Pressetext

2015 | 100 Jahre Völkermord an den Armeniern

Theaterprojekt "Nicht ich bin der Mörder"

"Nicht ich bin der Mörder, sondern er", erklärte ein junger Armenier bei seiner Festnahme. Er war davon überzeugt, dass der von ihm erschossene ehemalige osmanische Innenminister Talaat Pascha zu den Hauptverantwortlichen für den Völkermord an den Armeniern gehörte.

Das dokumentarische Theaterstück mit Musik enthält spannende Originaldialoge aus einem Prozessprotokoll von 1921 am Kriminalgericht in Berlin, sowie Auszüge aus Zeitungskommentaren von Hrant Dink, der 2007 von einem türkischen Nationalisten ermordet wurde. Als armenischer Journalist hatte er dafür gearbeitet, dass es zwischen Türken und Armeniern zu einer Normalisierung und Versöhnung kommt. Er forderte Dialogbereitschaft und gegenseitigen Respekt und warb für ein friedliches Miteinander – ein „Martin Luther King“ der Türken und Armenier. Im Anschluss des Theaterstücks findet ein Publikumsgespräch mit den Schauspieler_innen, der Pianistin und dem Projektleiter statt. Infos unter www.nicht-ich-bin-der-moerder.de

20.06.2015, 19:30 Uhr
Fabriktheater Moabit
Eintritt 8 €, erm. 5 €.

Trailer "Nicht ich bin der Mörder" from Heinz Böke on Vimeo.






Der armenische Genozid im Spiegel einer deutschen Gerichtsverhandlung

Im Juni 1921 wurde das Berliner Landgericht in Moabit in der Turmstrasse zum Schauplatz eines Prozesses, der die Welt aufrüttelte. Der Angeklagte Soghomon Thelirian hatte drei Monate zuvor einen Hauptverantwortlichen für den Völkermord an den Armeniern im Jahre 1915, den ehemaligen türkischen Großwesir Talaat Pascha in Berlin-Charlottenburg auf offener Straße erschossen - ein Racheakt der geheimen "Operation Nemesis". Mehmet Talaat war Innenminister und ab Februar 1917 Regierungschef ("Großwesir") des Osmanischen Reichs, Quelle: Bildarchiv Preußischer Kulturbesitz

Die Verteidigung versuchte die ursprüngliche Aussage Tehlirians zu entschärfen, er habe das Attentat von langer Hand vorbereitet. Der Angeklagte führte aus, dass ihm seine 1915 ermordete Mutter im Traum erschienen sei und ihm vorgeworfen habe, er würde sie nicht rächen.  Die Tat erfolgte nach der Aussage Tehlirians dennoch spontan, da er wieder an den Traum seiner Mutter habe denken müssen, als er Talaat habe aus dem Haus gehen sehen.

Bevor auf die Frage der Zurechnungsfähigkeit Tehlirians eingegangen wurde, wurden Sachverständige und Augenzeugen der Armeniermassaker befragt. Soromon Tehlerjan, angeklagt wegen Mordes an Talaat Pascha, Quelle: IDZA BerlinDie Berichte überlebender Augenzeugen machten vor allem auf die Geschworenen großen Eindruck. Johannes Lepsius, der eigentliche Drahtzieher hinter den Vorbereitungen der Verteidigung war vom Gericht als Sachverständiger vorgeladen. Er führte aus, dass die Deportation der Armenier Kleinasiens auf Geheiß Talaat Paschas angeordnet worden sei und zum Ziel gehabt hatte, das armenische Volk zu vernichten. Er beschreibt die historischen Hintergründe und den Umfang der Massaker und bezog sich  auf die dem Gericht vorliegenden Akten der Kaiserlichen Botschaft, des Auswärtigen Amtes aus seiner Sammlung „Deutschland und Armenien― und auf die veröffentlichten Protokolle des Kriegsgerichtshofs, der im Juli 1919 Talaat Pascha und andere in Konstantinopel zum Tode verurteilt hatte. Spätestens nach dieser Aussage haben die Geschworenen das Gefühl, dass nicht mehr Tehlirian, sondern der ermordete Talaat auf der Anklagebank sitzen sollte.

Für den Prozess bedeutsam waren die Kommentare der fünf medizinischen Sachverständigen zur Zurechnungsfähigkeit Tehlirians während der Tatzeit. Sie kamen aber alle zu unterschiedlichen Ergebnissen. Nur ein medizinischer Gutachter bescheinigte ihm hundertprozentige Unzurechnungsfähigkeit.

Obwohl Tehlirian voller Widersprüche war und der Staatsanwalt in seinem Plädoyer glaubhaft die Tatbestandsmerkmale eines Mordes für erwiesen ansah, wurde der Mörder Talaat Paschas von den 12 Geschworenen am 3. Juni 1921 nach einstündiger Beratung und nach nur knapp zwei Prozesstagen freigesprochen.

Die Verteidiger haben es verstanden, die Traumatisierung des Angeklagten und ihre Ursache, den brutalen Mord an den Armeniern Anatoliens, in den Vordergrund der Verhandlung zu rücken. Ihre brillanten Plädoyers sowie die nüchternen Ausführungen von Johannes Lepsius und insbesondere die erschüttern

Sachverständiger Johannes Lepsius , Quelle: IDZA Berlin

den Schilderungen überlebender Armenier haben die Geschworenen,

welche keine ausgebildeten Juristen waren und menschliche Aspekte in ihrer Urteilsfindung möglicherweise stärker werteten als Feinheiten in der Beweiswürdigung zu beachten, zweifelsohne stark beeinflusst.

Während der Gerichtsverhandlung kam nicht zur Sprache, dass der Angeklagte ein Mitglied der „Nemesis-Gruppe― war. Die Operation Nemesis wollte die Verantwortlichen des Völkermordes an den Armeniern zur Rechenschaft ziehen und Rache üben. Ein Jahr zuvor hatte Tehlirian bereits einen armenischen Verräter ermordet. Ein Mord, von dem das Gericht nichts wusste.

Durch Angabe eines falschen Geburtsjahres fiel dem Gericht weiter nicht auf, dass der Angeklagte die Deportationen selbst nicht miterlebt hat. Den Auftrag, Talaat Pascha zu ermorden, erhielt er im Herbst 1920 in den USA. Thelirian lebte dann noch drei Jahrzehnte in Serbien und später in den USA und starb dort mit 64 Jahren.

Heinz Böke