen: Leitung der Schülerfamilie im Schweizerhaus, Mitverantwortung im Schweinestall der Landwirtschaft, Konfirmandenunterricht in der zuständigen Kirchengemeinde.  Während ich ziemlich verunsichert erste pädagogische Erfahrungen sammelte, erfüllte Kai bereits als erfahrener Bruder die ihm übertragenen Pflichten mit viel Selbstdisziplin.  1956 begann der Ausbildungsunterricht.  Wir sahen uns fast täglich in den Vormittagsstunden.  Anschließend betreuten wir die Jungen in den Familien: Geregelte Arbeitszeiten und freie Wochenenden waren kein Thema.  Die Brüder lebten mit den ihnen anvertrauten Kindern und Jugendlichen in den Familien, wurden der Tradition entsprechend mit Bruder angesprochen, ein engagierter Versuch, Wichernschen Erziehungsvorstellungen zu entsprechen: Kai arbeitete als Familienleiter in der Fischerhütte, einer Holzbaracke am Teichufer des Rauhen Hauses, wieder mit nie ermüdendem zusätzlichem Einsatz!  Ein Bild der Erinnerung: Kai gründet die ‚Evangelische Jugend im Rauhen Haus’.  Sommerferienanfang!  Eine Gruppe Jungen schart sich um Kai, geht mit munterem Fahrradgeklingel auf große Fahrt.  In handyloser Zeit erwartet der Erziehungsleiter täglich eine Postkarte mit Informationen über besondere Vorkommnisse.  Bindungen, die zwischen Kai und einigen Jungen wachsen, bestehen lebenslang.  Die Biographie: eines Diakons, der sich in den fünfziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts in der ‚Brunnenstube der Inneren Mission’ ausbilden ließ, erschließt sich, wenn die Rahmenbedingungen der Ausbildung skizzenhaft mit dargestellt werden.  Meine Erinnerung an Kai in gemeinsamen Ausbildungsjahren ist verbunden mit besonderen Anforderungen, die heute Geschichte sind.

Kai haderte nicht, sondern begriff sie als Herausforderung, als Chance für gute Qualifizierung.  Er schreibt 2004 zurückschauend an den Konviktmeister: „...verbinden sich für mich sehr viele gute Erlebnisse in dieser Zeit mit der Arbeit auf dem Kattendorfer Hof und im Rauhen Haus in der Fischerhütte. Eigentlich möchte ich diese Zeit in meinem Leben nicht missen."
Den Ausbildungsbedingungen dieser Jahre entsprechend, fachlich wohl vorbereitet nach Wohlfahrtspfleger- und Diakonenexamen sowie Verwaltungsprüfung, wurde Kai am 1. April 1960 als Gemeindediakon in die Kirchengemeinde Hamburg-Hamm entsandt; er übernahm 1967 die Leitung des Jugendpfarramtes der Propsteien Blankenese, Niendorf und Pinneberg im Evangelischen Zentrum Rissen und begann 1974 die Tätigkeit als Referent für die Arbeit mit alten und behinderten Menschen dieser Kirchenkreise.  Sein Arbeitsgebiet erweiterte sich 1986 mit der Leitung des christlichen Blindendienstes. 1998 begann sein Ruhestand.

Weder das Engagement bei den Christlichen Pfadfindern noch die Verantwortung für Menschen mit Behinderungen endete mit dieser Zäsur.  „Die Menschen werden immer hilfloser“, so berichtete mir Kai von seinen Besuchen in denen Seniorenheimen.  „Wenn ich an ihren Betten stehe, sie mit meinen Worten nicht mehr erreichen kann, dann nehme ich meine Gitarre und singe.“

In der Brüder- und Schwesternschaft engagierte sich Kai als Konviktältester, übernahm Verantwortung für die Brüder- und Schwesternschaft im Brüderrat, regte das Gespräch zwischen den Generationen an, setzte sich für Projekte ein wie zum Beispiel die Förderung einer Behinderteneinrichtung in Pazaric, Bosnien.

Der Vorsteher würdigte sein diakonisches Leben während der Trauerfeier: „Dass dem christlichen Glauben ein Hang zur Gemeinschaft innewohnt, hat Karl-Friedrich Antholz jederzeit gewusst und gelebt. Er fühlte sich mit seinen vielen Gaben in der Verantwortung für die Menschen und die Welt um ihn her. Karl-Friedrich Antholz wurde bei uns hochgeschätzt als ein Mann, der mit Wahrhaftigkeit, Verlässlichkeit, Menschenliebe und mit ganz vielen Gaben sein Leben als Christ und als Diakon geführt hat.  Er hinterlässt eine schmerzhafte Lücke.  Zugleich sind wir ihm selbst und auch Gott dankbar, dass wir... Lebenswege mit ihm gehen konnten.“

Bei allem Respekt vor seiner Einsatzfreude; wenn Kai mit allen seinen Gaben die ‚Kanzel der Tat’ ausfüllte, diakonische Liebe predigte, ich hätte ihm gerne einige Pausen der Erholung mehr gewünscht,

Am 11. Januar 1963 heiratete Kai seine Christa.  Wie könnte es anders sein, Christa unterstützte Kai in der Jugendarbeit und übernahm eine so genannte Wölflingsgruppe.  So werden Christa und Kai es ein langes gemeinsames Leben halten: Beide engagieren sich in den Berufsfeldern von Kai, wissen sich 47Jahre in Liebe und Treue durch Höhen und Tiefen eines gemeinsamen Lebens miteinander verbunden, empfinden die Geburt von zwei Töchtern und einem Sohn als besondere Bereicherung ihres Lebens.  Ein Mann, der sich in der diakonischen Welt einsetzte wie Kai, der kann dies nicht ohne Geborgenheit und die Zuverlässigkeit der Menschen, die sich ihm verbunden fühlen.  So wie Kai dies in seiner Familie erfahren durfte.

Die Brüder- und Schwesternschaft trauert mit Christa, seinen Kindern Silke, Christoph und Ute sowie seiner sich vergrößernden Familie, Schwiegerkindern und Enkeln. Mit geschwisterlicher Wertschätzung dankt die Brüder- und Schwesternschaft Christa mit ihrer Familie für die Lebensleistung, die sie in die diakonische Existenz unseres Bruders Kai einbrachte.

Udo Pütt

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Unter dem 6. Januar 2011 fand der Webmaster einen Eintrag in einem seiner Internet-Gästebücher von einem Herrn Schmiedeberg (mannebrigg(at)yahoo.de):

„eine ganz neugierige frage: WEISS IRGENDJEMAND OB "BRUDER" KAI ANTHOLZ NOCH LEBT und wenn, wo? ich war von herbst 53 bis frühjahr 57 auf dem hof. erinnern kann ich mich noch an Bruder Löffelmacher (53/54), Bruder Antholz (55/56), BESTE ZEIT!!! müsste heute ca 73 jahre alt sein, Bruder Pirwitz ( der name sagt alles ) und natürlich Vater Graul + Terrier Flocky.

Am 9. Januar 2011 rief mich Herr Schmiedeberg an.  Er hatte Kai Antholz (†) in sehr guter Erinnerung und lobte dessen damaliges pädagogisches Engagement.  Die harte Schule auf dem Hof habe ihm nicht geschadet.  Er erinnere sich gerne an die Zeit.  Sein Leben hat er offenbar gut gemeistert und er war beruflich erfolgreich.

Kai Antholz wohnte mit seiner Gruppe älterer Schüler im Schweitzerhaus unten.  Die beiden Gruppen jüngerer Schüler wohnten in einem Haus hinter dem Herrenhaus.  Dort „pädagogisierten“ wechselweise die Brüder Udo Pütt (später jahrelang in den SOS-Kinderdörfern verantwortlich tätig),

Kai Antholz hatte bis kurz vor seinem plötzlichen Tode Kontakt zu Karsten Voigt, der als Junge im Rauhen Haus in seiner Jugendgruppe war.

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©   Jürgen Ruszkowski  

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