Jakobsweg Etappe 5 

Mai 2008


Ich machte mich wieder auf den Weg,

der Anfang fehlte mir noch.

 

Reisenotizen und Gedichte aus der Zeit vom 06.05. bis 12.05.2008

 

Morgenlicht leuchte,

bitte, über dieser Zeit,

erfüllt sei mein Herz.

 Wärme, die ich empfange,

möchte ich weiter geben.

 

Du Großer Geist drehst

die Erde und das Gestirn -

wie die Sandkörner;

inspiriere meinen Geist,

alles zu deiner Ehre.

 

06.05.2008__________________________________________________________________

Auf dem Franz-Josef-Strauß-Flughafen in München ging ich nach der Anfahrt auf die dortige Toilette. Das, was ich dort entdeckte, fand ich witzig:

 

Ich treff die Fliege

zielsicher vor dem Abflug

in dem Pissoir;

damit sich niemand vertut

hat sie einer reingeklebt.

 

So sind es immer wieder die kleinen Dinge, die der Kuli in das Tagebuch notiert, für die ein anderer ihn nicht bemüht hätte. Doch gerade diese gehören zum Leben, das so facettenreich ist.

 

Gewohnheiten sind

das letzte, was man ablegt.

Ihnen folgt das Hemd.

 

Über die Schuhe

zieht man keine Hose an.

Trottel gibt es stets.

 

Man lässt sie höchstens

sehr eilig auf sie fallen,

wenn es denn pressiert.

 

Nicht nur zuhause

befreit man seine Füße.

Sind sie gewaschen?

 

Locker nie zu früh,

du könntest dich blamieren,

den Hosenträger.

 

Fällt der Blick auf ihn,

freut sich das Mauerblümchen.

Was folgt dem wohl noch. .?..

 

Manchmal ist’s  besser,

man beendet das Gespräch.

Gedanken sind frei!

 

Während des Fluges dachte ich an die Plantanenalleen Spaniens. Bei ihnen sind Äste verschiedener Bäume so geschickt miteinander verbunden, dass die des einen Baumes mit denen des anderen Baumes 2,50 m über dem Gehweg verwachsen. So bildet sich ein durchgehendes Blätterdach.

 

Der Wille verbiegt

nicht nur Zweige, auch Menschen.

Ein Führer kennt das.

 

Am Busbahnhof Bilbao wartete auf den nach Pamplona auch eine Gruppe aus Deutschland. Ihre Räder waren in Pappkisten verpackt. Sie werden sie, wie sie erzählten, in Pamplona aus diesen nehmen, sie wieder zusammen schrauben um darauf nach Santiago zu fahren. Dort erhalten sie neue  Pappkästen, mit denen sie ihre Fahrräder flugsicher zurückschicken können.

 

In einer Kiste,

als Sperrgut, flog das Rad mit.

Komm nicht so zurück!

 

So wünsche ich Dir

für den Weg Hals- und Beinbruch;

vergiss den Helm nicht.

 

Ein Mädel spuckte im Busbahnhof ihr Wrigleys vor meinen Wanderschuh. Er klebte schlimmer als Uhu.

 

Das Kaugummi klebt

erst am Zahn, dann an dem Schuh.

Krieg das erstmal ab!

 

Der Busbahnhof in Pamlona ist neu. (Der Zubringerbus vom Flughafen Bilbao kostete 2,25 €, 12,85 € der Bus von dort nach Pamplona, der nach Roncesvalles 5,40 €.) Unter der Erde befindet er sich, sauber, übersichtlich. Wie sonst liessen die Fahrer auch hier ihre Motoren während des Stillstandes laufen. Nach 15 Stunden komme ich von Bockau gerechnet in St.-Jean-Pied-de-Port in Frankreich an, nachdem ich nach den Busfahrten von Roncesvalles für 40 € mit anderen im Taxi dorthin fuhr. Ich esse Fisch in einem hervorragend frequentierten kleinen Lokal. Im Hotel hatte ich zuvor eingebucht.

 

  

 

07.05.08____________________________________________________________________

Am nächsten Morgen schickte man mich von der Information in das Pilgerbüro. Der Schweizer Norbert erklärte anhand eines doppelseitig beschriebenen Laufzettels den weiteren Weg über die Pyrenäen. Vor mir liefen beim ersten Anstieg drei junge Französinnen. Sie waren auch nicht schneller als ich, der ich arg mit der Steile zu kämpfen hatte. Meine Augen weisen mich gleichwohl immer wieder auf Kleinigkeiten hin. Mich fesselt dann auch eine überfahrene kleine Eidechse.

 

Straff die Französin.

Am Rucksack baumelt – was? - ihr

mächtiger BH.

 

Beim alten Landsmann

schimmert es braun im Schritt durch.

Zu hell, die Hose.

 

Schwer ist sein Rucksack,

über 12 Kilo trägt er.

Kommt er damit an?

 

Für die 8 km raufzu bis nach Orisson waren 770 Höhenmeter zu schaffen. Ich musste kräftig, mächtig pusten und blieb häufig, auf meine Walkingstöcke gestützt, stehen. So blieb Zeit für Fotos und Notizen. Die Herberge dort war sehr propper, leider aber überfüllt. 30 € kostete die Übernachtung mit Abendbrot und Frühstück. Ich wurde vom geschäftstüchtigen Wirt 12 km zurück in die ebenfalls neue Herberge seiner Ehefrau gefahren, wo ich mit einer Deutschen, vier Tirolerinnen und einer Kanadierin in Doppelzimmern mit Dusche und WC übernachtete.

 

Still gedenke ich

der geplätteten Echse

im Grau des Asphalts.

 

Sie bekommt ihn hier

ihren verdienten Nachruf,

das Auto fuhr fort.

 

Die vielen Vögel

sättigt diese Parklandschaft,

verschmäht wird ihr Fleisch.

 

Steil sind die Berge,

noch sehr weit ist es zum Pass,

die Herberge lockt.

 

Hinter den Wolken,

die im schwachen Wind segeln,

verschwand die Sonne.

 

Besetzt die Tische

auf der Fernsichtterrasse,

gepflegt die Weiden.

 

Neu, spitze ist sie,

schnell, freundlich die Bedienung

der Berggaststätte.

 

Die hier Rastenden

rosten nicht, lesen, essen.

Man pflegt auch das Wort.

 

Hängige Wiesen

halten die Almkühe kurz.

Schafe helfen mit.

 

Steil war der Aufstieg

ihn schaffte ich mühseligst,

die Suppe stärkte.

 

Die km zuvor,

wie ein Fisch nach Luft schnappend,

blieben blasenlos.

 

Von Stöcken gestützt,

der Engländer war hilfreich,

zeigt mich das Foto.

 

Ein Wanderpilger

schreibt sein Erleben in’s Buch.

Hört er das Zwitschern?

 

Meine Postkarten

füllen Grüße, Streiflichter.

Überlebt eine?

 

Es sind mehr Frauen als Männer unterwegs. Meist Jüngere zwischen Zwanzig und Vierzig. Ihre Pendants sind häufig im Rentenalter. Ich hatte das Glück, wie erwähnt, dass die Herberge  von Orisson überfüllt war. Selbst die hinter ihr auf dem Hang stehenden Zelte zwischen kleinen Blümchen waren mit Männern und Pilgerinnen besetzt.

 

Schreibe ich deshalb,

um aller Dinge willen,

die mich intressiern?

Unwichtigkeiten seh ich,

Blumen, die DENK-MAL-e sind.

 

Lern, nicht Rosen sinds,

die der Gesundheit dienen.

Heilkraft versteckt sich.

Schau GENAU hin, sehr genau!

Nichts, NICHTS ist

un-bedeutend!

  

Um 7.45 Uhr wurde ich mit den anderen von der Edelherberge im Tal wieder auf den Berg gefahren. Am Abend verpflegte die Mädels und mich einsamen Mann, die Besitzerin köstlich. Ich sprach dem Wein zu, den die Damen verschmähten. 

Die Unterhaltung

In englisch, deutsch, französisch,

die Mädels gut drauf.

 

Zufall, den gibt’s nicht,

wie bestimmt, trafen wir uns,

im Gespräch vertieft.

 

Tai Chi, Sternzeichen,

Wiedergeburt sprach uns an.

Der Abend zog sich.

 

Trocken die Wäsche

ich entsorge welche dort,

hab’ zuviel dabei.

 

Lange war es hell.

Nach einem Verdauungsgang

rief dann doch das Bett.

 

 

 08.05.2008___________________________________________________________

 

Zum Tagesbeginn

denk, was mitzunehmen ist.

Vergiss den Kopf nicht!

 

Hilfreich sind Zettel.

Nun fehlt ein Kugelschreiber.

Wo ist die Brille?

 

Erwäge alles:

Ist das Taschentuch sauber,

der Reißverschluss zu?

 

Wenn es im Schritt zieht,

das Gebiss noch im Glas ist,

bleib besser daheim!

 

Die Unterhaltung zum Abendbrot mit den Mädels aus Tirol, der Kanadierin und der Deutschen war angeregt und wie beschrieben, vielschichtig.

 

Frisch und belesen

die vier Mädels aus Tirol

mit flotter Sohle.

 

Den Restalkohol

verpustet auf der Höhe -

der kräftige Wind.

 

Klasse die Fernsicht

bedeckt ist nun der Himmel

überfett das Gras.

 

Mach den Schritt größer,

bevor Du den Käfer triffst.

Sag: Bon Camino.

 

Das Ziel beflügelt

im wahrsten Sinn des Wortes;

von selbst geht der Fuß.

  

Meine Schuhe für diese Tour ließ ich mir anfertigen. Sie waren Spitze! Meinem Schuhorthopäden Fritz Lässig in Aue werde ich folgende Karte schreiben:

 

Lieber Fritz!

Ein Liebespärchen fand sich auf dem Pyrenäenanstieg des Jakobsweges. Sie küssten sich herzinnigstlich, blasenlos. Du kennst sie, meine Füße und Deine Schuhe, sie sagen dem Meister „Danke“ für die gestiftete Ehe. Lange möge sie halten, weit über 500 + 25 Monate.

E.N.

 

So möchte ich zum Ausdruck bringen, dass meine Füße den Aufstieg blasenlos überstanden, was auch bis zum Schluss so blieb. Die weiteren Kilometer hatten zwar noch mal eine Steigung von über 700 Höhenmetern. Dieser Weg verlief aber nicht so heftig steil wie die ersten 8 km. So kam ich im spanischeen Roncesvalles wohlbehalten an. Den Ort beherrscht eine alte Kathedrale. Zwei Tage zuvor, als ich dort aus dem Bus ausstieg, um in das Taxi umzusteigen, das mich über die Berge zum ersten Startpunkt St.-Jean-Pied-de-Port bringen sollte, sah ich drei Pfäfflein vor der Kathedrale herlaufen. Irgendwie schreckten sie mich ab. Ich kam nicht drauf, bis heute nicht, weiß nicht, wieso. Mir kam EUNANTE wieder in den Kopf. Dort fühlte ich mich von der Kirche förmlich angezogen, damals, als ich bei einer meiner anderen Etappe dort vorbei kam. Das Wetter war besser, der Mohn blühte im kräftigsten Rot.

  

Das Thema der Zeit

ist – die Schönheit der Stille,

im blühenden Mohn.

 

Grün die Baumkrone

über dem uralten Stamm,

allein, weit und breit.

 

Eine Treckerspur

mündet im schlängelnden Pfad,

den das Feld verschluckt.

 

Einen Wanderer

entlässt der staubige Weg

zum hohen Hügel.

 

Zurück geht sein Blick.

Bedeckt hält sich der Himmel.

Fruchtbar die Weite.

 

Die Ruhe endet

als der Fuß auf Asphalt tritt.

Fern der Hauch vom Rot.

 

Den nächtlichen Dom

füllen tönernde Farben –

voller Harmonie.

 

Auf dieser Pyrenäenstrecke überholte mich ein Franzose, nicht gehend, sondern schnell laufend, kurze Hose, kurz anliegendes T-Shirt, Hut, Stock, Socken, Rennschuhe, mit winzigst Rucksack. Nachher erzählte jemand, der mit ihm gesprochen hatte, er sei ein Marathonläufer. Er wolle die noch ca. 800 km bis Finisterra – dem Ende der Welt – in 14 Tagen schaffen. Zwei andere Franzosen zogen bzw. schoben ihr Gepäck auf einrädrigen Karren, einer Schubkarre ähnlich. Einer berichtete, diese luftigen Gefährte seien bei der schwierigen Strecke mehrfach umgekippt. Sie hätten sie immer wieder neu beladen müssen.

 

Die Pyrenäenüberquerung forderte mich, der ich immer noch unsportlich bin, mächtig. Häufig blieb ich stehen, da das Herz raste, um es wieder langsamer schlagen zu lassen. In den Lungespitzen war ein schmerzliches Stechen als ob diese, da nie gefordert, mit Luft, die mit der Höhe von 1.420 m dünner geworden war, vollgepresst wurden. Es schmerzte tüchtig. Für das erste Stück, die 8 km bis Orrison, brauchte ich 3 Stunden. Die nächste Strecke war 21 km lang. Sie war einfacher zu laufen. Sehr windig war es, 18 °C zeigte das Thermometer. Ein allmählicher Anstieg, im Gegensatz zu dem gestrigen steilen. Der überwiegende Streckenverlauf ging über ein geteertes Sträßchen. Ab und an kam ein Auto; einmal eines mit drei Hunden hinten drin. Die Fernsicht war toll. Dann ging’s auf Pfaden zwischen Bäumen und Hochgewächs weiter, mein Mund stand still. Der Geist bewegte den Stift.

 

Keine Nothelfer

sind Reichtum, Stolz, Neid, Unrecht.

Kette dich nicht an!

 

Löse die Fesseln

vom Parcours der Gefühle.

Schneid sie einfach durch!

 

Tanz, lach, freue dich,

zähle niemals die Stunden.

Lerne zu leben!

 

Verstehe die Zeit.

Vom Schwergewicht der Liebe

weiß alleine sie.

 

Roncesvalles besteht aus einem riesigen Kloster, zwei Hotels und einer alten Kirche, die über 120 Doppelbetten verfügt, 6 € die Nacht, im Führer als „Schnarchsaal“ bezeichnet. Wenige Sanitäranlagen, Frühstück gab’s keins. Das abendliche Pilgermenü kostet für 9 € in den Hostals. In einem übernachtete ich. Um 19.00 Uhr standen ca. 30 Leute vor der Tür. Als zwei Deutsche 3 min vorher rein gingen, strömten alle nach. Wir setzten uns, wurden jedoch wieder vertrieben. Die Suppe stand noch nicht auf den Tischen. Ich konnte dann beim Wiedereintreten mir mit den vier netten Italienerinnen den Tisch teilen. Der 48jähriger Österreicher Harald gesellte sich zu uns. Er kam aus dem Vorarlberg. Er nahm sich vor, nach 34 Jahren Durcharbeiten eine Auszeit zu nehmen und will den gesamten Weg nach Santiago barfuss zurück legen.Die Pyrenäenüberquerung bewältigte er schon barfuß.Ich notierte auf dem Weg nach Roncesvalles:

Durch den Hohlweg pfiff

ein kräftiger Höhenwind.

Leider nur von vorn.

 

Zum Kreisen nutzten

Greife der Erde Atem

sieh – wie elegant!

 

Im Gras Felsbrocken.

Wärme speichern die Steine,

die Echsen nutzen.

 

Sättigend das Grün

von denen Pferde zupfen,

sie läuten dabei;

 

auch die Schafsherden

ohne einen Treiberhund, -

der kommt im Auto.

 

Man weicht ihnen aus

den Fladen auf dem Asphalt,

so weit s’ Auge hilft.

 

Die Flasche füllt sich

an der gefassten Quelle.

Man weiß, was man braucht.

 

Einen guten Weg

wünscht der Überholende.

Er ist schnell zu Fuß.

 

Ich schleppe Gewicht.

Die Lungen saugen mühsam

dünne Höhenluft.

 

Ihr Vögel, lasst mich

von Euch das Fliegen lernen.

Kann ich’s? Ich kam so.

 

Bin ich nicht ihr Drei,

ich hab’ doch keinen Vogel,

auch einer von Euch?

 

Die Bäume vorm Ziel

verwehren den freien Blick,

den fängt s’Kloster ein.

 

Düster die Mauern,

die Seeligkeit versprechen,

doch böse strahlen.

 

Harald besuchte mit mir und vielen anderen die Pilgermesse. Seinen 12 kg schweren Rucksack hatte er nicht dabei. In ihm ruhen für die Ablage am Eisernen Kreuz auch zwei Steine, zusammen 1,6 kg schwer Einen trägt er für sich, einen für seine Frau. Harald traut sich eine Menge zu. Das ist bewundernswert.    

                                                  

  Alles ist möglich,

mach das, was nicht möglich scheint

doch einfach möglich.

 

Da gibt’s etwas, das –

alle Menschen verbindet:

Hoffnung und Glaube.

 

Hol hohle Worte

von ihrem hohen Sockel.

Stürz die Heiligen.

 

Dann ist’s Geschichte.

Und die Hölle entpuppt sich

als  DIE  Erfindung.

 

Die Wiedergeburt

zeigt  mit dem Tod das Gesicht

einer Illusion.

 

Manche Pilger nehmen lächelnd viel auf sich. Tun sie’s aus Buße? Eine der Tirolerinnen wollte vor dem Gottesdienst beichten. Die Uraltherren, die die Messe lasen, waren wohl nicht darauf vorbereitet. Sie verlasen jedoch die Namen der Länder, aus denen die  Pilger dieses Tages kamen. Den Stempel des Klosters erhielt man erst, nachdem man im Pilgerbüro vor dem Gottesdienst einen Zettel mit entsprechenden Angaben ausgefüllt hatte. Sie wurden offensichtlich dann sofort ausgewertet und dem Priester zugeleitet. Die Wanderer dieses Tages kamen aus allen Kontinenten. Überwiegend waren es Franzosen, Spanier, Engländer, Deutsche. Während der Zeremonie wurde devot der Klingelbeutel herum gereicht. In ihm sammelten sich nur kleine Münzen.

Anschließend traf man sich wieder beim Wein im Hostal. Die Füße hatten Ruhe. Gerd, ein Beamter aus Ulm, klagte sein Leid. Ohne auf die Sache einzugehen erzählte er, sein Dienstherr habe ihn in einer Sache völlig hängen gelassen. Er habe sogar an Suizid gedacht, so fertig sei er damals gewesen. Wir sprachen über „Dienstherr“ und den Begriff  „Ehre“, über den ich in der Schulzeit mal referieren musste. Wir diskutierten angeregt, dabei entwickelte sich dieses Gedicht.

 

Zuhören können,

für seine Leute einstehen,

sollte ein Dienstherr.

 

Das, was EHRE ist

verlernten die Beamten.

Sie verstecken sich.

 

Hinter Gesetzen

kann man sich gut verbergen,

schau, ich bin nicht da!

 

Deren Texte sind

vom Mensch für Menschen gemacht –

weit vom Geist entfernt.

 

Ein wahrer Feldherr

der kämft für seine Krieger,

da er ein Kreuz hat.

 

Globalisierung

gibt den Heuschrecken Futter,

die Lücken nutzen.

 

Das Gespräch erstirb

Unbekannt das Ehrenwort,

bekannt  Entfremdung.

 

Geht zurück zum Licht.

Suchet, findet diesen Weg.

Hilf, wos nötig ist.

 

Geh den Camino.

Laufe ihn ganz unbeirrt.

Bleib da wie dort DU.

 

Auch bei Unbillen,

bebt die Erde mal, wisse:

Du, DU bist ein Mensch!

 

Wem passierte es nicht schon, dass er scheinbar völlig hilflos vor einem schier unüberwindlich erscheinendem Berg stand. Das ist gelinde gesagt dann mehr als niederschmetternd, beschissen. Doch, nicht das Fallen ist schlimm. Schlimm ist es, nicht aufzustehen.

Kennst du es, machtlos

vor einem Problem zu stehn?

Hoffe  u n d  glaube.

 

Kleinigkeiten sind’s,

die Speisen Geschmack geben,

Leben aufmischen.

Was nutzt der Ofen,

wenn dafür das Brennholz fehlt.

Wer bittet, erhält.

 

Unüberwindbar

scheint die große Wand vor dir?

Nichts ist auswegslos.

 

Gewinn Verständnis

für den langen Lernprozess,

der dein Leben ist.

 

Nun gehen mir weitere Geschehnisse solcher Art durch den Kopf. Man ist ja der Ansicht, man könne sein Leben ändern. Immer gäbe es verschiedene Wege, die einschlagen werden könnte. Nur, wir gehen tun wir alle nur einen einzigen Weg, nämlich den, den wir eingeschlagen haben. Also doch wohl keine Wahlmöglichkeit? Philosophen glauben, es gäbe diese Entscheidungsmöglichkeiten nur im Geist. Es müsse so, wie es geschieht, geschehen. Hier gibt es die sogn. „Viele Welten Theorie“. Ich schrieb:

 

Es steht auf dem Block:

Manchmal tut die Wahrheit weh,

die das Wort enthüllt.

 

Weiß der, der es schrieb

 mehr, weil er darunter litt?

Denk, bevor du sprichst.

 

Unverhofft kommt oft.

Auch der Edle tappt ins Loch.

Warn-Schilder gibt’s kaum.

 

Ist der mutig der, der

der Gefahr ins Auge sieht?

Verträgt er Wahrheit?

 

Wunden reißen kann

Schrift, als sichtbare Sprache –

schlimmer als das Schwert.

 

Wer die Wahrheit liebt,

sollte das Wort nicht fürchten –

n u r  den Hinterhalt.

 

 

09.05.2008__________________________________________________________________

 

Im Wanderführer stand, nicht das Frühstück im Hostal, sondern in Burgette einzunehmen. In der dort der Bar angeschlossenen Turnhalle konnte man auf Isomatten übernachten. Der Ort ist ca. 2,50 km von Roncesvalles entfernt. Auffällig die schmale Straße zwischen den Häusern, die nur ein Fahrzeug passieren kann. Am Rande der Häuser läuft eine offene Bachrille. Vor dem Lokal hielt der Bus nach Pamplona wegen Gegenverkehrs  an. Das gab Gelegenheit, den vier Tirolerinnen zuzuwinken. Sie nahmen sich vor, bestimmte reizvolle Etappen während ihrer 14 Tage zu laufen. Zu ihnen wollten sie dann jeweils mit dem Bus fahren. Ihnen gab ich meine Reiseberichtsadresse. Vielleicht melden sie sich ja. Weiter trugen mich meine tollen Schuhe. Sie sind der wichtigste Gegenstand der Pilgertour.

 

Wundervoll der Tag.

Ganz hoch kreisen die Vögel,

grenzenlos die Welt.

 

Wieder drückt s’ Gewicht

mächtig auf meine Sohlen.

Man schleppt sich mit rum!

 

Unter den Wolken

ein grob gepflügter Acker,

der Weg frisch bebaumt.

 

Helga und Gabi

bepflanzen Blumenkästen

weit entfernt, daheim.

 

Über den Äther

kann man kommunizieren,

wenn man Bedarf hat.

 

Die Natur fesselt

jetzt meine Aufmerksamkeit.

Bockau ist weit weg.

 

Aufmerksam lauert

der Rabe vor der Spalte,

der Frosch traut sich nicht.

 

Ich frage mich, ob sich bei Vögeln wie beim Menschen Speichel sammelt, wenn sie auf’s Essen hoffen. Vielleicht hätte die Antwort die gleichaltrige Journalistin Gisela aus Mannheim gewusst. Sie rastete auch eben auf einen Kaffee mit Baguette (4,95 €) in der Bar. Sie kam mit ihrem Handy nicht zurecht, das ihr die Kinder für die 3-Monats-Tour schenkten. Die 29 km durch die Berge schaffte sie jedoch auf einem Mal. Kurz vor dem Zusammenbruch las sie ein Taxi auf. Die Herberge fand sie okay, Sanitäranlagen inklusive. Kein Geschnarche oder Lärm verzeichnete sie. War sie so fertig, dass sie nichts mitbekam?  Die Tageseinnahme der Herberge beträgt 720 €. An der Pilgerstrecke wird überall prächtig verdient. Ich denke, die Reklame, die Harpe Kerkeling und andere mit ihren Büchern oder den TV-Filmen machen/machten, tut der spanischen Tourismus Branche gut.  Der Weg ist im Moment „In“.

 

Fliehe die Bettstatt,

die bequem gepolsterte.

W e i t e  ist draußen.

 

Selbst Häuser binden.

Spreng den goldenen Käfig!

Lerne zu   a t m e n.

Hoffnung haben die,

die ins Ungewisse gehn,

o h n e   ein Trapez!

 

Drei Wienerinnen liefen ohne Rucksack. Die waren im Flughafen nicht auf dem Gepäckband. Sie hofften, sie nach in Pamplona nachgeliefert zu bekommen. Bei der nächsten Rast machte ich die Hosenträger wieder dran. Deren Klipps lösten sich zuvor regelmäßig, weshalb ich sie früh weggelassen hatte. Doch ohne gings nicht, stellte ich fest. Nun ließ ich sie mir von einer Mitwanderin rückseitig an der Gürtelschlaufe festknoten, die den Geldtresor-Ledergürtel hält. Man hilft sich halt, wo’s nur geht. Und klappts mit der Sprache nicht, verständigt man sich anderweitig. Selbst Damen, komplett mit Sachen von Jack Wolfskin ausgerüstet, stehen gerne zur Verfügung. Hier kann man schließlich anonym ganz Mensch sein. Hosenträger sollten mit Knöpfen befestigt sein, wie mir der Franz aus Bayern an den seinen vorführte. Die gehen nicht ab.  Bei diesem ebenen Laufen war Reden möglich. Doch auch dabei sollte man Acht geben, wie auch immer sonst.

 

Schau, wo Du hintrittst

so rutschst Du nicht auf Glattem.

Nutz einen Umweg.

 

Nötig das Fallen,

vergiss nicht das Aufstehen.

Nichts geschieht grundlos.

 

Meine stramme Bauchbinde, die ich wegen der vor 7 Wochen durchgeführten Nabelbruch-OP trug, schützt die gut verheilte Wunde vor  Bauchgurt des Rucksacks und  Gürteltasche. Meine japanischen Gedichte anlässlich der Operation amüsierten Freunde und Bekannte. Sie sagten, so ähnlich hätten sie das auch erlebt. Die Wunde verheilte rasch und gut, weil ich mich operieren ließ, als mein Biorhythmus grünes Licht gab. Vielleicht war das nur Einbildung und allein das Daumendrücken meiner prächtigen Kinder, Ina, Tilo und Ulf, sowie meiner gut gewählten Schwiegerkinder half?

 

(siehe Operationsgedicht am Ende, Anhang I )

 

Zwischendurch hörte ich, dass eine Dresdnerin 3 Liter Lourdes-Wasser mit sich trug, von dem sie jeden Tag etwas trinke. Ich hoffe, es hat ihr geholfen.

 

In einen Wildzaun

flocht ich aus Ästen ein Kreuz;

ich sah es schon so.

 

Dort rief, wie heute

vorm Jahr der Kuckuck „Kuck-Kuck“.

Still zählte ich s’ Geld.

 

Steine räumte man

mir schon früh aus den Wegen.

Dicke ließ man mir.

 

Doch, selbst Winzige

lassen uns alle stolpern,

fangen muss man sich.

 

Das notierte ich auf dem Weg über mehrere kleinere  Pässe. Teilweise waren die Pfade sehr steinig, vor allem abwärts war Aufpassen angesagt. Mein rechtes Knie hatte sich inzwischen beruhigt, da ich ihm gut zuredete. Doch Hans Silke platzte die Blase an der hinteren Hacke. Das ganze Bein schmerzte daraufhin. Liebevoll half er ihr und legte einen Gang weniger ein. Was doch manche Männer alles für ihre Frauen tun? Gisela traf ich im nächsten Ort, wie er hieß, vergaß ich, wieder. Sie saß im Taxi. Sie hatte sich den steinige, steilen Abstieg geschenkt und ein entsprechendes Gefährt telefonisch heran beordert; inzwischen verstand sie ihr Handy zu handhaben oder tat sie nur doof?

 

Da im Dorf alles besetzt war, fuhr ich mit ihr, Hans und Silke eines weiter, wo eine freie Herberge zur Verfügung stand. Tapas aß ich und trank Bier und war glücklich über das ergatterte Bett. Um 22.00 Uhr wurde das Licht abgedreht. Danach konnte ich nicht schlafen. Die vielen Schnarcher störten mich. Einer jedoch erschreckte diese mit einem überlauten, tierisch gefährlich klingenden Grunzlaut. Auf einmal war es in dem gesamten Raum mucksmäuschenstill. Wahrscheinlich war ein Urinstinkt geweckt worden, der böse Dinosaurier stand auf der Matte. Man musste ruhig sein. Diese plötzliche Stille ließ mich dann doch unruhig einschlafen.

 

Ich träumte von Bären, die mir auf den Fersen waren. Rasch flüchtete ich auf einen Baum und versteckte mich im dichten Geäst, vorsichtig dabei nach unten spähend. In dieser Position wurde ich wach. Inzwischen schnarchte es wieder links neben und unter mir. Der Schreck war vergessen. Das war fast genauso beunruhigend wie die Angst vor dem Bären. Anfangs fror ich, da mein Seidenschlafsack vor Berührung – wo blieben sie? – schützt, nicht jedoch vor der Witterung. Das Hochbett neben mit war jedoch frei, sodass ich mir dessen Kopfkissen als Wärmeschutz auf den Bauch legen konnte. Ich lag trocken. Meine Traumbilder wechselten zu aufziehendem Regen.

 

Man schaut nach oben,

Wolken lauern am Himmel.

Fällt gleich der Regen?

 

Bestellt ist das Feld.

Lange währte die Dürre.

Die Saat braucht Wasser.

  

Eine Katze streicht

aufmerksam durch die Furchen.

Auch sie wird klatsch nass.

 

Nun flackern Kerzen

vor dem Kreuz in der Ecke.

Trocken ist’s drinnen.

 

Schwächelnd verdrückt sich

der aufgekommene Sturm,

im Schlepp die Wolken.

 

An den Pflanzen zieht

fröhlich lachend die Sonne.

Ein Huhn wagt sich raus.

 

In einer Pfütze

badet eine Spatzenschar,

noch donnert’s entfernt.

 

Zum Abend holt man

die draußen Gebliebenen.

Frisch schmeckt ihre Milch.

 

 

 

10.05.2008__________________________________________________________________

 

Silkes Bein sei entzündet, wie Hans beim Zähneputzen erzählte. Sie pausieren. Um 8.00 Uhr wurden wir aus dieser Herberge vertrieben. Die Letzten schien das nicht zu stören. Sie spülten die Nachtempfindungen noch unter der engen Dusche ab. Draußen regnete es wie in der engen Herbergs-Dusch-Kabine. Der Poncho sollte eigentlich Körper und Gepäck davor beschützen. Er ist leicht und daher wohl nur regenabweisend. Die vielen Tropfen sammeln sich am flatternden Ende, das sich oberhalb der Knie befindet. Ich hatte meine Trekkinghose nicht per Reißverschluss zu einer kurzen umfunktioniert. So wurde sie von der Beinmitte bis zu den Schuhen nass. Auch die rote Fliesjacke samt dem langärmligen Hemd waren durchnässt. Darin zu laufen machte  keinen Spaß. Daheim ists unverändert warm. 

Innen wie außen,

zuviel von dem guten Nass,

macht stets Probleme.

 

In Plastikbeuteln,

vor dem Regen gesichert,

die Wechselwäsche.

 

Der Rucksack schwerer,

nass drückt er auf die Schultern;

jeder Gang macht schlank.

 

Die Sohlen treten,

ich will die Strecke schaffen,

die Pfützen breiter.

 

Vor dem Hinfallen

sagt er kurz „Bon Camino“

auch dabei höflich.

 

Ich helfe ihm hoch

mit „Thank you“ rennt er weiter.

Er kommt aus -  England.

 

Ein wohl Japaner schaffte, wie ich gestern las, das Aufstehen offensichtlich nicht mehr. Ein Kreuz erinnerte an ihn. Ich fotografierte es. Darunter eine Kopie mit dem Text vom Kreuz des Manfred Friedrich Kress, das ich im letzten Jahr kurz vor Santiago auf den Chip bannte. Hier wie dort wird der vielen unbekannten Pilger gedacht, die ihr Leben auf dem Weg ließen. Leicht ist keines der Bündel, das ein jeder von uns trägt.

 

Still mach ich ein Kreuz

hier am Anfang des Weges,

der Schlussstrip für mich.

 

Das Leben hat nicht

nur Sonne, zum Schluss ein Kreuz,

symbolisch gemeint.

 

Helft den Schwachen auf

aus tiefer Pilgerehre.

Sein ist auch Dein Weg.

 

Es sind Kleinigkeiten, die der Weg an Überraschungen bereit hält, wenn man die Augen offen hat. Gisela aus Mannheim verlor ich nach dem Frühstück. Hans und Silke sah ich beim Mittag (13 € für das 3-Gänge-Menü) in Pamplona wieder. Ihr Bein läuft dank Kompressen wie eine Eins. Hoffentlich ist auch sonst alles okay? Sie machten einen ausgeglichenen Eindruck die Zwei aus Gotha nach 23 Ehejahren.

 

Nicht nur die Sportler

verschnaufen nach der Leistung.

Erfolg macht glücklich!

 

Geglättet die Haut,

völlig entspannt das Gesicht,

die Jugend ist toll!

 

Funktioniert alles,

ist’s Alter weit weg, fliegen -

die Schmetterlinge.

 

Kleiner Sonnenstrahl,

mit welcher Wirkung bringst du

die Natur in Schwung!

 

Nach dem letzten Glas schloss ich die Augen im Hotelbett Wieder sah  ich die gleißende Helligkeit über den Bergen der Pyrenäen. Weit, weit ging der Blick des unbebrillten Auges über die Gipfel. Ich verstand, dass es Bergsteiger immer wieder in solche und noch viel, viel höhere Höhen zieht. Diese Freiheit, die sich dort für die Sinne entfaltet, ist un- unbeschreiblich. Einige Fotos sind mir von berauschenden Bergschönheiten in Erinnerung. Doch keines dieser Aufnahmen kann die Empfindungen widerspiegeln, die einem dort oben begegnen. Jetzt, wo mein Körper ruhte, wurde mir dieses Gefühl richtig bewusst. Leute wie Reinhold Messmer sind, denke ich, süchtig danach. Ihre Eindrücke werden noch bestechender sein als meine.

Ich sah Bilder von Malern, die solche Momente auf der Leinwand einfingen. Sie erfassten, indem sie noch ihre Seele in die Szene hineinspiegelten, weit mehr als ein Foto es kann. Vielfach sind es Gewitter. Doch ich meine nicht diese Bilder der Gefahr. Mir schwebt vor der Moment, wo die Seele über die Weite der Bergwelt schwebt, den Greifen ähnlich, die ich zuvor beschrieb. Dabei wird einem die Kleinigkeit des Ich’s bewusst. Es erspürt die Weite hinter dem Horizont und lässt die Winzigkeit der Erde in der Unendlichkeit des Alls erahnen.

Gedanken dieser Art sind es, die der Weg in’s Gedächtnis stanzt. Verstärkt werden sie durch den Austausch mit anderen Wanderern/Pilgern. Sie spielen eine nicht geringe Rolle, denke ich. Dazu kommt die Kraft des uralten Pfades. Diesen haben all die Millionen Menschen in ihn gestanzt, die ihn bisher gingen.

Bis in  den nächsten Ort hinein hörte ich wieder den Kuckkuck Ruf.

 

Der Wind verwirbelt

die Blätter zum Ringelrein

vor Rosenstöcken.

 

Die Mittagsstille

durchbricht der bekannte Ruf

des Jahresvogels.

 

Voll Aberglauben

fass ich an mein Portemonnaie,

gedämpft klimpert es.

 

In der Minute

lösen sich die Turmfalken.

Die Aufluft trägt sie.

 

Runden dreht einer

um seine Kirchturmspitze.

Der Bastard hat Schmacht.

 

Eine leichte Kost

die hochfliegenden Mücken.

Das „Kuckuck“ erstirbt.

 

Weit oben am Turm

fasste ein Samenkorn Fuß:

als Mauerblümchen!

 

Ganz außer Puste

rastet der Kurvendreher

an dem Löwenzahn.

 

Der Zeiger ruckt vor.

Wieder macht er die Zwölf voll.

Der Nachwuchs wacht auf.

 

Mit der Schulglocke

wird der Ringelpitz gestört,

durch stürmende Kids.

 

Nach Ruhe - Einkehr

löst das Frischlaub die Bremse.

Es setzt den Tanz fort.

 

Beim Laufen über Stock und Stein, über Höhen, durch Täler, bei Sonnenschein oder Regen, beim Kampf mit dem Körper öffnen sich geistig unbekannte Tore. Sie geben den Blick frei auf die beschriebene unendliche Weite des Ichs. Diese bleibt uns beim alltäglichen Tun ebenso verborgen, wie bei einem Badeaufenthalt an der Copacabana, einer Städterundreise irgendwo auf der Welt oder bei der Reise mit dem Bus nach Santiago de Compostella.. Da sind weder Körper noch Geist gefordert. Stets werden beide dort abgelenkt und aufgefangen. Zeit zum Nachdenken, Reflektieren, um sich selbst zu erfahren, bleibt meistens nicht.

 

Auf dem Camino setzt ein Vergessen der großen und kleinen Sorgen von daheim ein. Sie sollte man, das ist eine Lehre, dort ruhiger angehen. Wir geben ihnen einfach einen zu großen Stellenwert in unserem täglichen Denken. Manch einem Maler gelingt es, die Winzigkeit eines Moments einzufangen. In ihm widerspiegelt sich dann die gesamte Tiefe des Seins in einer unbeschreiblichen Klarheit. Das Wort kann kaum daran heranreichen. Zu viele von ihnen benötigt man, um das Gleiche auszudrücken. Wir sind halt Sinnesmenschen und nehmen mit diesen die Umwelt wahr. Urinstinkte öffnen sich allenfalls bei einem schrecklichen Grunzen in einem Schlafsaal wie letzte Nacht, das diesen zu einem schnarchfreien Raum machte, ihm plötzliche Stille verschaffte.

 

Ich versuche meine Gedanken in die knappen japanischen Verse zu bringen. In ihnen kann ich mehr schlaglichtartig beleuchten, einem Maler gleich, wie in langen, über Seiten sich erstreckenden Sätzen.

 

Stoss die Türen auf,

die der Alltag vernagelt,

lass die Seele frei!

 

So kann sie fliegen

über die Horizonte,

Erfahrung sammelnd,

 

losgelöst segelnd.

Was Du säest, wirst Du ernten

nur – säen musst Du.

 

Für jedes Geschehn

bin ich selbst verantwortlich.

Der Böse bin ich.

 

Man kann bewegen,

dann, wenn man sich selbst bewegt;

beobachte Dich.

 

Hebe den Fuß hoch

so mache den ersten Schritt,

dann suche Dein Ziel!

 

Selten traf ich jemanden, der nach dem Beruf fragt. Meist sagt jeder seinen Vornamen, aus welchem Land er kommt, ggf. bei Deutschen aus welcher Stadt. Letztlich war einer dabei, der mich fragte, was ich täte. Meine Antwort: ich serviere am Tische meinen Kunden mundgerecht, mit wohl gesetzten Worten, dass, was sie bestellt hätten.

Er  kam gleich darauf, ich sei Gastwirt und hätte, dabei auf meinen Bauch schielend, eine gute Küche, die ich bestimmt wortreich anpreisen könnte. Ich ließ die Guten in dem Glauben.

 

Beim abendlichen Absacker traf ich zwei 70jährige Freunde aus Franken/Würzburg und einen 65jährigen Franzosen mit seiner 24 Jahre jüngeren Partnerin. Als diese sich zum Tresen begab, um ihm und ihr einen weiteren Wein zu holen, meinte einer der Würzburger zum Franzosen mit der jungen Freundin, er hätte sich die richtige Begleitung mitgenommen. Er darauf: „Man gönne sich ja sonst nichts!“ Eine tolle Aussage, fanden wir Dabeisitzenden. Die beiden Franken waren den Weg früher schon mal gelaufen. Einer glaubte, das wirke nun seinem Darmkrebs entgegen. Alle vier sprachen wir von der Kraft, die der Weg gibt. Die flotte Französin hatte Probleme mit den Füßen, die sicherlich sonst in eleganten, hochhackigen Schuhen steckten. Über die tiefe Symbolik des Weges unterhielten wir uns weiter angeregt und stellten gemeinsam fest, dass ihn jeder in seiner Art annimmt. Alle übernachteten wir in Hotels. Für den einen ist die Herberge okay, der andere bevorzuge dann lieber ein eigenes Bett. Darauf käme es nicht an. Wenn man sich das als Rentner nicht leisten könne, habe man im Leben etwas falsch gemacht, meinte der Pariser.

 

Danke dem Leben

Tue das, was Dir vorschwebt – 

aber - mache es!

 

 

In  dem uralt verspiegeltem Restaurant an der Plaza del Castillo von Pamplona neben der Hemingway-Bar fand das Gespräch statt. Die Bar, in der einmal der berühmte Schriftsteller verkehrte, ist eine schmuddelige Kneipe, nicht zu empfehlen. Dieses Restaurant dagegen sehr wohl, trotz der lauten Kulisse. Das 3-Gänge-Menü war überreichhaltig. Die einzelnen Gänge konnte man nach Karte unter mind. 7 Angeboten auswählen. Vor diesem Lokal saß ich schon mal auf der Tour in der Sonne, ich glaube, das war vor dem ersten Trip und schrieb meine Gedanken nieder. Davon existiert ein Foto, das ich im Internet, meinem damaligen Bericht vorstellte. Nun konnte jedoch niemand draußen sitzen, da es  kalt war und fast permanent regnete. In die Schauer träume ich hinein. Ich dachte dabei an die Szene einer früheren Tour. Vor Überquerung einer Strasse, auf der sich ein Bus näherte, warte ich mit einem Schafhirten und seiner Herde. Die Hitze knallte damals nur so auf die Felder und Wiesen, die nach Regen gierten.

 

Der Bus bewegt sich

durch hochgereckte Ähren,

staubig die Fahrbahn.

 

Flimmernd hängt das Licht,

kochend über der Strasse.

Der Regen, er fehlt.

 

Besorgt schaut der Mann

zum wolkenlosen Himmel,

fröhlich winkt man ihm.

 

Der Wetterbericht

verspricht baldige Hilfe.

Die Ernte – wird gut!

  

Vor der jetzigen,  letzten Etappe bereitete ich zum Teil schon meinen Caminovortrag vor. Ihn halte ich bei meinen Lions Feunden in Beckum/Ahlen. Dafür würfelte ich die bisherigen Berichte themenmäßig zusammen und suchte dazu passende Fotos heraus. Beides soll dann übernächste Woche mittels Beamer auf der Leinwand erscheinen und entsprechend kommentiert werden (s. Anhang II ). Das muß ich noch zu machen. Die Zusammenwürfelung warf ich schon mehrfach über den Haufen. Das ist zwar misslich, denn die zuvor zusammen geklebten Gedichte waren mühseligst von meiner Frau Schellenberger eingescannt worden. Mir kommt es immer auf die Gedichte an. Sie spiegeln die Empfindungen am Besten schlagwortartig wider. Der Text ist notwendige Fülle, denn nicht immer finde ich in Silben abgepackte Worte, die Gleiches wiedergeben.

 

Nun fällt mir die Geschichte aus dem letzten Jahr ein, die Ingrid aus Unna in Ahlen  vor dem Förderkreis erzählte. Sie, die 71jährige Oma war schon viermal den ganzen Weg gelaufen. Bei einer ihrer Reisen traf ich sie  in Bilbao. Auf einer ihrer Touren habe sie in sommerlicher Hitze auf der baumlosen Hochebene einen völlig desorientierten Pilger angetroffen. Er war ohne Wasser. Sie gab ihm zu trinken. und half ihm so wieder auf die Beine. Er sei, befragt, ein polnischer Priester. Sie empörte sich, „dann hätte  doch Gott gerade Dir helfen, verhindern müssen, dass Du Deine Wasserflasche verlorst.“ „Hat er doch“, entgegnete er, „Er schickte mir doch Dich!“

 

Die Würzburger erzählten, es gäbe Pilger, die ohne Geld reisten und an den Pfarrhäusern anklingelten, um umsonst untergebracht zu werden. Häufig würden ihnen die Türen nicht geöffnet, was sie dann richtig deuteten.

 

 

 

11.05.2008 Pfingstsonntag__________________________________________________

 

Im Hotel riet man mir zu einem Abstecher in die Hafenstadt San Sebastian. 13 € kostete die Busfahrt. Ich nutzte das und lief durch die Altstadt. Hier zeigte das Thermometer 19 °C ohne Regen. Daheim ist es immer noch 30 °C warm, wie Helga berichtete, zu der nun Birgit aus Gelsenkirchen gestoßen ist. Sie machten sich frischen Spargel. Ich aß Tapas, die schmeckten auch. San Sebastian ist schön. Die Geschäfte leider fast alle geschlossen, obwohl die Straßen als auch die Restaurants gerammelte voll waren.  

 

Im Hafenbecken

findet sich der Atlantik

einer Perle gleich.

 

Die Promenade

füllen die Müßiggänger

Seeluft genießend.

 

Den Kachelmaler

umringen Schaulustige

kaufen sie wohl was?

 

Manches Mitbringsel

aus der weitesten Ferne

landet beim Trödler.

 

Verpflanzte Bäume

brauchen zum Angehen Zeit -

wird sie gegeben.

 

Gut für den Vortrag,

bunte Qualitätsbilder,

scharf müssen sie sein.

 

Wo bleiben Fotos

von jetzt, von allen Reisen?

Die Schrift lebt länger.

 

Wolken ziehen auf,

der Seewind treibt sie heran,

Tische lichten sich.

 

Der Maler packt ein,

die Promenade leert sich,

auch der Tag, er geht.

 

Wie der Apparat

verschnürt das Kneipengestühl,

fällt’s Thermometer?

 

Vor neuem Regen,

bleibe er doch über mir,

fliehe ich im Bus.

 

Die Kathedrale

lasse ich hinter mir, sie -

war sowieso zu.

 

Bleibt was verschlossen

dann kann ich es nicht ändern,

was geschieht, geschieht.

 

Jeder Dürstende

kriegt Wasser, wenn es sein soll,

viel schenkt uns das Meer.

 

Auf manchen Wegen

fällt’s Nass, was woanders fehlt.

Manch ein Wunsch wird wahr.

 

  

12.05.2008__________________________________________________________________

 

Pamplona bekam, wie berichtet,  einen neuen unterirdischen Busbahnhof. Vor 3 Jahren war der noch in einer alten Halle untergebracht. Ich beobachtete dort eine Taube, der ich ein Gedicht widmete. Die, die ich auf dem zentralen Platz dieser schönen Stadt damals schrieb, handelten, glaube ich, von Kindern, die sich bis tief in die Nacht bei schönstem Wetter vergnügten. In diesem Jahr regnete es zwar, doch die Jugendlichen waren gleichwohl auf den Straßen und beschäftigt, einige noch in feinstem Kommunionsdress. Die Mädels, sie fangen früh an, neckten die Jungs. Wohl überall auf der Welt haben sie das drauf.

 

Ade Camino.

Ich erfasste Deinen Weg

auf 5 Etappen.

 

Darunter waren

vielschichtige Gedanken

und Körpersprache.

 

Das Wesentliche

trat im Geiste zutage,

wie das Bauchgefühl.

 

Höhen wie Tiefen

sind in dem Weg verborgen -

ich erahnte sie.

 

Halte die Augen

nicht starr auf etwas fixiert,

dann fehlt die Weite.

 

Fanatiker gibt’s

die gehen mit Scheuklappen

nach Santiago.

 

Einer geißelt sich,

ein jeder hat seinen Weg.

Meiner, nicht Deiner.

  

In Pamplona wie anschließend  in Bilbao und zuvor in anderen spanischen Städten fiel mir erneut auf, wie sauber alle Orte sind. Selbst an Sonntagen sind Straßenkehrer mit ihren Karren unterwegs. Sie schieben diese über die Fußsteige, sammeln Weggeworfenes auf. Reinigungsautos mit Sprühdüsen wässern vorspritzend die Fußsteige, kreiselnde Besen fegen dann dort und an den Straßenränden den Dreck weg.

Das Bilbaoer Guggenheimmuseum hatte zu, was ich bedauernd feststellte. Deshalb entschloss ich mich zu einem vorgezogenen Rückflug. So  aß ich rasch vor dem Rückflug in der Nähe des Museums ein hervorragendes 3-Gänge „Menü de Dia“ bei einer deutsch sprechenden Gastwirtin. Sie sei mit einem Deutschen verheiratet, erzählte sie. Hier konnte ich dann die Karte schreiben, die ich meinem Orthopädie-Schuhmeister zugedacht hatte. Er leistete tolle Arbeit. Gutes Schuhwerk, 2x Wäsche, die schnell trocknet, ein leichter, kleiner Rucksack, ggf. zwei Stöcke sind die Grundausstattung für eine solche Tour. 

Gib den Füßen Platz,

spare Gewicht, Du trägst es,

nicht an Medizin.

 

Rei in der Tube

für schnell trocknende Wäsche

von jedem nur zwei.

 

Mach Dich nicht nervös,

auch Lahme schaffen den Weg,

Du bringst es, willst Du.

 

Wenn es Dein Ziel ist

bringen Dich die Füße hin.

Schau auf die Schuhe.

 

Sorg’ sorgfältig vor,

wer schreibt, hat einen Kuli,

der wurde 70!

 

Sie bringen vorwärts

die Gespräche am Rande,

schenk ihnen Dein Ohr.

 

Wieder lernte ich’s

das In-Ruhe-Zuhören.

Du Mensch, sei menschlich.

 

In Bilbaos Busstation traf ich Marie-Theres aus Dortmund. Wir kamen ins Gespräch. Sie wollte sich auf eine weitere Etappe des Weges begeben, während ich auf meinen Flughafen Zubringerbus wartete. Zuvor war sie schon zweimal mit einem Freund gelaufen, so berichtete sie vertrauensvoll. Wie er war sie verheiratet. Sie hätten, erzählte sie,  sich vor 30 Jahren in einem Skihotel getroffen und 2-3 Jahre lang eine enge, heftige Beziehung unterhalten, die sie aber dann abgebrochen habe. Hin und wieder hätten sie miteinander telefoniert. Als er ihr bei einem der Anrufe nach 30 Jahren des Nicht-Sehens erzählte, er führe wieder in diesen Wintersportort, hätte sie ihre Freundin überredet, als Alibi ebenfalls dorthin zu fahren. Als ob keine Zeit dazwischen läge, hätten sie ihre Beziehung wieder aufgenommen, die dann wiederum 3 Jahre dauerte. Um einander näher zu sein, hätten sie sich ausgedacht, den Jakobsweg gemeinsam zu gehen. Es sei wunderschön gewesen. Zu Hause hätte man sie bewundert, dass sie allein ging. Sie hätten da wie auch anderswo eine herrliche Zeit gehabt. Dann habe sie das Gewissen gedrückt und sie habe die Verbindung abgebrochen. Sie litt offensichtlich jetzt noch darunter. Wie es ihm ging, konnte sie mir nicht sagen, da sie ja keinen Kontakt mehr zu ihm hatte. Der Camino als Liebestreffpunkt. Das hatte ich noch nicht gehört. Beichtet sie vielleicht und traf deshalb den Geliebten nicht mehr?

 

Auf dem Weg erzählen immer wieder Menschen ihnen völlig Unbekannten, ihre Beweggründe, ihre Sorgen; breiten ihre Seele aus, noch intensiver als sie es einem Beichtvater gegenüber täten. Man lebt in dieser Zeit in der Anonymität. Kaum einer gibt dem anderen seine Adresse oder nennt den Nachnamen. Das ist ein weiterer guter Vorzug des Weges.

 

Vor der Fahrt zum Museum hatte ich schon einen neues Flugticket kaufen müssen. Mein Billigticket war  nicht umbuchbar So kam ich unverhofft 4 Tage früher als geplant daheim an, was nicht nur überraschte, sondern offensichtlich auch erfreute. 

Am Ende des Weges

Übertrag ich Eindrücke:

geduldig – Papier.

 

Alles ist möglich,

mach das, was nicht möglich scheint

doch einfach möglich.

 

Da gibt’s etwas, das –

alle Menschen verbindet:

Hoffnung und Glaube.

 

Hol hohle Worte

von ihrem hohen Sockel.

Stürz die Heiligen.

 

Dann ist’s Geschichte.

Und die Hölle entpuppt sich

als  DIE  Erfindung.

 

Die Wiedergeburt

zeigt  mit dem Tod das Gesicht

einer Illusion.

 

 

------------------------------------------------------------------------------------------------------

 

Anhang 

 

OP-Gedichte; Gedanken während eines kurzen Krankenhausaufenthaltes, Do., 13.III. 2008.

In japanischer Versform, 1.Zeile 5,  2.Zeile 7  und   3. Zeile 5 Silben, würden noch 2 weiter Zeilen folgen, hätten diese je 7 Silben..

 


Einlieferung

 

„Die Kollegin bringt

jetzt einen um die Ecke.

Danach sind Sie dran.“

 

An der Aufnahme

drängeln sich die Patienten

in einer Schlange.

 

  

Die lauten Worte

werden vom Aufzug geschluckt

und Türen klappern.

 

Steril der Boden,

seine Töne sind gedämpft,

schreien tut’s Journal.

 

Dessen Titelblatt

mit Barbusiger bringt Licht

ins Wartezimmer.

 

Stühle leerten sich,

die abgekochten Messer

im Dauereinsatz.

 

Ein Karbolmäuschen

huscht still,  ernst durch die Halle.

Verwandte weinen.

 

Der, der etwas tut,

macht auch mal einen Fehler.

Ist irren tödlich?

 

Der Bestatter steht

diskret am Hinterausgang,

die Kasse zahlt – nichts.

Auf jedem Friedhof

liegen Kunstfehler vom Arzt.

Wie sonst auch Tote.

 

Jede Uhr bleibt stehn

dann, wenn ihre Zeit abläuft,

bestimmungsgemäß.

 

Aufmerksam verfolgt

die Seele was so passiert,

horcht in die Köpfe.

 

Weiter geht’s Leben.

Klein ist der Name im Stein,

der Lebende mahnt.

 

Die Sonne lacht auf

einen wunderschönen Tag,

der Hektik verspricht.

 

Ich schreibe am Skript.

arbeite Fehlendes ein.

Schnell vergeht der Tag.

 

 

Fr., 14.III.2008

Vor der OP

 

„Sie sind die OP?

Einen Moment, gleich geht’s los

mit dem Rasieren.“

 

„Die Nacht war okay?

Klappte es mit dem Duschen?“

Was für ne Frage!.

 

„Hatten sie Stuhlgang?

Schon den  Einlauf hinter sich? 

Fieber gemessen?“

 

„Machen sie sich frei

und nun mal stille halten.

Ihr Bauch wird schön glatt.“

 

„Nach den Tabletten

werden Sie etwas dösen.

Ziehn sie dies’ Hemd an.“

 

Hinten ist’s offen.

Man kann es dort zubinden.

Po und so ist frei.

 

 

Das OP-Hemdchen

mit den grün-schwarzen Punkten

passt zu dem Zimmer.

 

„Doch zu krieg ichs nicht.

Hinten kann ich nichts sehen.

Zu kurz die Arme!“

 

„ Ich helfe Ihnen.

Ich bind ein feines Schleifchen.

So sehn wir schön aus.“

 

Der Schlüpfer bleibt weg!

Ich erschreck’ doch wohl keine?

Verschämt schaue ich!

 

Wenn’s bei mir pressiert,

darf da nur die Mutti dran.

Dann ist es dunkel.

 

„Nun rasier ich Sie.

Ich habe kalte Hände.“

„Oh, das hab ich gern..“

 

„Was steht gegen’s Licht.

Oh ja hier, da ist noch was.

Hab’ ich ihn erwischt?“

 

„Wir weichen ihn ein.“

Die Fummelei geht weiter.

Frei der Bauchnabel.

Den Bauchnabeldreck

puhlt jetzt die  Pinzette raus.

Altfussel sind es.

 

Eine Sauerei

65 Jahre Schmutz!

Die Mutti schlampte!

 

Der BH schimmert

durch den sterilen Kittel.

Ihr Schlüpfer ist schwarz..

 

„Jetzt die Strümpfe hoch

bis es nicht mehr geht.“

Unten rum bleibt’s  frei.

 

Nun beginnt’s Warten.

Versteckt unter der Decke

ist mein Nabelbruch.

 

Über den Boden

wischt die Dienstleistungsdame

bei offener Tür.

 

Das Fenster ist zu,

abgeschaltet der TV,

geschlossen mein Mund.

 

Schnell durchs Bad gehuscht.

Einen Sack kriegt der Eimer,

ich krieg ein „Viel Glück!“

 

Kennt sie sich hier aus?

Kommt man nicht so schnell zurück?

Ich bin versichert!

 

Nun fesselt mein Blick

die gelbe Zimmerdecke

mit den Sparleuchten.

 

Obwohl ich nichts aß,

fehlt mir das Hungergefühl.

Im Nachttisch liegt Obst.

 

Den Nabelbruch drückt

einst ein Bierfässchen heraus.

Der Verein war’s wert.

 

Bald will ich wandern

wieder auf dem Camino

der dem Geist gut tut.

 

Dann drückt der Rucksack

den Bauch und meinen Rücken.

 Mich bewegt ’s Fernweh.

 

Endlich rolle ich

von zwei Schwestern geschoben

durch's Haus zur OP.

 

Erst die Kanüle,

dann folgen Tropf und Lachgas,

sofort bin ich wech.

 

Komplett der Filmriss.

Selig hab ich geschlafen.

Von Engeln bewacht.

 

Zurück gehts wie her

erleichtert und mit Bauchschnitt.

Und nun lieg’ ich fest.

 

Nach der OP

  

Die Zeit schleicht dahin.

Es kriechen die Sekunden.

Die Zeit lässt sich Zeit.

 

Ich lieg hier herum,

im Büro liegt die Arbeit.

Mein Skript wartet auch.

 

Denn es fesselt mich

der 30jährige Krieg.

Fertig das Konzept.

 

Prächtig konnte ich

gestern daran arbeiten,

der Laptop wartet.

 

Es sieht so leicht aus,

Zeit brauchten die Recherchen,

Seiten füllten sich.

 

Nun drückt die Blase,

aufstehen darf ich noch nicht.

Verklemmt die Beine.

 

„Pullern Sie mal los,

wenn sie nicht zu blöd sind, geht’s.“

Voll ist die Flasche.

 

Sich entleerent tropft

der Beutel vom Rollständer,

langsam, sehr langsam.

 

Unter’m Bett hängt er,

mein Blut–Ein-Sammelbeutel.

Krieg’ ich den mit heim?

 

Etwas Technisches

macht links neben mir „tick-tick“,

im Blickwinkel steht’s.

 

„Drücken sie den Knopf,

verabreicht er Schmerzmittel.“

Ich brauchte es nicht.

 

Die Fernbedienung

ruft die Schwester, sie zaubert

Licht, TV, Musik;

 

ist auch Telefon.

Für das Bett rauf und runter

gibt's ’ne andere.

 

Sonst hab’ ich stets Schmacht,

heute werd ich  nichts kriegen.

Nur Tee steht noch da.

 

Trombosestrümpfe

halten meine Beine warm,

sonst trag ich nur ’s Hemd.

 

Einmal steh ich auf

 den Blutbeutel in der Hand

wackele zum Klo.

 

Helga und Gabi

kamen und Tilo rief an.

Bennie vermisst mich.

 

Ihr Osterhäschen,

golden, mit kleinem Glöckchen,

grinst verführerisch.

 

Wenn ich’s anschaue,

sammelt sich Speichel im Mund.

Greif zu! Nein, nein nein!

 

Donnerstag geröntgt,

Freitag früh war die OP,

Sonntag kann ich raus.

 

Erst wenn ich wieder

Schmetterlinge im Bauch hab,

fühle ich mich wohl.

 

Habe ich Schmerzen

fahr ich den neuen Wagen?

Es wird sich zeigen.

 

Alle Funktionen

hab ich noch nicht begriffen,

fahren tut er gut.

 

Hoch die Spritpreise,

ein Diesel ist sparsamer.

5 mal Saab reichte.

 

Nächste Woche fährt

zu Ostern der Audi uns

drei zum Bodensee.

 

Dort habe ich Zeit

für den Camino Vortrag

mit schönen Bildern.

 

Obwohl ich kaum trank

ist die Flasche reichlich voll.

Nehme ich hier ab?

 

Sind die Pissflaschen

auch wirklich steril gekocht?

Die Schwester sagt „Ja“.

 

Auf sich warten lässt,

und das ist wirklich gut so,

das Hungergefühl.

 

Verkürzt ist die Nacht

durch’s Schreiben dieser Zeilen.

Der Schlaf lässt warten.

 

 

Sa., 15.III.2008

 

Doch schließlich kommt er.

Ihn unterbricht die Schwester,

Später gibt’s Suppe.

 

Angesagt: Dösen.

Dann reizt mich doch der Laptop

im lichten Erker.

„Hatten Sie Winde?“

„Verdauung noch nicht? Die Kommt.

Die Wunde heilt gut!“

 

„Mein Biorhytmus

sagte zum Termin ok.

Ich vertraute ihm.“

 

Es vergeht der Tag.

Schlafen, Telefon, Denken.

Es heilt sich so hin.

 

 

 

So., 16.III.  2008

 

 

Früh ist Visite.

„Der Stuhlgang war wie sonst, durch -

gingen die Winde!“

 

„Gut  Ihre Arbeit!“

Ein zufriedenes Lächeln.

Ich kann nach Hause.

 

Daheim baue ich

einen Gurt über das Bett.

Ich zieh mich so hoch.

 

Gezeichnet der Bauch

von Desinfektionsmitteln

und einer Narbe.

 

Eine Bauchbinde

hält die Nähte zusammen.

Die Stiche zwicken.

 

Ein ganz normaler

Arbeitstag wird morgen sein.

 Sonne mit Hektik.

 

Nur die Mandanten

 kommen um meine Ecke,

weit weg vom Friedhof.

 

Die Leute vor mir

müssen mich lesen hören –

ohne Gänsehaut.

 

Sie haben Stimme.

Ihnen fehlt meine Wunde.

Sie heilt. Danke, Dok!

 

 

 

ENA,  17.März 2008 A1NO