Gedichte zum Jakobsweg 2006

2. Etappe, Sept.-Okt. 06 


 

’Bin für ’ne Woche wech

 

***** V o r   der dritten Etappe 28.09. bis 04.10.2006*****

 

Langsam wird es Herbst.

Die Sonne steht schon sehr tief.

Der Mai war wärmer.

 

Weit vor’m Jacob drei

wartet gepackt der Rucksack,

längst gebucht der Flug.

 

Zum Jahresende

geh ich auf die Etappe,

allein im Flieger.

 

Sonntagsgedanken -

die mit den Wolken ziehen -

zum Weg, dem Magnet.

 

Wenn’s Flugzeug abstürzt,

zum Glück gehört es mir nicht,

greift das Regelwerk.

 

Die Kinder sind groß,

mehr als prächtig die Enkel,

alles versichert.

 

Daheim nutz’ ich sie,

den Pilger quält die Sonne,

der denkt an’s Wasser.

 

Sieh den Augenblick,

dein Leben spielt sich jetzt ab.

Tauche in es ein.

 

Nun geht’s wieder los.

Abgehakt Ahlen’s Arbeit,

der Lions-Abend.

 

Es ruft mich der Weg,

jetzt ist der Rucksack leichter.

Noch dreimal schlafen.

 

Die geh’n vorüber,

die zwei Tage im Büro

es warte Burgos.

 

   

 

Leipzig

 

*****27. 09. 2006*****

 

Voll die Autobahn.

Den Feierabendverkehr

begleitet Regen.

 

Annemarie weiß,

stets, wo ich herfahren muss -

doch manchmal spinnt sie.

 

Über Leipzig steht -

von Wolken freigegeben -

glutrot die Sonne.

 

Der Nebel verschwand.

17 zeigt’s Thermometer,

Septembergrün s`Laub.

 

An der Ampel Rot

läutet die Kirchenglocke.

Ziel erreicht, sagt sie.

 

Sohn Ulf seh’ ich gleich.

Morgen hat er Geburtstag.

Ist auch Einser-Mensch.

 

Numerologie

enthält manche Wahrheiten;

alles in allem.

 

 

Leipzig/Burgos/Tradajos

 

*****28. 09. 2006*****

 

Warten vor den Abflügen

 

Ich schlief, da ich mich mit Ulf lange unterhielt, maximal 2 Stunden, dafür dann auf dem Kurzflug von Leipzig nach Frankfurt um so mehr.

Es war ein schöner Abend im Übergang zum 28. 09., den ich mit Ulf verbringen durfte. Meine Kinder erfüllen mich alle mit Stolz. Denn obwohl ihnen die Mutter in den pubertären, nachpubertären und in der Studienzeit fehlte, entwickelten sich die Drei prächtig. Sie machen ihren Weg, haben Ziele, bauen sich etwas auf. So auch Ulf, der Handelsmann. Das Talent bekam er in die Wiege gelegt durch Oma Maria und Opa Carl bzw. dessen Vorfahren. Es freute mich, mit ihm in seinem 29.Geburtstag hinein reden zu können. So war zwar die Schlafzeit in Leipzig kurz, vor und während des Fluges dagegen lang. Ich schlief von Leipzig bis nach Frankfurt tief und fest wie tot und dann wiederum von Frankfurt nach Bilbao.

So füllte ich die Stunden. Eins merkte ich, Lufthansa ist nicht empfehlenswert, dauernd verspätet, kaum Service – nie wieder mit LH!

 

 

In Frankfurt warten.

Tief schlief ich von Leipzig her.

Nun seh’ ich Typen.

 

Der Kranich im Kreis,

gelb im Blau der Heckflossen,

digital gebannt.

 

Pilger entdeck’ ich,

die auf den Flieger warten,

den nach Bilbao.

 

Schau’ die Reisenden:

dynamisch, normal, schlaff, leer;

sieh’ die Gesichter.

 

Ich treib Studien.

Beobachte Wichtigkeit.

Seh’ kaum ein Lachen.

 

Viele Dicke gibt’s.

Wichtig, sie fühlen sich wohl.

Viel Stoff brauchen die.

 

Keine Bekannten

laufen mir über den Weg,

nur Menschenmassen.

 

Sieh’ nur den Spießer

mit dem Markenschminkkoffer

von Mutti geführt.

 

--

 

Wie selbstverständlich

steigen wir in die Lüfte.

Wer hoch steigt, fällt tief.

 

Vor Ankunft sah ich’s:

Wolken kratzen an Gipfeln,

die juckte das nicht.

 

Der Wind umflüstert

unhörbar die Kammräder

bei klarer Weitsicht.

 

Bilbao-Airport,

klein, übersichtlich, sauber,

pünktlich ist der Bus.

--

Burgos ist ganz nett.

Die Kirche ziert Inkagold,

ich spüre Schreie.

 

Die Eroberer

zerstörten kalt Kulturen –

das bedrückt mich sehr.

 

Zur Erinnerung-

vor dem Altar der Tecla-

zünd ich Kerzen an.

 

Die Inkas nutzten

den Weihrauch um den Göttern

näher zu kommen.

 

 

Der Bus vom Flughafen bis zum Busbahnhof Bilbao kostete 1,20 EUR. Von dort bis Burgos 10,49 EUR. In Burgos angekommen, holte ich mir den obligatorischen Stempel im Informationsbüro, erschaute die Kathedrale. 

Ich fragte einen Priester in meinem Alter nach dem Verlauf des Pilgerweges durch die Stadt, das war kurz hinter der Kathedrale. Er sprach nur Spanisch und so redete ich mit Händen und Füßen, zeigte auf den Plan und fragte ihn, wo der Weg in Richtung Santiago herginge. Er kannte sich überhaupt nicht aus, sagte nur, dass das ein heiliger Weg sei. Für mich etwas verwunderlich, dass sich solch ein Mann noch nicht mal in seiner eigenen Stadt auskennt.

Ich lief dann 11 km bis nach Tradajos. Dort übernachtete ich im obersten Bett der Herberge (f. 5 € Spende). Die Nacht war nicht sehr lang, da Schnarcher sie gekonnt verkürzten.

 

Gruppenbewusstsein,

mit Zuckerbrot und Peitsche,

gibt der Jakobsweg.

Durch die Hölle muss jeder

der in das Paradies will.

 

 

 

 

 

Tradajos/Rabé de las Calzadas/Hornillos del Camino/Honzanas/Castrojeriz

 

***** 29.09.2006*****

 

 

 

 

 Schnarcher zersägen

die Doppelbettidylle,

fern Hundegebell.

 

Alles saupropper,

Dusche warm, die Wäsche alt,

mir fehlt der Tiefschlaf.

 

 Ein Rabe wünscht Glück

aus der hohen Pinie

über’m Schotterweg.

 

Hottemax-Spuren

im trockenem Lehmboden

weisen nach Westen.

 

 

 

 Castrojeriz/ San Nicolás  Itero de la Vega  (Provinz Polencia) / Formista

 

*****30. 09. 2006*****

 

Es regnete auf der weiteren Tour. Ich fand meinen Poncho ziemlich spät, da ich dachte, ihn wegen der gewollten Gewichtsreduzierung des Rucksacks daheim gelassen zu haben. So wurde meine Bauchtasche durchnässt, damit das Geld, die Papiere, das Flugticket, meine Zettel, der Detailreiseführer. (Nur einmal stieß ich auf falsche Angaben in ihm.)  Ich war sehr spät beim Kramen nach dem Hut und einem mitgenommenen Daheim-Stein, den ich auf einenm der Steinpyramiden ablegte, auf dieses Regencape gestoßen. Ein letztes Geheimnis meines Rucksacks hatte ich vor’m Packen desselben entdeckt: die Rucksack-Regenhaube. Sie war in einem Klettverschluss am Boden befestigt. So weit war ich bei meiner Suche zuvor noch nicht vorgedrungen. Die Kamera blieb zum Glück wies Handy trocken. Da das Wetter durchweg grau in grau war, schoss ich nicht so gute Aufnahmen auf dieser Tour.

 

 

Zieh die Hose an

bevor die Schuhe dran sind.

Alles hat Regeln.

 

Die Muskeln schmerzen,

am Zeh die erste Blase,

mit Pausen lauf’ ich.

 

Geleert die Felder,

grau, trüb das Land, der Himmel,

kein Fotomotiv.

 

Man überholt mich,

der ich langsamer wurde,

abends trifft man sich.

 

Finde Deinen Schritt,

lass’ Dich nicht irre machen,

gehe Deinen Weg.

 

Auch der Langsame

kommt an’s angepeilte Ziel

langsam, bedächtig.

 

Herzen trägt der Wind,

vereinzelt Regentröpfchen,

zum steilen Aufstieg.

 

Trotz kargen Bodens

Trecker gespurte Felder

zwischen Talwellen.

 

Auf einer Stelle

flattert fixiert ein Falke,

pfeilschnell am Boden.

 

 

 

 

 

 

Formista/Población de Campos/Villalcázar de Sirga/Carrión de los Condes/

Calzadilla de la Cueza

 

***** 01. 10. 2006 *****

 

Es regnete. Obwohl ich früh, 7.30 Uhr, bei Dunkelheit noch, losmarschierte, überholten mich ständig andere. Ich bin halt untrainiert, aber mit meiner Leistung insgesamt zufrieden. Österreicher, Heidi und  Peter, waren entsetzt, dass ich dachte, sie seien Bayern, hatte ich in der Herberge getroffen. Peter raste meist voraus. Ich kam mit beiden  ins Gespräch. In Itero de la Vega war  eine Herberge mit Restaurant. Dort  trafen wir Peter wieder. Beide kamen auf die Idee, nach den ersten 11 km, ein Taxi zu nehmen, denn es schüttete vom Himmel. Ich schloss mich ihnen an. So fuhren wir etwa 15 km für 15 EUR nach Formista. Da gab’s ein ordentliches Hotel für 40 EUR. Die Landschaft zuvor war eintönig. Die Gegend ist wohl auch ziemlich arm. Ich las, dass in einigen Orten auch Pilger mit Pferden aufgenommen werden. Ich sah keine, nur Hufeisenspuren und Dung. Es gibt sie doch, die traditionellen Pilger hoch zu Ross. Dafür lichtete ich einen Schäfer mit Esel ab. Wer hinter wem herlief war nicht so ohne Weiteres zu erkennen.

 

 

Eine Holländerin, ca. 45 Jahre alt, die in Nürnberg wohnte, traf ich. Sie reiste mit ihrer mongoliden, ca. 20jährigen Tochter. Liebevoll ging sie mit dem Mädel um, die ganz gut lesen und sich artikulieren konnte, nur mit dem Laufen haperte es ziemlich.

 

Die Österreicher  hatten einen für mich ungewohnten aber süßen Dialekt: „Sikst“, sagte Heidi, wenn ihr Peter anderer Ansicht war und sie mal wieder Recht hatte. Sie bestimmte und Sohnemann folgte brav. Dabei ließ sie ihn in der Meinung, er sei tonangebend. Als ich „sikst“ lächelnd darauf ansprach, meinte sie, dass sei typisch männliche Logik. Die Frauen geben halt immer das Tempo vor, merkte ich hier wieder. Mit den beiden wollte ich  in Formista ein Restaurant für den Abend ausmachen Eins war mit einem schicken antiken Ambiente ausgestattet und sehr anspruchsvoll. Als wir es durchliefen, wurden wir von der Kellnerin schimpfend vertrieben. So was erlebte ich noch nie. Pilger sind offensichtlich, auch wenn sie Geld haben, nicht überall in Spanien willkommen.

 

Unterwegs finden sich Plastikflaschen und Papier neben dem Weg. Alle Nationen laufen über ihn, aber meistens sind es Spanier, vor allen an Wochenenden, die kein Umweltbewusstsein haben. Ein kanadisches Ehepaar traf ich. Sie war deutschstämmig.  Im letzten Jahr hatten sie Urlaub in Spanien gemacht und dort von dem Pilgerweg gehört. Nun liefen sie ihn. Nahezu jeden Abend traf ich sie wieder. Sie waren schneller als ich, obwohl sie später aufstanden. 

 

Klein der gelbe Pfeil

auf der roten Fliesjacke,

Richtung vorgebend.

 

Schnell oder langsam

gehen die Pilger den Weg.

Erfahrung sammelnd.

 

Jeder nimmt Kraft auf

und trägt sie dann nach Hause -

still, ganz unbemerkt.

 

Kleinigkeiten sind’s,

die jeden Menschen formen,

sieh, wie’s Leben gibt.

 

Die Aura leuchtet

rundum kraftvoll, farbenfroh;

voll die Batterie.

 

Auch Dicke kommen,

wie Frau mit Einkaufswagen,

am fernen Ziel an.

 

Es ist Kirchgangszeit,

fein gedresst die Einwohner,

blechern die Glocke.

 

Pilger treffen sich

an der Bar „SOL“ im Ortskern.

Ihnen schmeckt das Bier.

 

Die Speisekarte,

bebildert die Gerichte,

was ich eß,  weiß ich.

 

Fenster vermauert,

das Lächeln eingefroren,

der Wirt unfreundlich.

  

Von Carrion geht ein Bus nach Bilbao, nicht aber von Calzadilla aus. Doch die 17 km wollte ich unbedingt noch auf der Hochebene laufen. So fuhr ich mit dem Taxi (20 EUR), nach Calzadilla, um gegen den Strom zurück zu laufen, um den Bus über  Burgos nach Bilbao  zu erreichen. Ein Drama war’s, bis ich das Taxi hatte. Ein Rentner, der Zeichensprache verstand, besorgte es mir über mein Handy, daher lernte ich, da ich schon im spanischen Funknetz war, dass keine deutsche Vorwahl vorzuwählen ist. Die SOS-Nummer von hier und der Polizeinotruf wäre sinnvoll gespeichert zu haben, wenn’s mal nötig sein sollte. Das muss ich noch in die Rucksackliste eintragen. So werde ich morgen rückzu die netten Kanadier, Ortlieb und Bruce und die Österreicher Heidi und Peter wiedertreffen. Sie kommen mir dann entgegen.

 

 

  

Im Augenwinkel

erscheint das echte Lachen

der Nachbar hat’s drauf.

 

Russisches Krebsfleisch,

zweite Platte war zuviel,

der Kellner gut drauf.

 

Suche deinen Schritt,

den gehe ganz konsequent,

bis zu Deinem Ziel. 

 

Zwei junge Australier, Geschwister, gehen den Weg, um Land und Leute kennen zu lernen und weil es billig  ist. Sie haben sich vorgenommen, keinen Alkohol zu trinken. Ein Bremer fährt jeden Tag radelnd 160 km dem Ziel entgegen. Ich sah den „dicken“ Italiener wieder, der gemächlich, langsam und bedächtig den Weg ging. Er hatte mich so schon überholt. Ich gehe nun morgen, 02.10. die 17 km zurück, die er schon lief. Mein Flieger wartet nicht. Vier Tage laufen ist zu wenig. Mindestens 14 Tage sollte die Etappe lang sein. Das nächste Mal nehme ich mir das vor. 3 Tage sind mindestens zum Einlaufen nötig.  Übrigens sah ich keine mitwandernden Esel oder Pferde. Die Störche waren von den Kirchdächern in die Ferne entfleucht.

 

Wenige Vögel fielen mir auf dem Weg auf. Gestern sah ich ein Hund, der in Carrion sich seinen Anteil von meinem  Pilgermenü (8 EUR) erbettelte. Unauffällig, nicht gierig, vorsichtig, nahm er aus der Hand das ihm Gereichte - traurigen Blicks. Bissige, böse Hunde, die viele in Büchern beschreiben, begegneten mir zum Glück noch nicht. Ich hoffe, es bleibt dabei.

 

Im Balustradenhotel von Calzadilla gibt’s einen Internetanschluss. Manch einer nutzt ihn zur Nachricht heim. Postkarten gab’s hier nicht. Die Herberge des zehn Häuser Ortes verfügt über ein Schwimmbad, hat jedoch keine Sitzgelegenheiten in und außerhalb der Herberge. Da diese vom Hotelier mit betrieben wird, ist das wohl Absicht. Die Pilger sollen bei ihm Geld lassen. Es war schon recht kalt. Die Winterzeit kündigt sich an.

 

Als der Krampf nachließ,

gelungen die Entspannung,

schmeckte der Rotwein.

 

 

 

 

 

Calzadilla/Carrion/Burgos

 

***** 02. 10. 2006*****

 

Auf den 17 km über das Flachland retour nach Carrion traf ich als erstes das junge, fröhliche kanadische Ehepaar. Sie hatten im 3*Hotel von Carrion übernachtet. Sie wollten heute 37 km laufen. Bei ihrem forschen, flotten Schritt leicht zu schaffen.

 

Die 73jährige Französin mit dem Einkaufscolli kam mir 2 Stunden später entgegen. Eine tolle Dame, mutig, mit diesem Gepäckcolli die Wanderung zu wagen.

 

Ein Kuriosum war ein Pärchen, das mit Hund lief. Wie sie trug er die Jakobsmuschel in Klein und Lederstiefelchen an seinen Läufen. Hunde sind in Lokalen nicht gelitten, anders als bei uns, wo sie auch noch mit Wasser versorgt werden. Mir wurde von einer Österreicherin erzählt, die mit einem Esel unterwegs war. Dieser Esel durfte sie nicht in die Herberge begleiten, villeicht ein Zweibeiniger. Nicht mit einem Peter, sondern einem richtigen Esel war sie unterwegs! Er trug ihr Gepäck. Sie hängte ihn vor der Herberge ab, wo er lange in die Nacht hinein sein Iii-Ahh ausschrie. Sie schlief stets nach hinten heraus. Frauen sind den Männern, wie ich hier wieder merkte, bei weitem überlegen, wie „sikst“ ihrem Peter immer wieder deutlich machte.

 

Sterne am Himmel

über der tristen Landschaft,

Felder Augen weit.

  

Auch bei Sonnenschein,

nachdem der Nebel hochstieg,

keine Änderung.

 

Rückzu geht es nun,

entgegen kommen Pilger,

mit erstauntem Blick.

 

Aus ging’s von Frankreich

für viele fromme Pilger

von überall her.

 

Die Etappe drei

hatte Überraschungen

selbst für die Füße.

 

Den Schritt milderten

ein paar neue Einlagen.

Mein Gesicht strahlte.

 

  

Wieder in Carrion

 

Ein jeder wartet,

der auf den Bus, der auf die...

so ist das eben.

 

Kräftig reißt der Wind

an Bäumen und an Sträuchern -

Blätter folgen ihm.

 

An der Busstation

treiben die Blätter ihr Spiel

zwischen den Autos.

 

In’s Land geht die Zeit,

die Natur zeigt wo’s langgeht.

Der Herbst wirft Schatten.

 

Ein altes Pärchen,

Lothringer, liefen wieder.

Was treibt sie vorwärts?

 

Auf mischt der Kaffee

erschöpft erschlaffte Glieder.

So vergeht die Zeit.

 

 

 --

 

Auch Jesus hatte

auf seinen Pilgertouren

stets einen Rucksack.

 

Das Alltägliche

verschwindet hinter Worten,

dann sucht man danach.

 

Ein jeder muss mal,

wird man alt ist’s Gesprächsstoff.

Mal sagt man’s, mal nicht.

 

Waren’s die Jünger,

die Jesus’ Gepäck trugen?

Da schweigt die Bibel.

--

 

Ein junger Mann mit verfilztem langen Haar im Jesuslook,

regte mich zu den vorstehenden Zeile an.

 

--

  

Er sah das Motiv

von der Straßenmitte aus.

Das Auto hielt nicht.

 

Der Bronzepilger

wird weiter fotografiert,

nur  geht er ostwärts.

 

Vier Tage Wandern,

mal grade eingelaufen,

schon ruft die Arbeit.

 

Den Weg verlass ich

mit dem Bus nach Bilbao,

sag’: Bon Camino.

 

 

Rückzu gings im Bus von Carrion über Burgos nach Bilbao (13,27 EUR) – ätzend war das Warten zuvor. In der Busbar  traf ich Helmut aus Wien. Ihm wurde in der Herberge von Shagun der Brustbeutel entwendet. Nun stand er ohne Geld da, war die 40 km zurück gelaufen und hatte gerade noch das Busgeld in der Tasche. Adelheid, die ich hier traf, sie musste auch nach Bilbao, und ich gaben ihm Geld, sodass er etwas weiter kommen konnte. Helmut erzählte von einem Ungarn, der in der letzten Woche von einem Stier aufgespießt worden sei. Auch sei einem Pilger der Rucksack geklaut worden, wie er mitgekriegt habe. So sicher scheint der Weg nicht zu sein, ohne die gesundheitlichen Blessuren, die die meisten davon tragen. Helmut will im nächsten Jahr weitermachen und hofft, die Unterbrechung werde ihm angerechnet, was ich glaube, obwohl ich nicht wegen des Sündenerlasses laufe, trotzdem jedoch eifrig Stempel sammle. (Mein Geld bekam ich bis heute, 15.01.07, noch nicht wieder. Wars eine Masche Rückreisende zu "melken"?)  

Nachts in Bilbao, nach Ankunft mit dem Bus, Hotelsuche. In der daneben liegenden Bar genoss ich noch zwei Absackerbiere.

 

 

 

Bilbao

*****03./ 4. 10. 2006*****

 

Ingrid aus Herdecke, mit der Ingrid aus Österreich unterwegs, traf ich im Hotel in Bilbao beim Frühstück. Sie wollten von dort nach Lion mit dem Bus und dann nach Santiago gehen. Bei Ingrid-D ergaben sich Anknüpfungspunkte zum Studium und gemeinsamen Bekannten. Sie studierte Jura in Gießen etwa zu der Zeit, wo mir in Marburg das Fach näher gebracht wurde. Ein  Schwager von ihr war darüber hinaus ehemaliger Kollege in Sachsen und zwar in der Stadt, in der ich ab Mitte 1991 ff die meisten Verträge machte. Ihn kannte ich vom Namen her.

Von Haikus hatte sie gehört. Sie gab mir das Wort „Salz“ vor und es entstanden die nachfolgenden Gemeinschafts-Zeilen:

 

Das Salz auf der Haut

zergeht auf ihren Lippen,

vom Lächeln belohnt.

Sie antwortete:

Das Weinen lag nah

vor Glückseligkeit vergangen

das Ende war nah.

Ich formulierte es wie folgt um:

 

Das Weinen liegt nah,

nah beim Glück, bei der Trauer,

es kommt vom Herzen.

 

 

Nun hatte ich doch noch jemanden mit gleichem Bekanntenkreis getroffen.

(Durch die Stadt gelaufen, Paella gegessen, nachmittags Kaffee trinken im Guggenheim-Museum, ein letzten Stempel in der davor liegenden Information geholt, davor die Altstadtkirche angesehen, fotografiert.)

 

 

  

 

Fröhlich umläuft’s Kind

gitterbegrenzten Sockel,

achtsam die Mutter.

 

In dem Innenhof

bei Wasser, Brot, Wein, Essen,

belegte Tische.

 

Eine Pflichtübung

Guggenheim ohne Aber.

Erfasse die Form!

 

So klingt die Tour aus.

Keine wie die andere.

Erinnerung bleibt.

 

  

******Rückschau******

 

 

In all den Nächten,

wenn es nicht am Regnen war,

kamen die Mücken.

 

Diesesmal ging ich

weder auf vielen Blasen

noch auf dem Zahnfleisch.

 

Im Kindergarten,

so fühlte ich mich manchmal,

nur Lehrer fehlten.

 

Nur nicht mehr denken,

sagt zur Nacht eine Stimme,

doch dann kommt kein Schlaf.

 

Wenn die Post abgeht,

die Diskomusik laut dröhnt,

schlafen die Pilger.

 

Still, leise, heimlich

 schleicht die Mitternacht heran,

gänzlich unbemerkt.

  

 

Bilbao/Leipzig

 

*****04. 10. 2006*****

 

In jeder spanischen Bar läuft der Fernseher. Ich frage mich, was machten die Spanier nur, als es den Fernseher noch nicht gab. Viele rauchende Frauen sah ich. Selbst auf dem Camino verzichteten junge Wanderer beiderlei Geschlechts  nicht auf die geliebte Zigarette.

Vor jeder Bartheke war der Boden mit Zigarettenkippen und Papier bedeckt. Was ab und an, wenn weniger Betrieb war, zusammengefegt wurde. Wer so handelt, hält auch die Umwelt nicht sauber, wie festzustellen war. Gibt es deshalb in Spanien so stark anwachsende Wüsten? Ich frage mich auch, wie man so viel Süßes zum Frühstück essen kann; oder Wein oder Bier zu der Zeit in der Bar zu sich nimmt. Brauchen die Leute nicht zu arbeiten? Erstaunlich für mich auch diese vielen Losverkäufer. Man gibt Geld für’s Glück aus. Andere laufen nach Santiago, um Glück im Leben zu haben oder in einen Wallfahrtsort. Innere Ruhe und tiefe Zufriedenheit ist mehr, als jedes Los geben – je geben kann. Man sollte sie in sich suchen. Da, da findet man sie.

 

Begrenzt ist der Pfad.

Tiefe erfährst Du in Dir,

unter dem Himmel.

 

 

Bei der Abfahrt zum Flughafen gegen 9.30 Uhr, setzte Dauerregen ein. Gut, dass ich den nicht durchlaufen muss.

Es hat den Anschein,

ein jeder Weg enge ein -

doch drüber  Weite.

 

Im Bilbao-Busbahnhof traf ich Inge aus Unna. Sie lief diesmal schon zum vierten Mal (in 4 Wochen) den Weg. Sie, 73 Jahre alt, habe 6 Kinder, alle gesund, wie auch die 14 Enkel. Aus Dankbarkeit wolle sie den Weg insgesamt 6 mal gehen. Sie fliegt jedes Mal billigst von Köln nach Bilbao. Nimmt von da aus den Bus und Zug nach Frankreich und läuft nach Santiago. Von dort wieder mit dem Bus (12 Stunden) zurück nach Bilbao. Stets übernachte sie in  Herbergen. Nur wenn diese überfüllt seien, ginge sie in’s Hotel. Der Weg sei im Frühjahr und im Sommer am schönsten. Doch jedes Mal sei er anders. Sie gehört zu den Gründungsmitgliedern der Jakobusgesellschaft ihrer Diözese in Paderborn. Mit ihrer Tochter hält sie Vorträge. Im Mai 2007 betreue sie die Herberge in Pamplona, wie alle, die dies machen, umsonst. Natürlich, nachdem sie bis dorthin gelaufen sei und danach weitergehe. Eine bemerkenswerte, drahtige Frau, die wie 60 ausschaute. Voller Energie und mit strahlenden, glücklichen Augen.

 

Die Weg hält auch jung,

wie Beispiele beweisen.

 Kraft steckt in jedem.

 

 

Es sind die facettenreichen Kleinigkeiten, die jeder Pilger erfährt. Die er auch bei Gesprächen zusätzlich zum eigenen Erleben bereichern kann. Für mich war diese Begegnung nahezu der krönende Abschluss dieser Etappe. Dann ging’s heim mit einer verspäteten Lufthansa-Maschine über Frankfurt nach Leipzig. Dort hatte ich eine Menge Zeit und schaute in die Angebote der Shops. Eine Stange Zigaretten mit entsprechendem Aufdruck regte zu diesen Zeilen an:

 

Es kann Dir helfen

der Apotheker, der Arzt

nicht mehr zu rauchen.

Wer Verbote missachtet,

macht, was er gern tut, weiter.

 

In diesem Laden sagte mir die Verkäuferin, sie hätte Stammkunden aus London. Sie kauften bei ihr Stangen Zigaretten für 800 EUR, die Stange sei um 40 EUR billiger als bei ihnen in England. Über die Preis versucht die Regierung etwas den Konsum zu verringern, obwohl dieser (wie beim Benzin), die Staatskassen füllt. Wird dann jedoch weniger verbraucht, werden die Steuern einfach angehoben. Das Laster wird besteuert. Schon Napoleon nahm eine „Fenstersteuer“. Wann wird es die bei uns geben?

  

Das Laster lauert

auch auf den frommen Wegen.

Wer ist fehlerfrei?

 

In Leipzig angekommen, zahlte ich für die Bahn 3,60 EUR zum Hauptbahnhof und 1,80 EUR mit dem Bus bis zu meiner Wohnung. Teuer Bahn- und Busfahren in Deutschland!

Gleichwohl: Etappe Drei war anders, doch gleichwohl auch Klasse, nur zu kurz.

DANKE CAMINO!