Japanische Kurzlyrik


HAIKU, TANKA und SENRYU

H A I K U  

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Das Haiku besteht aus 17 Silben in der Anordnung: 5-7-5 Silben. Es ist ein Silbengedicht (durch die japanische Sprache bedingt). Das Haiku ist ein Naturgedicht, genauer: die Momentaufnahme eines Naturerlebnisses oder Naturbildes. Die Jahreszeit, in der dieses Naturbild steht, muss erkennbar sein. Da in Japan Neujahr als 5. Jahreszeit gilt, werden auch Sylvester und Neujahrsthemen zu den Haiku gerechnet. Da wir von Momentaufnahmen sprechen, ist die angemessenen Verbform des Präsens, die Gegenwart(Ausnahmen sind möglich).

 

Ein Haiku sollte keinen Reim haben.

Ein Haiku muss eine Zäsur haben.

Im Haiku muss Bewegung sein, um es lebendig zu machen.

Eine Zweipoligkeit sollte erkennbar sein.

Die Transzendenz - sie sollte im Leser etwas nachschwingen lassen, ihm Raum für eigene Überlegungen und Interpretation lassen, wie das generell für fast alle Gedichte gilt.

 

 

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DAS HAIKU

Elisabeth Gallenkemper, D-59227 AhlenWestf., Chamissostraße 28

Das Haiku ist ein Kernststück der japanischen Lyrik. Es stellt die kürzeste Gedichtform in ihr dar und in der ganzen Weltliteratur. Seine Form wird durch seine klassische Prägung bestimmt. Es besteht nur aus einer einzigen Strophe von 3 Zeilen mit insgesamt 17 Silben. Die Silbenfolge von 5 - 7 - 5 soll den Augenblick eines Naturerlebens zum Ausdruck bringen und in ihm eine jahreszeitliche Bestimmung. Die 3 Zeilen müssen eine Zäsur aufweisen, die einen Vers abschließt oder einen Gedanken.

 

Der symbolische Charakter ist vorrangig. Schließlich ist das Haiku eine Form von Verehrung der Schöpfung, vielleicht sein tiefster Sinn. Zur Kunst des Haiku sagt Hermann Hesse in einem Essay: „Die japanische Lyrik hat mich sehr bezaubert, vor allem ihr Streben nach äußerster Einfachheit und Kürze." Der Haiku-Dichter muss angesichts der ungewöhnlichen Kürze jedes einzelne Wort mit großer Sorgfalt handhaben, das macht unter anderem die eigentliche Kunst aus.

 

Die Empfindungen des Dichters finden in einem Naturbild Ausdruck, die das persönliche Erleben vorstellen, und vom Leser erneut nacherlebt werden müssen. In 17 Silben soll in objektiver Beschreibung die Welt von Blumen, Tieren, Wind, Sonne, und Wasser zum Tönen gebracht werden, das Gefühl des Einsseins der Menschen mit der Natur fühlbar gemacht, in der Betrachtung und Beschreibung zwischen allem Seienden sichtbar werden..

 

Die Beschränkung auf 17 Silben erlaubt nur Andeutung, so dass Unausgesprochenes die Phantasie des Lesers anregt. Durch den leeren Raum des Nichtausgesprochenen entsteht im Haiku ein Nachklang. Auf diese besondere Ästhetik wird von Kennern immer wieder hingewiesen. Dieses ästhetische Prinzip beschränkt sich übrigens nicht nur auf die Haiku-Dichtung, sondern ist auch in anderen Kunstarten erkennbar: der Tusch-Malerei, der Tee-Zeremonie, dem Ikebana, dem NO-Spiel.

 

Zur Verdeutlichung sei noch einmal darauf hingewiesen: Neben der Silbenfolge 5-7-5 soll ein jahreszeitlicher Eindruck beschrieben sein, der Gesehenes oder Geschehenes mitbeinhaltet und dessen 3 Zeilen eine Zäsur aufweisen. Zäsuren besitzen die Wirkung, in den kurzen Haiku die Stimmung zu pointieren oder Ausgelassenes zu ersetzen.

 

Zum Wesen des Haiku und um es grundsätzlich verständlich zu machen, sei Folgendes gesagt: Der japanischen Lyrik ist Sanftheit und Stille eigen. Das japanische Gedicht nimmt das menschliche Herz zu seiner Wurzel und zehntausende von Wörtern zu seinen Blättern. Das Wirken der Menschen, die in dieser Welt leben, ist vielgestaltig und das was sie im Herzen empfinden, sprechen sie unter Zuhilfenahme von Dingen, die sie mit den Augen und Ohren wahrnehmen, aus

 

Besondere Charakteristika der Gedichte sind Aufrichtigkeit des Gefühls und eine Leidenschaftlichkeit in der Aussage, die das Erleben unmittelbar festhält. Sie erstreben nicht Größe und Erhabenheit, sie bleiben frei vom Ehrgeiz, tugendfördernd zu wirken, und ihr Ideal ist es, dem menschlichen Herzen und seinen Regungen nachzugehen. Absicht und Ziel des Haiku ist es, uns die Augen zu öffnen für kleine und kleinste Dinge im Alltag. Es kann zugleich neue Wertvorstellungen erwecken, die aus der Welt des Habens in die Welt des Seins hineinführen.

 

Das Haiku zwingt infolge seiner Kurzform zu einem wohlüberlegten Gebrauch des eigenen Wortschatzes, es enthält ein spracherziehendes Element. Und letztens kann das Haiku zu einer Kreativität führen, die, einmal geweckt, das eigene ICH bewußter macht.

 

In der japanischen Geschichte ist bekannt:

Die älteste erhaltene Gedichtsammlung, deren Gedichte verschiedene Formen aufweisen, stammt vermutlich aus der Zeit des 5. Jahrhunderts (und scheint 759 abgeschlossen worden zu sein). Die Gedichtsammlung heißt „Manyoshu" und übersetzt in unsere Sprache „Zehntausendblätter-Sammlung". Das Haiku fand seine Form im Verlauf der langen, langen Geschichte der japanischen Dichtung und entwickelte sich aus dem Langgedicht von einer Reihung von 5-7-5-5-7-5-7­-7 Silben. Später verfasste man Kurzgedichte, Tanka, Waka, mit einer Reihung von 5-7-5 ­Silben als Oberstrophe und 7-7- Silben als Unterstrophe. Über eine lange Entwicklung durch die Jahrhunderte, verselbstständigte sich im 17. Jahrhundert die Oberstrophe zum eigenständigen Gedicht, dem Haiku. Dichtermönche aus dem ZEN-Buddhismus brachten dem Haiku größte Aufmerksamkeit entgegen. Es ist bekannt, dass diese, auf ihren zum Teil jahrelangen Wanderungen, ihre Eindrücke, Empfindungen, ihr Einssein mit der Natur zu Aussagen formten, die in ihrer Niederschrift ihre Haikusammlung darstellten: man könnte auch sagen, "ihre Meditationstexte". Diese Dichtermönche gründeten oft nach Beendigung ihrer Wanderschaften eine Haikuschule, die es vielen Schülern ermöglichte, diese Kunst gründlich zu erlernen. Haiku wurden in allen Schichten des Volkes gedichtet, vom einfachsten Bauern bis hin zum hohen Staatsbeamten und dem Kaiser. In heutiger Zeit wird in den höheren Klassen der Volksschulen Japans das Wichtigste über Haiku gelehrt.

 

In Deutschland fand das Haiku vor ca. 90 Jahren erste Übersetzer in M. Hausmann und J. Ulenbrook. Inzwischen wird es sogar in deutschen Schulen geübt. Mittlerweile gibt es in einigen Städten Deutschlands Haiku-Gruppen. Ebenso wird das Haiku in Amerika, England und Russland geschrieben. Das Deutsche Haiku oder „das deutsche Kurzgedicht in traditioneller japanischer Form" wird in Deutschland besonders bei M. Buerschaper gepflegt, den Vorsitzenden der Deutschen Haiku-Gesellschaft nit Sitz in Vechta i. O.

 

 

 

 

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T A N K A

Das Tanka mit fünf Zeilen und 31 Silben besteht aus Ober- und Unterstrophe. Die Oberstrophe führt mit 5-7-5 Silben und die Unterstrophe mit je 7 Silben. Das fünfzeilige Tanka-Gedicht, mit insgesamt 31 Silben ist leichter zu gestalten, auch dem Rhythmus ist mehr Raum gegeben. Was für den Sprachstil des Haiku gilt, gilt auch für das Tanka.

Im Inhalt vereint das Tanka alle Motivbereiche des Haiku und Senryu. Es kann Gedankenlyrik sein, Gesellschaftskritik, Reisebeschreibungen, Philosophie oder Glaubensbekenntnis. Natürlich auch Liebesgedicht etc., das Tanka darf auch einen Titel haben.

 

 

 

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S E N R Y U

In seiner metrischen Form gleicht das Senryu dem Haiku. Das Senryu stellt ein persönliches Erlebnis, eine Wahrnehmung dar, die jedoch nicht naturbezogen zu sein braucht. Die Erlebnisse kommen aus dem Alltag und werden des öfteren mit Humor gestaltet.

 

DAS SENRYU

Elisabeth Gallenkemper, D-59227 AhlenWestf., Chamissostraße 28

Das SENRYU ist die jüngere Schwester des Haiku. Es besitzt die gleiche Form wie dieses und stammt auch aus der gleichen Familie der japanischen Poetik. Wie schon gesagt, in der äußeren Form gleichen sich Haiku und Senryu wie Schwestern durch das feste Silbenmaß 5-7-5 Silben.

 

Während das Haiku sich nur mit natur- und jahreszeitlichen Impressionen schmückt, also mit Naturbildern, und sich im dichten Kleid der Verinnerlichung zeigt, schürzt sich das Senryu mit menschlichen Merkmalen.

 

Das Senryu will nicht Symbol sein, versteckt sich nicht hinter Spitzenschleiern schöner Bildworte, sondern es gibt sich aufgeknöpft und offenbart Freude, Satire, Humor, Komik, Ironie, und ebenso trägt es Liebe, Hoffnung, Glaube, Schmerz.

 

Das Senryu will nicht still für sich leuchten; es will deutlich sprechen, zum Nachdenken anregen, einen Spiegel vorhalten, es will wärmen und erfrischen. Es will sogar religiöse Erkenntnisse oder Gedanken formen. Es will als  S e n r y u  der Laufschuh für den Lebensalltag sein. Übersetzt heißt das Senryu „Flussweide".

 

Ein Student der späteren Zeit, hielt die Inhalte des Haiku für erstarrt und schrieb mit anderem Gedankengut. Er machte sich einen Spaß daraus, alle ernsthaften Merkmale des Haiku zu missachten. Viele junge Dichtende schlossen sich der Meinung des jungen Mannes an, der sich übrigens „Flussweide" nannte. So schrieb man nun neben der alten Form und dem alten Inhalt des Haiku, das Senryu mit gleicher Form aber anderen Inhalten.

 

Beispiel:

Ein wortloser Tag

Nach einer langen Ehe.

Flackernde Kerze.

                           F.R.

 

Sommerlang Regen -

Reisen nützt nicht, Regen folgt.

Heimkehrgruß: „Regen!"

                           E.G.