Die Vierte Etappe steht bevor      (7.1.2007)

 

Über meine drei Kurz Trips auf dem Jakobsweg erzählte ich  schon Vielen begeistert. Schöne interessante Begegnungen wurden mir dabei zuteil. Einige blieben bleibend in Erinnerung. Selbst wenn manche nur wenige Minuten dauerten, - z.B. das Zusammentreffen mit der alten Dame aus Unna im Zubringerbus zum Flughafen Bilbao. Sie lief den ganzen Camino bereits viermal und will ihn noch zweimal gehen; die Schauspielerin, die anonym bleiben wollte, was ich verstand*. Sie nahmen jedoch, wie all die Millionen jährlichen Pilger, Läufer, Rad- und Busfahrer, Reiter, Wanderer und wie ich ebenso, etwas vom Weg mit. Was, ist schlecht zu beschreiben.

 

Der Weg, Berg, das Tal

unter der Vögel Schwingen,

beschützt der Pilger.

 

Einige Autoren meinen, Mystisches entdeckt zu haben. Andere sahen ihn nur als beschwerlichen Pfad an, dem Leben gleich, und beschrieben ihn so. Doch birgt nicht das, bergen nicht selbst harte Zeiten  auch Erheiterndes? Weshalb werden bei Vielen fröhliche Begebenheiten zurück gehalten? Sei es wie es sei. Jeder nimmt vom Weg  etwas höchst Persönliches mit. Berichtet sie/er darüber? Dies und weiteres verarbeitet jeder anders. Mir helfen dabei meine Drei- und Fünfzeiler in japanischer Versform. Mit ihnen fixiere ich Sekunden, Minuten, Eindrücke, fange winzige Geschehnisse ein , m.E. exakter als  ein Foto es kann – oder lange Zeilen, Dialoge. Mir ist bewusst, dass  meine Verse nicht von allen verstanden werden. Ich schreibe sie für mich, ebenso wie die anderen zig tausend Gedichte, die seit 1989 Ordner füllen. Nur die Familie und Freunde erhalten Kopien davon. Meine Mentorin, Elisabeth Gallenkemper aus meiner Heimatstadt Ahlen in Westfalen, meint zu den Gedichten, „Sie werden noch mal ganz berühmt werden, Herr Nahrath, wenn Sie tot sind.“ Mich stört das nicht. Wenn ich dann hoffentlich beim übernächsten mal in Santiago de Compostela ankomme, möchte ich den Weg noch mal in einem durchlaufen. Vielleicht werde ich danach alle Gedichte strukturieren, umstellen. Das nahm ich mir bei allen andern auch schon vor. Im Moment sind sie breit gefächert und bunt durcheinander gewürfelt - genauso wie die von den Jakobsweg Etappen.

 

Es freut mich, bei meiner Tochter Ina Interesse am Weg geweckt zu haben. Sie möchte ihn einmal gehen. Dazu müssten aber ihre und Mikes Zwillinge, Alicia und Emilia, -und evt. weitere Kinder -groß sein. Die beiden werden im April 07 erst zwei. Es war so schön bei ihrer Hochzeit, da waren die Mädels zehn Monate alt. Nach der Standesamtlichen krabbelten sie auf die Schöße ihrer Eltern und saßen so mit am Trautisch des Schlosses vorm Standesbeamten. Meine Brautvaterrede vorm Abendessen unterstrich nicht nur meine Freude über die Kleinen, Munteren und diese Verbindung. Ich ging auch auf die Widergeburt ein, von der meine Tochter und ich überzeugt sind. Stets begegnet man denen, die man treffen will, eine alte Rechnung aus einem anderen Leben zu begleichen hat. So wird  das Karma abgearbeitet, wie manche, nicht ich, meinen. Die Kinder suchen sich vor ihrer Geburt ihre Eltern aus und ihre Partner, genauso  wie Zufallsbekanntschaften, Orte, an denen sie schon mal lebten.

Auf dem Camino hatte ich mehrfach an einigen Stellen das Gefühl, dort schon gewesen zu sein. (Wie Ina. Sie meinte den Ort ihrer Hochzeit von früher“ zu kennen. So vertraut war er ihr.)  Mir fielen während des Gehens Stellen am Wegesrand ins Auge, von denen ich glaubte, man könne dort archäologische Entdeckungen machen.  In der Vorzeit hatte  der Weg m.E. die gleiche  Anziehungskraft wie heute. Nur, aus welchen Gründen?  Er hat die Macht, den Geist zu bewegen, stellen viele immer wieder fest. Damals wie heute? Hat er ein kollektives Gedächtnis, das Sensitive erspüren? Was will er den vielen Menschengenerationen, die ihn laufen, sagen?  

Auf meinen Etappen begegnete ich Personen, die mir bekannt vorkamen, vielleicht aus anderen Leben? Auch erhielt ich auf den Etappen  Hinweise, die mein Leben nicht veränderten, aber beeinflussten. Gestern, am 9. Januar 2007 formulierte ich die nachstehenden Zeilen, die wohl hier stehen sollten/wollten.

 

Verstecket Quellen

sind nur sehr schwer zu finden.

Wer Fragen hat, sucht.

 

Als ich die erste Tour plante und ausführte, dachte ich nicht daran, weitere Etappen so bald zugehen. Sehr unbedarft ging ich 2005 los, einfach just for fun. Mein Rucksack war völlig ungeeignet und zu voll. Mir war nicht klar, was auf mich zukam. Ich war nicht begierig, wie heute, den Weg um alles in der Welt zu Ende zugehen. Meinen Plan, den Küstenweg zu nehmen, verwarf ich einem Rat folgend - zum Glück. Er soll noch beschwerlicher sein. Beim ersten Mal brauchte ich ewig, um in Gang zu kommen, schlief zu lange, wanderte zu langsam. Ich machte zu viele Anfänger Fehler. Schade für mein Gedichtstagebuch, dass ich mir nicht von Anfang an Notizen über Tageserlebnisse machte, wie es alle vor mir laufenden Schreiberlinge taten. Die erläuternden Texte entstanden erst nach der zweiten Tour. Während der Dritten notierte ich sofort das mir Auffallende. Das tippte ich nach Rückkehr unter zu Hilfenahme des Reiseführers in den Laptop zu den Gedichten. So erhielten diese mehr Kolorit. Sie gaben den Versen mehr Farbe – ähnlich wie diese Häusern gut tut. So bin ich auf die nächste Etappe im April/Mai 07 gespannt. Sie wird länger als alle Vorhergehenden. Die Flugkarte ist bezahlt. Der Kollege bereit mich zu vertreten. Einen kleineren Treckingrucksack kaufte ich. Meine Einpackliste ist auf dem neusten Stand. Mit den Schuhen hadere ich noch. Wahrscheinlich nehme ich die Hohen nicht mit. Ganz leichte für abendliche Ausgänge schaffte ich ebenfalls an. So freue ich mich auf die freundlichen Gesichter der Wanderer und die von ihnen benutzten Worte.

 

Da wie dort der Gruß:

Bon Camino, guten Weg

und – pass auf dich auf.

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* Wenige Tage, nachdem ich Vorstehenden Text schrieb, erhielt ich im Büro einen Anruf der Schauspielerin. Ich war mitten im Diktat und wußte erst nichts mit der Frau am anderen Ende der Leitung anzufangen, die mir meine Mitarbeiterin durchgestellt hatte. Vorweg eines noch. Nach dem damaligen "Erkennen" hatte ich die Schauspielerin über ihre Fan-Post Adresse angeschrieben und ihr mitgeteilt, dass ich die Begegnung mit ihr in meinen Aufzeichnungen festgehalten hätte, ihre Anonymität dabei bewahrend. Nun erzählte mir die Anruferin, nach ihren ersten Sätzen  hatte es bei mir "geklickt" , sie sei das nicht gewesen. Zu der Zeit sei sie in den USA gewesen. Es muß dann so sein, wie sie es sagte. Wenige Tage nach diesem Anruf sah ich eine Magazinreklame im Fernsehn. "Sie" belebte den Titel und mehrere andere Seiten. Sofort kaufte ich mir das Heft, zum erstenmal in meinem Leben, obwohl ich nicht prüde bin. Gekonnt, ansprechbar , ästetisch ist die Schauspielerin als Fotomodell dort abgelichtet. Sie scheint eine Doppelgängerin zu haben, diese Ähnlichkeit! - So wirken also doch einige Ereignisse bis heute fort. Ich bin auf die nächsten gespannt!

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Eine Herberge

Zeigt’s neue Kalenderblatt –

noch 3 Monate!

 

Schnüre das Bündel,

wenn die Sehnsucht zu groß wird.

Folge Deinem Traum.

 

Leidensimpulse

erzeugt DER WEG, wie Freude;

er-öffnet Stille.

Man erfährt Grenzen,

g e h t  durch Höhen und Tiefen,

sieht neue Chancen.

 

Spirituell steigt

die innere Entwicklung, -

die der Wahr – nehmung.

 

Lebenslauf Tiefen

sind im Gehen erfahrbar –

zu bearbeiten.

 

Eindrücke wirken

solidarisch auf Pilger,

sie so verschweißend.

 

Der Blick wird geschärft,

wie auch die Intuition.

Gemeinschaft bindet.

  

Ausgetestet wird

der Körper, der Über-Geist,

- man nimmt weit mehr mit.

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Der Camino lockt

von den Kalenderfotos

Gespannts Tagebuch.

 

Von Erlebnissen

gelangt manches auf’s Papier.

Schweigsam ist der Geist.

 

Rhythmisch ist der Schritt.

Halt inne, lausche dem Frosch

bei der Flussquerung.

 

Flüchtig der Moment

Mit dem Lächeln des Bauern –

wie ein Kraftpaket.

 

Winzig die Blume

in einer Mauerritze.

Ich schloss sie ins Herz.

 

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Pilgern bewegt nicht,

wie mancher denken wird, nur

den schwachen Körper;

 

auf die Wanderschaft

geht mit der unruhige Geist

nach Tiefe suchend,

 

tritt aus dem Trott raus,

bemerkt des Körpers Grenzen

in der ALL-WEITE.

 

 

 

Von der Kraftlosigkeit des ZIELS

 

Do., der 19.04.2007, einen Tag vor der Abreise zur 4.Etappe(Bilbao/Burgos/Sahagun/Lugo/Santiago/Finisterra/Bilbao)

 

Gerd Zeeh kam aus Bamberg, um das  Haus in Bockau zu hüten. Wir gehen zusammen essen. Während er zum Vortrag in das Körner Haus marschiert, ich entschuldigte mich als Vorsitzender wegen der Fahrt, schaue ich nach dem Rucksack, verstaue die schweren Stiefel, packe die Bauchtasche, stopfe den Geldgürtel, fülle den Brustbeutel. Das Adressbuch kommt mit, wie der schon ziemlich voll gestempelte Pilgerausweis, der „credencial del peregrino“, der Reiseführer, die Digitalkamera, die dann leider zum Schluss den Dienst quittiert und das kleine Notizbuch. Ich verabschiede mich telefonisch von Helga, die mit unserem neuen Hund Benny in Hamm ist.

 

Der Rucksack gepackt,

die Papiere geordnet.

Das Geld muss reichen.

 

Noch schnell „tschüß“ gesagt

das Telefon ist hilfreich

sagt, gern flög ich mit.

 

In der Nacht wird’s losgehen. Tilo will mich von der Wohnung in Leipzig zum Flughafen fahren. Im Büro arbeite ich die letzten Akten ab, Kollege Stehr vertritt mich, wenn etwas Außergewöhnliches ansteht. Einen Umschlag für meine Enkelkinder Emilia und Alicia schicke ich nachmittags noch nach Augsburg, am 14./15. war ich bei Ina und Mike und  bewunderte den Fortschritt, den die Zwillinge inzwischen gemacht haben. Am 20.04. werden sie zwei Jahre alt. Tilo werde ich das Geschenk für Lena, die am 24.04. ebenfalls zwei wird, in Leipzig übergeben. Er nimmt es Bettina und seinen Kindern nach Berlin mit. Natürlich sage ich telefonisch auch noch Ulf  „Adé“. Er wird am Montag (23.04.) Tante Martha in Ahlen zum 88. Geburtstag gratulieren, da er in ihrer Nähe geschäftlich zu tun hat.

 

Fr., der 20.04.2007

Mit Tilo trinke ich Kaffee und esse eine Scheibe Brot, der Wagen bleibt in der Straße, mein Junge bringt mich zum Flughafen. Das Wetter ist frühlingshaft klar. Der Boden bräuchte Regen, die Rapsfelder blühen vor der Zeit, erfrischend ihr frisches Gelb.

 

Klar ist der Himmel,

acht Grad zeigt’s Thermometer.

Rot lacht die Sonne.

 

Im schreienden Gelb

tun sich Rapsfelder dicke.

An Bäumen  sprießts erst.

 

Kommt einer zu spät,

dann bestraft ihn das Leben.

Ich bin sehr früh dran.

 

Fluggäste warten

geduldig in der Halle

bis ihr Aufruf kommt.

 

Auf die Blase drückt

der 2,50-Kaffee-Pott.

Im Preis hoch und fest.

 

Man gestikuliert,

Zeichensprache animiert,

sie unterstreicht ’s Wort.

 

Ist Lebensleerlauf

ein pünktliches Geschehen?

Geist bewegt Denken.

 

Im Ruhen erkannt:

Notwendig Warteschleifen,

zum Reifen der Zeit.

 

„Bitte hier warten“

mit dem Reisedokument.

Brav steht die Schlange.

 

Ohne einen Mucks

wird das Gepäck gewogen.

Die Bordkarte folgt.

 

Mühsam die Bisse,

erste, am dicken Apfel,

schwer aller Anfang.

 

Ein Boot braucht Wasser

eines jedes, unter dem Kiel,

ein Gedicht Worte.

 

Ohne die Luft kann

eine Fahne nicht flattern,

ein Ton nicht fliegen.

 

Über den Wolken

erscheint die Welt grenzenlos,

nichts wächst himmelhoch.

 

Wolken reiben sich,

kratzen an hohen Bergen

darüber hupft’s Flugzeug.

 

Nur noch ein Schneehauch

bedeckt die Alpengipfel.

Roulette spielt ’s Klima.

 

Wie Scheren Papier

durchschneiden Flüsse, Berge.

Die Zeit heilt Wunden.

 

 

Die vorstehenden Dreizeiler „folgen“ nach der Leipzigfahrt zum Flughafen und von dort auf’s Papier in bekannter Silbenfolge von 5/7/5 Silben pro Zeile nach japanischem Vorbild. Im Flieger einer Boing 737 der Air Berlin, gibt’s Sandwich zu einem Getränk. Zweieinhalb Stunden dauert der Flug von Leipzig zum Zwischenstopp nach Palma de Mallorca. Den Passagieren wird noch ein warmes Essen zwischen 5 und 8 Euro angeboten. Die meisten geben sich mit dem Sandwich zufrieden. Alle Sitze des Fliegers sind belegt. Ich scheine der Einzige zu sein, der einen Pilgerpfeil an der Jacke trägt. In Bilbao werden dann aber sicherlich mehrere den Rucksack vom Gepäckband nehmen. Meiner wiegt mit den schweren Schuhen genau 8,2 kg. Ich nahm gestern noch Wäschestücke heraus. Für diese 4. Tour kaufte ich mir einen kleineren Rucksack. Das bedingt ein Zwischendurch-Wäsche-waschen. Im Nachhinein stellte ich fest, dass ich immer noch zuviel dabei hatte. Schade nur, dass meinem Ansinnen, einen Rucksack-Wäsche-Trocken-Halter zu erstehen, bei dem Verkäufer in Münster auf Unverständnis stieß. Die Japaner sind darin fortschrittlicher, wie ich anderen Orts feststellte.

 

Nun taucht im Meer unter der leichten Wolkendecke die überlaufene Ferieninsel des „Ballermann 6“ auf. Vielfach zugemauert ist die Küste. Neben vielen Deutschen kaufen sich nun Russen komfortable Ferienwohnungen. Die Preise boomen. Trotzdem bietet die Insel noch stille Ecken. Auch Wanderer finden viele schöne, einsame Wege. Radfahrer haben dort enorme Trainingsmöglichkeiten, wie ich bei vorigen Besuchen feststellte. Der Leipziger Flughafen ist winzig gegen den von Mallorca. Treffe ich zwischen den Gates vielleicht wieder die Schauspielerin von damals, die es nicht gewesen sein will?

 

Den Wölkchenteppich

durchstößt der Urlaubsflieger,

der Ohrendruck steigt.

 

Ich saß bei der ersten Etappe neben einer Dame aus Hof, die bis hier flog. Sie weinte vor Ohrendruckschmerzen. Ein leerer Pappbecher vor jedes Ohr gedrückt, gefüllt mit einem nassen Tempo milderte das Leid.

Als ich von Bilbao damals nach Mallorca zurück flog, traf ich sie dort erneut. Wie sagt man? Die, die sich mögen, treffen sich häufiger! Übrigens ist im Airport Leipzig eine kleine Bildausstellung vom Jakobsweg. Ich hielt’s im Foto fest.

 

Auch bei Gedränge

stößt man nicht aneinander.

Der Mensch braucht Abstand.

 

Nur Annäherung

ist es, die die Nähe schaff,

zum Kennenlernen.

 

Alle Zeit der Welt

gönne dir auf der Reise,

schafft’s Handy bloß ab.

 

Die Temperatur in Bilbao ist wie auf Mallorca: 20°C. Im Erzgebirge waren dieser Tage schon 26°C. Da wie dort ein wolkenloser Himmel. Während der Flüge konnte ich etwas schlafen, ich stand heute morgen zu früh auf. Cola, Kaffee oder Saft nutzten da wenig. Ein Käsebrot bietet das Personal auf dem Weiterflug (1 Std., 10 Minuten) an. Der Flug Deutschland-Spanien und zurück kostete 176 €. Da überall der Euro gilt, sind nun auch die Preise vergleichbar. Mein Währungsrechner von damals schmollt. Die Batterie spuckte schon-  vor dem Sondermüll.

16.25 Uhr:

Sicher gelandet.

Nun heißt es: Buen Camino

auf dem Weg zum Bus.

 

Die Fahrt vom Flughafen zum zentralen Busbahnhof in Bilbao kostet 1,20 €, die von Bilbao (19.00 Uhr Abfahrt) nach Burgos 10,86 €. Mehrere deutsche Pilger sind mit von Mallorca geflogen. Viele wollen, wie ich, nach Burgos. Erstaunlich für mich, dass es überwiegend Frauen aller Altersklassen sind. Das Gewicht ihrer Rucksäcke schwankt zwischen 6 und 10 kg. Viele waschen häufiger, anderen macht die Dreckwäsche wohl weniger aus. Ein wohlgewachsenes Bikinimädel wirbt auf einem Plakat vor Meerblick für „Etam lingeri“. Ihr langer Blondzopf verdeckt den Hals.

 

Als ich 1957 bei meinem spanischen Freund Gustavo Barbat Gili in Barcelona, Escuelas Pias 95, für 14 Tage im Schüleraustausch war, wäre solch ein in Plakat unmöglich gewesen. Gustavo wunderte sich, als er dann in Ahlen seine Ferien verbrachte, dass katholische Priester dort nicht in schwarzer Kutte herumliefen. Auch, daß die Frauen nicht in langen Röcken und mit einem Kopftuch in die Kirche gingen. Heute gehen sie auch hier mit entblößten Beinen, freiem Kopf und sichtbarer Brust rein. Bei uns übte man sich damals schon in der Demokratie, Diktator Franco beherrschte noch Spanien. Erstaunlich, im Rückblick für mich, wie er und seine Partei die Macht der Demokratie später überließen.

 

Im Flugzeug war’s eng, im Bus ist’s noch enger. Nach zwei Stunden eingepfercht kann ich um 21.00 Uhr in Burgos aussteigen. Das japanisch gestaltete Hotel, schlicht, doch aufwändig, könnte Haikus verkraften. Vielleicht fällt mir dazu noch eins ein. Ich gehe in die gleichen Lokale essen wie auf meiner 2. Tour. Dabei erinnere ich mich an die deutsche Reisegruppe von damals mit den alten Damen und einigen genauso betagten Herren. Sie leitete ein etwa 35jähriger Deutscher. Geduldig beantwortete er Fragen seiner nervigen Reisenden. Ich sprach ihn an und sagte ihm, dass ich das in seinem Alter auch mal gemacht hätte. Das Essen ist prima, die Stadt erwacht erst nach 23.00 Uhr zum Leben. Studenten bevölkern die Plätze vor den zahlreichen innerstädtischen Bistros. Kein Pilger treibt sich davor oder darin herum.

 

Sa., der 21.04.2007

 

Als ich nach einem weiteren Kathedralenrundgang meinen obligatorischen Stempel abhole, stelle ich fest, dass der Bus nach Carrion, von wo ich mit dem Taxi zum letzten Startpunkt Calzadilla fahren wollte, weg ist. Deshalb  nehme ich den Zug nach Sahagún. Dabei überspringe ich 23 Wanderkilometer. Die Fahrt kostet 14,70 €. Dort angekommen trage ich immer noch meine leichten Schuhe, die schwereren verbleiben im Rucksack, der angenehmer zu tragen ist, als der alte große. Die Landschaft ist satt grün. Fern, meine ich, den Weg zu erkennen, den ich im letzten Jahr mit Peter, Heidi und den Kanadiern ging. 

 

Auch hier leuchtet Raps

im Grün bestellter Felder,

braun die gepflügten.

 

Durch’s Abteilfenster

seh’ ich hügeliges Land

mit Kies, Sandgruben.

 

Ein flaches Tal

überspannt ein Viadukt

den Bach hört man nicht.

 

Strom für die Menschen

drehn Räder über Hügeln -

das Licht zerhackend.

 

Wie schon in Burgos

gepfropfte Straßenbäume

in Palencia.

 

Der Mensch beschneidet,

eine Weile geduldet,

die Welt, die ihn trägt.

 

Beliebt das Handy,

die Funktürme verstärken,

Stimmen in die Bahn.

 

Vom Zug auf den Weg,

noch in den leichten Schuhen,

neben der Straße.

 

Der zweite Stempel

zeigt die Ankunft in Sahagún

kleines Kaff am Fluss. (Rio Cea)

 

Schmutz vor der Theke

dahinter lärmt der TV.

Bar am Wegesrand.

 

Stärkende Brotzeit

vor ersten Kilometern,

am Sack die Jacke.

 

Eben die Landschaft.

Wie ein altes Kaugummi

zieht sie sich, ätzend.

 

Eine Betonbank

unter lauschigen Pappeln

von Rowdys zerstört.

 

Die Sonne rötet

Wangen wie entblößten Arm,

das Foto hält’s fest.

 

Irgendwo hier finde ich den Hinweis, dass es noch 315 km bis Santiago sind. Mit einem  Studentinnenpaar aus Gießen laufe ich eine Weile. Sie sind jedoch schneller als ich. Dann endlich komme ich in einen Ort, wo ich nach den xten Kilometern in einem kleinen Hostel ein nettes Zimmer mit Wanne find, was ich nach den ersten gelaufenen Kilometern beziehe. Eine Finnin erzählt mir in englisch von ihrem Weg von Burgos hierher. Sie geht in eine Herberge um zu waschen und billig zu schlafen. Ihr würde ich gern meine ersten verschwitzten Klamotten mitgeben.

 

 

So., der 22.04.2007

 

Ich verschmähe somit die ausgezeichnete Herberge mit Deutschen, mehreren Franzosen und der Finnin. 35 € kostet die Übernachtung im einfachen Gasthof. In der Herberge ißt man zusammen, betet um 20.30 Uhr und ruht dann. Morgens muss man nach dem 8.00-Uhr-Morgengebet die Schlafstätte verlassen. Selbst hatte ich einigermaßen geschlafen, denn in der Kneipe unter den Zimmern feierte man bis 4.00 Uhr in der Frühe in voller Lautstärke.

So geht’s ohne Frühstück in die Sonne auf einem tristen, unschattigen Schotterweg. Das reichliche Pilgermenü vom Vorabend (9 € mit Wein und Wasser) beflügelt meine Schritte.

 

Der Schatten eilt mir

groß, schräg voraus durch das Gras

an Bäumchen steigend.

 

„Ist das eine echte Melone?“ frage ich unbedarft den Mitgeher an der nächsten Bar. „Diese Melone ist ein Kürbis“ und nach Aufstehbetrachtung der Frucht „Sogar ein echter Kürbis!“. An dieser 8 km entfernten Bar sammeln sich 7 Deutsche, trinken Tee, Milchkaffee und essen Riesenbaguettes belegt mit Eierkuchen. Ich esse das nicht auf. Ein herumstreunender Hund freut sich. Einer hatte schon vorgearbeitet und im Pilgerführer gelesen, dass die nächsten 38 km genauso trist seien, über eine baumlose Feldebene neben der Straße herführen, wie die gerade gelaufenen 8 km. Die Franzosen haben für ihre Rucksäcke ein Taxi von der Hotelbar aus angefordert. Der Fahrer nimmt mich dann für 14 € mit. Die anderen sagen, sie seien Pilger und rümpfen die Nase, als ich im Mercedes davondüse. Unterwegs freue ich mich, durch diese Triste nicht gelaufen zu sein. So bin ich dann ohne körperliche Mühen nach 45 Minuten im Zentrum der 145.000 Einwohner zählende Provinzmetropole León.

 

Technik erleichtert

die Mühsalen des Alltags,

manchmal geräuschlos.

 

Stets muss man zahlen,

mal jetzt oder unverhofft,

für’s Verursachte.

 

Langsam riecht sie – straff-

meine Dreitagekleidung,

der Rucksack weis Rat.

 

Vor den Herbergen

trocknet Wäsche in die Nacht

durch Kehlen rinnt Nass.

 

In León demonstrieren Massen mit der Stadtfahne für die Selbständigkeit. Still tu ich’s mit. Nur bei mir richtet sich der Protest gegen die Hitze. Von 18°C am Morgen stieg das Thermometer auf 29°C. Das Pflasterlaufen ermüdet. Hier seh’ ich keine Häuser wie auf dem –im wahrsten Sinn- platten Land, die nur aus Lehmmauern gebaut sind. Manche dieser alten Gebäude auf dem Lande scheinen erst vor wenigen Jahrzehnten, kurz vor oder mit dem Zusammenbruch leer gezogen worden zu sein. Leóns Kathedrale durchlaufe ich und höre den Worten eines Reiseleiters zu. Er erklärt einer Aachener Rentner-Pilger-Gruppe die Highlights. Sie, die er anführt, durchlaufen während der Fahrt nach Santiago immer wieder eine kleine Strecke. So bekommen sie nur ein Mü von den Schwierigkeiten mit. Die Hitze der Großstadt gefällt mir nicht.  So verlasse ich León schnell und lande nach 13 km in dem Vorort La Virgen del Camino. Für 40 € finde ich ein Hostal neben der Straße. Pflege dort die Hygiene und die erste Blase am rechten kleinen Zeh und greife nun in die Wäschekiste. Meine Hände sind unverändert geschwollen. Das liegt am Herunterhängen der Hände während des Laufens. Andere Wanderer gehen mit Stöcken. Sie haben insoweit wohl weniger Probleme: Mir liegt diese Art des Marschierens nicht. Scheiße ist, dass man in Spanien so lange auf das Abendessen warten muss. Vor 21.00 Uhr gibt’s hier nichts. Normalerweise schlafen da die Pilger schon. Das kleine Städtchen hat ein Kloster und eine neben der Straße befindliche moderne, aber ruhige Kirche. In ihr folgt eine Hochzeitsschar mit Tränen der Zeremonie. Ähnliches beobachtete ich auf einer anderen Etappe schon mal. Meine damaligen Gedanken kommen hier wieder hoch.

 

Noch lange dauert’s,

auch wenn der Magen laut knurrt

trink derweil einen!

 

Der Brave ruht dann,

dazu zählen die Pilger.

Wirklich, will ich das?

 

Der Pilgerweg lehrt

es gibt keinen graden Weg.

Krummes ist auch schön.

 

Sie sind wirklich arm,

die nie etwas probierten

Magst du’s japanisch?

 

Leider entdecke ich erst nach dem Einchecken die saubere 5-Sterne-Herberge, die besser als das kleine Hostal gewesen wäre, wie ich später von anderen hörte, die dort schliefen.

 

Mo, der 23.04.2007

 

Heute wird Martha 88. Im Heim lebt sie nun, die meinen Eltern und später meiner Familie 55 Jahre den Haushalt führte. 1951 kam sie nach Ahlen, ich war neun, sie zog mich mit auf wie später meine Kinder Ina, Tilo und Ulf, die alle sehr an ihr hängen, so als sei sie ihre leibliche Tante. So bezeichnen sie sie liebevoll.

 

Auf dem Weg komme ich vielfach in’s Grübeln. Das bleibt beim Laufen in der Einsamkeit nicht aus.

 

Tief die Eindrücke

meiner Stiefel im Flusssand,

wie in dem Herzen.

 

Ein weiter baum- und strauchloser Weg führt durch kleine Käffer nach Astorga. Eine alte Römerbrücke bei Hospital de Órbigo ist zu überqueren. Störche sitzen auf Kirchen und Portalresten. Wieder begeistert mich auf dem Weg das Bewässerungssystem. In offenen Betonschalen fließt neben den sich endlos ziehenden Feldern das Wasser. Manchmal sind sumpfige Flächen in den Äckern. Es ist festzustellen, dass es in letzter Zeit stark regnete.

Ab dem letztgenannten Ort zeigen sich wieder Hügel und Berge mit Spalierwäldern. Auf den Feldern stehen 30 mehr oder weniger lange Berieselungsgestelle gegen die große Hitze. Auf den  Hügeln steht Buschwerk, keine Bäume.

Weit auseinander gezogen sind die einzelnen Pilgergruppen oder Wanderer. Wie ich tragen die meisten ihre Plastiktüte mit der 1,5 l-Wasserflasche und  Obst. Erfahrene Wanderer haben leichte Rucksäcke, max. 6  kg schwer. Da die Herbergen über Waschmaschinen und auch Trockner verfügen, reicht das völlig aus. Ich habe wieder, obwohl schon reduziert, viel zu viel dabei.

Gegen die Landerosion pflanzt man wieder Wälder. In alter Zeit war von den Pyrenäen bis zur Straße von Gibraltar alles durchgehend bewaldet. In den Dörfern fallen mir wieder die alten Lehmhausmauern auf. Manche scheinen inzwischen von außen mit Ziegeln verblendet worden zu sein. Ich las irgendwo, dass diese alten Mauern einen höheren Dämmwert haben als neue aus Stein.

13.000 Einwohner zählt Astorga. Eine prima Herberge gibt es, die von der Deutschen Angelika geführt wird, die Übernachtung kostet 6 €. Es gibt ein von ihr versprochenes echtes deutsches Frühstück für 3 €. Hier kann ich dann erstmalig meine Unterhose und übrige Wäsche durch’s Seifenwasser ziehen.

 

Ein weiterer Deutscher, Sören aus Hamburg, lebt seit zwei Jahren hier. Er stieg zu Hause nach der Scheidung aus. Er will eine Bar aufmachen und lebt zur Zeit von Gelegenheitsjobs. Eine junge Südkoreanerin fragt mich, ob ich im neuen Caminoführer nachlesen könne, ob es in Fisterra, das ist der Ort am Ende des Weges am Atlantik, eine Herberge gäbe. Bei mir ist sie verzeichnet, die Franzosen haben sie nicht in ihrem Reiseführer. Dies fesche Mädel ist nur wegen des Camino nach Europa geflogen. Es finden sich wiederum alle Altersklassen auf dem Weg: zwischen den Rentnern auch junge Leute. Mit allen macht es Spaß, ins Gespräch zu kommen.

Mit Ulf, einem jungen Arzt, der in Berlin studierte, durchstreife ich kreuz und quer die Stadt. Wir kommen so zu einem kleinen Laden, vor der eine „Merlin“ Zauberer-Figur Kunden anlocken soll. Bei uns klappt es. Das junge Mädel hinter dem Tresen hat eine „Bratsche“ an der Lippe. Ich frage Ulf leise, mir dabei etwas anderes anschauend: “Was hat die da? Kann man dagegen nichts machen?“  Das Lippenherpes stieß mich quasi an. Das Mädel spricht Deutsch zurück! Das ist mir zwar peinlich. Ulf kann ihr jedoch Ratschläge geben. Zufall?

 

Astorga ist nicht nur DIE Schokoladenstadt, jedes zweite Geschäft hat reichliche diesbezügliche Auslagen, sondern hat auch andere Schokoladenseiten. Beeindruckend neben der Kathedrale das von Antonio Gaudí entworfene Bischofspalais. Diesen Architekten liebe ich. Seine Bauten und die Kathedrale bewunderte ich schon Barcelona. Leider sind mir die Bücher über ihn und seine Barcelona-Bauten infolge Wasserschadens alle zusammengeklebt, so dass ich sie in die Tonne treten musste.

 

In dem feinen 3-Sterne-Restaurant „Gaudi“, sein Inhaber bezuschusst die Herberge, bestelle ich mir das Pilgermenu für 10 € incl. Wein und Wasser. Es kostet sonst 12,50 € + Wein + Wasser. Am Nebentisch sitzen zwei Männer und Frauen aus Essen mit denen ich Eindrücke austausche, sie fahren mit dem Bus von Pamplona nach Santiago. Solche und andere Gespräche und Begegnungen möchte ich, wie erwähnt, nicht missen. Sören erzählte mir, dass kaum einer der heutigen Wege da lang führen, wo er einst im Ursprung langging. Straßen und Autostradas verdrängten ihn. Ich frage mich nur, wo springt da noch der richtige Funke über?

 

Verlegt ist der Weg

Geschäft zerstört die Idee.

Wer sucht, der findet.

 

Anfang und Ende,

beides verschließt sich in mir.

Erkenntnis öffnet.

 

Niemand spürt etwas,

wenn sein Herz nicht berührt ist,

nichts in SEINEM Dom.

 

Man muss ihn finden.

So geht jeder seinen Weg

hier wie da, wie dort.

 

Obwohl ich meine, auf den Kilometern schon abgenommen zu haben, brach ein weißer Plastikstuhl in der Herberge unter mir zusammen. Ein solcher, wie ich ihn auch bei mir im Garten stehen habe. Trotz des am Bodenliegens gebe ich offensichtlich eine gute Figur ab, denn man lachte allseits. Unbeschadet stehe ich auf. Den Stuhl brauchte ich auf Nachfrage nicht zu ersetzen. Das sei normaler Verschleiß.

 

Vom Computer in der Astorga-Herberge, er steht 254 km von Santiago und ca. 364 km von Finisterra entfernt, schreibe ich eine Mail im Bündel an die Lieben daheim und lese die neuen Eingänge. Es gab nichts Besonderes, nur dass ich 3 Anläufe brauchte, um meine Meldungen abzusetzen, bin in dem also noch nicht richtig firm. 15 min für 50 cent gehen schnell rum.

 

Rundmail vom 23.04.2007:

Gesendet: Montag, 23. April 2007

Betreff: Jakobsweggruesse

 

Ihr Lieben,

vom spanischen Camino liebe Gruesse. Bei fast dreissig grad ist wandern anstrengend. Gut, dass es Pilgermenues fuer 10 € gibt, incl. Wasser und Wein, die ueber schmerzende Blasen, die an den Fuessen immer groeßer werden, hinweghelfen. Nun bin ich in einer Herberge, die Dt. gefuehrt ist, und geniesse das Ausspannen, nach dem Einsatz von Rei in der Tube. In stinkender Waesche zu laufen ist Ehrensache, tun sie alle, alle aus dieser Welt. Es gibt wieder, wie bei den drei vorausgegangenen Laeufen, viele schoene und interessante Begegnungen. Manchmal sollte man Waschen, behaupten erfahrene Hausfrauen. Mein Notizblock fuellt sich. Die Ideen gehen bei den vielen Anregungen nicht aus. Ihr koennt sie dann spaeter unter www.tarhane.de als Folge der vorigen Wanderungen nachlesen.

 

Ich finde irgendwie, dass die Buchstaben auf der spanischen Tastatur anders sind. Das Zweifinger System ist mir vielleicht auch im Weg. Deshalb schlißes ich.

 

Herzliche Gruesse vom Jakobsweg mit „Buen Camino“! von Eurem Edgar

 

Erstaunlich, wie viele Ältere als ich den Weg laufen. Manchen brachen sich schon mal was und holen den Rest dann nach dem Auskurieren nach. Der Weg ist schon erstaunlich. Er fesselt, fasziniert, bewegt, verbindet, verschleißt, führt zusammen, trennt Spreu vom Weizen, bewältigt den inneren Schweinehund, schafft Freundschaften, trennt sie, mobilisiert Kräfte, fokussiert den Geist, zwingt zu Ruhe und Gelassenheit, ordnet Gedanken und Gefühle, schließt etwas ab, man findet zu sich. Alle Menschen,  jeden Alters, jeder Nationalität, ob religiös oder nicht,  haben auf ihm Platz. Gleichwohl denke ich, dass es die Gemeinschaft ist, die die Kraft dieses Weges ausmacht. Alle leiden unter ihm, egal welcher Herkunft sie sich erfreuen, welche Schulbildung und welchen Kontostand sie haben. Gleichermaßen werden Kräfte geraubt und wieder zurückgegeben. Das Buch von Hape Kerkeling, das zum Bestseller avancierte, animierte auch viele Deutsche, die nun verstärkt auf dem Weg laufen. Sören meinte, dass es nicht zum Guten für diesen Weg gewesen sei, wohl aber für den Tourismus.

 

Di., der  24.04.2007

Pure Unruhe,

im 28er Saal,

wie lieb’ ich Hotels;

 

Betten knarren nicht,

kein Schnarcher, niemand berührt

durch lauten Klogang.

Traumhaft das Phantom

mal durchschlafen zu können

nicht Schlange „wo“ stehn.

 

Das deutsche Frühstück

für 3 Euro entschädigt.

1000 Dank, Angie.

 

Neue Geschichten

brachten Abendgespräche.

Viele sind allein.

 

Hier gibt’s Schicksale,

die Denkanstösse geben,

wie nirgendwo sonst.

 

Gesucht werden sie,

der wahre Sucher findet,

die Entscheidungen.

 

Die rechte Richtung

findet man nicht im Gespräch

nicht auf Wegweisern.

 

Trocken die Wäsche.

Einer rotzt in’s Waschbecken

keiner hat ihn lieb.

 

Adé Astorga.

Kühl der Tag, die Sonne schweigt,

Pillen sind geschluckt.

 

Acht schlägt die Glocke,

auf der Piste die meisten,

noch weit ist das Ziel.

 

Was schaffst du heute?

Soweit die Füsse tragen.

Na denn: Guten Weg.

 

Ein Storch quert den Weg,

sag: „Glück Auf!“ zu den Pilgern.

Die Schlange zieht sich;

 

ab schmeißt er Sorgen,

mit denen ich ihn belud,

Müll mit Geschichte.

 

Manche Geschichten bewegen nachträglich beim Gehen, wie die der etwa 45jährigen Hamburgerin. Sie erzählte gestern einer älteren Kanadierin am Nebentisch ihr Leben, Tränen sich dabei unter der Brille wegwischend. Ihr Mann starb, was sie nicht verkraftet hat. Sie hofft, beim Wandern Ruhe und Frieden zu finden.

 

Vor diesen Friedhof

ein einsames Tor. Wohin?

Leer ist der Sportplatz;

 

leer, wie kinderlos,

ein neuer, einsamer Ort;

buschig die Landschaft.

 

„Man sieht sich“ sagte in der Bar beim Verlassenen des Ortes ein Schwede zu mir. Ich vergaß, ihn was zu fragen. Heute früh saß er im Klo neben mir. Er kam zugleich mit mir raus, deshalb weiß ich’s. Er sang in der Hocke leise ein Kirchenlied. Hat es ihm wohl Erleichterung verschafft? Davon werde ich am frühen Abend nichts meiner Schwiegertochter Bettina erzählen, um ihres und Tilos zweitem Kind Lena zum 2. Geburtstag zu gratulieren.  Als ich 2002  60 wurde, fühlte ich mich uralt. Als dann noch im gleichen Jahr mein erstes Kind heiratete, Tilo  Bettina, noch älter. Als ich dann im Jahr drauf durch Luisa-Marie Opa wurde, noch viel mehr älter. Nun jedoch habe ich mich sowohl an mein Alter als auch an meine Enkel  gewöhnt und  freue mich über die vier gesunden und aufgeweckten Mädels.

In diesen Wäldern

singen Vögel, Kuckucke.

Schrecklich ist der Durst.

 

Am Boden wächst Gras

eine hohe Efeuart.

Alles braucht Regen.

 

In dem Wildschutzzaun

zum Kreuz geklemmte Äste.

Ein heiliger Hain?

 

Orte ziehn vorbei

wie Schaum aus Badewannen.

Raste, roste nicht.

 

Ein Bus aus Trier

voller Hobbywanderer

belohnt mit Kuchen.

 

28 Reisende aus der Gegend um Trier (Fa SIM) haben beim Busfahrer Speisen reserviert. Ich nicht, bekam jedoch einen Kaffee und 1 Stück Kuchen ab, für 2€ Spende (obwohl Pilger) in den Pappbecher. Fand ich nicht besonders. Die wollen auf einer Pilgertour sein? Man kennt sogar das Geschäft meiner Cousine Mia Heinemann. Der Ort, in dem ich dann ich dann nach 26 km übernachten will, ist voller Pilger. Ein Taxi (8 €) bringt mich und drei andere Läufer 6 km weiter.

Auch hier die erste Frage: „Haben sie reserviert?“ Ich erinnere mich, dass Kerkeling eine seiner zwei Damen vorschickte, sie war gut zu Fuß, um solche Probleme zu vermeiden. Ich hatte hier Glück. Endlich wieder ein Zimmer mit Klo und Badewanne für mich allein. Da interessiert der Preis nicht, er stimmt trotzdem.

1140 m hoch ist der Ort, der mal wichtig für die Christenheit war und im Jahr 2000 wieder neu belebt wurde. Er heißt Foncebadón. Es entstanden zwei Herbergen und ein Hostal, ein Schafstall und eine im Werden begriffene Bar. In vielen Ruinen sind noch die alten Grundrisse zu erkennen. Wichtig scheint mir, ziemlich unbeachtet, abseits zum Berg gelegen, an dem am Morgen zu begehenden Pilgerweg die alte Kirchenruine mit in Mauern noch erkennbaren Nebengebäuden zu sein. Dieser Platz strahlt für mich noch seine alte Kraft aus. Wahrscheinlich war diese Kraft der Grund, warum hier eine Kirche entstand. Stets bauten die Religionen dort ihre Tempel auf, an denen schon die Vorgänger solche errichtet hatten. Schade nur, dass wir verlernten, nach Kraftpunkten Ausschau zu halten.

Norbert und Karin aus NRW lassen sich den Rucksack über den Berg fahren. Ich schließe mich dem noch nicht an. Heute waren die ca. 25 km trotz bedeckten Himmels für mich anstrengend. Ein 72jähriges Pärchen aus Sachsen-Anhalt, im November 50 Jahre verheiratet, stecken den Weg ebenso locker weg, wie ein gleichaltriger Japaner, den ich zuerst als Eskimo angesehen hatte. Was bin ich doch untrainiert! Kerkelings Buch bringt, wie schon erwähnt, nicht unbedingt die besten Pilger auf die Piste. Nicht solche, die eigentlich spirituelle Erfahrungen erleben, begreifen und seine Ausstrahlung erfahren möchten. Gehöre ich dazu?

In der Herberge statt in der Schlafstatt esse ich mit den anderen Besuchern  für je 7 € Tomatenbrote mit Schinken. Diesem prächtigen, echten spanischen Schinken folgt dann ein ebenso guter Salat und eine Riesenreispfanne mit Scampis. Alles überreichlich. Norbert und Karin haben noch Knoblauch. Damit würze ich entsprechend nach.

 

Mi, der 25.04.2007

 

Der Sachsen-Anhaltiner fragt, ob in meinem Notizbuch stünde, wie man zu Geld kommen könne. Ich bin kein Kerkeling. Ich muss lachen. Die beiden, Gerhard und Marlene, bereisten nach der Wende die halbe Welt und sind richtig gut drauf. Am eisernen Gipfelkreuz, das ich mit einer weiteren Blase am Fuß schließlich erreiche, lege ich mit guten Wünschen die mitgenommenen Steine ab. Der Steinhaufen um dieses „Cruz de Ferro“, sieht es aus wie ein Müllhaufen.

Es regnet auf der ganzen Tour über die ca. 20 km, mir kommen sie weiter vor. Wolken quälen sich wie die Wanderer die Berge hoch und runter. Man trifft sich an den jeweiligen Bars, trinkt und ißt etwas. Dann geht’s nach den Pausen weiter. Einige sind pfiffig und fahren per Anhalter mit einem Reisebus voller Deutscher mit, die Mitleid mit den durchnässten Pilgern haben oder bestellen sich gar eine Taxe, um die 500 m Abstieg zu vermeiden. Das Taxi kostet 25 €.

 

Im Dauerregen

kleben Wolken an Bergen

der Vorhang ist zu;

 

Pilger kommen durch,

SIE ließen sie nicht ziehen

nass ist’s um den Berg.

 

Wer von außen feucht

verträgt das auch von innen.

Trink den Vino Tinto.

 

Ein Wanderfoto

aus der Einfachst-Herberge.

Ein „Templer“ kassiert.

 

Unordnung und Dreck,

bei anderen ist’s urig.

man ist woanders.

 

Deutsche sind beliebt,

sind strebsam wie ordentlich,

sie sammeln den Müll.

 

In Flimmerkisten

ersticht man(n) gekonnt den Stier

vor der Reklame.

 

Daheim gilt Tierschutz.

Spät abends spielen Kinder

auf der Plaza Ball.

 

Verzieht Regen sich

den die Natur dringend braucht

läuft das Eisgeschäft.

 

Am Herbergskamin

trocknet die klamme Wäsche,

die Schuhe ruhen.

 

Do., der 26.04.2007

 

Mal stöhnen die Pilger über den Weg, dann über Staub und Hitze, dann über Regen. Manche haben schwere körperliche Handicaps, Blasen, Herz-Kreislauf-Störungen, Verstauchungen, Brüche. Die Schultern können die Riemen der viel zu schweren Rucksäcke nicht tragen. Viele stecken den Weg locker weg, ohne körperliche Probleme. Sie sieht man vielleicht wegen ihres schnellen Vorankommens nur einmal. Meist ist deren Gepäck ganz leicht, 6 kg. Ich berichtete schon davon. Sie waschen täglich. Tat ich gestern auch. In dem Hostal (40 € pro Nacht) mit Küche und Bad, einem Hotel gleich, wusch man mir abends meine Wäsche für 3 €. Das ist wie zu Hause. Nur laufen muss ich selbst. Hier steigt auch der 48jähige Schwede ab, der von Frankreich aus lief. Er ist Opernsänger und war der, der auf dem Klo in der Herberge Arien sang. Sein Geld verdient er mit Immobilien. Sein Beruf sei nur noch Hobby, erzählte er mir. Ich konnte einige Schwedischkenntnisse anbringen, da ich zu meiner Studienzeit mehrfach in Schweden, u.a. in Stockholm gearbeitet habe, so bei Svenska Handelsbanken. Dort lege er sein Geld an, erzählte er mir. Damit kommen alte Erinnerungen hoch, wie die schwedische Sprache, die ich einst während des Studiums in Marburg lernte. Er erzählte mir von drei Engländern, die in Frankreich in diesem Jahr im Schnee umkamen, wie von einem beidseitig Amputierten, der den Weg mit seinen Prothesen lief wie ein anderer mit einer Beinprothese.

 

Nach dem  xten km komme ich stark humpelnd in Ponferrada an. Meine rechte Wade schmerzt. Das erste beste Hotel nimmt mich auf, 60 € das Einzelzimmer. In der Apotheke bekomme ich nach der Schmerzschilderung Voltaren-Salbe empfohlen. Fast 5 km durchstreife ich die 61.000 Einwohner zählende Stadt. Einst herrschten hier die Templer. Ihre Burg wird aufwändig restauriert. Zwischen ihren Mauern und den Häusern entsteht ein Laufsteg, der sich zur Mauer der Templerburg  hochhebt und sogar bis in die Dachhöhe der Kirche führt. Mich wundert, dass hier kein Denkmalschützer einschreitet. Im Busbahnhof am Rande der Altstadt frage ich nach der Möglichkeit, mit einem solchen Gefährt ein Stück schneller voran zu kommen. Ich merke, wie die ungewohnten Anstrengungen an meinen Kräften zehren. Schließlich bin ich völlig unsportlich und tue nichts für meinen Körper. Nur mit Lebensmitteln, Flüssigkeit, Süßigkeiten und Alkohol wird er versorgt. Um den Geist kümmere ich mich da schon mehr, füttere ihn mit Arbeit, Organisation, vielem Lesen, Schreiben, auch von Gedichten. Doch er wird mit viel Ballast beschwert. Manche Bürde berührt sogar mein Inneres, wenn ich’s mir auch nicht anmerken lasse. Vielleicht bringt ein Aspirin compact meinen Körper wieder auf Trab?

 

Agnes, eine Schwester aus der Krebsberatung, sie, die aus der Umgebung von Aachen stammt sah ich zwischendurch schon mal, musste sich wegen einer Entzündung an einer Zehe in einem Gesundheitszentrum antibiotisch behandeln lassen. Neue Schuhe wurden ihr auferlegt zu kaufen. Vor allen Dingen soll sie mindestens einen Tag nicht laufen. Sie will jedoch danach ihre Pilgerreise fortsetzen, vor allem die letzten 100 km um den Sündenablass zu bekommen. Den werde ich nicht ausgestellt erhalten, ich will ihn auch nicht. Inzwischen entschloss ich mich nämlich, nach Santiago schon in diesem Jahr zu kommen und eventuell noch zur Küste, deswegen muss ich mich sputen, das heißt, ich muss ggf. mehr den Bus benutzen, um voran zu kommen. Mit meinem Humpelbein werde ich kaum die noch vorhandene Zeit mit Laufen und meinem neuen Vorhaben in Einklang bringen. Vergeblich versuchte ich, Helga zu unserem Hochzeitstag zu gratulieren, was mir erst am nächsten Tag gelingt.

 

In einer Bar, wo ich Postkarten schreibe, erzählt Veronika, die sich zeitweilig Agnes angeschlossen hatte,  von ihrem Mann, dessen Untreue ihr zu schaffen macht. Da man sich allenfalls beim Vornamen kennt, vielleicht noch fragt, aus welcher Gegend der eine oder andere kommt, kann jeder frei erzählen, wenn ihm danach ist. Viele Schicksale offenbaren sich mir so.

 

Mit dem Humpelbein

durchlaufe ich dieses Ziel.

Stets kommt die Rechnung.

 

„Guten Weg!“ sag ich

zum Mitpilger in der Bar

das auch so meinend.

 

In leichten Schuhen

versenkt sich mein breiter Fuß

Gurt’s Blasenpflaster.

 

Der Dauerregen

Bleibt zwar in den Bergen, doch

Zieht das Fieber an.

 

Angeschlagene

Verzeichnet der Pilgerpfad

In Kreuzen am Weg.

 

Nieder die Stimmung.

Sterb ich, wie komm ich dann heim?

Mit Galgenhumor!

 

Achte den Körper,

pflege ihn, wie auch den Geist,

sieh diese Einheit.

 

Öffne die Augen.

Signale setzt das Leben.

Halt blinkt die Ampel.

 

Lebensberichte

von völlig fremden Menschen

geben Hinweise.

 

Spreche über dich,

öffne deine Verschlüsse,

wichtig allein DU!

 

Setze die Häkchen

hinter das Unwichtige,

überdenk den Weg.

 

„I“ steht für “Info“,

nimm die Information auf,

trenn Spreu vom Weizen.

 

Auf Schritt und auf Tritt

begegnet uns Geschichte.

Auch die eigene.

 

Wenn du den Balken

 im eigenen Auge siehst,

breche keinen Stab!

 

Fr., der 27.4.2007

 

Es empfiehlt sich, Briefmarken auf Vorrat zu kaufen. Sie gibt’s in Tabacos-Läden. Die für die Postkarte kostet 58 cent. Da in vielen Bars und den meisten Restaurants, ebenso wie in Zügen und Bussen nicht mehr geraucht werden darf, scheinen sich die Tabacos in Rauch aufgelöst zu haben. Außerdem sind die großen gelben Briefkästen auf dem Lande dünn gesiedelt. Apropos rauchen. Es wird viel geraucht, m.E. mehr als bei uns. Von Frauen auch Zigarre und Pfeife. Da die Bars überwiegend Nichtraucherzonen sind, die Büros auch, steht man rauchend auf der Straße. Die Jugendlichen scheinen mir früher als bei uns, am Glimmstängel zu ziehen.

Der gestrig grau in graue Himmel verspricht heute mit seinen großen blauen Flecken besseres und wärmeres Wetter. Das Regencape kann ich somit wieder im Rucksack versenken. Wo, sollte ich mir jedoch merken, der April macht, was er will. So sank das Thermometer gestern auf 14, vorgestern sogar auf 11°C über Tag. In Deutschland ist sommerliche Hitze, man schreit dort nach Regen, der hier reichlich fiel.

 

 

Die Ferne im Bild,

bunte Landschaft, regenfrei,

trägt’s Wort nach Daheim;

 

man nimmt sie dort wahr,

zur Kenntnis und entsorgt sie.

Manch einer sammelt.

 

Einige Karten

laufen beim Antiquar auf,

dann sehr hochpreisig.

 

Am Busbahnhof treffe ich Karin und Norbert wieder, zu denen sich neu noch Dieter aus Köln und Birgit aus Schweinfurt gesellten. Gemeinsam geht’s nach Villafranca de Bierzo, es wird das „Kleine Compostella“ genannt. Hier wurde den Pilgern ehemals schon vor Erreichen Santiagos der Sünden-Ablass gewährt. Ich gehe durch die Ablasstür der Santiagokirche, sie knarrt. Birgit, die weit hinter mir ist  und nach der ich Ausschau halte, wo sie bleibt, kommt heraus, geht dann aber noch mal zurück. Wie sie nachher erzählt, hatte sie nach Verlassen der Kirche ein starkes Klopfen an der inneren Windfangtür gehört. Als sie zurück ging, fand sie die Innentür offen, die sie zuvor geschlossen hatte. Die Postkartenverkäuferin  neben dem Altar befand sich unverändert dort. Dieses eigenartige Klopfen besprechen wir an der Bar bei Kaffee und Süßem. Dann laufen wir getrennt durch den Ort. Ich möchte in’s Touristenbüro, landet jedoch im daneben liegendem Altenheim. An deren Bar zeigt mir ein Bewohner die Toilette, auf die ich eigentlich nicht wollte. Wahrscheinlich dachte er, ich suchte die. Obwohl so nicht geplant, betrete ich sie dann doch. Der Pissoir mit Auftritt, stelle ich fest, ermöglicht gezielt, aber erzittert die Schuhwäsche. Meine Stiefeln haben es zwar nötig. Ich verkneife mir jedoch dann diese Art der Säuberung und nutze den Ort wie vorgesehen.

 

„Was ist heute für ein Tag?“, fragte jemand. „Freitag“, „ich komme nicht mehr nach“. „Ist doch ganz einfach.“, meint Dieter mit dem Haarzopf (64 Jahre alt aus Köln eigentlich Mönchen-Gladbach), „Das Jahr fängt mit dem 1. Januar an.“ Allgemeines Gelächter.

 

Dies Gebet hatte jemand dabei, das ich notierte:  Gebet vor dem Aufbruch

 

Morgen breche ich auf,

zum Jakobsweg breche ich auf.

Alle wünschen mir Glück.

Alle freuen sich mit mir.

Sie beneiden mich gar.

Nur Du, Herr, weißt mehr.

 

Du kennst meine Angst.

Die Angst vor der Fremde,

die Angst vor dem Weg,

die Angst, zu versagen,

die Angst, nie anzukommen,

an meinem Ziel.

 

Dabei bist Du doch der Weg.

Dabei bist Du ja mein Ziel.

Dabei bist Du meine Freude.

Dabei bist Du all mein Trost!

 

Endlich kann ich mich freuen

und Du freust Dich mit mir.

 

Der Text stammt aus „Auf den Spuren des Jakobus, die Zugangswege, Katholisches Bibelwerk“

 

Ich weiß nicht, ob irgendjemand Angst vor dem Weg hat, sonst würde er ihn nicht machen und ich weiß auch nicht, wenn einer den Weg nicht schafft und nicht geht, man von einem Versagen sprechen kann. Nun, jeder soll seinen Weg gehen und seine Sprüche für sich finden, ob vorgegeben, wie diese oder aus eigener Erfahrung.

 

Agnes, die ja mit ihren Blasen im Krankenhaus behandelt wurde, erlebte im „Centro de Salut“ von Ponferrada eine tolle, kostenlose ärztliche Behandlung, wie sie hier erzählt. Einfach, alles wie in den 50er Jahren bei uns. Die behandelnden Ärzte und Schwester nahmen sich Zeit für ihren Fuß, waren freundlich, packten noch steriles Pflaster mit ein. Auf einem Würfelblock mit seinem Stempel schrieb der Arzt die zu nehmenden Medikamente auf. In der Apotheke vorgelegt, gab’s 30 Tabletten für unter 10 €. Sie, die im Krankenhaus arbeitet, war begeistert. So was wäre ihrer Ansicht nach in Deutschland nicht möglich. Die Pilger werden hier übrigens kostenlos behandelt.

 

Weinfelder, natürlich noch im ersten Grün, sind entlang der Strecke, die zum Teil wieder neben der Straße herführt. Nicht alle Wege sind landschaftlich schön. Manche sehr beschwerlich, kräftezehrend. Die Weinstöcke auf einigen der Felder sind ganz zurückgeschnitten. Sie werden  Jahre brauchen, denke ich, bis sie wieder Weintrauben tragen. Auf der Straße fahren Leute mit Wohnmobilen und Mietwagen zum Ziel Santiago. Auch mit dem Motorrad ist man dorthin unterwegs. Wie mir erzählt wird, entpuppen sich manche Pilger als Bischof oder Priester und stehen in der Messe  geoutet im Festgewand am Altar der Santiago Kathedrale.

Mit dem Bus von hier weiter zu kommen, erweist sich als sehr schwierig. Selbst der spanisch sprechende Dieter hat seine Mühen, herauszufinden, wo der Busstop ist.

  

Wenn Füsse streiken

schleppt man sich in’s Krankenhaus

soweit man das kann.

 

Der Wein schmeckt auch dann,

wenn die Dunkelheit anbricht

und tröstet hinweg.

 

Vom Wegesrand pflückt

man Rosen und Schneebälle

für ein Einzelgrab.

 

Vom Kirchturm verspricht

der Storch den Kinderreichtum.

Kein Leben endet.

 

Der Schmerz überdeckt

die gute Unterhaltung -

auch dicke Blasen.

 

Urintherapie

gilt nicht für das Pissoir.

Vertraue dem Arzt.

 

Man trampelt auf dem Standstreifen entlang der Talstraße zwischen immer höher werdenden Bergen langsam aber mühselig aufwärts. Natürlich nicht auf den gebührenpflichtigen Schnellstraßen, die das ganze Land durchziehen.

Dieter, der in Galizien mal als Gärtner arbeitete, sagte, von Frankreich bis hierher koste die Mautgebühr auf den Schnellstraßen über 100 €. Sie überspannen in hohen, langen Viadukten die Täler und führen durch viele Tunnel.

 

Wer von den Läufern noch keine Pilgerutensilien hat, wie Muscheln, Pfeile oder Wanderstab, kann sie noch in den kleinen Talorten überall erwerben. Wer schon eine Weile reist, ist damit ausgestattet.

Der Bach links schlängelt sich schneller zurück als der Pilger bergauf kommt. In Ruitelán sind noch Betten frei. Es riecht, ist eng, schmuddelig, der Herbergswirt unfreundlich. Wir haben, ohne ihn zu fragen, die freien Betten belegt, weil wir ihn nicht finden konnten. Dieter und Birgit, die vorgelaufen sind, haben sie für uns Zurückgebliebenen geordert/reserviert. Weil er uns so anmacht, ziehen wir weiter. Im Vorhof fotografiere ich noch rasch die Zeichnung des Künstlers Wolfgang Kutzner aus Stachel in der Eiffel.

 

Der Bleistift erfasst

charmevoll die Kirche am Weg.

Der Künstler zeigt sich.

 

Von Interesse ist,

was den Betrachter berührt

wenn das Herz offen.

 

Je leerer ich bin,

je mehr kann ich aufnehmen,

Kuli (m)ein Werkzeug.

 

Obwohl die Herberge voller Bilder vom Dalai Lama sind, die Buddhisten sind allgemein als freundlich, frisch und höflich bekannt, was ich bei einem Tibetbesuch erlebte, verhält sich der Herbergswirt nicht so.

Das nächste Hotel, 1km entfernt in  Cebreiro ist voll belegt. Es  macht einen guten und sehr gepflegten Eindruck. Vor ihm liegt auf der Wiese ein schlafender Pilger. Er sieht wie ein Mandant von mir aus, ist jedoch ein Holländer, der Ähnlichkeit mit dem Vermuteten hat. Wenige Kilometer weiter in Herrerías gibt’s einen guten und preiswerten Gasthof, der über saubere Ein- und Zweibettzimmer verfügt.. Das Essen ist  prima. Von hier geht’s dann am nächsten Tag nach La Faba weiter.

Steil geht’s den Berg hoch

die Bäume sind stark bemoost,

die Knospen kommen.

 

Kahl die Bergspitzen

vielen Bäumen fehlt dort Grün

Ginster wächst am Fuß.

 

Der gestaute Bach

speist den künstlichen Kanal

die Talwiese grün.

 

Begrünt die Berge!

Sonst trägt der Wind sie noch fort,

es ist 5 vor 12!

 

Kommunikation

geben Telefondrähte.

Die Erde leidet.

 

Wer lauscht der Stimme,

der, der gequälten Natur?

Dieser Draht fehlt uns!

 

Öffnet die Sinne,

die Herzen für die Umwelt,

nicht nur für Kinder!

 

Für’s Weitergeben

lohnt nicht Geld, lohnt nicht Technik.

Achtet die Erde!

 

Diese karge, jedoch reizvolle, von der Technik des Menschen eroberte Landschaft wirft für mich viele Fragen auf, die mich bewegen. Mit welchem Recht greifen wir in sie ein? Welcher Wahnsinnige gab der Menschheit auf: Macht Euch die Welt untertan! Sagte das ein Gott? Der müsste – da allwissend- die Konsequenzen gekannt haben.

 

Der Sehende sieht,

ein Papagei plappert nach,

der Wissende weiß.

 

In der Wiese steht

ein Bild von einem Zeus - Stier

- ohne Europa.

 

Meine rote warme Fleecejacke hindert mich, an dieses prächtige Tier näher heranzugehen. Vielleicht denkt er dann, ich sei ein Torero? So verwackelt die Zoom-Aufnahme aus der Ferne. Auf dem Weg nach La Faba entstanden die vorstehende Zeilen.

An einem anderen Ort haben deutsche Pilger eine verbitterte ältere Dame mit trottelndem Ehemann als „Feldwebel“ bezeichnet. Sie scheuchte ihn andauernd, wie ein mitwanderndes Paar. Etwas bewahrheitete sich von ihren Worten, die sich mir damals einprägten. Sie sagte „Der Weg gibt, aber er nimmt auch Kraft und fordert – auch gehende Paare. Verfestigt Bindungen und zerreißt sie.“ Das erfuhr ich stets immer wieder unterwegs. Pärchen oder Freunde, die zusammen loszogen den Weg zu gehen, trennten sich auf ihm. Meinungen prallten aufeinander. Verschiedenheiten erzeugten Schlussstriche. All das wäre bei einem Badeurlaub auf Mallorca wohl nicht passiert.

Wer alleine geht, hat all diese Probleme nicht. So läuft man besser solo, man ärgert sich dann nicht über Mitgeher. Die kann man sich da und dort unterwegs aussuchen. Und wenn es dann nicht mehr geht, trennt man sich halt.

Spanier sehen diesen Weg, wie mir erzählt wird, als Heiratsmarkt an. Wer ihn mit dem Partner erfolgreich schaffte, schafft auch die Ehezeit. Alte Ehepaare haben übrigens keine Schwierigkeiten, noch so herausfordernde Strecken zu bewältigen. Sie trennten sich dann wohl schon zuvor.

 

Samstag, 28.04. 2007

 

Durch eine regenverhangene, wunderschöne Berglandschaft geht der Weg, vielfach gewunden entlang der Berghänge, manchmal jedoch auch an der Straße entlang. Hinter La Faba mit deutscher Herberge gelange ich in die Provinz Lugo und betrete Galizien. Mir erscheint dieser Wegteil – weniger Regen – sehr reizvoll. In der O Cebreiro – Kirche mit einigen Touristenläden drumherum, wird ein heiliger Kelch aufbewahrt. Weil dieser so bedeutend ist, erhalte ich hier ganz viele Stempel in meinen Pilgerpass gedrückt. Die Umgebung um die Kirche, an der wieder einige Busse und Taxis stehen, besteht aus wenigen Häusern, in denen entweder  Reiseandenken oder Essbares verkauft wird. Das Geschäft blüht zu jeder Zeit. Galizien selbst ist sehr bergig, weshalb man sich nicht zu große Etappen zumuten sollte. In diesem Land siedelten einst die Kelten, denen fühle ich mich hingezogen.  Deswegen habe ich mich in den letzten Jahren durch diesbezüglich Bücher durchgearbeitet und einen entsprechenden Text dazu geschrieben. Er mündet darin, dass ich vermute, dass einst in Bockau Kelten siedelten.

 

Wunderschön ist der schmale Weg durch die Berge hinab von Fonfria nach Triacastela. Alle 500 m steht ein Meilenstein mit der Kilometerangabe nach Santiago. 127 km sind es von hier aus noch. Die letzten 3 km sind  matschig und kuhfladig. Der Regen der letzten Tage hat alles tief aufgeweicht. Drei Reiter überholen mich. An einer Herberge rasteten sie und bieten mir an, ich könne aufsteigen, um dann von ihnen fotografiert zu werden. Vielleicht gegen eine Spende? Zuvor hat nämlich eine Bäuerin  vorbeikommenden Pilgern im Kuhstall vorm Traktor mit Katze  Pfannekuchen angeboten. Auch mir. Und nachdem ich dankend einen entgegen genommen hatte, bat sie um eine Spende!

 

Die Läufer, es sollen über 300.000 pro Jahr sein, werden überall zur Kasse gebeten. Natürlich auch in den Kirchen. Aus dem Rucksack eines überholenden Spaniers tönt Orgelmusik. Schon von weither war sie  zu hören. Zuvor habe ich ein spanische Ehepaar ohne Gepäck überholt. Sie zogen  einen großrädrigen Karren mit Regenbaldachin. In ihm befördern sie ihr vielleicht 5 Jahre altes Kind. Diese Wegstrecke ist landschaftlich sehr schön, selbst der Regen nimmt ihr nicht den Charme.

 

An der Herberge von Triacastela schlägt wenig später Birgit auf. Sie ist  ein Stück getrampt. Bei ihrem Aussehen kein Wunder, wenn die Spanier halten, was sie sonst bei Pilgern nicht tun. Sie erzählt, in der von mir verschmähten Herberge sei’s richtig urig gewesen. Die zwei Betreiber hätten ein prächtiges Abendessen gezaubert und ein ebenso gutes Frühstück zu dem alle mit einem Ave Maria von der CD geweckt worden seien. Mit Gesang bei Gitarre habe man sich am Abend vorher in die Nacht verabschiedet.

 

Zwischen Samos und Sarria wechselt die Landschaft. Sie geht in leichte Hügel mit kleinen Baumbeständen und fruchtbaren Wiesen, Feldern über. Noch sind es 112 km bis Santiago. Da meine Kamera streikt, der Motor vom Objektiv scheint „im Arsch“ zu sein, kann ich einen Friedhof nicht im Bild festhalten. Die Gräber, Sarkopharg artig, sind mit Marmorplatten, die eiserne Heberinge haben, abgedeckt. Teilweise sind Kunstblumen auf ihnen abgelegt.

 

Angeregt ist die Unterhaltung vor der “Meson o tapas“ mit einem irischen Wanderer, der schon mal in Dresden und Erfurt gewesen ist. Hier wandelte er auf heimatlichen, keltischen Spuren, wie er ausschweifend erzählt. An diesem Ort kostete das Tagesmenü 7,50 € mit Brot, Wasser und Wein. Den Roten in der Flasche gibt’s ab 1 € aufwärts. Man bekommt damit stets die rechte Bettschwere.

Bei Wegstrapazen

halten, brechen Freundschaften,

Stress ist auch Prüfung.

 

Nicht zu trennen sind

langjährige Bindungen.

Man wuchs zusammen.

 

Das Händchenhalten

ist schwierig auf Bergpfaden,

nicht nur bei Regen.

 

Zum Geld ausgeben

fordern Pilgerläden auf -

neben der Kirche.

 

Bewusst steht diese

auf einem keltischen Platz, -

der einst heilig war.

 

Vormals gehörten

all diese Berge Kelten.

Man zog es an Land.

 

Sklaven gibt’s nicht mehr.

Sklave des Menschen die Welt.

Er teilte sie auf.

 

Die Meilensteine

sind den Grenzsteinen ähnlich.

Hier bin ich daheim!

 

Schön ist, das keiner

die Landschaften klauen kann

wie meine Fotos.

 

Frischer Dung am Weg

waren die Reiter Pilger?

Das Bild hält sie fest.

 

Die Kinderrikscha

wird von Eltern gezogen,

anders in China.

 

Heute in einer Woche bin ich schon wieder im gelobten Bockau. Mein Ursprungsplan, wieder eine bestimmte Strecke am Stück zu laufen und dann ein andermal eventuell den Rest, gab ich, wie vorstehend ersichtlich, inzwischen auf. Ich will nun schnell nach Santiago kommen und dann  von dort zur Küste fahren, um den letzten Punkt des Pilgerweges kennen zu lernen. Dann soll es zurück nach Bilbao gehen, um das Guggenheim-Museum erneut zu besuchen. In dieses kam ich beim letzten Mal leider nicht. Der Flieger geht nächsten Freitag zurück in die Heimat. Es ist aber schwierig, vom Pilgerweg, der zum Teil abseits der Schnell- und Fernstraßentrassen verläuft, wegzukommen. Die Busstation von Sarria bietet eine Weiterfahrt nach Lugo an. Ich nehme diesen verkürzten Weg, will dort übernachten und mit Bahn oder Bus weiter nach Santiago kommen, mir Kirche und  Stadt ansehen und am letzten Tag Finisterra am Meer besuchen. Dann soll’s wieder über Santiago nach Bilbao zurückgehen.

Vielleicht werde ich dann mal zu einem späteren Zeitpunkt die letzten 100 km nach Santiago laufen, wenn das meine Füße mitmachen. Die Kosten der Reise pro Tag betragen bei Hotel und ordentlichem Essen ca. 50 €, bei stetiger Übernachtung in Refugien werden es zwischen 25 und 30 € sein. 20 €, die insoweit angegeben werden, halte ich für illusorisch. Ich verbringe wandernd zum größten Teil meinen Jahresurlaub auf diesem Weg. In Trekkingklamotten zu laufen ist schon schlimm, aber ohne eine gute Toilette auszukommen, sehe ich für mich nicht ein. Stress habe ich schon daheim, den brauche ich nicht noch im Urlaub. Auch kasteien möchte ich mich nicht. Das werde ich schon in anderen Leben erlebt haben.

 

Lebe DEIN Leben.

Nur du bist für DICH wichtig.

Liebe zuerst Dich.

 

Wer auf andre hört,

bekommt kein Eigenprofil.

Kanten sind eckig.

 

Die kleinen Türen

sind für die kleinen Leute.

Pass dich deiner an.

 

Aus der Masse ragt

der mit dem geraden Kreuz.

Leicht ist dieses nie!

 

Es braucht Charakter

die Fahne hochzuhalten

trotz Kugelhagel.

 

Man kann den Standpunkt

ändern, jederzeit doch nur,

wenn man dazu steht.

 

Immer wieder wundere ich mich über die zugepflasterte Landschaft mit Straßen und Schnellstraßen. Gibt es keine Grünen, frage ich mich immer wieder,  keine Umwelt-, keine Denkmalschützer in Spanien? Wenn ich die drastischen Eingriffe in die Natur durch immer neue Straßen sehe, oder die Eingriffe in Stadtstrukturen wie z.B. den Laufsteg in Ponferrada,  bewegt mich diese Frage. Dabei gibt es so wunderschöne Natursteinhäuser mit vorbildlichen Türen und Fenstern. „Plaste“ ist leider auch in Spanien auf Vormarsch. Viele neue Siedlungen in Reihenhäusern entstehen am Rande von Städten oder auf der grünen Wiese mit Türen und Fenstern aus diesem Material. Geld scheint genug dafür und für anderes da zu sein. Auf dem Lande verfallen so die alten Schlaf- und Arbeitsstätten.

 

Lugo ist eine sehenswerte Stadt mit einer wunderschönen Altstadt. Wieso wird sie nicht erwähnt, nur wenige Kilometer vom Camino entfernt? Auch führt durch sie ein anderer Wanderweg dem Hauptweg zu. Warum wird sie nicht wenigstens als Umsteigeort aufgeführt? Ich esse in einem italienischen Restaurant. Auch dieses ist anders als bei uns. In ihm entsteht die verworfene erste Titelüberschrift der 4.Etappe. Sie sollte lauten: „Nichts ist wie gestern, schnell nach Santiago de Compostella per pedes und Bus“. Ich nehme mir jetzt schon fest vor, weitere Etappen des Jakobswegs zu gehen. Dann aber solche, die fern der Straßen verlaufen und landschaftlich reizvoll sind.

 

So, der 29. 04. 2007

Das Leben pulsiert

auch außerhalb des Weges

in großen Kirchen.

 

Ein jeder findet

auch außerhalb des Weges

seine Berufung.

 

Es ist nicht der Weg.

Auch außerhalb des Weges

finden sich Wege.

 

Allerorts, weltweit,

auch außerhalb des Weges

gibt es DEINEN Weg.

 

Fürchte keinen Schritt

außerhalb deines Weges.

Halt gibt’s überall.

 

Es gibt Abzweige

nach außerhalb des Weges,

selbst sie sind lichtvoll..

 

Kraftpunkte gibt es

auch außerhalb dieses Wegs.

Such’ sie, spür sie auf.

 

Wer ohne SEIN Ziel

hinter anderen her geht,

verfolgt deren Ziel.

 

Propheten haben

alle Religionen

DEIN Geist hat seinen.

 

Erkenne DEIN Ziel.

Verfolge es konsequent.

Dies Ziel ist DEIN Weg.

 

In der Nacht, gegen 4.00 Uhr morgens verlassen, allein im Bett, kommen diese Zeilen in’s Notizbuch. Hier geht mir noch durch den Kopf, dass Lugo die schönste Stadt ist, die ich auf der diesjährigen Tour fand. Hier fühle ich mich wie zu Hause. Wieso nur ging kurz zuvor mein Fotoapparat kaputt? Es sollte so sein, nichts geschieht ohne Ursache und muss notwendigerweise geschehen. Ich muss noch mal herkommen!

 

Ein Bild lässt mich nicht los. Nach dem Durchstreifen der Kathedrale am Placa Madrid, mehrere Stufen waren hinab und dann wieder später zum hinaufzugehen, die Stadt ist um die Kirche herum gewachsen, halte ich einer alten Frau mit Stock, die Schwingtür zum Hinausgehen auf. Mehrere Meter inzwischen weg, im Fotoabstand, versuchte ich doch noch mal mein Glück mit der Kamera. Dabei beobachte ich eben jene alte Dame. Ihr war der Stock entglitten. Sie konnte sich jedoch an der handlauffreien Steinmauer fangen. In dem Moment hatte sie den Stock wieder gefasst und nahm, noch unsicher, die letzte der ziemlich hohen Aus-Einstiegstufen.

Ist das nicht wie ein Sinnbild? Dies unfotografierte Bild, die enorm auf mich wirkende Kirche/wirkende Stadt stand dabei Pate. Pate, bei den heutigen Ersttagsgedichten. Vielleicht sind sie der Schlüssel, mein Schlüssel, zu meinem Weg, der nicht der nach Santiago ist. Das bewahrheitete sich dann später. 

Was für andere,

für sie gut sein mag,

muss mir nicht schmecken.

 

Wer sich geißeln will,

soll diesen Schmerz erfahren.

Mein Schicksal schmerzt auch.

 

Die Motivation

meines Weggangs war nicht fromm,

just for fun, mal seh’n.

 

Erkenntnisse sind

zahlreich auf dem Weg verteilt,

wie Schwierigkeiten.

 

Auf gar keinen Fall

ist der Camino Ersatz.

Überall ist Gott

 

Die Fingerspitze

kann die größte Tür öffnen,

die Stufe den Weg.

 

Eine Begegnung

fand an einer Treppe statt.

Gott ist auch Fallen.

 

Schlägt das Schicksal zu

schlägt es Dich mal von dem Weg,

steh’ auf, geh’ weiter.

 

Suche und finde.

Die Geh-Hilfe steht bereit,

hilft auf Schritt und Tritt.

 

Nun warte ich auf dem Busbahnhof von Lugo vor der Nr. 13 auf die Weiterfahrt nach Santiago (10.52 –12.52 Uhr). Es gibt keine Pilger hier. Die laufen und fahren dann für 7,10 € eventuell zurück über Lugo. Menschen mit Gebrechen warten mit mir. Erwarten sie ein Genesungswunder am Ziel? Von Fatima ist das bekannt. Dem Heiligen Jakobus wird m.W. das nicht zugeschrieben. Wieder frage ich mich, wieso laufen die Menschen zum Grab eines Apostels? Vielen stelle ich diese Frage: „Weil es jetzt Mode ist“, antworteten sie, „Weil man überall unterkommen kann“, „weil viele die gleiche Strecke bewältigen“, „weil es ein kleines Abenteuer, eine Herausforderung darstellt“. Weil  „Man billigen Urlaub per pedes machen kann“, „weil man so seinen Körper, seinen Geist fordert“, „weil der Glaube einen treibt“, „aus sportlichem Ehrgeiz“.

Mich trieb und treibt immer noch  die Neugier her. Unsportlich wie ich bin, marschierte ich jedes Mal los. Ich kann den Weg schaffen, wenn ich möchte, stelle ich fest. Auf zivilisatorische Annehmlichkeiten möchte ich jedoch nicht verzichten, übernachte in Hostals und Hotels. Trotzdem bin ich ein Suchender. Die für mich gegebene Antwort konnte ich noch nicht finden, obwohl sie aus einigen Gedanken und Gedichten schon herauszutreten scheint.

 

Da ich anders nach Santiago komme, als der normale Pilger,  habe ich keine Tränen in den Augen, wenn ich dann die Stadt erblicke. Mir fehlen all die Strapazen. Ohne „Oh Wunder, ich bin angekommen“ betrete ich die Stadt. Bewundern tue ich den Pilger, der unterwegs blieb, eine Herberge aufmachte und die Suchenden verpflegt. Ist das nicht eine größere Leistung? 

Leicht bergig und doch grün ist die Landschaft  mit endlich mal hohen Bäumen, Wäldern. Doch auch hier fressen die Häuser und Wege der Menschen das Grün. Wollte das der Heilige Jakobus?

Wäre es nicht besser, Jakobus kehrte zurück – zum Beispiel auf einem Zeitstrahl – zerstörte die Erinnerung an sich und gäbe die Wege zu sich der Mutter Erde zurück? Wie viel Blut musste fließen, um all die teuren Tempel aller  Religionen zu errichten? Wollten das die jeweiligen Propheten? Wenn sie gewusst hätten, was Nachfolgegenerationen aus ihren Lehren machten, hätten sie dann wohl nicht geschwiegen?

Die Kelten zum Beispiel glaubten, sie siedelten einst auch  hier, alles sei beseelt. Wie die Indianer entschuldigten sie sich z.B. zuvor beim Baum, den sie für ihr Haus fällten. Gedankenlos treten wir dauernd die Erde, die  Natur in ihre Achillesfersen und wundern uns, wenn’s nicht mehr läuft. Dann erinnern wir uns, dass die Religion uns beten lehrte. Nur, wenn es uns schlecht geht, knien wir bittend nieder, hoffend auf ein Wunder. Die Kelten wussten, dass Gott keines kostbaren Tempels bedarf. Auf Kraftpunkten in der Natur, auf denen heute unsere Kathedralen, goldüberladene Kirchen und Tempel stehen, sprachen sie zu ihm. Gold, wie die vergöttlichten Figuren von Stellvertretern und Heiligen, lenkt den Blick vom Wesentlichen ab. Luther erfasste das und befreite seine Kirchen von solchem Ballast.

 

Buen Camino heißt:

Oh La zurück zur Natur.

Suche Gott in Dir.

 

Geh’ zu Jakobus,

es gibt keinen falschen Weg,

er kann Deiner sein.

 

Braucht man die Stempel

den Ablassbrief am Ende?

Geißelt Anmaßung!

 

Es gibt Wegweiser,

die in die Irre führen.

Das ist Erkenntnis.

 

In falsche Richtung

wollten Heilige nicht geh’n.

Sie starben lieber.

 

Die wahren Lehren

verdecken Goldfiguren

und dicke Schlösser.

 

Schlagt mit der Geißel

Pharisäer aus Kirchen.

Lasst Tote sprechen.

 

 Glaubt nicht, was man sagt,

macht es wie die Martyrer:

folgt Eurem Herzen.

 

Schnell ist der Bus von Lugo neben der Pilgerstrecke. Manchmal führt sie hier durch Landschaft, mal nahe der Straße, durch die Orte. Obwohl Sonntag ist, haben die meisten Geschäfte geöffnet. Es gibt vieles, das zu kaufen anregt, jedoch schleppen, tragen möchte ich es nicht. Immer wieder wundert es mich, was es hier für praktische Dinge gibt, die in keinem unserer Geschäfte oder Versandkatalogen zu finden sind. Im Übrigen gilt weltweit: Wenn eine Stadt einen Heiligen hat, fließt Geld.

Man sieht’s am Santiago-Flughafen, der für die Provinzstadt recht stattlich ist. Der Überlandbus brauchte 1, ½ Stunden bis hierher. Er hält am Airport. Zahlreiche Taxen, wie Autovermieter sind zu sehen – und Air Berlin ist vertreten.

 

Verfälscht ist der Weg

und kommerzialisiert.

Es stimmt die Kohle.

 

Ein Hotel, 5 Sterne, hat 3000 Betten in 25 Wohnblöcken. 450 Betten sind für Pilger reserviert. Peconia non olet, Geld stinkt nicht? 30.000 Studenten bevölkern mit noch die Stadt. Die Linie 5 fährt in die Stadt. Am Busbahnhof wieder stark getrimmte Plantanen. Ihre Äste werden gelenkt, Alts zusammengeführt und dann gepfropft. Sie bilden nach und nach eine Einheit und im Sommer ein durchgehendes Blätterdach. Ich bin zwar davon fasziniert und mache entsprechende Fotos. Die Bäume gestutzt, getrimmt, zurechtgeschnitten, verbogen, tun mir jedoch leid.

 

Die Busfahrt kostet 90 cent. in einem schmuddeligen Hotel buche ich ein. Nach der Rucksackablage laufe ich durch die Stadt mit den alten Gassen. Jedes zweite Geschäft bietet Souvenirs an, die anderen Essen. An der Kathedrale sind einige Läden mit Silbersachen. Sehr hochpreisig. Die Kirche ist voller Neugieriger, Digitalfotografierer und –filmer, ohne Blitz –der ist verboten-. Es ist sehr unruhig. Das Gebäude hat für mich  keinerlei Kraft. Der überladene Prunkaltar erschlägt zudem noch durch seine Fülle. Er erstrahlt durch die Scheinwerfer silbern und golden. Letztere Farbe überwiegt.

 

Wir brauchten in Bockau auch eine Heiligen. Da ginge dort ebenfalls die Post ab. Was ist an dem Apostel Jakobus so interessant, frage ich mich immer wieder? Er ist einer der Zwölf, die Jesus begleiteten. Man begrub ihn hier, nachdem er in Jerusalem mit dem Tod wegen seiner Predigten bestraft wurde. Dann machte man San Jakobo = Santiago zum Schutzheiligen, weil er in einer Schlacht gegen die Mauren im Jahre 844 erschienen sein soll und die spanischen Heere zu Sieg führte. Er wird nun auch als der „Maurentöter“ bezeichnet. Vielleicht kommt ja noch mal die Zeit, in der man Pizzarro, der die „heidnischen“ Mayas auch im Namen der Kirche vernichtet,  als Heiligen verehrt. Mir scheint, man muss nur die richtige Geschichte erfinden, dann klappt’s auch mit dem Nachbarn!

Eine ältere Frau, den Rosenkranz betend, links und rechts gehalten von zwei Begleitpersonen, rutscht auf ihren Knien vor den Altar. Dort steht sie auf, betet, bekreuzigt sich und geht. Früher wurden tausende Sachsen hingeschlachtet, weil sie die Irminsul anbeteten. Wer ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein, wer fest an was (Bestimmtes) glaubt, wird geheilt. Lasst jedem –um Gottes Willen- seinen Glauben.

 

Nichts um sich sieht der,

der mit sich beschäftigt ist.

Glaube, doch zweifle!

 

Meinen obligatorischen Stempel hole ich mir, nicht die Ablassurkunde, die mir auch nicht zusteht, da ich die letzten 100 km nicht lief. Für sie stehen aber selbst Nichtchristen an. Erschwindeln hätte ich sie mir können. Das liegt mir nicht, zumal ich von dem Papier nichts halte, wie ich auf einer anderen Etappe schon schrieb. Mich stößt dieser gesamte Rummel, auch in dem Pilgerbüro, ab. Zwar kostet dieses Papier nichts, ebenso wie der Pilgerausweis, gleichwohl sind Spenden gern gesehen.

Von anderen Mitläufern traf ich heute niemanden. Sie können bei starken Märschen maximal erst am Donnerstag hier sein. Höchstens der Radfahrer Gerhard  aus Mühlhausen, der mit 18 aus der DDR abhaute,  würde locker die 80 km pro Tag schaffen und damit hier sein können.

 

Nun warte ich sitzend auf die 18.00 Uhr-Messe. Dabei wird der riesige Weihrauchkessel nicht geschwenkt. Er hängt an einem viergliedrigen Stahlgestell unter der Kuppel, von kinderarmdicken Seilen gehalten. Im Fernsehen sah er großartig aus. In Klein gibt es ihn in Silber oder versilbert draußen zu kaufen. Der große x-armleuchtige Holzkronleuchter ist nun ebenso eingeschaltet wie Halogenscheinwerfer. Auf einmal ist der große Raum taghell. Der Lärm,. der weiter durch die Kirche streifenden Touristen nimmt trotzdem nicht ab.

 

Hinter dem Altar, den der Heilige Jakobus in Übermannhöhe überragt, ist eine Treppe. Über sie gehen an der Rückseite der Figur Gläubige (?) vorbei und berühren dessen Schultern. In einer Durchsage um 5 vor um, bittet man um Stille während der Messe.

 

Die Bänke sind voll.

Unruhe im Gemäuer.

Der Priester tritt ein.

 

Verstärkt die Stimme

durch das Mikrofon vorm Mund,

„geheiligt werde...“

 

Die Tageslosung

verliest die Klosternonne

aus die Blitzlichter.

 

Hinterm Altar geh’n

Bittsteller zum Jakobus.

Wo bleibt die Andacht?

 

Der Priester spricht frei.

Spanisch verstehe ich nicht.

Kraftlos dieser Ort.

 

Stimmt der Inhalt nicht,

täuscht Gold nur Wichtiges vor,

lies, was das Herz schreibt.

 

Die Botschaft verhallt

das Kollektengeld klappert

noch vor der Wandlung.

 

Vorn hebt er den Kelch

mein Nachbar trinkt sein Wasser,

sie betet laut mit.

 

Im Blitzlichthagel

„er nahm das Brot, nahm den Kelch...“

einige knien.

 

Holt die Peitsche raus

vertreibt die Heuchler von hier

vor der Kommunion!

 

Gezählt die Euros

Dank euch, ihr braven Pilger,

der Strom ist bezahlt!

 

Ein Pensionär teilt

im Kelch Hostien mit aus.

Man strömt zum Altar.

 

Alle Gebete

entsprechen den unseren.

man spricht kein Latein.

 

Versenkt die Kelche

zu Füssen des Jakobus.

Man steigt weiter hoch.

 

Der Priester geht fort

wie Gläubige, Zuschauer.

Offen die Kneipen.

 

In Santiago de Compostella (nachfolgend  Santo d C.“) ist für mich überhaupt kein Flair feststellbar, überhaupt keine Ausstrahlung zu spüren. Dafür läuft man 800 km hin und her und kriegt bei Anblick der Kirche vom Freudenberg aus (Monte de Gozo) Tränen in die Augen?

Und dann dieser Nepp, wenn die Pilger nicht schon vorher ausgenommen, werden sie es jetzt. Hier gibt es auch exklusivere Läden. Eine Massenabfertigung. In Mekka wird es ähnlich sein. Dort traute sich jedoch bestimmt keiner so wie ich die Dinge sehe, zu beschreiben. In einem Kebab-Esslokal schreibe ich dies. Es schmeckt für 7,10 € mit Wein sehr lecker. Der Türke ist Kurde, wie eine Flagge ausweist. Auch hier wird der Zahl- Kassenbon auf einem hellen Plastikteller, kaffeetassengroß, mit angenieteter Klemme dem Gast gereicht. Gibt’s in Deutschland nicht.

 

 

Mo, 30.04.2007

 

Der Nachtregen hörte auf. Am Abend nach einem Glas Wein in einer „Tapasbar“ wurde ich noch mächtig nass. Morgen ist der Tag der Arbeit. Wie in Sachsen, auch hier ein Feiertag. Erinnert sich da wie dort  jemand, außer den Offiziellen daran, wieso am Arbeitstag die Arbeit ruht?

Von der Bank am Busbahnhof nach Finisterra sehe ich einen Cairn-Terrier, der wie unser neuer Hund Benny aussieht. Helga versucht ihm derweil Benimm beizubringen. Benny ist nicht so brav wie Anton, den wir im März mit 11 Jahren einschläfern mussten. 

 

Mir fällt ein, eine Kurzfassung dieser Etappe aufzuschreiben. Ich sah viel, was durch den jahreszeitlich bedingten Regen nicht eingeschränkt wurde. Nette Begegnungen gab es, die festhaltenswert waren. Bus, Bahn, Taxi sind sehr preiswert.

Die Wege werden zunehmend von den Straßen aus ihren alten Betten verdrängt. Die meisten Kirchen unterwegs sind geschlossen, damit die Möglichkeit des Gebets in der Stille für den Einzelnen versperrt. Vielleicht ist deswegen das Motiv für die meisten Wanderer, ich denke, dass die Wenigsten wirkliche Pilger sind, nicht mehr religiös motiviert? Santo d C. selbst ist keine Reise wert, auch keine Wandertour. Der Kommerz schreckt mich ab. Der Ort ist ohne die ihm sicher früher innewohnende Kraft. Trotz Nachlesens ist mir bis heute  nicht klar, was Jakobus bis heute so besonderes bewirkte. Wunder offensichtlich  nicht. Das einzige, dass er  Santo d. C. zum Wohlstand verhalf. Die Gastfreundlichkeit der Spanier ist lobenswert hervorzuheben. Die herausragende Pflege und Ausschilderung des Wanderweges, die zahlreichen Unterbringungsmöglichkeiten, dass man wegen der vielen Wanderer nie allein ist, dass diese eine große Gemeinschaft bilden, hilfsbereit zueinander sind.

 

Die wechselnde Landschaft, die wie das Leben ist. Mal ätzend langweilig, sich ziehend, mal voller Gefahren und Mühsalen, freundlich, herzerfrischend. Seinen Körper, den jeder bewusst mit sich schleppt, lernt man auf ihm kennen und wie wenig man braucht, um über den Tag zu kommen, wie, dass Luxus, teure Klamotten, Schuhe, Uhren sooo unwichtig sind. Die Reiseführer sind ausreichend und überwiegend korrekt. Fehlendes kann man bei anderen nachfragen. Pilgerstempel zum Nachweis seiner Kasteiung sind überall problemlos zu bekommen. Die Krankenversorgung ist prima und die Autofahrer sind rücksichtsvoll. Überall sind Banken und Bars, Geschäfte, Apotheken, Krankenhäuser,  Brunnen zum Auffüllen der Trinkflaschen.

 

 Von Santiago geht’s nach Finisterra im Bus. Abfahrt 9.45 Uhr. Nach ca. 110 km bin ich um 12.00 Uhr da. Die Herberge hat noch zu, sie öffnet erst um 17.00 Uhr. Das Hostal ist komplett belegt. In einem Hotel finde ich  ein freies Bett. Die Herberge, stelle ich abends fest, ist von Deutschen bevölkert. Ein falscher Pilger wurde von der Polizei abgeführt. Mehrfach höre ich, dass sogenannte Pilger in die Herberge kommen, wie diese sind sie angezogen, kommen aber in unfreundlicher Absicht. Es gibt offensichtlich immer noch Läufer, die Wertsachen im Rucksack und nicht am Körper tragen, sodass sich solche Diebereien zu lohnen scheinen. Wachhunde sind in keiner Herberge. Wie sollten sie auch den einen von dem anderen unterscheiden?

 

Vielfach steht geschrieben, Hunde hätten Pilger angegriffen. Ich sah riesige Kälber, die jedoch Hunde waren. Sie waren alle friedlich. In Finisterra sehe ich kleinere Fiffis. Die meisten Hunde, die mir auffielen, liefen leinenlos brav neben Herrchen oder Frauchen.

 

Dieses kleine Örtchen ist sehr hübsch mit einem Hafen voller Fischerboote. Hausboote oder Yachten gibt es in ihm nicht. In der großen Bucht zuvor ankert ein rostiger alter Fischerkahn. Er hätte vor den anziehenden dunklen Regenwolken ein prima Fotomotiv abgegeben als ich den Weg zum Leuchtturm hochlief, ca. 2,5 km  zieht er sich oberhalb der Küste hin. Mein Apparat gab jedoch ganz dem Geist auf. So schieß ich einige Bilder mit dem Handy. Am Endpunkt des Jakobsweges steht ein Bronzeschuh. An zwei Feuerstellen in seiner Nähe können Reisesachen verbrannt werden, mit guten Wünschen versehen. Reisende  einer Busgruppe aus Frankreich tun dergleichen. Sicherlich verbrennen sie nicht ihre  in Santo d. C. eingeforderten Urkunden. Sie bekamen die, obwohl nicht die ganze Strecke gelaufen. Ich sah es selbst, als ich mir meinen Stempel holte. Der Bus hielt wohl an jeder Stempelstelle auf dem Weg nach Santo d.C. An einer Felswand ist eine Bronzetafel eines Rotary Clubs befestigt. Er durfte sich dort wohl verewigen, weil er etwas stiftete. Der Himmel klart erst gegen Abend auf. Nur wenige Pilger laufen die 110 km hierher. Die meisten fahren mit dem Bus um sich den wahren Endpunkt des Jakobweges nicht entgehen zu lassen.

Das Ende des Wegs

begrenzt das Meer mit Leuchtturm,

ein Kreuz, das Leben.

 

Ungeplant endet

für manche früh dieser Weg.

Beten wir für sie!

 

Die, die ankommen,

haben noch einige Zeit –

auch zum Nachdenken.

 

Notizen, Bilder

verschwinden in Schubladen.

Erinnerung bleibt.

 

Der Weg hinterlässt

Spuren verschiedenster Art.

Klebt wie die Dritten.

 

Wer über Stock, Stein

schließlich ankommt, erfährt was.

Übertrag er es.

 

Der Camino hilft

 Alltagstrott zu erkennen.

Tritt ihn in den Müll!

 

Di, 01.05.2007

 

Am Frühbus um 9.45 Uhr stehen viele Rucksackträger. Der Ort lädt eigentlich zum Verweilen ein. Nette Geschäfte, gemütliche Bars, gute Restaurants, eine schöne Umgebung mit älteren Häusern. Das Wetter mit angesagtem Regen und 10 °C vertreibt mich. Eine junge Frau beobachte ich, sie schleppt zwei riesige Plastiktüten mit sich. Eine andere, eine Französin, ein kleines Schifferklavier. Musik macht Stimmung. Sie spielt den Wartenden was auf, ohne eine Schale vor sich hinzustellen. Bettler stehen in den großen Kirchen am Eingang, manche machen in den Straßen Musik. Sicherlich sind einige dabei, die auf diese Art und Weise ihre Reisekosten deckend gestalten. Ich frage mich, ob die Französin auch beim Laufen spielt, dann vielleicht  Marschmusik? 

Nun erstand ich zwar in diesem Nest, in einem Kramladen, so sah der mit Massen leerer Kartons und flatterndem Papier im Wortsinn aus, eine beschädigte Wegwerfkamera für 4 €, doch dieses Mädel hielt ich damit nicht. (Nach Auswertung der Fotos, die  ganz gut wurden, stelle ich fest, viel zu wenige Menschen darauf zu haben. Soll ich Leute so festhalten, deren Namen ich nicht weiß, geschweige denn ihre Anschriften habe? Zweien erzählte ich nur von meinen Berichtseiten im Internet. Die anderen wird es kaum interessieren.)

In der Kneipe gegenüber der Haltestelle, wohin sich alle zurück ziehen, da es noch einige Zeit dauert, bis der Bus  kommt, läuft der TV. Man zeigt wieder Bilder von der Geburt eines Kindes, wohl aus der Königsfamilie. Das ist schon seit Tagen ein Thema hier. Außerdem unterhalten Schauermeldungen aus der Welt. So stürzte irgendwo ein Haus zusammen, ob durch eine Bombe, durch Gas oder einfach so – ich verstehe kein Spanisch. Am Tag der Arbeit ist nur der Wind in Bewegung, der die Regenwolken vor sich her jagt und die Kälte. Die kräftigen Möwen nutzen ihn und lassen sich treiben, wie die Pilger hinter den dicken Scheiben des geschäftstüchtigen Barbetreibers. 

Die Tage ziehen

stark gerafft an mir vorbei

mit Begegnungen.

 

Die Randgespräche

belebten auch diese Tour,

man ist nie allein.

 

In den Bus steigt auch ein Paar mit Rucksäcken, mit Kleinkind und Klappkinderwagen. Hinter dem Regenverdeck sehe ich den zweitkleinsten Pilger, dem ich hier begegnete. Schnorrer traf ich bislang nicht, wie den Österreicher auf der Tour drei, dem ich 100 € gab, die ich nie von ihm zurück bekam. 

Die Palmen bleiben

weit hinter dem Bus zurück.

Adé Atlantik.

 

Herzu schlief ich fest,

seh’ nun verbrannte Wälder

zum Ende des Wegs.

 

Dem Bus entgegen

kommt ein einsamer Pilger.

Sein Ziel war meines.

 

Über der Landschaft

hängt starker Dauerregen.

Im Hafen Ebbe.

 

Während dieser Rückfahrt vom Ende der Tour lese ich erstmals die Hinweise für Pilger im „Outdoor - Der Weg ist das Ziel“, aus dem Steinverlag. Mit diesem verlässlichen Führer kam ich gut zurecht. Andere sind anders aufgemacht und sicherlich genauso gut. Was über die Wanderung selbst drinsteht, ist richtig. Anders als auf der Herfahrt muss ich nun einmal mit den anderen umsteigen. In den Führern fehlen Hinweise auf Busstationen, Bahnhöfe und Flugplätze. Symbole reichten insoweit aus. Denn nicht alle sind so gut zu Fuß und nicht alle laufen den Weg. Man sollte schon ganz gesund sein, bevor man sich auf ihn begibt. Erfreulich für mich ist die Farbe, die mein Gesicht nun belebt, das untrainierte Muskeln sich regenerierten und anwuchsen, das allgemeine Gewicht sich reduzierte, Füße,  Geist und Gefühl gefordert wurden.

Beim Umsteigen kommen wir in den Bus von gestern, dem  mit dem durchgehenden Riss in der riesigen Windschutzscheibe, in dem die Heizung nicht funktioniert und in dem das Getriebe sich räuspert. In Bockau hat’s 25 °C, wie Gerd mir eben berichtet. Angerufen selbst wurde ich noch nicht. Im Büro ist alles okay. In meine Mails schaute ich nicht mehr. Den Kindern schickte ich ein Foto per MMS – wenn ich es denn richtig machte.

 

Auch in Santo d. C. ist es unverändert kalt. Ich erstehe das Busbillet nach Bilbao. Um 23.15 Uhr geht es los – gegen 9.15 Uhr bin dann da. Das alles für alles 47,80 €. So spare ich eine Übernachtung und habe genügend Zeit noch mal für Santo d. C. Mit der Nr. 5 geht’s nun wieder in die Pilgerstadt. Werde ich heute jemand von der Vortour treffen? Den Rucksack nehme ich vom Busbahnhof mit, da die dortigen Schließfächer nur bis 21.30 Uhr offen haben. Wieso muss ich ja nicht verstehen. Ich denke, danach fahren auch noch Busse. In einem Süßwarengeschäft mit Wein u.a. kaufe ich für 8 € Capricaos (Mandelkekse). Die nette Verkäuferin spricht Deutsch, bietet Wein an und sagt „Prost, auf ex, nie wieder Sex!“ Das nette Mädel möchte auch noch leckeren Käse verkaufen. Ich widerstehe. Schließlich muss alles geschleppt werden. Im feinen 5-Sterne-Parador-Hotel nächst der Kathedrale gehe ich auf die öffentliche Toilette. Nächstes Mal sollte ich ihn ihm übernachten. In ihm gibt es übrigens für die ersten 10 Pilger unter Vorlage der Wanderurkunde etwas umsonst zu essen. Hier, vor diesem und anderen Läden sind es nur kleine Lock-Appetithäppchen.

 

Zum Zufall: ausgerechnet dort betrat ich ein Plätzchen-Wein-und-Schnaps-Geschäft, in dem sich eine deutsch sprechende Verkäuferin befand. Es gibt keine Zufälle! Das schrieb ich zuvor schon. Und es musste wohl so sein, dass ich die ganze Tour diesmal zu Ende bringe. Ob ich dann noch mal von den Alpen nach Pamplona laufe oder die letzten 100 km nach Santo d. C., wird sich zeigen. 

Zufallskontakte

bedürfen der Erkenntnis,

Straßen kreuzen sich.

 

In Parlamenten,

wie auf  Meißener Geschirr,

kreuzen sich Schwerter.

 

Im Fluss wie im Meer

begegnen sich die Schiffe.

Wellen kreuzen sich.

 

Beharrlich tickt sie

im Big Ben Ton schlägt sie 12.

Zeiger kreuzen sich.

 

„Perdón“, sagt einer,

stößt er gegen jemanden.

Blicke kreuzen sich.

 

„Ich dachte an ihn,“

die Gedanken kreuzen sich,

komisch schaut sie drein.

 

Es ist an der Zeit,

lass uns endlich DU sagen,

Arme kreuzen sich.

 

Nun ist’s offiziell,

die Ringe werden getauscht

Körper kreuzen sich!

 

Alles ist jetzt gut,

bei dem krönenden Abschluss

gibt’s ein Kreuzzeichen.

 

 

Am Anfang dieser paar Gedichte stand die Begegnung mit der deutsch sprechenden Verkäuferin und die Überlegung, dass es keinen Zufall gibt. Die Zeilen kamen von selbst, vor allem der krönende Abschluss. Ist das Zufall?

 

Ist es nicht mehr Fügung als Zufall, dass beim Aufsuchen der Kathedrale um trocken die Zeit mit der Messe tot zu schlagen, der Weg sich wieder mit dem Radfahrer Gerhard aus Wolfenbüttel sich kreuzte? Die Freude war groß, seine Frau war nun dabei, die dorthin nachgekommen war.

Ein weiteres Ereignis: ich wollte mir im Info-Büro für evt. nächste Fahrten einen neuen Pilgerausweis holen, da mein jetziger voller Stempel ist. Ich wurde von der Schalterdame vor die Tür geschickt, sollte warten, bis ich dran sein. Ich hatte es beim Vorbesuchen anders erlebt. Da standen alle Buspilger um den Tresen herum. Meine Worte über die Kraftlosigkeit von Santo d. C., das nur noch vom Kommerz beherrscht wird, scheint die höhere Macht erkannt zu haben. Das ist wohl nicht mein Weg. Ich wiederhole: Hol’ die Peitsche raus/Lass’ nur noch die Suchenden zu/Verwende das Gold, um Inkarnationen abzukürzen. Die katholische Kirche – der ich als Katholik angehöre – trägt dazu nichts mehr bei.

Gerhard erzählt von einem Schweizer, den er morgens getroffen habe. Der sei umsonst in dem Parador-Hotel zum Essen gekommen. Da hatte der Reiseführer mal wieder recht.

Von der Frömmigkeit steht darin nichts. Davon berichtet die Broschüre „Pilger aus Gnade, Pastoralbrief“, die ich für 2 € beim ersten Mal im Info-Büro erstanden hatte. Unglaublich! Beim Durchblättern sträuben sich mir schon alle Haare. Da werden Lehren von vor 200 Jahren noch in 2004 verbreitet. Mehr und mehr rege ich mich über der von der Kirche mitgetragenen, von ihr mit unterstützten Kommerz auf. Kommt sich eigentlich kein Pilger verarscht vor? Wenn er die 800 oder auch nur die letzten 100 km lief, sieht er es wahrscheinlich anders. Er ist allein mit sich beschäftigt und kam an. Das andere ist dann wohl Nebensache.

 

Jeder muss alles

wie es geschieht, erleben

Schicksal schickt’s Leben.

 

Was geschehen soll,

passiert, wie vorher bestimmt.

SEIN Wille geschieht.

 

Man kann verändern

einen von vielen Wegen.

Es geht seinen Gang.

 

Sein Schicksal erlebt

jeder auf vielen Strahlen,

stets kommt die Rechnung.

 

Wer auf den Berg will

muss durch  Täler und Schluchten.

Überall ist Licht.

 

Er heißt Schutzengel

hier, so ähnlich woanders.

Öffne Deinen Geist.

 

Unheilig der Ort.

Angewidert fahr ich fort.

Putzt keiner Brillen? 

Mit bequemen Sitzmöbeln ist die Parador-Durchgangshalle zur Bar ausgestattet. Hier kann jeder ruhen, ohne dass er zum Verzehr von irgendwas aufgefordert wird. Der Kellner kommt nur, wenn gerufen. Die Preise sind normal, ein Kaffee 2 €. Obwohl ständig Leute durch die gediegene, hochpreisig eingerichtete Halle laufen, man sich an den Clubtischen laut unterhält, strahlt dieser Raum mehr Ruhe und Kraft aus, als die Kathedrale. Wenn ich hier an dieses unheilige Santo d. C. denke, stößt unbändige Wut in mir hoch. Pilger, die froh sind, die selbst auferlegten Strapazen überstanden zu haben, werden dies sicher nicht so empfinden, wie ich. Sie sind zu sehr mit sich und ihrem Körper beschäftigt, sind froh, angekommen zu sein. Dadurch sind ihre diesbezüglichen Sinne zu. Anders als bei mir, der ich relaxt herkomme ohne durch die Wanderung insgesamt kaputt zu sein.

Nach einer Flasche Wein (13,50 €) zum Abschied in einer Bar, besteige ich den Bus zur Zentralhaltestelle vor einem Eisenwarengeschäft. Neben u.a. Bohrmaschinen und entsprechenden Brillen ist auch ein grüner Helm mit vorgeschnallter Lampe zu erstehen. In einem der Refugios sah ich, dass nachts, wohl ein auf Urlaub befindlicher Handwerker mit einer eben solcher Lampe, jedoch ohne Helm, zum Abort marschierte. Vielleicht hätte er den Helm ebenfalls von zu Hause mitnehmen sollen. Man kann ja auf dem Camino stürzen. Wäre es da nicht empfehlenswert, eine solche Kopfbedeckung mit zu haben? Vielleicht in Rot, damit man nach dem Fallen besser geoutet wird? Ein Helm schützt zudem vor Regen und Hitze, wie mir mein Sohn Tilo, der bei einer Baufirma beschäftigt ist, sagte. Man könnte in ihn noch Löcher anbringen, in die man Karabinerhaken befestigt, und an diese wiederum könnte der Plastiksack mit der Wasserflasche gehängt werden. Ebenso wie Wäsche zum Trocknen. Die Wüstensoldaten hatten schließlich auch Sonnenschutztücher an den Helmen hängen. Man sagt zwar, Alkohol verblödet, doch spanischer Wein beflügelt. Aber nur der hier teure. Ihn gibt’s auch bei Aldi Nord sehr preiswert, diesen Rijoa.

 

Der Vollmond schaut hell

ab und an durch die Wolken

und schneidet Fratzen.

 

Das Licht der Sterne

verschluckt die Flickendecke

unterm Himmelszelt.

 

Voll der Regenschwamm

über dem ergrünten Land

im Stall döst der Hahn.

 

‚Lass’ es gut sein’, schreit

die überfeuchte Erde

ein Frosch protestiert.

 

Über den Glocken

spürt der Storch seinen Magen.

Morgen bist du dran!

 

Die Lichter vom Bus

hellen kurz den Waldrand auf.

Es raschelt im Strauch.

 

Am deckenden Weiß

knabberte kräftig der Wind,

entblößt die Jungfrau.

 

Ehemals  las man

am Himmel das Wetter ab.

Der Frosch blieb im Glas.

 

Sehr warm Anziehen

sollte man sich morgen früh.

Die Tür schlägt laut zu.

 

Straßenlaternen

kämpfen gegen das Dunkel

mit dem Hotelschild.

 

Taghell der Laden

ein Windrad unterstützt ihn

die Waschstraße zu.

 

Die Wolke reißt auf.

Ein Hund bellt gegen den Mond.

Morgen wird’s doch schön.

  

Mi, 02.05.2007

 

Horst, den ich eben nach Ankunft in Bilbao zum 77. gratulieren will, hat erst morgen Geburtstag. Unser Vater wurde ein Jahr älter als er jetzt ist. Mein Bruder erfreut sich bester Gesundheit. Dazu trägt sicherlich die Jagd bei, obwohl er viel zu dick ist. Ich eifere ihm im Letzten nach.

Um 9.00 Uhr kommt der Bus an. Der Fahrer fuhr ohne Pause 10 Stunden durch. Die kurzen Stopps zur Aufnahme oder zum Aussteigen von Gästen waren keine Erholung für ihn. Diese Dauerbelastung wäre in Deutschland unmöglich.

Nach dem Hotelbezug, kurzer Verschnaufpause, gehe ich in die Stadt, die ich sehr mag. Die Sonne scheint tatsächlich wieder, wie es die letzte Zeile des Mitternachts-Busfahrt-Gedicht vorweg nahm.

 

Bilbao hat Charme.

Altstadt, schöne Geschäfte,

sonnendurchflutet.

 

Zu erstehen sind

Kleinigkeiten für daheim,

Eindrücke warten.

 

Der Bus steht im Stau,

übermorgen geht’s zurück,

noch sind Ferien.

 

Aus dem dünnen Stoff

blinken goldgelb die Äpfel

sichtbar präsentiert.

 

Das Straßencafé

gewährt flüchtig Einblicke.

Im Wein liegt Wahrheit.

 

Ihr Parfum hängt mir

 noch lange in der Nase,

extrem betörend.

 

Durch’s U-Bahn-Fenster

seh’ ich sie ein letztes Mal,

eilig war der Zug.

 

Menu de dia?

Hochpreisig das Restaurant

mit Vino Tinto.

 

In Fischerbooten

seh’ ich das Ende des Wegs,

gerahmt an der Wand.

 

Nach dem Auskauen

bringt der Ober die Rechnung.

Sie ist heftig.

 

Doch der Service macht

Pilger wieder zu Menschen,

innen wie außen.

 

Wie Dritte haften,

prägt der Weg das Gedächtnis, -

anders als Parfum.

 

Donnerstag 03.05.2007

 

Ein ganzer Tag zum Ausspannen in Bilbao. Es scheint mir, man ist hier weniger hektisch als bei uns. Die Bars dienen bei Kaffee, Tee, Wein oder Bier der Kommunikation. Diese gepflegt. Der laufende TV unterhält die Singles. Die Zeitungen, fällt mir auf, sind im Papier grauer und kleiner. Die GLOCKE, meine gute Heimatzeitung aus Oelde mit tougher Lokalredaktion, u.a. auch in Ahlen hatte früher auch dieses handliche Format. In den 14 Tagen erfuhr ich nichts über die dortigen Ereignisse, daheim oder in der Welt. Es fehlte mir ebenso wenig wie den anderen Pilgern. Samstag habe ich als Vorsitzender im Körner Haus die Ausstellung über das Werken des tschechoslowakischen Nobelpreisträgers Jaroslav Seifert zu eröffnen. Ich hoffe, pünktlich dort zu sein,  zuvor  gut von Leipzig nach Bockau zu kommen. Vielleicht habe ich noch genügend Zeit zum Schlafen, kann mich wieder ordentlich waschen, ziehe mich dann an, laufe zum Körner Haus und begrüße die Gäste. 

Vorbei zieh’n Tage,

wechselnd die Erlebnisse,

Seiten füllten sich.

 

Ich entspannte mich,

endlich konnte ich schlafen,

entschlackt der Körper.

 

Das dritte Auge

zeigt das Verborgene auf

sehr, sehr behutsam.

 

Die Zeit ging vorbei,

lässt Erinnerung zu.

Nebel lichtet sich.

 

Die Erkenntnis wächst:

Aufgaben stellt das Leben.

Ein jedes, jedes.

 

In kleinen Schritten

sind sie abzuarbeiten,

fokussiert vom Licht.

 

Aus der letzten Nacht,

verfestigt der Traumnebel,

ein Magier erschien.

 

Beim M-Guggenheim

schauen die Menschen staunend

hinter Fassaden;

 

auf dem Camino

entblößt man die eigene -

das geht von allein.

 

Installatione,

Stahl, steht fest, gebogen, krumm,

geformt durch den Geist.

 

Von ihm befähigt,

erschafft sich Großartiges.

Nichts ist unmöglich.

 

Künstler, Architekt,

Ingenieur, Politiker,

bewegt Ewigkeit.

 

Finde die Brücke,

schaffe eine Verbindung,

nimm den Faden auf.

 

Es geschieht im Kopf

alles ist nur Illusion

für den Reisenden.

 

Die Kunst hat Magie,

Leichtigkeit in Raum und Zeit,

in Symbiose.

 

Eine Antenne

lässt den Lautsprecher schwingen,

führt Stift wie Pinsel.

 

Hier kommt alles hoch,

empfangene Eingebung,

Noten auf Papier.

 

Man fragt nach dem Sinn,

im Museum,  anderswo.

Verschlossen die Tür.

 

Man sucht nach Schlüsseln

zu alten, neuen Räumen,

glücklich, wer findet.

 

Suche Verlegtes,

folge den Eingebungen,

im Tod findest Du’s.

 

Zwischen allem ist

ständig eine Verbindung,

sieh Positives.

 

Wenn Füße schmerzen

ruhe, lass alles sacken,

nutze Deinen Geist.

 

Entsorge Socken,

schneide alte Zöpfe ab,

mach daraus ein Bild.

 

Wenn Du viel  Glück hast,

kommt es dann in’s Museum,

dort wichtig bestaunt.

 

Die freien Säle im G-Museum sind diesmal mit Werken des 1945 geborenen Deutschen Anselm Kiefer belegt. Seine Installationen sind für mich sehr düster und bedrückend. Sie sollen  die Zeit der Judenvernichtung widerspiegeln. Die Stadt ist in’s Museum eingebunden, harmonisch, modern. Das Leben geht mittels der Brücke über es hinweg. Sein Inhalt, aber auch seine Architektur, nimmt die Zukunft vorweg. Sie wohnt hier.

 

Überall wird hier gebaut. Alles ist sauber. Reinigungsfahrzeuge versprühen Desinfektionswasser, andere Männer säubern mit Rool-Plastiktonnen Gehwege und Papierkörbe. Die Straßenbahn fährt für 1,20 € um die Stadt herum, an den Sehenswürdigkeiten vorbei. Für Guggenheim brauchte ich mit Kaffee und Shop Durchlaufen 4 Stunden (12,60 €). Für meine Schwester Ilse, die am 27. Geburtstag hat, Jahrgang ’35 erstand ich eine Karte und schrieb auf der Karte nach Stuttgart, dass mir die Bilder ihres Mannes (Prof. Martin Heller) besser gefallen, als die düsteren Kunstwerke des jetzt ausgestellten Deutschen. Autos mit Fahrzeugen aus Allemania und aus anderen Fertigungsländern sind über die Stadt verteilt. Die Autohäuser sind ebenerdige Läden mit mehr oder weniger ausgestellten Fahrzeugen. Der Alt-Wagenhandel findet wohl außerhalb der Stadt statt.

 

 

Freitag, 04.05.2007

 

Nach 17.00 Uhr geht der Flieger. Ich gehe noch in die Stadt. Das Maritime-Museum besuche ich und kaufe einen Kompass für meine Sammlung und ein Präsent. Die Ausstellung in Bockau steht, wie Ludwig Teubner mir am Telefon berichtet. Die Welt hat mich wieder.

Beim Chinesen aß ich mich gestern Abend satt. Für 9,65 € konnte sich jeder soviel nehmen, wie er wollte und essen mochte. Das kleine Bier kostete 2 €. Ich langte, wie schon im letzten Jahr, reichlich zu. Die Folge: Auf einmal hatte ich wieder Schlafprobleme.

 

Der letzte Tag kommt.

Vorbei ziehen die Wochen

mit Blasenfreuden.

 

Heiß ist es daheim,

unverändert regnet’s hier,

 Sonne hält das Herz.

 

Stieß auch Santo ab

bewegten Erlebnisse.

In sich hat’s der Weg.

 

Die Erkenntnis wuchs

Vorsätze umzusetzen

auch über den Tag.

 

Was dann bleiben wird

von den guten Vorsätzen

wird die Zeit zeigen.

 

Brach ein Vulkan aus

ist’s dort nicht mehr wie gestern,

nur die Welt dreht sich.

 

Entspannter leben,

„manjana“ soll man üben,

täglich, mehr und mehr.

 

Selbst im Museum

ist die Ruhe angesagt

sonst kriegt man nichts mit.

 

In Tageshektik

geht eine Menge unter

tu dir Muse an.

 

Im Verkehr läuft’s hier

mit viel weniger Regeln.

Kinder gibt’s genug.

 

Still wacht die Schlange,

In der Ruhe liegt die Kraft.

Steck’ das Handy weg.

--

Wer aufmerksam ist,

sieht die feinen Nuancen,

nimmt das Flair mit heim.

 

Teile den Tag ein

nicht er soll dich verteilen,

machtlos gegen dich.

 

Sieh nur die Sterne,

den Lichtstrahl durch die Wolken,

nutz ihn zum Reisen.

 

Setz Dich, wenn möglich,

lausch’ den Vögeln, lausch dem Fluss,

hör’ dein Inneres.

 

Durch die Botanik zu laufen ist weniger anstrengend als durch die Stadt. Das Schifffahrtsmuseum finde ich interessant. Wandere dann noch mal durch die Altstadt, nehme die Tram zum Hotel, wo mein Rucksack gepackt wartet und eine Plastiktüte mit Papieren und Mitbringseln. Sie nehm’ ich mit an Bord. Der Rucksack wurde schwerer, wohl weil die Wäsche so dreckig ist oder wegen Wurst und Käse? Vom Kauf von Schinken, den guten spanischen, sehe ich ab. Das kg vom normalen kostet etwa 48 €. Er stellt aber auch den würzigen westfälischen weit in den Schatten. Am Flughafen lege ich mich auf eine Bank und schlafe. Für Berlin Air springt Niki Air ein. Die Maschine hat Verspätung auf Mallorca, musste ich auch noch warten.

 

Der Name des Guggenheim-Museums stand auf dem T-Shirt der Angestellten. Vorne rechts stand nur das G, rückseitig der Rest. Das regt mich an, meinen Nachnamen zu teilen und gestalterisch  meine Berufsbezeichnung in ihm mit einzubauen. All dies halte ich  auf Seite 61 meines Notizbüchleins fest.

 

Vorbei der Urlaub

rückt der Beruf in’s Schriftbild.

Adé Spanien.

 

Vielleicht werde ich

noch mal ’ne Strecke gehen.

Frankreich fehlt mir noch.


Es gibt Landschaften,

die, die Herzen berühren,

abseits der Straßen.

 

Diesmal seh’ ich sie,

die sehr  alten Wegreste

mit Pilgerspuren.

 

Es ist nicht der Sinn,

sich Wochen zu kasteien,

 Kilometer weit.

 

Den Geist soll der Weg

berühren, öffnen, befrei’n

für „S“ die Geißel!.

 

Wer denn so weit ging

und meint, er kam am Ziel an,

verfehlte den Weg.

 

Viel gab der Körper,

seine Leistung lobenswert,

das sagt das Papier.

 

Die Spuren verwischt

ungewollt der Schriftsteller.

Finden muss ich sie.

 

Uralte Fährten

verschwanden unter Beton.

Neuen fehlt der Flair.

 

Ein Wanderweg ist’s.

Er ist voll durchorganisiert.

Wenige pilgern.

 

Durch Menschenmassen

zieh’n viele Profit aus ihm.

Die Kirche schmückt sich.

 

Geh in ein Kloster.

Erlebe Stille, Gebet.

Erleb seinen Geist.

 

Auf manchen Strecken

sprang etwas auf mich übe,

dann war’s totenstill.

 

Sicher sehen es

manche Wanderer anders.

Klasse ist das Land

 

Bei Politikern

gibt’s wie hier den Kompromiss.

Anstrengung verschweißt.

 

Keine Begegnung

möcht ich aus dem Buch streichen

wie keine Blase.

 

Unwichtig ist Geld,

 Herkommen, Stand, der Glaube,

gleich die Strapazen.

 

Jeder schleppt sich mit,

und merkts; wo gibt’s das sonst noch?

Alle sind hier gleich.

 

Im Schlafsaal schnarcht laut,

im Doppelpack arm und reich,

verwaist die Villa.

 

In Freiwilligkeit

erlebt man die Gemeinschaft,

nun, unisoliert.

 

Man lebt bescheiden,

fühlt sich ohne den Schlips wohl,

in Dreckklamotten.

 

Camping ist besser.

Ein Image hat’s Zelten nicht.

Der Heilige fehlt.

 

Da rümpft man Nasen.

Können die sich nichts leisten?

Pilger fallen auf.

 

Wenn auch Stars gehen

stehst man auf ihrer Stufe.

Bleibt besser daheim!

 

Flöten ging der Sinn

der ur-sprünglich bewegte.

Betet noch jemand?

 

Schwule und Lesben,

Wanderer, Pilger gehen,

alle liebt der Herr.

 

Reformiert den Weg.

Gebt ihm den Ursprung zurück.

Haut die Bremse rein!

 

Mit Augen sieht man.

Jeder benutzt die seinen.

Meine Sicht steht hier.

 

Ganz für mich allein

lichtet sich des Wegs Nebel,

zum Reiseende.

 

Ich schreibe dies wartend vor dem verspäteten Abflug von Mallorca nach Leipzig. Gibt es einen Zufall? Birgit rast in dem Moment an mir vorbei. Ein Strahlen, ein Händedruck –

 

„Alles Gute, ich habe Deine Mailadresse, bin in Eile, kam auch in Santiago an, mein Flieger geht im Moment nach Frankfurt“. Erfrischend dieses Schlusserlebnis.

 

Im Abrisskalender  der Firma Phillips finde ich montags im Büro zwei Sprüche, die auf ihm den Mai einleiteten, gleichzeitig wie zufällig  für mich zur  Schussbemerkung dieser vierten Etappe werden:

 

Wie ein armer Mann zu leben macht Spaß, wenn man reich ist.“ (Sir Peter Ustinov)

Gehe nicht dorthin, wo der Puck ist, gehe dorthin, wo er hinkommen wird.“ (Walter Gretzki)

 

Und damit: Tschüß bis zum nächsten Mal!  Doch:

 

Als ich am 12.5.07 die letzte Korrektur lese, höre ich im Radio (zufällig!) eine Aussage von Papst Benedikt. Er bereist derzeit Brasilien und predigt dort über Enthaltsamkeit. Spontan schreibe ich nachfolgende Zeilen, die ich andernorts –zufällig(?) -schon ähnlich formulierte.

 

„Seit enthaltsam“ sagt

der Papst in Brasilien.

„Geißelt Genusssucht!“

 

Wer sagt der Kirche:

vor denen der anderen,

sieh’ deine Balken?

 

 

 

 

EN., 13. Mai 2007, A1 NO