Eine lange Geschichte: also mein erster Schub, mit dem alles los ging, dauerte gut eine Woche. Auslöser könnte wohl ein Sonnenstich gewesen sein: ich hatte den ganzen Freitag im Freibad verbracht und dann das Wochenende über drückende Kopfschmerzen. Es war die letzte Vorlesungswoche, ich saß an meiner Magisterarbeit und war im Prüfungsstress. Irgendwie war ich der Meinung, dass an der Uni hinter meinem Rücken etwas gegen mich ausgebrütet würde. Ich habe mich dazu veranlasst gefühlt, meiner Chefin aus einem Projekt an der Uni, etwas zu gestehen, was schon ein paar Jahre zurücklag und ich bislang immer verheimlicht hatte. Ich hatte auch den Eindruck, dass in meiner Umgebung Bauwerke verändert wurden und die Leute reagierten auch alle irgendwie komisch. Dann war ich wiederum freitags (die Woche darauf) zusammen mit ein paar Freundinnen in einer Theateraufführung, wo das Publikum nach Männlein und Weiblein getrennt saß. Ich war also ganz isoliert und dachte, das Stück würde mir zu Ehren aufgeführt. Am nächsten Tag hatte ich fürchterliche Migräne und habe mir eingebildet, jemand hätte das Wetter so manipuliert, dass es mir Kopfschmerzen bereitet. Das wurde mir dann alles zuviel und ich fuhr heim zu meinen Eltern. Dort kam mir dann am Abend die Idee, dass ich mir vielleicht doch nichts eingebildet hätte, sondern in meiner Universitätsstadt eine riesen Aktion mit mir geplant gewesen war, die ich gehörig vermasselt hatte. Ich beschloss, nur mit einem kleinen Rucksack mit ein paar Badesachen und Klamotten zum Wechseln sowie meiner EC-Karte bepackt, eine Radtour zu unternehmen, um etwas Abstand zu gewinnen. Am nächsten Abend wollte ich dann in einer Jugendherberge absteigen. Diese war angeblich voll und man wollte mich nicht aufnehmen. Ich dagegen war erschöpft, wollte duschen. Da hat mir die Herbergsleitung das Wasser abgedreht und die Polizei gerufen. Ich bekam eine Anzeige wegen Hausfriedensbruchs und musste die Nacht im Freien verbringen. Am nächsten Morgen bin ich mit der Bahn wieder zurück nach Hause gefahren. Jetzt wurde mir allmählich klar, dass das ein schizophrener Anfall gewesen sein muss. Ich habe mich allerdings nicht in psychiatrische Behandlung gegeben, weil ich damit zehn Jahre zuvor keine gute Erfahrung gemacht hatte (damalige Diagnose: Identitätskrise). Stattdessen habe ich das Gespräch mit meiner Chefin gesucht, die mir viel Verständnis entgegengebracht und sehr viel Zeit für mich aufgebracht hat.
Die nächsten Monate waren eigentlich ziemlich unproblematisch. Auf Anraten meiner Schwester habe ich zu einem mir vertrauten Therapeuten ohne Kassenzulassung Kontakt aufgenommen, der mir wiederum auf meinen Wunsch hin Kontakt mit einer ebenfalls bekannten Sozialpädagogin verschafft hat, die beim Jugendamt arbeitet. Mit ihr und deren Kollegen habe ich dann immer wieder telefoniert, wenn es mir nicht gut ging. Aber sie hat sich irgendwann überfordert gefühlt und nicht mehr mit mir sprechen wollen. Ich habe ihr dann noch ein paar Mal geschrieben, was sie auch beantwortet hat. Ich habe mich auch von einem befreundeten Rechtsanwalt beraten lassen wegen der Anzeige. Deswegen hätte ich beinahe vor Gericht gemusst. Der Prozesstermin war schon angesetzt, wurde erst im letzten Moment wieder abgeblasen (wegen "Nichtigkeit"). Es gab in dieser Zeit immer wieder Erlebnisse, die mich aufgeregt bzw. verängstigt haben. Auch Artikel in der Zeitung und Beiträge im Fernsehen und im Radio habe ich vermehrt auf mich bezogen. Ich habe dann meistens ausgedehnte Spaziergänge oder Radtouren unternommen, um wieder zur Ruhe zu kommen. Als ich im September den Leiter der psychiatrischen Anstalt aufgesucht habe, wo ich bereits zehn Jahre zuvor während der Pubertät schon einmal in ambulanter Behandlung war, wollte der mir kein Attest mehr ausstellen, weil er der Ansicht war, dass würde dem Prüfungsamt gegenüber ein schlechtes Bild vermitteln.
Mit Beginn des Wintersemesters wurde es dann wieder schlimmer: ich war der Auffassung, dass an der Uni meine Geschichte thematisiert würde, was mich sehr in Aufregung versetzt hat. Im Januar habe ich es dann nicht mehr ausgehalten und mich nach Spanien abgesetzt. Dort habe ich zunächst für ein paar Wochen in einer Pension gelebt. Dabei habe ich immer wieder Dinge erlebt, die mir merkwürdig vorkamen. Aus dem Verhalten der Leute und den Beobachtungen auf meinen Ausflügen habe ich Schlüsse gezogen und mich entsprechend verhalten. Ich habe mich dann mit meinem Euro-Domino-Ticket auf eine Reise durchs Land begeben. Dabei ist mir, während ich im Bus döste, der Rucksack mit der EC-Karte abhanden gekommen (eine Frau, offensichtlich keine Diebin, nahm ihn einfach mit sich, weil er niemandem zu gehören schien). Von diesem Augenblick an war ich völlig mittellos. Ich bin so ein paar Tage durch die Stadt geirrt. Während der Weiterfahrt wurde ich aus dem Zug geworfen, weil mein Ticket nicht mehr gültig war. Dabei hat mich ein Spanier, der zufällig auch gut Deutsch sprach (ich kann übrigens überhaupt kein Spanisch) und gerade am Bahnhof anwesend war, vor der Polizei gerettet und bei sich aufgenommen. Er war selbst ziemlich mittellos (und überdies auch Alkoholiker, vielleicht sogar selbst Psychotiker!?). Deshalb hat es ein paar Wochen gedauert, bis ich über ihn Leute kennengelernt habe, von denen aus ich meine Eltern anrufen konnte, die sich natürlich schon große Sorgen gemacht haben, weil sie solange nichts mehr von mir gehört hatten. Ich kam also wieder zu Geld (wurde flüssig) und habe die Rückreise nach Deutschland angetreten.
Mittlerweile waren meine Chefin und ich uns so weit einig, dass ich unbedingt einen Spezialisten aufsuchen müsste. Ich hatte auch schon einen Termin mit einem Gesprächstherapeuten vereinbart. Dann hat es sich jedoch so ergeben, dass ich auf der Durchreise nach einem Geburtstag bei einer Bekannten in meiner Universitätsstadt übernachten wollte (meine Studenten-WG war mittlerweile aufgelöst). Sie hat mir allerdings trotz telefonischer Ankündigung nicht die Tür aufgemacht. Im Hotel war "natürlich" wieder kein Zimmer frei und die letzte Bahn nach Hause längst abgefahren. Also habe ich mich gegen zwei Uhr nachts in die Notaufnahme der dortigen Psychiatrie begeben. Ich wollte hier am nächsten Tag eigentlich sowieso vorstellig werden, um mir Rat einzuholen darüber, dass ich mein Verhalten in letzter Zeit nicht mehr richtig unter Kontrolle hatte (ich hatte damit begonnen, Dokumente zu fälschen, um eine zweite Identität zu kreieren). Ich habe dem diensthabenden Arzt von meinem Problem erzählt und er hat mich gleich da behalten. Am nächsten Tag haben wir dann mein am Bahnhof deponiertes Gepäck abgeholt (was hinter meinem Rücken durchsucht wurde, wie ich später erfahren durfte) und ich bin volle drei Monate in der Klinik geblieben. Dem Prüfungsamt gegenüber wurde ich nun für insgesamt drei Semester peu à peu krankgeschrieben. Ich bekam verschiedene Medikamente verabreicht, die jedoch zunächst nicht so gut angeschlagen haben (Herzrasen etc.). Mit einer Ärztin im Praktikum konnte ich über Sinn und Unsinn der Therapie diskutieren: die von der Klinik angebotenen Therapien fand ich eigentlich mehr oder weniger sinnlos (psycho-soziale Bewebungsgruppe, Basteln für den Anstaltsbasar, Kegeln etc.). Außerdem waren meine Mitpatienten überwiegend depressiv. Mir hat dabei sehr die Ansprache gefehlt. Zum Schluss habe ich auch mehr oder weniger erfolgreich einen sog. Arbeitsversuch absolviert. Meine Entlassung habe ich dann allerdings letztlich selbst noch um eine Woche hinausgezögert, weil ich der Meinung war, dass ich mich noch nicht wieder richtig fit fühlen würde. Seitdem bin ich nun in ambulanter Behandlung bei einem Nervenarzt und einer Verhaltenstherapeutin. Durch die hohe Dosierung meines Medikaments (Solian, 800 mg/Tag) war ich jedoch praktisch anderthalb Jahre lang (!) so müde, dass ich kaum produktiv tätig werden konnte und den ganzen Tag lang nur noch im Bett lag. In dieser Zeit hatte ich auch so gut wie keinen Kontakt mehr zu meinen Freunden.
Zwei Jahre nach Ausbruch meiner Erkrankung habe ich zum Wintersemester mein Studium offiziell wieder aufgenommen. Zuvor hatte ich jedoch schon vereinzelt Veranstaltungen besucht und auch mit Sondergenehmigung der Uni eine Prüfung absolviert. Infolge meiner Psychose war ich nämlich im zweiten Teil meiner Prüfungen überall durchgefallen (kurz vor meiner Einweisung in die Klinik). Den ersten Teil hatte ich zu Beginn noch gerade so bestanden. Im Mai des darauf folgenden Jahres habe ich dann meinen Magisterabschluss erworben (mit der Gesamtnote 3,0). Im Herbst stand noch die mündliche Prüfung fürs Staatsexamen Lehramt an Gymnasien als zweiter Abschluss an, wo ich leider an einer Prüfung gescheitert bin. Nächster Schritt wird jetzt der Einstieg ins Berufsleben sein. Dabei stehe ich vor dem Problem, dass ich ein Loch von zwei Jahren in meinem Lebenslauf erklären muss: ich habe die Erfahrung gemacht, dass es mir nicht unbedingt übel genommen wird, wenn ich sage, dass ich längere Zeit krank war. Dem Arbeitgeber ist es jedoch eigentlich gar nicht gestattet, Fragen nach meiner Krankheit zu stellen. Aber nicht nur deshalb habe ich Schwierigkeiten, sondern wegen der allgemein schlechten wirtschaftlichen Lage im Moment: vor drei Jahren sind die Unternehmen durchaus noch von sich aus auf mich zugekommen, heutzutage handle ich mir mit meinen Bewerbungen überwiegend nur Absagen ein (wenn überhaupt). Mittlerweile wurde mir jetzt auch vom Arbeitsamt ein Antrag auf berufliche Rehabilitation genehmigt. Das bedeutete zunächst 'mal, dass ich zum Jahresanfang (aus Geldmangel war im Herbst leider schon nichts mehr zu machen) eine sechswöchige Berufsfindungsphase in einem Berufsförderungswerk absolviert habe. Daraufhin wurde mir bewilligt, dass das Arbeitsamt die Kosten für ein dreisemestriges Aufbaustudium in Wirtschaftsinformatik übernimmt. Um die Wartezeit zu überbrücken, habe ich zwischenzeitlich für sechs Monate eine Programmierausbildung absolviert. Aber ein fester Job ist das alles ja leider noch längst nicht...
Solian (Wirkstoff: Amisulprid) nehme ich übrigens immer noch. Allerdings fühle ich mich durch die derzeitige Dosis von 150 mg/Tag nicht mehr sonderlich beeinträchtigt (bis auf einen gewissen Mangel an Begeisterungsfähigkeit/Spontaneität). Eine weitere Reduzierung auf 100 mg habe ich dagegen nicht mehr so gut verkraftet (Unwohlsein) und wir sind wieder zur alten Dosis zurückgekehrt. Ich bin übrigens auch der Meinung, dass meine Intelligenz unter der Erkrankung gelitten hat: in einer aktuellen Studie ist von einem Einbruch des IQs um 15 % die Rede. Das halte ich für ziemlich realistisch. In den Tests, die ich deswegen bereits schon absolviert habe, wurde mir das bislang jedoch noch nicht bestätigt. Aber als Akademiker bewege ich mich diesbezüglich wahrscheinlich auch auf einem ziemlich hohen Niveau. Die Probleme treten für mich vor allem beim schnellen Agieren auf. Wobei das Solian ja gerade das sprunghafte Denken angreifen soll...
Update 2012: nach dem mehr oder weniger erfolgreichen Berufseinstieg im Anschluss an mein Aufbaustudium (kein Arbeitsverhältnis hielt bislang länger als 10 Monate), hatte ich drei Jahre später einen Rückfall. Infolgedessen hat das Antidepressivum Sertralin, auf welches man mich in der Tagesklinik eingestellt hatte, ein Jahr später noch eine dritte Psychose bei mir ausgelöst. Das hat mich alles sehr herunter gezogen. Zur Zeit bin ich befristet auf zwei Jahre als arbeitsunfähig berentet und lebe wieder bei meinen Eltern. Ich bin sehr froh, dass ich sie habe! Für die Zeit danach ist eine berufliche Wiederwiedereingliederungsfortbildung geplant, falls es mir dann wieder besser geht. Als nächsten Schritt planten meine Psychiaterin und ich die Umstellung auf das neue Medikament Abilify. Das hat leider im Sommer 2012 zu einem erneuten dreimonatigen Klinikaufenthalt geführt. Dabei habe ich mich ziemlich alleine gelassen gefühlt, da man mir kaum zugehört hat und ich größtenteils mir selbst überlassen war. Ziemlich frustrierend.
Mit den Inhalten, welche mich während meiner ersten Psychose bewegten, glaube ich mittlerweile endgültig abgeschlossen zu haben. Ich bin sehr gespannt, was jetzt noch kommt...
Das soll's jetzt fürs Erste mal gewesen sein. Ich würde mich sehr freuen über ein wenig Feedback zu meiner Seite! Was denkst Du dazu?
© 1999-2019 beim Autor
Alternative Weglaufhaus (=> aktuelle Google-Recherche)
Das Soteria-Konzept erläutert in der Wikipedia (alternativer Behandlungsansatz, wo besonders versucht wird, auf Medikamente zu verzichten)
Soteria Zwiefalten - In dieser schwäbischen Klinik geht es möglichst ohne Medikamente!
FETZ Köln - Früherkennungs- und Therapiezentrum für psychische Krisen
Fokus Schizophrenie - Äußerst interessanter Vortrag von Prof. Dr. Andreas Meyer-Lindenberg zum aktuellen Stand der Schizophrenie-Forschung (ZI Mannheim, ca. 30 Minuten)
Irrsinnigmenschlich e.V., Leipzig (Verein für Öffentlichkeitsarbeit in der Psychiatrie; Initiatoren eines bundesweiten Schulprojekts)
Jumpback into life (Andreas Kernchen)
Mailingliste "Psychiatrie Erfahrene" (BPE) - (via Riseup.net)
Psychiatrie/Kabarett (Annette Wilhelm)
Psychiatrieverlag/Psychiatrienetz (gemeinsame Homepage von DGSP, BApK und Aktion psychisch Kranke e.V.)
Psychosoziale Gesundheit (Prof. Dr. med. Volker Faust)
Webpsychiater.de (leicht verständliche Einführung, nicht nur zum Thema Psychose; verfasst von einem Facharzt)
ZEBB.de - Bonner Zentrum für Beratung und Behandlung bei erhöhtem Psychoserisiko
Zusammenhänge zwischen Scientology, Psychiatrie-Kritik und Anti-Psychiatrie (von Rechtsanwalt Ingo Heinemann)