Marburg versus Südwestdeutschland. Philosophische Differenzen zwischen den beiden Hauptschulen des Neukantianismus

Obwohl der Neukantianismus Ende des 19. und in den ersten beiden Dezennien des 20. Jahrhunderts die diskursbestimmende deutsche Philosophie war, fiel er nach 1945 fast gänzlich dem Vergessen anheim. In der Perspektive der auftrumpfenden analytischen Philosophie, des Existentialismus und der (neo-)marxistischen Philosophie mußte der Neukantianismus als obsolet erscheinen, auch dadurch begünstigt, daß wichtige Repräsentanten vom Nazi-Regime ins Exil getrieben wurden (wie etwa E. Cassirer, J. Cohn oder R. Hönigswald).

Seit den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts hat das Forschungsinteresse am Neukantianismus jedoch stark zugenommen. Im Zuge dieser überfälligen Hinwendung zum Neukantianismus kam es zunächst darauf an, ein klares und deutliches Bild zu erhalten von dem, was Neukantianismus ist und wovon die Philosophien der wichtigsten Neukantianer handeln. Die in dieser Neubelebungsphase geleistete Forschungsarbeit gibt allerdings Anlaß, eine Reihe weiterer wichtiger Fragen aufzuwerfen.

Zu diesen Fragen gehört sicherlich die nach dem Verhältnis zwischen dem Marburger und dem südwestdeutschen Neukantianismus. In der Neubelebungsphase der Neukantianismus-Forschung entpuppten sich für viele Forscher die Marburger Schule (bes. Cohen, Natorp, Cassirer) und die südwestdeutsche Schule (bes. Windelband, Rickert, Lask, Bauch) als Hauptschulen und eigentliche Repräsentanten des Neukantianismus. Diese Identifikation führte zwar zu einem recht einheitlichen (und engen) Begriff des Neukantianismus, ließ jedoch die Differenzen zwischen den Schulen in den Hintergrund treten. Zweifelsohne gibt es bedeutende Differenzen zwischen dem Marburger und dem südwestdeutschen Neukantianismus, etwa im Bereich der Logik und Erkenntnistheorie, der Wissenschaftstheorie, des Systemgedankens der Philosophie, der Rechtsphilosophie, der Ethik, der Ästhetik und der Religionsphilosophie. Es ist an der Zeit, die Differenzen eigens zum Thema zu machen.

Die Tagung Marburg versus Südwestdeutschland. Philosophische Differenzen zwischen den beiden Hauptschulen des Neukantianismus und der daraus resultierende Tagungsband sollen die Differenzen zwischen den beiden Schulen philosophisch explizit machen und bewerten.

Termin:

Do. 30. Juni 2011 - Sa. 02. Juli 2011

Ort:

Die Tagung findet im Gasthaus "Ziemowit" in einem schön gelegenen Kurort namens Ustroń im Raum Katowice/Krakau statt. Ein Transport vom Flughafen Krakau zum Tagungsort wird organisiert.

Referenten und Referate:

    • M. Ferrari (Turin)  Zwei Wege des Neukantianismus: Cassirer und Rickert

    • W. Flach (Würzburg) – Zur Neubewertung des Neukantianismus

    • S. Höger (Karslruhe)  Das Irrationale im Marburger und Südwestdeutschen Neukantianismus

    • Ch. Krijnen (Tilburg) Denken als Ursprung. Eine fundamentale Differenz zwischen Marburger und Südwestdeutschem Neukantianismus

    • T. Kubalica (Katowice) – Die Abbildtheorie bei Heinrich Rickert und Ernst Cassirer

    • M. de Launay (Paris) Geschichtsphilosophie im Marburger und südwestdeutschen Neukantianismus

    • S. Luft (Milwaukee) Kultur in Marburg und Baden

    • R. Munk (Amsterdam)  Das Unendliche bei Cohen und Cohn

    • A. Noras  (Katowice) – Philosophiegeschichte als Problem der Marburger und südwestdeutschen Neukantianern

    • E.-W. Orth (Trier) Der Neukantianismus und die Wirklichkeit als Kultur

    • S. Paulson (Kiel/St. Louis) – Kelsen und Radbruch im Spiegel der Marburger bzw. Badener Neukantianer

    • H. Wiedebach (Zürich) "Vorrecht der Bejahung" vs. "Urteil des Widerspruchs": Das Denkfremde bei Jonas Cohn und Hermann Cohen

    • T. Wyrwich (München) – »Intellektualismus« versus »Primat« der praktischen Vernunft? Zu einer möglichen Spannung zwischen Hermann Cohens und Heinrich Rickerts Auffassung von Wollen und Sollen

    • K.-W. Zeidler (Wien)  Das Problem des Einzelnen im Neukantianismus

Struktur:

Referat - Diskussion (Angaben über die vorgesehene Redezeit erfolgen später).

Sprache:

Die Tagungssprachen sind deutsch und englisch

Veröffentlichung der Beiträge:

Die Veröffentlichung der Beiträge ist vorgesehen.

Frage:

Für organisatorische Fragen aller Art wenden Sie sich bitte an Dr. T. Kubalica.


Finanziell gefördert durch
di
e Niederländische Organisation für wissenschaftliche Forschung (NWO) 
und die Schlesische Universität in Kattowitz





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Tomasz Kubalica,
27.06.2011, 10:47
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Tomasz Kubalica,
12.06.2011, 03:43
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