Hamburg-Hongkong, Reisebericht von Hans J.Rhyn

Die Weltreise kann losgehen...

Karfreitagabend, 14.4.2006. Ob wohl der Schnee endlich schmelzen wird? Ich fahre um sieben Uhr abends auf den Flughafen Kloten, kann das Vorabend Check-in auch für Air Berlin benützen. Meine 23 kg schwere Koffer wird anstandslos angenommen, ich bekomme Sitz 9F (Fenster).

Obwohl ich etwas länger hätte schlafen können erwache ich viel zu früh am Samstag Morgen. Um 0620 Uhr habe ich mein Carshare-Auto abgegeben und muss ins Terminal 2 laufen, von dort bis zum E-Dock sind es schon einige Minuten. Um 0700 ist Boarding für den Flug AB 8683, eine brandneue A320 mit Ledersitzen und einer Crew von 4 Hostessen (darunter eine Schweizerin) wartet aufgefüllt zu werden. Bis auf den letzten Platz ausgebucht heben wir in Zürich ab, einige Sonnenstrahlen über den Bergen, der Flugweg führt über Pfungen und Konstanz, dann wird abgedreht Richtung Norden und Hamburg.

Ich bin erstaunt über den super Service dieser Billigairline, Käse- oder Schinken-Sandwiches werden verteilt, dazu eine Getränkeauswahl, die sich sehen lässt, dies alles gratis! Die Schweizer Hostess verteilt bis kurz vor touch-down noch Ostereierschöggeli.


Ostern in Hamburg

Kurz vor der Landung sehe ich die Überschwemmungsgebiete der Elbe bei Hitzacker. Pünktlich setzt die Maschine auf, das Gepäck braucht schon etwas länger, aber um 0910 bin ich draussen, wo Helmut Sandomeer wartet. Er bringt mich zum Krögerkoppel in Wellingsbüttel, wo mich Elisabeth mit einem Osterfrühstückstisch begrüsst. Wir geniessen dieses Frühstück sehr und plaudern über Thailand (sie waren im Februar und März im Baan Sansaran und spielten Golf in Hua Hin). Heute scheint die Sonne, es sei dies der erste sonnige Tag seit ihrer Ankunft aus Asien am 24.3.! Da habe ich ja wirklich Glück!

Nachmittags fahren sie mit mir ins Zentrum von Hamburg und laden mich auf eine Barkassenfahrt durch den Hafen ein. Aber es ist so kalt, dass ich mich freue eine heisse Schokolade trinken zu können. Via das Goldküstenquartier Blankenese geht’s dann zum Portugiesen ins Beira Rio zu einem feinen Dinner. Vom Jungfernstieg laufe ich gegen den eisigen Wind kämpfend zum Hotel Oper zurück.

Ostersonntag, 16.4., natürlich wie ausgestorben in der Stadt, dazu regnet es! Mit der U-Bahn fahre ich zu den Landungsbrücken, aber die Nässe und Kälte macht mich nicht an viel weiter zu gehen. Im Hotelzimmer ist es endlich warm, ich habe alle Heizkörper voll aufgedreht! Später nachmittags mache ich mich mit einem Rosenbouquet auf nach Wellingsbüttel, an der U-Bahn-Station wartet Helmut auf mich. Sie laden ein zu einem Apero und feinen Dinner, haben noch Freunde eingeladen: einen pensionierten Jumbo-Kapitän mit seiner Frau (Didi und Barbara Klaus) die ausgerechnet aus Badenweiler stammt, wo ich letzte Woche mit den Drachen war! Und der dritte Gast ist eine Frau (Heide von Reid), die letztes Jahr auch im Baan Sansaran Ferien machte. Wir unterhalten uns bestens, geniessen den Wein und die Lammkeule, obendrauf noch ein feines Schoggi Mousse! Erst um 2345 Uhr bin ich wieder im Hotel in der Innenstadt

 


Ankunft der Freedom Of The Seas

Trotz dem späten Schlaf erwache ich um 0530 und eile an die Landungsbrücken, Helmut sagte, dass die Freedom Of The Seas (das derzeit grösste Kreuzfahrtschiff mit 4400 Passagieren!) um diese unchristlich frühe Zeit ins Trockendock zu den letzten Ausbesserungsarbeiten einfahren werde, ein spektakuläres Manöver! Ich traue meinen Augen nicht, Menschentrauben hängen an den Geländern, alle Kameras auf die Elbe gerichtet, in der Ferne dieses majestätische Schiff, und es ist noch nicht einmal 0630 Uhr! Gleich geht die Sonne auf, die Schiffssirenen ertönen und in kurzer Zeit ist dieser Gigant ins Trockendock hinein manövriert worden. Kaum ist das Spektakel beendet füllen sich die U-Bahnen wieder, alles strömt zurück an die Wärme und an den Frühstückstisch.

Leider fällt der zweite Teil des Ostermontages wieder ins Wasser, es regnet, hellt wieder auf, ist empfindlich kalt. Und was macht man als Tourist an einem solchen Tag? Man kaufe sich eine Tageskarte auf dem HVV (Verkehrs-Verbund) und fährt U- und S-Bahn, beobachtet Menschen, saust durch Tunnels und mit der Hochbahn über die Dächer Hamburgs.

Osterdienstag erreicht mich nochmals eine schlechte Nachricht: nach einem Anruf bei der Laeisz-Reederei erfahre ich, dass die Portland Senator erst am Abend zwischen 19 und 21 Uhr andocken wird. Eine weitere Nacht im Hotel Oper wird mir empfohlen. Ein weiterer kalter und nasser Tag, den ich mit einem Besuch im Tropenhaus des Planten un Blomen Parks und im Kino Streif (Brokeback Mountain) verbringe, nur 7 Menschen in der Nachmittagsvorstellung, die Eintrittskarte kostet €5.10 = CHF8.20, in Zürich bezahlte ich kürzlich 16 Franken als AHVler!

   


Portland Senator

Mittwoch, 19. April, endlich ist es so weit und ich kann mich auf die Portland Senator begeben. Der russische Taxifahrer weiss zwar nicht wohin, auch das GPS bringt ihn nicht auf die richtige Strasse, doch mit einem genauen Stadt- und Hafenplan findet er das Eurogate und von weitem schon sehe ich das 300 m lange Schiff. Die deutsche Hafenbehörde kontrolliert meinen Pass, mit einem Shuttle werde ich ans Pier gefahren. Hektisches Treiben herrscht, im Minutentakt werden Container aus- und eingeladen. Über eine Rampe schleppe ich meine Koffer aufs Hauptdeck, dort nimmt mich ein deutscher Schiffsoffizier auf und zeigt mir meine Kabine Nr. 4 auf dem E-Deck, 60 Treppenstufen weiter oben. Zum Glück trägt ein starker Matrose aus Kiribati meine Koffer hinauf.

Der Wohnraum ist gross, mit Salontisch, Sitzgruppe, Büro, TV, CD-player und einem Heizungsöfeli ausgestattet, 2 Fenster mit Blick auf Backbord. Das Schlafzimmer ist etwas kleiner mit einem französischen Bett, einem Schrank und einer Kommode, und Blick aus dem Fenster auf der Steuerbordseite. Dazu Dusche und WC in einem kleinen Kabäuschen. Im Eisschrank finde ich Coca Cola und Wasser, Partygläser sind in einem Kasten, alles bestens gesichert gegen Wellengang.

   


Leinen los

Donnerstag 0125 Uhr, 20. April 2006, werde ich geweckt durch ein kurzes Brummen und Rattern, der Motor wurde angeworfen. Leinen los für die grosse Fahrt nach Asien. Die Lichter entschwinden achtern, von meiner Kabine aus habe ich einen guten Überblick. Um 2 Uhr auf der Höhe von Blankenese lege ich mich erneut aufs Ohr und schlafe bestens bis kurz vor dem Frühstück. Kapitän Stuppe, in Uniform am Frühstückstisch, begrüsst mich freundlich. Ich bin der einzige Passagier auf dieser Strecke nach Hongkong, an meinem Tisch sitzen zwar noch zwei Ingenieure, die in ihrer Freizeit Messungen (Studien) machen wollen am Propeller, an der riesigen Schiffsschraube. Sie sagen mir, dass sie eigentlich bei Gibraltar aussteigen wollten, aber der Kapitän hätte sie soeben informiert dass daraus nichts werde, sie müssten bis zum Suezkanal bleiben, denn erst dort werde das Schiff so langsam sein, dass sie auf ein Lotsenboot umsteigen können.

Mittagessen: Piccata, Reis oder Kartoffeln, Salat, Eis mit Büchsenfrüchten.

Die Nordsee ist ruhig, wenn auch grau verhangen, es regnet immer noch, klart aber nachmittags ein wenig auf. Um 1620 hornen die Schiffssirenen: Emergency-Übung. Alle müssen sich mit den Schwimmwesten bei der Muster-Station einfinden, ein Offizier erteilt seine Anweisungen. Gut dass dies nur wenige Minuten dauert, der Wind pfeift kalt um die Ohren, da bin ich froh nachher noch eine Stunde in die Sauna zu gehen vor dem Nachtessen (Aufschnitt, Brötchen, Salat). Der Steward Tebobo aus Kiribati gibt mir eine Büchse dänischer Biskuits mit nach oben, schon am Morgen brachte er mir eine Fruchtschale und einen Wärmekrug mit heissem Wasser. Er ist ein ruhiger, dienstbeflissener Seemann der gut zu seinen Offizieren und Passagieren schaut. Der Koch dagegen ein lustig lachender Philippino.

Beim Einnachten fahren wir durch den Ärmelkanal, man kann die Lichter von Calais und Dover gut erkennen. Der Schiffsverkehr ist hier sehr stark, mit unsern 23 Knoten Fahrt überholen wir etliche andere Schiffe (ca.42km/h).

Am Freitag den 21. April sind folgende Fixpunkte zu melden: Frühstück mit Speck und weissen Böhnchen (es gibt aber auch Corn Flakes, Butter, Konfitüre und Honig). Dann meine Thai-Stunde: Konsonanten repetieren. Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich das Thai-Alphabet immer noch nicht auswendig kann. Zwischen durch lesen, Luft schnappen (noch zu kalt um länger draussen zu bleiben), Besuch auf der Brücke, Kartenstudium, Sudoku Rätsel lösen. Mittagessen: Oxtailsuppe, Fischfilet mit Sauce, Reis und Gemüse, Banane. Um 1300 Fototermin, mein Brustbild muss aufgenommen werden für den Hafenpass, heutzutage sind die Vorschriften noch strenger geworden, in jedem Hafengelände dürfe man nur noch mit einer Foto- ID herum laufen.

 


Das Biscaya Tief

Regen, Sturmwind und nochmals Regen! Das Biscaya-Tief driftet mit uns südwärts, beeinflusst einmal nicht das Schweizer Wetter. Die Nacht war unruhig, ich wurde arg durchs Bett geschaukelt. Schaumkronen über den Wellen, unser Schiff stampft im Atlantik draussen um Portugal herum Richtung Gibraltar, das wir am Sonntag morgen erreichen werden. Die hoch aufgetürmten Container sind eine grosse Angriffsfläche für den Wind, das Schiff neigt sich mal rechts mal links mit einer Neigung von 13°. Erst bei 20° werde die Lage ernst, meint der 1. Offizier, Herr Redmann, der mir auch alles auf der Kommandobrücke oben erklärt. Ich bin dort immer willkommen, verschiedene Seekarten liegen auf, am Computer kann man den Weg unseres Schiffes verfolgen, die neusten Wetterdaten studieren; und man hat natürlich auch den besten Ausblick von der Brücke aus!

Noch nie habe ich ein Beefsteak Tatar zum Frühstück serviert bekommen, hier auf dem Schiff gibt’s das! Warum auch nicht, ein richtiger Aufsteller, nur fehlt der Cognac darin! Und Mittags ist Eintopf auf dem Menü, richtig derbe Küche. Abends passe ich und esse nur ein Joghurt und Früchte.

   


Strasse von Gibraltar

Meine innere Uhr weckt mich, es ist Sonntag, 23.4.2006, fünf Uhr und der Kapitän meldete mir gestern Abend, dass wir um diese Zeit durch die Strasse von Gibraltar fahren werden. Vom Handy hörte ich Piepstöne, willkommen geheissen von Vodafone und einem andern Betreiber aus Marrokko, leider sonst keine sms. Draussen finstere Nacht, Wolken hangen tief, Regen prasselt an die Scheiben, in der Ferne die Lichter von Tanger, in der Offiziers Lounge drüben kann ich nach vorne und die Lichter von Gibraltar sehen. Ein Anrufversuch mit dem Handy an Chai, wir hören uns kurz, aber dann hats schon keinen Empfang mehr. Kostenpunkt Fr. 3.50 (diese Mitteilung bekomme ich per sms von Orange Schweiz!).

Auch im Mittelmeer ist das Wetter nicht besser, immer noch starker Wind und Regen, diesmal kommt er aber ganz von vorne und verlangsamt so unsere Geschwindigkeit. Ob wir wohl wie abgemacht rechtzeitig vor dem Suezkanal ankommen werden? Sonst hiesse es dort wieder warten auf den neuen Slot! Der Kanal kann nur im Konvoi passiert werden, im Bittersee kreuzen dann die Schiffe.


Im Mittelmeer

Nach einem ausgesprochen guten Sonntagszmittag (sogar mit Dessert) drückt langsam die Sonne durch. Der Wind kommt von Nordosten, ich laufe die 200 Meter bis zum Bug, auf der windgeschützten Seite des Schiffes, aber bei der vordersten Treppe verdreht es mir fast die Beine, so stark bläst der Wind. Ich muss mich mit beiden Händen an den Geländern halten, kaum aber einige Schritte weiter von der Mitte des Bugs bis zur vordersten Spitze kommt man in regelrecht luftleere Räume, dort kann man sich setzen und sonnen, lesen oder träumen. Ich bleibe trotzdem nicht so lange, denn Gischt fliegt über Deck und dieser Salzspray setzt sich überall fest.

   


Crew und Mitesser

Man lernt ja schon sehr unterschiedliche Menschen kennen. Auch die Besatzungen könnten nicht verschiedener sein! Diesmal ist der Kapitän wirklich ein Kapitän, oft in Uniform, er zeigt wer er ist. Auch der Erste Offizier ist ein angenehmer älterer Seemann, richtig jovial und lustig in seiner Redensart, er erklärt mir alles freundlichst auf der Brücke, scheint gerne zu plaudern. Aber die Maschinisten sind wieder die gleichen bärbeissigen, wortlosen Seemänner wie auf der Cielo del Canada. Keiner hat mich bis jetzt  beachtet, einem stellte ich mich vor, aber ich brachte kein Wort aus ihm!

Dann die zwei Studierten mit ihrem geschliffenen Hochdeutsch, sie nuscheln zwar immerzu so leise und der eine in seinen Bart hinein, dass ich immer nachfragen muss was sie jetzt gesagt hätten. Und der neben mir am Tisch sitzende kahlköpfige Trainee, könnte ein Berliner sein mit seinem Witz. Er ist über fünfzig und war scheinbar schon lange bei der Seefahrt, muss sich nun aber auf diesem Schiff einarbeiten. Er ist der einzige, der etwas Temperament hat. Sonst ists manchmal fast totenstill in der Offiziersmesse! Sogar die beiden philippinischen Offiziere reden nicht laut!

   


Cap Bon-Pantelleria

Der einzige Lichtblick am Montag ist, dass das Iridium-Satelliten-Telefon funktioniert, ich erreiche Chai und er freut sich über meinen Anruf.

Sonst ists kalt und unfreundlich, Regen zwischendurch, ereignisloses Schippern entfernt der afrikanischen Küste entlang. Saunabesuch zum aufwärmen, in der Kabine läuft der Heizstrahler auf Hochtouren...

84 Stunden Fahrt sind es von Gibraltar bis zur Suez Kanal Einfahrt, 3500 km bei einem Durchschnitt von 22-23 Knoten. Hamburg-Gibraltar sinds etwa gleich viele Kilometer; und noch haben wir 16 Tage vor uns!

Endlich am 26.4. (Mittwoch) kommt die Sonne, wird es wärmer. Wohlig auf Deck die Sonne geniessen zu können, zwar ist alles schmutzig, Russpartikel werden vom Wind auf die Decks geblasen, Salz hat sich angesetzt, aber es wird geschrubbt!

   


Durchfahrt Suez Kanal 27.4.2006

Um 1715 Uhr kommt, welch eine Überraschung, die Star Flyer auf der backbord Seite an uns vorbei, majestätisch mit halb gesetzten Segeln. Ich hoffte dieses stolze Schiff sehen zu können, denn vor vier Jahren bin ich ja etwa zur gleichen Zeit mit ihr durch den Suezkanal gesegelt. Um 1815 werden die Anker herunter gelassen, wir müssen warten bis der Konvoi gebildet ist um kurz vor Mitternacht in den ersten Teil des Kanals einfahren zu können, im Bittersee heisst es wieder warten. So dauert die Fahrt durch den ganzen Suezkanal (ca.160 km  lang) doch etwa 16 Stunden, Kostenpunkt €290'000.-, inbegriffen die Kosten für den Lotsen aber nicht die kleinen „Geschenke“ wie Zigaretten und Whisky, die natürlich in allen arabischen Ländern erwartet werden.

Dieser Kanal ist wirklich ein Wunderwerk, wenn man bedenkt, dass vor über hundert Jahren so viele Tonnen Sand ausgehoben wurden, ein Durchbruch vom Mittelmeer Richtung Asien geschaffen wurde. Natürlich wird immer noch daran gebaut, erweitert um Platz zu machen für die Durchfahrt grösserer Schiffe. Es muss auch immer Sand ausgebaggert werden, bei Stürmen wehen Unmengen davon ins Kanalwasser. Rechts und links Sandwüsten, Städte sind zu sehen und wo es Wasser hat sind auch Dattelpalmen zu sehen, grüne Oasen.

 


Im Roten Meer

Die Winterkleider können eingepackt werden, die Temperaturen sind gestiegen, Tropenkleidung ist angesagt. Auf jeder Etage hats eine Waschmaschine mit Tumbler, so nutze ich die Gelegenheit wieder meine Kleider zu waschen.

Der lustige Koch aus Zamboanga (Philippinen) ist erfreut als ich anerbiete etwas Süsses zu backen. Er holt alle nötigen Sachen aus dem Pantry und stellt sie mir bereit. Heute abend ist leichte Kost angesagt: cold plate, was in etwa heisst Aufschnittteller. Da werden sicher Dampfnudeln mit Vanillesauce gut als Dessert passen. Sie gelingen und werden heiss verschlungen, obwohl wir gerade aus dem Kanal in den Golf von Suez fahren, die volle Aufmerksamkeit der Offiziere gefordert wird.

Nun geht’s fast drei Tage lang in südöstlicher Richtung durchs Rote Meer, bei Sharm-el-Sheik und Hurgada (Aegypten) vorbei, Jeddah (Saudi Arabien) und Jemen links, die Nubische Wüste (Sudan), Eritrea, Djibouti rechts bis nach der Meerenge vom Bab-el-Mandeb nach Nordosten in den Gulf von Aden eingeschwenkt wird. Am Horn von Afrika wird wieder ein ostsüdöstlicher Kurs eingeschlagen über den Indischen Ozean mit Kurs Südindien und Sri Lanka.


Unser Schiff

Die Portland Senator ist ein Containerschiff mit einer Ladekapazität von 4545 TEU (20’ Units=Container), mit voller Last wiegt das Schiff 82'496 Tonnen. Es ist 295 Meter lang und 32 Meter breit, hat einen Tiefgang von 13 m und die Kommandobrücke befindet sich auf 35 m Höhe, also etwa im 12. Stock. Vom Kiel bis zum höchsten Punkt sind es 57 Meter. Meine Kabine ist zwei Etagen unter der Brücke, in die Offiziersmesse gelange ich über 48 Treppenstufen (4. Etagen tiefer).

Die Maschine ist riesig, sie könnte eine Stadt mit 160'000 Einwohnern mit Strom versorgen! Das Steuerruder hat eine Grösse von 80 Quadratmetern, so gross wie eine schöne 2 ½ Wohnung, und ein Gewicht von 60 Tonnen!

Würde man alle Container übereinander auftürmen käme man auf eine Höhe von 12'500 m, oder sie aneinander reihen auf 27,7 km!

Ich bin ja nur einen Teil der Reise dabei (25 Tage), das Schiff ist 83 Tage unterwegs, es fährt von Hongkong weiter nach Japan und über den Pazifik bis nach Oakland und auf der gleichen Route zurück nach Hamburg.

Minimum-Crew nach Seemannsrecht sind 18 Mann, es sind aber total 23 Mann an Bord, plus ein Passagier: 8 Offiziere, 11 Matrosen, je ein Koch und Steward, ein Lehrling und ein Trainee.

 

Knacknüsse

Auf dem F-Deck gleich unter der Kommandobrücke hats Schattenplätze. Bei diesen hohen Temperaturen ist es herrlich draussen zu sitzen, Siesta zu halten, übers Meer zu schauen und auch die alten Tagi-Magi zu lesen und Sudoku Zahlenrätsel zu lösen. Ich habe mir etwa hundert solcher Rätsel ausgedruckt, da sind schon einige dabei, die nicht so leicht zu knacken sind. Aber heute Morgen gabs noch anderes zu knacken, nämlich Baumnüsse und Mandeln! Zwei Stunden lang! Der Koch hatte noch einige Beutel übrig aus der Weihnachtszeit, so machte ich ein riesengrosses Kuchenblech voller Brownies. Morgen soll es eine Grillparty geben oben auf dem Deck, da wird dieses Gebäck sicher begehrt sein.

   


Terroranschläge

Leider wird die Schifffahrt auch nicht vor Terroranschlägen verschont. An diesen bekannten Stellen wie im Bab-el-Mandeb vor Djibouti und dem Jemen, in der Strasse von Malakka oder an andern Orten, gelten dann auf dem Schiff besondere Sicherheitsvorkehrungen. So patrouilliert stets eine Wache, starke Leuchten werden eingeschaltet, alle Ein- und Ausgänge abgesperrt, niemand ausser der Crew darf hinein und hinaus gehen. Auf der Brücke ist die Alarmzentrale, besondere Vorkommnisse müssen dort gemeldet werden.

Doch so in der Sauna denkt man nicht an Terroristen, geniesst die Ruhe und freut sich auf eine Abkühlung im Schwimmbad. Das ist leider sehr klein geraten, aber immerhin reicht es sich auszustrecken und das Rote-Meer-Wasser einwirken zu lassen, viel salzhaltiger als das Meerwasser in Hua Hin. Aber abnehmen werde ich kaum, das Essen ist gut, abwechslungsreich, richtige Hausmannskost. Heute Mittag gibts wieder mal Eintopf, auf eine etwas andere Art zubreitet und anschliessend ein Dr.Oettker-Vanillepudding mit Büchsenmandarinen. Da schmecken meine zwei Mon Chéri-Schöggeli anschliessend auf der Kabine einiges besser!


Golf von Aden

Seit der Meerenge Bab-el-Mandeb fahren wir in einem östlichen Kurs (87°) über den Golf von Aden nördlich der jemenitischen Insel Suqutra herum in den Indischen Ozean um dort in leicht südöstlichem Kurs (105°) Ziel auf die Südspitze von Sri Lanka zu nehmen.

Ende Monat, noch nicht ganz Halbzeit von Hamburg nach Hongkong! Wunderbare ruhige See, strahlend blauer Himmel, heiss und feucht am Nachmittag. Kapitän Stuppe macht etwas für seine Besatzung, es gibt ein Barbecue auf dem F-Deck. Tische und Stühle werden von den Matrosen hinaufgetragen, Lampengirlanden vom Elektriker installiert, ein Grill aufgestellt. Nach und nach kommt der eine und andere Seemann, die Kiribatis drücken sich scheu herum und setzen sich an den hintersten Tisch. Einige Mann müssen natürlich während dieser Zeit das Schiff unter Kontrolle haben, es können nicht alle miteinander essen. Natürlich schmeckt so ein Steak, eine Bratwurst oder ein Fischfilet viel besser vom Grill an der Seeluft. Bald leert sich der Anrichtetisch, den Getränken (Bier und verschiedene Säfte) wird zugesprochen, auch meine Brownies gehen bald einmal weg. Die erste Sichel vom Mond hängt wie eine Schüssel am Himmel, etwas später leuchtet ein herrlicher Sternenhimmel mit den Planeten Jupiter, Saturn und Mars gut sichtbar.

   


Besichtigung des Maschinenraumes

Am dritten Tag auf dem Indischen Ozean lädt mich der Erste Maschinist Herr Boldt ein zu einer Besichtigung seines Reiches. Mit schalldämpfenden Kopfhörern geht’s tiefer und tiefer in den Schlund der Portland Senator, in die Hölle hinein. Der Lärm ist gewaltig, es dröhnt und ist heiss wie in einer Sauna. Ich beneide die Arbeiter nicht, die in dieser Umgebung ihre Pflicht tun müssen, jedes Aggregat unter Kontrolle halten, vergewissern, dass alles rund läuft. Vieles ist auf Automatik gestellt, während der Nacht braucht niemand anwesend zu sein, Alarme wecken die Offiziere und Maschinisten, wenn ein Problem auftauchen sollte. Fünf Stockwerke tief unten läuft die Antriebswelle auf Touren, geschmierte und geölte 25 Meter lang und draussen treibt der Propeller das Schiff durch das Meer. Nach einer halben Stunde bin ich froh wieder ans Tageslicht und in die kühleren Räume zu kommen.

Am 3. Mai fahren wir um 1700 Uhr durch den Eight Degree Channel, der die Lakkadiven (Indien) von den Malediven trennt. Und am 4. Mai morgens um 0745 gibt’s einen Kurswechsel auf 87° ostwärts, wir sind an der Südspitze von Sri Lanka angelangt, dem Navigationspunkt Dondra Head, und fahren nun über den zweiten Teil des Indischen Ozeans Richtung Nordspitze von Sumatra (Indonesien).

 

Strasse von Malakka

Nach einigen ereignislosen und ruhigen Tagen empfangen uns die Wasser der Strasse von Malakka mit einem tropischen Regen. Die Sicht ist beeinträchtigt, für die Offiziere auf der Brücke eine erhöhte Anspannung, zudem hats unglaublich viele Fischerboote und auf Piraten müsse auch aufgepasst werden; alles wird abgeschlossen, keine offene ungesicherte Türe darf es geben.

Schade auch zu sehen wie schmutzig hier das Wasser ist, Plastik schwimmt auf dem Meer, andere Abfälle, vieles wird hineingeworfen – aber von wem? Auf den meisten Schiffen herrscht ein totales Verbot Abfälle ins Meer zu entsorgen, leider halten sich dennoch nicht alle daran.

In Port Klang wird abends zehn Uhr angelegt, die Arbeiter stehen im Regen, sind total durchnässt. Wie von Geisterhand werden die Container von grossen Ungetümen gepackt, gehievt, im Minutentakt an Land gehoben, andere wieder aufs Schiff geladen. In ein paar Stunden sind wir schon wieder klar zum auslaufen und fahren dann mit halber Kraft (nur 14 Knoten schnell) nach Singapur, da unser Standplatz im Hafen erst um 2200 frei sein wird.

   


Singapur

Am Morgen herrscht herrliches Wetter vor und ich gehe nach dem Frühstück an Land. Ich bin mich ja an Hitze gewöhnt, aber so höllisch heiss auf dem nackten Beton zwischen den Containern zwei Kilometer bis zum Zoll durch zu gehen, das ist doch etwas viel für mich. Wie bin ich froh nach weiteren 15 Minuten Fussmarsch in den Untergrund eintauchen zu können, die U-Bahn ist ja herrlich herunter gekühlt.

Blumenreich und parkartig ist die Stadt, alles sehr gepflegt wie eh und je! Aber auffallend doch wie die Menschen viel netter sind als früher, alle sehr hilfsbereit und freundlich als ich einige Male nach dem Weg frage.

An der Orchard Road, mitten im Zentrum, finde ich einen Internetshop, Telefonkarten gibt’s zu kaufen, so kann ich mich wieder einmal bei meinen Freunden und Bekannten bemerkbar machen. Und zum Mittagessen gehe ich ins Sun and Moon, ein japanisches Restaurant, und geniesse einen feinen Teppanyaki Lunch.


Im Südchinesischen Meer

Die Tage auf der Portland Senator sind gezählt! Die mitgenommenen Tages Anzeiger Magazine sind gelesen, mein Computer ist wieder aufgefrischt, geordnet. Die Thai Konsonanten habe ich auch wieder auswendig gelernt, bei den Vokalen hapert es noch sehr! Da sind, ausser den bei uns gängigen a e i o und u noch so manch andere Vokale wie äöi, iau, iu, ,üäi, äibäimäi dabei, die nicht in mein Sprachbild passen wollen. So werde ich mich in Thailand wieder mit Englisch durchschlagen und meine Standardsätze nur in den simplen Restaurants brauchen, wo auch ein einfaches Englisch nicht verstanden wird!

Yantian (China) empfängt uns mit diesigem Wetter um 11 Uhr morgens am 11.5.! Dieser neue Hafen befindet sich einige Kilometer östlich ennet der Grenze zu Hongkong, ist modernstens ausgerüstet und so geht das Ent- und Beladen viel schneller vorwärts als angenommen. Jedenfalls können wir um 21 Uhr schon wieder ablegen und Kurs auf Hongkong nehmen. Da diese Fahrt nur 4-5 Stunden dauert habe ich Glück in Hongkong um Mitternacht von einem Lichtermeer empfangen zu werden. Die Einfahrt rund um Hongkong Island herum zum Kwai Chung Containerhafen ist etwas vom Schönsten, rechts sind tausende von Lichtern zu sehen angefangen bei Stanley, dann Repulse und Middle Bay, und die Hochhäuser von Aberdeen!

Trotz der Verspätung in Hamburg kommen wir pünktlich am Freitag, 12. Mai in Hongkong an, haben in 23 Tagen 18’503 km hinter uns gebracht und ich bin ungefähr 8000 Treppenstufen hinauf und hinunter gestiegen während dieser Zeit. Diese ruhige Seereise hat sich gelohnt – ich werde sicher einmal noch das letzte Drittel meiner Weltumrundung per Schiff vornehmen.


Hongkong

Entgegen der Versprechungen des Kapitäns um 0700 aussteigen zu können werde ich um 0230 geweckt und aufgefordert auszusteigen, die Passkontrolleure dulden keine aussteigenden Passagiere länger an Bord...  Der Hanjin-Agent und sein Chauffeur bringen mich zur Hafenkontrollbehörde auf die Hongkong Insel zur Passkontrolle und von dort zurück nach Kowloon ins Royal Pacific Hotel, wo ich um 0410 an der ausgestorbenen Reception vorsprechen will. Es geht einige Minuten und dann kommt eine hübsche Chinesin und ich staune: sie gibt mir gleich die Zimmerschlüssel. Ein super Service so früh einchecken zu können, so kann ich mich etwas ausruhen gehen und trotzdem noch den ganzen Freitag geniessen, denn es wartet ein grosses Programm auf mich bei diesem schönen Wetter: zuerst mal zum Coiffeur und etwas chinesisches zum Mittagessen, dann in den Kowloon Park und dort ins Pool, anschliessend zur Star Ferry und Fahrt auf die Hongkong Insel und mit dem Doppeldeckerbus Nr. 15 auf den Peak, 3.5 km Rundgang (der Welt schönster Spaziergang), Sonnenuntergang und Mondaufgang, es ist Vollmond. Hongkong zeigt sich von der schönsten Seite während meinem ganzen Aufenthalt bis am Montag.

Nun ists noch ein kurzer Trip mit der Schnellfähre nach Macau, vom Ferry Pier mit dem Taxi auf den Flughafen und mit Air Asia nach Bangkok für nur Fr. 78.45 (im Internet früh genug gebucht), der Flug von Hongkong nach Bangkok wäre einiges teurer gewesen.