Unfall-Geschichte und danach



 

Ich erzähle meine Unfall-Geschichte sehr gerne, denn ich kann so etwas über mich erzählen, das zwar schlimm ist, aber ein gutes Ende nahm. Es nahm zwar noch kein Ende, denn ich lebe immer noch.

 

Ich bin etwa 4 Meter auf einen Parkplatz gefallen. Zum ersten Mal in meinem
Leben flog ich mit einem Hubschrauber von Chur nach Zürich. Ich Esel bekam nicht einmal etwas davon mit. 

Ich habe eine Entschuldigung: Ich lag im Koma. 


Das kam So: Ich spielte mit meiner damals 6 jährigen Schwester auf einer Plattform mit Büschen, die von einer Stützmauer gestützt wurde. Ich warf Schneebälle ans Küchenfenster, hinter dem die Köche waren. Es nervte einen so, dass er das Fenster aufriss und fluchte. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich die Skischuhe an, was mir wahrscheinlich zum Verhängnis wurde. Désirée sagte mir, ich sei ausgerutscht, habe mich zu halten versucht und stürzte auf den Asphalt.

Meine Schwester ging darauf ins Restaurant und sagte meiner Mutter, ich blute aus der Nase, und ich läge am Boden.
Darauf - so wurde es mir erzählt - trugen mich zwei vom Unfallort weg. Wenn ich den Rücken gebrochen hätte, wäre ich jetzt auf alle Fälle querschnitt gelähmt, denn die zwei, die mich weg trugen, hielten mich an den Armen und Beinen. Nussgipfel artig wurde ich zum Arzt getragen, welcher mich auf den Rücken legte, ich musste mich übergeben, und er merkte es nicht. Vieles ging in die Lunge.

Es blieb mir "nur" eine leichte Behinderung. Ich kann heute gut damit leben. Auch bin ich schon lange nicht mehr auf den Rollstuhl angewiesen. "freu"

Als ich das erste Wochenende vom Spital nach Hause durfte, passierte etwas:

Ich wollte, wie so manchmal, aus dem Rollstuhl. Ich setzte meinen Willen in Tat um und ging. Natürlich hielt ich mich an vielen Orten fest, denn ich konnte damals nicht ohne mich zu halten gehen. Schliesslich hatte ich nicht grundlos einen Rollstuhl. Danach hielt ich mich voller Freude an einem Stuhl fest. "Schau, ich stehe!" Der Stuhl rutschte weg und ich knallte mit dem Kopf auf den Boden.

Heute geht vieles wieder. Eigentlich kann ich mich über meine Lebensqualität nicht beklagen d.h. ich könnte schon, nur wäre es nicht berechtigt. An dieser Stelle denke ich daran, wie es darum ging, ob ich überhaupt im Rollstuhl sitzen kann. Ich hab's geschafft. Dann glaubte keiner, dass ich jemals wieder aus diesem Gefährt herauskomme. Auch Skifahren, Velofahren usw. war damals noch in sehr weiter Ferne.

Jetzt weisst Du das Erlebnis von mir, das mein Leben wohl bis jetzt am Meisten beeinflusst hat. Aber ich lebe heute lieber als vor dem Unfall. Kannst Du Dir das vorstellen? Klar kannst Du sagen, ich sei noch zu jung gewesen, um dies beurteilen zu können. Aber hatte ich damals andere Probleme, die ich heute zum Glück nicht mehr habe. Ich sehe die Zeit vor dem Unfall als Vorbereitung für jetzt. Mit dieser Sicht-Weise geht es mir bestens.

Du kannst mich rund um meinen Unfall alles fragen.
Diese Zeiten sind vorbei, in denen ich Selbstmordgedanken hatte.


Natürlich ist Selbstmord keine Option. Mein Vater sagte mir früher, jeder müsse mal ins Krankenhaus. Ich dachte damals, dass ich nie gehen müsse. Dann träumte ich im Koma vom Spital, und als ich wach war, bin ich wirklich dort. Meine Mutter sagte mir später dann, es sei Tage gegangen, bis ich wach gewesen sei. Was die Grenze zur Realität nochmal verschleierte. Ich lag einfach einseitig und sprachlos im Bett. Ich wusste nicht weshalb. Meine Mutter erzählte es mir schon. Aber zuerst musste ich es begreifen, was man mir da sagte.


Jahre später hörte ich mal im Fernsehen, dass Depressionen eine häufige Folge eines Komas seien. Das hatte ich. Aber zum Glück gab es das Radio Eulach.



Wie ich nach dem Unfall wieder ins Leben zurück fand


Nach dem Unfall ging ich oft ins Radio Eulach. Dort wurde ich dann Stammgast und Stadt bekannt. Ich danke Günter Heuberger, dass er zuliess, dass ich viel dort war.

Aber beginnen wir am Anfang: Ich träumte vom Spital, als ich noch im Koma lag. Es war ganz komisch grün und dunkel. Aber ich wusste im Traum, dass ich im Spital war. Da hörte ich einmal meine Mutter. Weil sie mir noch vor dem Unfall erzählte , dass sie sich als Kind  jeweils sagte wenn sie schlecht träumte, dies sei nur ein Traum und sich mit den Händen die Augen öffnete, wollte ich dies auch tun. Aber meine rechte Seite war gelähmt, und so funktionierte der rechte Arm mit der Hand nicht. Das irritierte mich so, dass ich es bleiben liess. 

Einmal erzählte mir Sandra, die ich auch schon vor dem Unfall kannte, dass meine Mutter ganz aufgeregt zu ihnen gekommen sei und gesagt habe, ich hätte die Hand bewegt. Das war wahrscheinlich zu diesem Zeitpunkt, als ich meine Mutter hörte und die Hände hochnehmen wollte, aber der rechte Arm mit der Hand nicht funktionierte. So bewegte ich halt kurz die linke Hand. 

Als ich dann wach war, kamen mich viele Leute besuchen im Spital. Auch meine Klasse auf meinen Wunsch. 

Als ich das erste Mal vom Spital nach Hause durfte, kamen viele Leute zu mir nach Hause. Auch die Nachbarn. Nachher wusste meine Mutter nicht, wie mich bei den anderen Kindern integrieren, denn ich konnte nicht viel. Ich war im Rollstuhl und wahrscheinlich etwas im Dämmerungs-Zustand, denn mein Gehirn musste sich wieder vom Unfall erholen. Es wurde arg durchgeschüttelt. Schliesslich hatte ich eine Hirn Quetschung. Ich hatte anschliessend auch eine Hirnblutung, weshalb ich wahrscheinlich in's Koma fiel.

Die anderen Kinder kamen auf die Idee, Stühle in einem Kreis aufzustellen im Rasen, dass ich im Rollstuhl auch mitmachen kann beim Ballspiel .

Nachher irgendwann kam diese wunderschöne Radio Eulach Zeit. Nicht nur Radio Eulach, ich kannte später auch einige Geschäfte wie Veillon und Botty. Im Veillon erinnere ich mich noch gut, dass ich dort Witze erzählte. Als ich einmal den Witz von Bachmann's Ziegel erzählte, der etwas länger geht, standen die Verkäuferinnen in einem Halbkreis vor mir und hörten mir zu. Als der Chef kam, verspritzten alle irgend wo hin. Aber ich bekam anschliessend auch zum Chef ein gutes Verhältnis, darum weiss ich, dass er Roger hiess. Damals war ich 13.

Der Kontakt zum NeuWiesen fing an, in dem ich wieder Handorgel spielen wollte. Nach der Handorgel-Stunde ging ich dann jeweils ins NeuWiesen. Das Erste, mit dem ich Kontakt hatte dort, war das Radio Eulach. 

Ich rief oft an. Damals konnte ich noch nicht so schnell sprechen. So viele Hörer, die langsam sprechen und anrufen gibt es nicht. Ich nehme an, dass dies mit ein Grund war, dass ich so schnell bekannt wurde. 

Einmal war ich dort, als das Wunschkonzert lief und ich am Interwiew-Tisch sass. Burny nahm mich vom Interwiew-Tisch über den Sender. Wir taten so, als ob ich von zu Hause her anrufen würde. Burny bemerkte auch, dass ich ein gutes Telefon haben müsse, weil die Sprache so klar sei.  Wir verarschten also die Hörer. Aber ich bin mir nicht sicher, ob der Eine oder Andere nicht etwas gemerkt hat. Ich konnte nicht mehr richtig sprechen, so musste ich lachen.

Dann verriet mir Burny einmal die Geheimnummer vom Radio Eulach, die damals in den 80ern 230 300 war. Er sagte, ich solle von der Redaktion mal anrufen, er sei im Studio und nähme dann ab. Ich rief an, da nahm einer mit "Stadtpolizei Winterthur" ab. Ich ging ins Studio und sagte, es sei die Stadtpolizei. Er sagte, das sei er gewesen, ich solle nochmal probieren. So etwa noch 3 oder 4 Mal. Dann wollte ich wirklich nicht mehr. Er bat mich: "Noch ein Mal." Als ich dann nochmal probierte, nahm jemand ab und sagte: "Hoi Päde." 

Mit Burny kam ich fabelhaft aus. Natürlich auch mit Anderen, aber Burny war der Hammer. Wenn er am Morgen den Winty-Wecker moderierte, erzählte ich jeweils einen Witz von zu Hause aus über's Telefon über den Sender. Zuerst erzählte ich ihn jeweils ihm, dass er bewerten konnte, ob ich den erzählen darf. Diese Witze kamen auch gut an bei der Hörerschaft. Ich bekam immer wieder Rückmeldungen. Manchmal erkannte mich einer auf der Strasse oder so an der Stimme. Auch weil ich langsamer sprach als Andere, erkannten mich diese Leute - nehme ich an.

Sonntags fuhr ich manchmal  mit dem Postauto in die Stadt und ging zum Radio Eulach.

Natürlich gab es auch Unangenehmes aus dem heraus, dass ich langsamer sprach. Viel wurde ich als besoffen oder drogen süchtig angesehen. Vielen Leuten kommt eben nichts Anderes in den Sinn. Wahrscheinlich sehen sie diese Wirkung an sich, oder an Kollegen, und so ist es für sie am naheliegensten. Man muss aber auch sagen, dass es besoffene Leute gibt. Aber wenn ich es ihnen erkläre, und sie glauben es nicht, habe ich Erbarmen mit diesen Leuten.

 Mit Herby Kramer telefonierte ich auch oft. Manchmal gingen wir über den Sender. 

Aber der erste Kontakt mit jemandem vom Radio Eulach war am Sonntag Morgen in der "Sändig Bodeständig" mit Marino Manferdini. Ich rief an. Er nahm ab, sagte aber nichts. Darauf verschlug es mir die Sprache. Damals geschah das noch viel schneller als heute, denn ich konnte noch nicht gut sprechen. Er fragte, ob da jemand sei. Ich tat so, als hätte ich nicht gemerkt, dass jemand abhob. Wir sprachen lange miteinander. Er sagte immer wieder mal, er müsse noch eine Platte auflegen, ich solle aber dran bleiben. Von nun an rief ich jeden Sonntag in die "Sändig Bodeständig" an. 

Wie gesagt, das war der allererste Kontakt mit dem Radio Eulach. Nun geht es wieder weiter, als ich bereits Stammgast war:

Mit Peter Junker kam ich auch sehr gut aus. Ich rief meist um 06:10h an wenn er Wintiwecker moderierte. Damals sah man noch nicht beim Telefon, von welcher Nummer einer anrief. Aber Peter wusste, dass ich es bin wenn das Telefon um 06:10h klingelte. Später rief ich dann manchmal vor 6 Uhr an. Dann wusste er es so wie so.

Als Andrea Schwarzenbach im Radio Eulach anfing, wurde ihr gesagt, am Morgen rufe jeweils Päde an.

Einmal war ich mit Stefan Hamilos alleine in der Redaktion. Wir spielten Fussball mit einem Ballon. Er war Spieler und Kommentator zugleich. Der Cola-Automat kam uns ständig in den Weg. Aber es war lustig! 

Zu diesem Zeitpunkt stand ich wieder voll im Leben mit all' seinen Auf's und Ab's.

Irgendwann war der Drang, zum Radio Eulach zu gehen, nicht mehr so gross. Ich setzte eine Weile aus. Als ich wieder mal gehen wollte, war das Radio Eulach nicht mehr Radio Eulach, sondern Radio Top, und nicht mehr dort, wo es war, sondern im Erlenhof.

Noch Jahre trauerte ich der Radio Eulach Zeit nach. 1985 - 1989 war ich oft im Radio Eulach. In den 1990er Jahren manchmal auch. 

Geschäfte wechselten allmählich. Das NeuWiesen Zentrum wurde mir immer fremder, in dem ich mal so bekannt war.

Jedoch viele Jahre später ging ich wieder Mal ins NeuWiesen. Da rief plötzlich jemand meinen Namen. Es war Willie Marthaler. Er war immer noch dort. Er war Abwart. Vielleicht immer noch...

Noch Jahre später, als die Radio Eulach-Zeit schon eine Weile vorbei war, erzählte ich jemandem im Zug einen Witz. Er sagte dann, ich könne noch gut Witze erzählen. Es stellte sich heraus, dass er mich früher jeweils im Radio hörte und an der Stimme erkannt hat. 

Es gibt sicher noch Anderes, das mir zu mehr Selbstwert-Gefühl verhalf. Aber das Grösste in dieser Zeit war für mich das Radio Eulach. Einige wollten mich einmal live sehen. Ich erinnere mich noch, dass ich vor dem Radio Eulach eine junge Frau traf, die "Jetzt sehe ich Dich auch einmal" sagte. In diesem Moment sprang mein Herz vor Freude. Ich liess mir aber meine Freude nicht anmerken. Heute kann ich meine Reaktion damals nicht mehr verstehen. Vielleicht war ich zu sehr überrascht oder ich dachte , ich müsse möglichst cool sein. Damals war ich eben ein Teenie. 

Aber nichts gegen Teenie's! Ich habe auch Teenie - Freunde. Ich erlebe die Jugendlichen aber nicht so, dass sie cool sein wollen. Ich glaube, im Grossen und Ganzen ist das heute nicht mehr so. 

Es kommt im Leben weniger darauf an, Glück zu haben, als glücklich zu sein.

PS. Zum Glück war ich im Kom(m)a. Wäre ich im Strich - Punkt gewesen, hätte ich mich teilen müssen. lol


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