Man muss diesem Wahnsinn doch etwas entgegensetzen…



„In dieser Welt kann man entweder blind,

eiskalt oder verrückt werden!“

 

Dieser Satz ist mir während meiner Schulzeit am Gymnasium Gernsheim einmal eingefallen, als wir im Politik – Leistungskurs den damals noch schwelenden Nord- Südkonflikt durchnahmen.

Das war Ende der achtziger Jahre – mittlerweile brennt das Feuer lichterloh!

Mehr als eine Milliarde Menschen hungert!

In den Industrienationen wächst zwar das Bewusstsein der globalen Verstrickungen und schlägt sich in dem Versuch eines „politisch korrekten“ Kaufverhaltens nieder, das größere Belastungen der Umwelt und Ausbeutung von Menschen möglichst gering zu halten versucht – aber erstens ist es ein Tropfen auf den heißen Stein, solange es nicht zum Massenphänomen wird und zweitens nutzen  findige Geschäftemacher die Bereitschaft der Menschen, ein paar Euro mehr zu bezahlen, oft schamlos aus, indem sie Waren anbieten, die zwar zweifelhafte Gütesiegel haben, bei denen es aber letztendlich doch nur um die größtmöglich Gewinnspanne geht!

 

„Die Erde hat genug für alle –

aber zu wenig für die Gier Weniger!“

                                                                                                                                                      Mahatma Gandhi

 

Warum muss der Reichtum Weniger das Leben der Anderen beschneiden?

Warum haben so viele Menschen keine freie Verfügung über ihre Lebenszeit – sondern sind gezwungen unter unmenschlichen Bedingungen, bis zu Erschöpfung zu arbeiten, nur um ihren Lebensunterhalt zu verdienen?

Warum haben so viele Menschen keinen Zugang zu Bildung und Wissen?

Warum werden einerseits alte Menschen durch Intensivmedizin daran gehindert, einen würdevollen Tod zu sterben – während andererseits Kinder verhungern!

 Ich versuche diesem Wahnsinn meinen eigenen „Wahnsinn“ bzw. meine Verrücktheit entgegenzusetzen.

Ich muss zugeben: ich habe mich nicht wirklich bewusst für die Variante des Verrückt – Seins entschieden – auch wenn mir die Option immer sympathischer war als „blind“ oder „eiskalt“ zu werden. Ein „netter“ Vertreter des Patriarchats und der „intellektuellen Elite“,  gepaart mit dem in diesem kapitalistischen System allgegenwärtigen Leistungsdruck trieben mich letztendlich dazu, über die eigenen Grenzen zu gehen, was schließlich zu einem unfreiwilligen Aufenthalt in der Psychiatrie führte. Es folgten weitere Fälle „unangepassten Verhaltens“ meinerseits – Sie kommen in diesem System sofort und ohne Umschweife in die Psychiatrie, wenn Sie anfangen beispielsweise in der Fußgängerzone, Geld zu verschenken!  Wenn Sie dagegen jemanden umbringen – kommen Sie erst mal in Untersuchungshaft!

 

„Die Psychiatrie ist ein Spiegel der Gesellschaft!“

 

Eins steht fest: In der Psychiatrie lernt man interessante Leute kennen!

Oft sind es Menschen, denen man im „wahren Leben“ nie begegnet wäre! Tütelige, alte Omas, die einem ihre Lebensgeschichte erzählen und glauben in den nächsten Minuten zu versterben; zwanghafte, etwas verklemmte, junge Frauen, die mit ihrer Haarbürste auf einen losgehen; ultraorthodoxe Muslime, die panische Angst haben, versehentlich Schweinefleisch zu essen, einem aber von ihrer eingeschmuggelten Portion Spaghetti mit Tomatensoße die Hälfte abgeben – weil man selbst glaubt, dass das Patientenessen gentechnisch verändert ist und man es infolgedessen nicht anrührt und deshalb seit Tagen nichts gegessen hat!

Meist sind es nette, sehr sensible Menschen, die man dort kennen lernt. Wenn es in der Klinik nicht üblich ist die Patienten mit überhöhten Medikamentendosen “abzuschießen“, können sich witzige, manchmal fast verwandtschaftliche Konstellationen zwischen den Patienten ergeben. Ich kann mich an eine Begebenheit erinnern, als ich in einer Klinik, ans Bett fixiert, auf dem Stationsflur lag und sich fast alle Patienten in einer Reihe vor meinem Bett aufstellten, nachdem sie mir eine Hand losgebunden hatten. Jeder gab mir die Hand und ich hatte dabei das Gefühl in die Seele des jeweiligen Menschen zu sehen.

Es gibt aber auch sehr groteske Situationen in der Psychiatrie, etwa wenn man als Patient vor einem Arzt oder Pfleger steht, bei dem man das Gefühl hat, er sei kränker als man selbst. Es muss sich dabei nicht immer um eine „Wahnvorstellung“ handeln – denn:

„Es sind nicht immer die Kränksten, die in die Psychiatrie kommen!“- wie mir eine Krankenschwester einmal vertraulich zuraunte.

Ich kann mich an eine solche Situation mit einer Ärztin erinnern, deren Büro aussah als hätte eine Bombe eingeschlagen und die lakonisch verkündete, zumindest habe sie ihre notorische Unordnung noch nicht in die Psychiatrie gebracht – worauf ich antwortete:

„Zumindest werden Sie noch dafür bezahlt, dass Sie hier sind!“

 

Mit der Zeit kann man sich so eine beträchtliche Menschenkenntnis aneignen und man lernt auch, mit anderen Menschen umzugehen.

Man muss „sein wie Wasser“ - sage ich immer!

Auf keinen Fall aggressiv oder gar gewalttätig werden – die sitzen auf jeden Fall am längeren Hebel.

„Gewalt erzeugt Gegengewalt!“ - Dieser Satz von Mahatma Gandhi gilt im besonderen Fall auch in der Psychiatrie!

Es kann auch sinnvoll sein, sich auf eine Medikamentenbehandlung einzulassen – meist ist man ja nicht ohne Grund in der Psychiatrie. Oft hat man nächtelang nicht geschlafen, leidet an innerer Unruhe oder ist zumindest ziemlich “neben der Spur“. Die Medikamente können helfen, zur Ruhe zu kommen – es ist zwar eine „künstliche Ruhe“ - aber sie kann zumindest die unheilvolle Spirale von Aufregung, Schlaflosigkeit, Dünnhäutigkeit, Stress und erneuter Aufregung für eine Weile durchbrechen!

Auch die Ruhe und Abgeschiedenheit einer guten Klinik sind nicht zu unterschätzen!

Außerdem kann es günstig sein, diversen Zeitgenossen, die behaupten, man gehöre in psychiatrische Behandlung, wenn man sich etwas auffällig benimmt, mitzuteilen, dass man bereits in Behandlung ist!

So eine Diagnose kann einem somit auch zu einem Mehr an persönlicher Freiheit verhelfen! Aber:

 „Die Kunst ist der einzige Ort, wo man verrückt sein darf

– ohne dafür bestraft zu werden!“

 

Seit ich meine Verrücktheit in meiner Kunst auslebe – scheine ich keine Psychosen mehr zu brauchen – zumindest liegt der letzte Schub schon über fünfzehn Jahre zurück.

Ich habe mir die Freiheit genommen, das zu tun, was ich eigentlich schon immer tun wollte, nämlich zu malen, zu schreiben und Kabarett zu machen

Ich versuche mit meiner Kunst ein Gefühl von Liebe und innerer Freiheit zu vermitteln. Ich entwickle Utopien, von denen ich selber hoffe, dass sie irgendwann Wirklichkeit werden“.

Auch wenn viele, vor allem jüngere, Gemälde und Gedichte vielleicht eher düstere Assoziationen wecken, so habe ich im Laufe der Zeit doch zu einer gewissen Zuversicht gefunden.

 

„Gibt es ein wahres Leben im Falschen?“

 

Theodor W. Adorno hat diese Frage mit einem klaren „Nein!“ beantwortet – aber mittlerweile würde ich ihm widersprechen, denn ich fühle, dass es anders ist!

Im Laufe der Jahre, in denen ich gelernt habe, mit meiner Erkrankung zu leben, habe ich die Erfahrung machen dürfen, dass es vor allem drei Dinge gibt, die ich als „heilsam“ erlebt habe:

·       mit meinen Händen zu arbeiten

·       die Nähe zu anderen Wesen
(zu Menschen, aber insbesondere auch zu Tieren und Pflanzen)

·       die Stille
(die kontemplative Praxis von Meditation und Yoga und auch Fasten)

 

Ich erlebe diese Dinge als sehr „spannend“ und habe das Gefühl, auf einem Weg zu sein, der schon das Ziel ist.

Die Veränderung oder „Heilung“  - wenn man so will - kam jedoch nicht plötzlich, sondern ganz langsam und allmählich – ich vergleiche es gern mit dem Wachstum eines Baumes, der durch mein Leben wächst und immer mehr Raum in ihm einnimmt.

(Link: „Freiheit“)

Jetzt spüre ich, dass alles Sinnvolle, was wir tun - auch wirklich Sinn macht! Und zwar nicht nur dann, wann wir es tun - sondern in gewissermaßen über Zeit und Raum hinaus!

Ich habe das Gefühl - und ich denke, dieses Gefühl haben viele

Menschen - dass da etwas trägt, dass es eine Macht gibt, die das

alles überdauern wird: den Kommerz, die Oberflächlichkeit, die

blinkenden Lichter und leeren Werbeversprechen! (Link: „Echt sein“)

Und in diesem Sinne kann man diesem Wahnsinn auch etwas entgegen setzen...

 

 

                                                                                             Annette Wilhelm

                                                                                    Februar 2013

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