Partizipation

An dieser Stelle geht es um Partizipation Psychiatrieerfahrener. Damit ist die Beteiligung Psychiatrieerfahrener an den Prozessen und Entscheidungen im psychiatrischen Hilfesystems gemeint. 

Erfreulicher Weise setzt sich auch in der Psychiatrie immer mehr die Erkenntnis durch, dass es ohne den Nutzer nicht geht. Psychiatrie ist für den Patienten bzw. Klienten da und muss mit ihm gemeinsam gestaltet werden. Seine Mitwirkung fügt eine ergänzende Perspektive hinzu, die mehr Wissen ins System bringt. Dadurch kann die Qualität des Systems erhöht werden. 

Zudem erhöht sich durch Partizipation die Identifikation mit dem Hilfesystem, was zu einer verbesserten Zusammenarbeit zwischen Profis und Psychiatrieerfahrenen führt. Dazu kommt das Bewusstsein ein wirksamer Teil des Systems zu sein. Letztendlich sind das Faktoren, die die Genesung fördern. 

Es lassen sich 7 Handlungsfelder definieren:

1. Partizipation im Einzelfall 

Es ist ausschlaggebend, inwieweit der einzelne Psychiatrieerfahrene in seine Behandlung bzw. Begleitung eingebunden wird. Sei es durch seine Mitwirkung bei der Hilfeplanung auf gleicher Augenhöhe oder durch die ihm angebotene Möglichkeit eine Behandlungsvereinbarung in Anspruch zu nehmen. Möglichst gleichberechtigter Teil des Hilfeprozesses zu sein fördert letztendlich die seelische Gesundheit. 

2. Partizipation in der Einrichtung

Eine moderne Einrichtung bietet dem Patienten bzw. dem Klienten Strukturen, um sich zu beteiligen. Es darf nicht nur bei den Werkstatt- und Heimbeiräten bleiben, sondern auch in den Kliniken und in der Gemeindepsychiatrie muss eine partizipative Einrichtungskultur geschaffen werden. Übernahme von Verantwortung durch die Psychiatrieerfahrenen und Abgabe von Macht durch die Profis kennzeichnen gelungene Beteiligung. 

3. Interessenvertretung Psychiatrieerfahrener (im Gemeindepsychiatrischen Verbund) 

Es gibt schon seit 1992 organisierte Interessenvertretung durch Psychiatrieerfahrene. Aber vor allem mit dem Aufbau der Gemeindepsychiatrischen Verbünde sind Psychiatrieerfahrene in den Kreisen als Gestaltungspartner gefragt. Teilweise ist es schwierig überhaupt so viele Vertreter zu finden. Fortschrittliche Profis bemühen sich Psychiatrieerfahrene so zu stärken, dass sie sich organisieren und psychiatriepolitisch tätig werden wollen und können. 

4. EX-IN (Experienced-Involvement) 

Durch EX-IN wird es erleichtert, dass Psychiatrieerfahrene selbst bezahlte Helfer werden. So werden sie Teil der psychiatrischen Hilfen und arbeiten als Brückenbauer zwischen Profis und Klienten. 

5. Beteiligung bei der Durchsetzung von Rechten

Informations-, Beratungs- und Beschwerdestellen (IBB-Stelle)
Durch das Inkrafttreten des Psychisch-Kranken-Hilfe-Gesetz (PsychKHG) am 1.1.2015, ist es in Baden-Württemberg gesetzlich vorgeschrieben, dass es in jedem Kreis eine IBB-Stelle geben muss. Das Besondere daran ist, dass die IBB-Stelle unabhängig und trialogisch besetzt ist. Das heißt Psychiatrieerfahrene und Angehörige sind verpflichtend Teil der IBB-Stelle. Ein großer Fortschritt was Partizipation Psychiatrieerfahrener anbelangt. 

Besuchskommissionen
Ebenfalls durchs neue PsychKHG sind in Baden-Württemberg 4 Besuchskommissionen gegründet worden. Per Gesetz sind auch hier Psychiatrieerfahrene als Mitarbeiter vorgesehen. Besuchskommissionen gehen in psychiatrische Kliniken, um dort die Korrektheit der Behandlung zu prüfen und berichten der Landesombudsstelle. So nehmen Psychiatrieerfahrene Einfluss auf die Kontrolle der Einrichtungen. 

6. Förderung von Selbsthilfe und Interessenvertretung 

Leider gibt es noch nicht überall Selbsthilfegruppen und Interessenvertretung durch Psychiatrieerfahrene. Es ist für die Entwicklung von Partizipation von großer Bedeutung, dass die Profis deren Notwendigkeit erkennen und die diesbezüglichen Initiativen fördern. Sie befinden sich dabei auf dem schmalen Grad zwischen Förderer und Beobachter, was keine leichte Aufgabe ist. 

Fazit

Partizipation Psychiatrieerfahrener ist ein hochaktuelles Themen und lebt vom Prinzip Geben und Nehmen. So wie die Profis gefordert sind Partizipation zuzulassen und zu fördern, so sind Psychiatrieerfahrene in der Pflicht den eigenen Forderungen gerecht zu werden und die Aufgaben anzugehen, die sich ihnen bieten. Nicht zu unterschätzen ist dabei der Umstand, ob diese Arbeit wie bisher ehrenamtlich oder unterbezahlt geleistet werden muss, oder ob das System bereit ist, sich die Unterstützung durch die Psychiatrieerfahrenen etwas kosten zu lassen. Ein erster Schritt in diese Richtung ist PeerCom

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Siehe auch:
Partizipation Baden-Württemberg

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