Heime

Visionen der Psychiatrieenquete aufgegeben? 

Seitdem ab der Psychiatrieenquete 1975 versucht wurde, die Bettenanzahl  in den psychiatrischen Kliniken zu reduzieren, bekamen die Heime für psychisch erkrankte Menschen immer größere Bedeutung. Die Gefahr besteht, dass die gewollte Ambulantisierung der psychiatrischen Hilfen verfehlt wird, indem die früheren Patienten der häufig auf dem Land gelegenen Großkliniken nun stationär langzeitig in Heimen aufgenommenen werden. Die frühere Idee, die Heime komplett aufzulösen, scheint an der Realität gescheitert zu sein, denn in fast jeder größeren Stadt gibt es Heime für Psychiatrieerfahrene und auch der Bedarf an geschlossenen Heimen wird an vielen Orten deutlich artikuliert.

Wir von PeerCom fragen uns, warum es nicht möglich ist, mit guten ambulanten intensiv betreuten Wohnformen, auf Heime weitgehend zu verzichten? Vor allem bei Psychiatrie-Erfahrenen, die keinen oder nur einen geringen Bedarf an Pflege haben, verstehen wir das nicht. Sicherlich gibt es schwer Erkrankte, aber es muss doch Konzepte geben, dass viele davon in der eigenen Wohnung bleiben können und zudem deren Vereinsamung vermieden werden kann.

Es ist schade, dass die opimistische sozialpsychiatrische Forderung der 80er Jahre nach der Auflösung der Heime in den Köpfen und Herzen der Verantwortlichen ihren Platz verloren hat.

Fehl- und Fernplatzierungen sind keine Seltenheit 

Ein weiteres Problem ist es, dass besonders für Menschen, die anscheinend in ein geschlossenes Heim gehen sollten, es oft kein angemessenes Angebot vor Ort gibt, und diese Menschen teilweise hunderte von Kilometern von ihrem Wohnort entfernt untergebracht werden müssen. Diese Entwurzelung ist in der Regel ein sehr schädigendes Erlebnis für die Psychiatrieerfahrene.

Darüber hinaus gibt es viele jüngere Psychiatrieerfahrene, die eigentlich keinen größeren Pflegebedarf haben und trotzdem in Pflegeheimen untergebracht sind.

Der Tatsache, dass es immer noch häufig zu Fehl- und Fernplatzierungen kommt, muss dringend entgegengewirkt werden! Genau betrachtet ist dies ein Skandal.

Psychiatrieerfahrene brauchen Eingliederungshilfe 

Weiter gibt es die Möglichkeit, dass der Aufenthalt über die Pflegekasse oder über das örtliche oder überörtliche Sozialamt gezahlt wird (Eingliederungshilfe). In der Regel haben Psychiatrie-Erfahrene auf die höhere Finanzierung der Eingliederungshilfe Anspruch und werden trotzdem oft mit der geringeren Pauschale der Pflegeleistung betreut und begleitet.
Übrigens werden die Kosten von ambulanten Pflegediensten von der Eingliederungshilfe abgezogen. 

Private Träger sind fragwürdig 

Ebenso ist zu überlegen, wie sinnvoll es ist, dass private Träger im ländlichen Umfeld große Heime eröffnen, die jedem fachlichen Anspruch widersprechen. Diese Heime werden dann teilweise bundesweit belegt. Die Fachpersonen sind sich einig, das kleine, überschaubare, in der Gemeinde gelegene Heime, die richtige Lösung sind. Dazu kommt, das private Träger von Heimen mehr noch als staatliche auf eine maximale Rendite angewiesen sind. Ob dies den Bewohnern entgegenkommt, ist fraglich. 

Heime müssen grundsätzlich rehabilitativ arbeiten

Ein besonders wichtiges Bewertungskriterium für Heime ist es, ob diese ein rehabilitatives Konzept verfolgen, das heißt, dass das Heim konsequent das Ziel verfolgt, dass Bewohner das Heim schnellstmöglich wieder verlassen können, um in einer selbstbestimmteren Wohnform zu leben - das gilt auch für geschlossene Heime. Heime mit dem Konzept der Beheimatung sollten, wenn überhaupt benötigt, die absolute Ausnahme sein. 

Immer noch Missstände in Heimen

Als letztes sei noch darauf hinzuweisen, das es nicht wenige Heime gibt, wo die Zustände nicht den fachlichen Standards entsprechen. Sei es zum Beispiel allgemein der Umgang mit den Bewohnern oder fehlende Tagesstruktur. Hier gilt es wachsam zu sein und Missstände zu beheben. Teilweise dauert es viel zu lange, dass - obwohl es bei den Fachpersonen allgemein bekannt ist - Heime mit Mängeln Konsequenzen zu spüren bekommen.




Statements zu Heimen für psychisch erkrankte Menschen 

  1. Was macht ein gutes Heim aus?
    1. Gute Angebote zur Tagesstruktur
    2. Vertrauen in die Möglichkeiten der Bewohner
    3. Klein, verkehrstechnisch gut angebunden, Einkaufsmöglichkeiten
    4. Gutes Essen
    5. Rehabilitativer und inklusiver Charaker
    6. Aktiver Heimbeirat
    7. Weitmöglichster Erhalt der Selbstbestimmung
    8. Einbezug der Angehörigen, wenn vorhanden
    9. Vernetzung mit anderen psychiatrischen Hilfen (WfbM, Tagesstätte, Selbsthilfe)
  2. Welche Probleme gibt es in Heimen?
    1. Langeweile, Hospitation, Einsamkeit
    2. Schwer Erkrankte, die kaum Erreichbar sind
    3. Drogen, Alkohol
    4. Suizide
    5. Schlecht geschultes Personal (Pflegeheime!)
    6. Fürsorgliche Belagerung
  3. Wohin mit den Menschen?
    1. Personenzentrierung statt Institutionszentrierung, bedürfnisangepasste Begleitung
    2. Skandal: In Altenheimen wohnen oft junge psychisch Erkrankte
    3. Psychisch erkrankte Menschen gehören in Heime der Eingliederungshilfe
    4. Braucht es geschlossene Heime? Platzieren Länder bzw. Kreise ohne geschlossene Heime ihre psychisch Erkrankten in Heime außerhalb?
    5. Keine Fernplatzierungen, keine Fehlplatzierungen (Pflegeheime!)
  4. So wenig Heime wie möglich, so viel wie nötig - - > gehts auch ganz ohne?
  5. Eine fortschrittliche Heimleitung prägt den Charakter eines Heimes
  6. Auflösung der Heime mit Hilfe von Wohngruppen möglich?
  7. Weg von dem Denken in Plätzen, hin zum Angebot von Fachleistungen

Unsere Forderungen

  1. Psychisch erkrankte Menschen gehören in Heime der Eingliederungshilfe 
  2. Wohnortnähe, gute Anbindung an den öffentlichen Verkehr, gute Einkaufsmöglichkeiten
  3. Erhöhung des Eigenbehalts ("Taschengeld") 
  4. Keine Sparmaßnahmen am Essen
  5. Ausreichend Internetzugang
  6. Kleine Heime (max. 30 Bewohner) 
  7. Tagesstrukturierende Angebote
  8. Zusätzliche Inanspruchnahme von Pflegeleistungen auch im Heim
  9. Rehabilitativer Ansatz. Beheimatung als Ausnahmefall
  10. Recovery- und Empowermentansatz
  11. Bezahlte Mitarbeit von Psychiatrie-Erfahrenen und Angehörigen 
  12. Einbindung in den Sozialraum
  13. Einbindung in den Gemeindepsychiatrischen Verbund
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