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Elsassträger

Chronik meiner Vorfahren, der Elsaßträger

Die Familie Bleyler: Von einfachen Glasträgern zu Handelsherren

Aufstieg und Niedergang einer Schwarzwälder Handelscompanie

Unsere Familie Bleyler läßt sich bis 1536 zurückverfolgen. Als mein Urahn Matthias Bleyler am 9.7.1696 mit Anna Korn in Lenzkirch-Kappel den Bund fürs Leben schloß, mußte er Besitz haben: nur wer den "Erwerbsstand" besaß, konnte heiraten. Damals war das Leben "auf dem Wald" hart - aber ohne Leibeigenschaft. Da die bäuerlichen Betriebe kaum eine Familie ernähren konnten, mußte nach einem Zuverdienst gesucht werden. In der frühen Zeit gab der Bergbau im Schwarzwald Arbeit. Als die Erzquellen versiegten, gründeten zunächst die Klöster, später die Herrscherhäuser Glashütten, die dann vielen Menschen auf dem damals noch dünn besiedelten Schwarzwald ein sehr bescheidenes Auskommen sicherten.

1611 gab es schon eine Glashütte bei Lenzkirch-Grünwald, deren Betrieb sich bis 1579 verfolgen läßt; 1634 entstand die Rotwasserhütte im "Rotwasserdörfle" Altglashütten. Wie anders sollte man die dichten Mischwälder nutzen, wo es kaum einen Wasserweg zum Flößen des Holzes gab? Die Glasmeister in ihren abgelegenen Hütten konnten ihre Glaswaren kaum selbst verkaufen, so schickten sie erst Verwandte auf den Weg, später waren es wohl die älteren Söhne von Bauernhöfen. Der jüngste Bruder erbte den Hof, damit der Vater lange Herr im Haus blieb. Die älteren mußten sich einen Erwerb suchen, wenn sie nicht Knecht bei ihrem Bruder sein wollten.

Der älteste Sohn meines Urahns Matthias, Josef, wurde 1700 geboren - er erbte den Hof nicht, sondern ging einem Gewerbe nach, vermutlich war er ein von Glasbläsern angestellter Träger. Die zerbrechlichen, kostbaren Gläser verpackte er mit Heu oder Stroh auf ein großes Tragegestell, die Krätze. Sie trug er vollbepackt auf dem Rücken. Mit seinem schweren zerbrechlichen Gut war er als Hausierer auf schmalen Saumpfaden durch unwegsames Gelände bei jedem Wetter unterwegs, einer von vielen. Meine Vorfahren, die Glasträger, hatten einen gefährlichen und schweren Beruf. Es gab kaum Wege, die wenigen Pfade waren nicht befestigt, die Höfe lagen weit verstreut, allerlei Gesindel trieb sich herum. Die Träger bevorzugten das Wagensteigtal. Das Höllental durchquerte nur ein steiler, schmaler und beschwerlicher Pfad. Erst 1755 mußten die Bauern der umliegenden Höfe im Frondienst diesen Pfad fahrbar machen. 1770 wurde die Straße für die Brautfahrt Marie Antoinettes nach Paris ausgebaut, und 1796 zog hier die französische Armee unter General Moreau zum Rhein. Erst 1857 wurde die Straße in der heutigen Führung ausgebaut, parallel zur Höllentalbahn. Im Schwarzwald wurde gab es bis 1740 Bären, bis Anfang des 19.Jh. Wölfe. Die Glasträger sprachen sich über ihre Wege ab. Damals konnten die wenigsten im hohen Schwarzwald schreiben, Verträge wurden mündlich, per Handschlag gemacht, deshalb gibt es sehr wenig schriftliche Zeugnisse aus dieser frühen Zeit. Dennoch trafen die Träger bereits im 17.Jahrhundert Vereinbarungen über die Gebiete, heute würde man es "Gebietsschutz" nennen.

"Gastarbeiter"- Hausierer aus Savoyen und Italien - waren nach dem 30jährigen Krieg im Schwarzwald geblieben. Von ihnen lernten die Schwarzwälder Glasträger, daß Einigkeit stark macht. Der Rückhalt zum Stammhaus in der Heimat verband die Träger, wie weit weg von daheim der Weg auch führte. Erfahrungen der ausländischen Hausierer aufgreifen, daraus lernen, sich andere Vorstellungen aneignen, sie neu gestalten: das war schon früh die weltoffene Haltung der anderen und meiner Trägerfamilien. In den Ländern, wo sie Handel trieben, waren sie selbst ja Fremde; geduldet, später anerkannt, weil sie mit ihrem Warenangebot keine Konkurrenz für ansässige Händler waren. Innovatives Denken - offen sein für Neues, Lern- und Risikobereitschaft: diese Eigenschaften waren damals wie heute der Schlüssel zum Erfolg. Sie führten aus bescheidenen Anfängen zu großem Wohlstand im 19.Jh.: der Bezirk Neustadt wurde zum reichsten Badens, Lenzkirch eine der reichsten Gemeinden. Der Zusammenschluß unter den Familien gab den Glasträgern mehr Kontrolle und Macht gegenüber den Glasbläsern. Bald kehrte sich das Abhängigkeitsverhältnis um und die Träger bestimmten die Glaspreise. Eine gute Verdienstspanne ermöglichte ihnen, nun selbst Glasmeister anzustellen, die jeder für sich in einer Hütte arbeiteten. So wurde schon sehr früh die Genossenschaft der Glasträger gegründet mit strengen Regeln und Aufteilung des Gewinns bei niedrig gehaltenen Unkosten. Die Träger-"Kameraden", so nannten sich die Gesellschafter, verboten einander alles, was Geld kosten könnte und damit den gemeinsamen Ertrag schmälert: 1782 verboten sie "Alles Spillen, Tantzen, Vollsaufen, Kegeln, biliar (=Billiard), Comedi, alle schlechten Gesellschaften bey Nacht"; alles Spiel für bares Geld, wie jeder Umgang mit schlechten Personen und nächtliche Schwärmerei". Für Betrunkene oder Raucher gibt es hohe Geldstrafen., auch für alkoholische Getränke gab es Vorschriften - Nüchternheit geziemte sich. Damit sollten besonders die jungen "Knechte", die aus der behüteten Häuslichkeit der Familie auf dem Schwarzwald in die Stadt mit ihren Verlockungen und Verführungen kamen, in der sparsamen, bescheidenen, einfachen Lebensführung der Gesellschafter erzogen werden. Deshalb mußte der junge Träger die strengen Bestimmungen erfüllen und sich erst einmal bewähren und Sprachen lernen, bevor er zum Gesellschafter werden konnte.

Natürlich hielten sich nicht alle an diese rigorosen Bestimmungen. Ihre Einhaltung mußte jeder Gesellschafter bei anderen überwachen und melden, tat er das nicht, obwohl er davon wußte, wurde er selbst bestraft. "Der Platz Colmar erklärt sich mit der Aufführung des A. unzufrieden. Die Gesellschaft hat in Erfahrung gebracht, daß derselbe sich Schwelgereien überließ und auf den Spielbanken von Baden und Homburg für nicht unbedeutende Summen spielte. Er wird deshalb als Halbgesellschafter zurückversetzt." (Tritscheller, Handelsgesellschaften) Bis Mitte des 19.Jh. durfte nur zu Fuß gereist werden, Postwagen waren nur bei "pressanten Geschäften" und Krankheit erlaubt. Ausgaben wurden streng begrenzt, Übernachten und Essen in den Höfen, wo meine Vorfahren und ihre Gesellschafter ihre Waren anboten, erwünscht. Als Gegenleistung berichteten sie über die Neuigkeiten. Persönliche Ausgaben wurden vom Gewinnanteil abgezogen, nur Schuhsohlen und Nägel bezahlte die Kompanie, die Kost im Krankheitsfall in der Fremde, nicht aber den Arzt. Damit die Kameraden bei der Stange blieben, mußten sie einen Geschäftsanteil einbringen, den sie sich in ihren Lehrjahren als "Knechte" zurücklegen konnten. Neue Mitglieder konnten nur die Verwandten früherer werden, das Geschäft blieb in den Familien und wehrte lästige Konkurrenz ab.

Die große Kompanie der Glasträger erwies sich jedoch als sehr schwerfällig, da die Handelswege weit auseinander führten: überall nach Europa und sogar bis in die Türkei. Kein Ziel schien zu weit, um dort sein Glück und sein Geschäft zu suchen. 1740 löste sich die große Kompanie auf und spaltete sich in einzelne Gruppen , deren größte und erfolgreichste die Elsaßträger waren - meine Vorfahren von Anfang an dabei. Damals gab es die Abrechnungen und Abmachungen noch per Handschlag und mündlich, da die Träger kaum lesen und schreiben konnten.

Josef Bleyler , (geb. 1700) nahm seinen Sohn Johann Georg(1731-1804) aus Lenzkirch-Kappel, mit nach Elsaß, zunächst als Knecht, dann als Gesellschafter. In Kappel behielt er seinen Stammsitz - dort heiratete Johann Georg auch die Tochter eines Gesellschafters, Magdalena Ganter aus Lenzkirch-Grünwald. Dort lebte Magdalena ohne ihn im Schwarzwaldhaus, einmal im Jahr kam Johann zurück. Alle 2 Jahre fand er wieder ein Kind vor. Es war nicht leicht für die Daheimgebliebenen ohne den Mann und Vater.

In zehn Jahren - 1740-50 - hatten meine Vorfahren und ihre Gesellschafter im Elsaß enge Wirtschaftsbeziehungen mit den Hochschwarzwälder Glashütten und anderen Gewerben geknüpft. Diese Beziehungen reichten bis Paris und blieben jahrhundertelang bestehen. Sie halfen nach dem Sieg 1870 zur Integration. An allen größeren Orten im Elsaß zwischen Basel und Hagenau hatten die Elsaßträger eigene Handelshäuser, die sich aus Lagerplätzen entwickelt hatten .Zum Glashandel folgte der Strohhuthandel, der auch Triberg einbezog, später kamen Haushaltswaren, Uhren und Eisenwaren hinzu. Zum Handel brauchte man früher das Bürgerrecht - dies wurde für ein Mitglied der Kompanie gekauft, der dadurch Rechte besaß und der Firma den Namen gab. 1811 wurde deshalb die Elsässer Kompanie umbenannt in "Fürderer & Cie", später ergänzt durch den Namen des Platzvorstandes. Die Leitung der Kompanie hatte immer ein Lenzkircher: Anton und Johann Jäckler, Anton Fürderer, Josef Spiegelhalder, Ferdinand Kessler, mein Urgroßonkel Dominik Bleyler, Johann Siebler.

Der Platz Straßburg war seit 1779 Depot, aus dem die Waren für die Märkte der Umgebung genommen wurden. Christian Häussler zahlt für das Handelspatent 20.-fr. und eröffnet 1800 einen Laden.. Später wurde in Straßburg der Name für die Elsässer Kompanie "Fürderer & Cie", erweitert um "Jägler". In diese Familie heiratete meine Ahnin Magdalena. Den "Platz" Mühlhausen leiteten die "Kohler", meine Urgroßtante Maria Josefa (1821-96) heiratete Roman Kohler. 1806 nimmt mein Ur-Urgroßvater Johann Bleyler (1776-1853) Theresia Fürderer (1780-1859) zur Frau. Sie ist die Tochter des Leiters der Kompanie Anton Fürderer. Nach ihm wird 1811 der Platz Straßburg benannt. Der Grabstein von Johann und Theresia ist in die Mauer des Friedhofs in Lenzkirch-Kappel eingelassen. Johann Bleyler. erwirbt 1830 in Straßburg das Haus am Alten Fischmarkt. Er richtet dort ein Handelshaus ein. 1874 kauft Johann Siebler die Nachbarhäuser und daraus entsteht der im ganzen Elsaß wohlbekannte "Schwobelade" am Gutenbergplatz 2, im Schatten des Münsters. Dominik Bleyler (1812-1896), mein Uronkel, ist mit dabei 1833-76 und leitet das Geschäft mit Paul Siebler: "Commerce de Quincaillerie, Place Gutenberg 2, Strasbourg.." Der Laden bleibt im Besitz der Kompanie bis zu deren Auflösung 1895, dann werden die Sieblers Eigentümer und private Unternehmer. Dem Weltkrieg folgte nach 1918 die Trennung des Elsaß vom Deutschen Reich, damit verlor unsere Familie all ihren Besitz - wer nicht Franzose wurde, wurde enteignet und mußte das Land verlassen. 1944 fallen Bomben des 2. Weltkriegs auf den "Schwobelade", unter den Trümmern begraben liegt der Enkel Johann Sieblers, der das Geschäft nach der Annexion des Elsaß zurückgekauft hatte.






Die wichtigste und belastendste Bestimmung war bei allen Schwarzwälder Glasträgerkompanien das Verbot, die Familie mit auf den Handelsplatz zu nehmen. Die Frauen lebten mit den Kindern in der Heimat im Schwarzwald, fast das ganze Jahr allein, Kontakte mit den Männern im Elsaß waren nur wenig möglich in einer Zeit, in der es noch kein Telefon, Fax oder elektronische Post gab. Nur einmal im Jahr kamen die Männer für wenige Wochen zur Abrechnung nach Hause nach Lenzkirch. Ihre Familien lebten wie sie selbst: arbeitsam, einfach, sparsam und bescheiden, dabei in Tradition und Glauben verwurzelt. Die Frauen mußten allein die Kinder erziehen, die kleine Landwirtschaft betreiben, den Haushalt führen.

So hart und einschneidend die Trennung war, sie gab den Zusammenhalt und sie sorgte für Aufschwung der Schwarzwaldgemeinden. Trotz der langen Trennung blieben sich die Ehepartner meiner Familie treu: die Männer widerstanden den Verlockungen attraktiver und anziehender Frauen in der Stadt, wo der Handelsplatz war. Die Frauen ließen sich nicht verführen von Männern in ihrem Umkreis. Das ganze Jahr konnten sich die Partner freuen auf das Wiedersehen, bis die Gesellschafter genug an Ertrag gespart hatten, um sich früh zurückzuziehen. Den Lebensabend verbrachten die Träger dann gerne in der Heimat, in Lenzkirch-Kappel. Ihre Häuser dort paßten sich im Lauf der Zeit der veränderten Einkommenslage an.

Johann Bleylers Bruder Paul, auch Elsaßträger (1784-1849), heiratet die Schwägerin, Marie (1788-1864). Das Paar hat 9 Kinder, die zwischen 1812-24 geboren werden. Nach dem Tod Pauls 1849 wird es schwer für die Familie. Meine Lenzkircher Vorfahren hatten durch ihre Handelstätigkeit in Frankreich seit 1789 Freiheitsvorstellungen kennengelernt. Sie wünschten die Nationale Einheit, mit der die innerdeutschen, lästigen Zölle fallen würden und Freihandel möglich. Deshalb vertraten sie auch die liberalen Ziele der Badischen Revolution von 1848, Hecker kam mit seinem Zug vom Bodensee durch Lenzkirch und hielt eine zündende Rede im Gasthof Rößle - dort fand man vor Jahrzehnten bei einer Renovation die schwarzrotgoldene Fahne eingemauert.

So mußte Lenzkirch auch die Folgen seiner revolutionären Gesinnung erdulden: Einquartierung der siegreichen preußischen Truppen, Gefängnisstrafen und Verarmung durch Kriegslasten und Hungersnöte nach Kartoffelmißernten. Die Bevölkerung war hoch verschuldet, besitzloses Landproletariat entstand. Marie sieht keinen anderen Ausweg als die Auswanderung nach Amerika, dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Sie wird begleitet von ihren Kindern Peter und Magdalena mit Ehemann Ganter. In Bennington, USA beginnen sie ihr neues Leben.

Pauls Sohn Melchior bleibt am Platz Straßburg 1840-78, später ist er Gesellschafter der Hausuhrenfabrik in Neustadt. Seine Frau Maria Agathe, geb. Ganter zieht nach seinem Tod nach Waldshut, wohin ihn die Familie 1912 überführen läßt. Melchiors Tochter Maria Elisabeth heitatet in Waldshut den Maschinenfabrikanten Adolf Dietsche.

Erst nach 1850 waren die Umsätze in den Handelsplätzen so gut, daß der Wunsch der Familien nach einer besseren Schulbildung der Kinder und nach einem bequemeren Leben ohne Trennung immer stärker wurde. Das Verbot, die Familie nachkommen zu lassen, wurde bei der Elsässer Kompanie 1874 aufgehoben. Ab 1886 konnte jeder Gesellschafter für sich und seine Familie eine Wohnung im Geschäftshaus beanspruchen, der Gesellschafter hatte sogar dort freie Verpflegung. Die Frauen folgten mit den Kindern den Männern. Zunächst ermöglichte es der erreichte Wohlstand, die alten Wohnsitze in Lenzkirch und Umgebung als Ferienhäuser beizubehalten. Mit der Bindung an die alten Traditionen und die Heimat zerbrach jedoch auch der Familien - Zusammenhalt.

Nur der Erstgeborene meines Urgroßvaters Eugen, Karl Heinrich (1851-1938) wurde noch Elsaßträger, seine Frau Elisabeth, geb. Haid kam aus Hechingen, nicht mehr aus Lenzkirch oder Kappel. Sie folgte ihm zu den Handesplätzen im Elsaß: In Straßburg wurde Sohn Franz Albert geboren, Karl Julius und Ludwig in Metz.

Andere Söhne meines Urgroßvaters - 8 Kinder hatte er - traten in den Kapuzinerorden ein. Mein Großvater Albert (1858-34) unterstützte als Jurist in Altkirch/Elsaß die Geschäfte der Kompanie. Von meiner Oma, Weinhändlertochter aus Montabaur, weiß ich, daß er alle technischen Neuerungen für ihren Haushalt in Altkirch kaufte: elektrische Rührmaschinen, Höhensonnen, Massagegeräte, Spezialkochtöpfe.. 1918 mußte mein Großvater mit der ganzen Familie (von 8 Kindern waren zwei früh gestorben)das Elsaß verlassen. Als Justizrat fand er in Freiburg eine Stelle. Mein Vater Eugen wurde, wie alle Geschwister, im Elsaß geboren und wurde als sechzehn jähriger Kriegsfreiwilliger im 1. Weltkrieg schwer verletzt. In einem Jahr mußte er die Oberstufe nachholen und das Abitur ablegen. Als Werkstudent studierte er Jura- der Vater konnte ihn nicht finanziell unterstützen, denn alle Habe war verloren. Mein Vater wurde in Freiburg Amtsgerichtsdirektor. Wenn wir mit unserem Auto, einem Adler Thriumph Junior um 1950 ins Elsaß fuhren, konnte ich wenig verstehen, wenn er sich dort "elsässisch" unterhielt.

Onkel Karl, Sohn des Elsaßträgers Karl-Heinrich aus Metz, erging es besser: die Familie hatte in Freiburg ein Haus in der Goethestraße in den Gründerjahren Ende des 19.Jh erbaut und verfügte über viel Aktienkapital. Karl konnte sich deshalb in London als Sänger ausbilden lassen, er blieb kinderlos und lebte als "Privatier". Nach dem Tod seiner Frau hatte er verfügt, daß nur die Nachkommen mit dem Namen Bleyler sein nicht unbeträchtliches Erbe antreten sollten - damit es in der Familie bliebe.

Dominik,(1812-96) mein Uronkel, trat schon früh in die Gesellschaft der Elsaßträger ein, wie sein Bruder Eugen (mein Urgroßvater, 1816-92), sein Vater Johann Baptist und die Vorfahren. Auch er war wie sie alle von Beruf Glashändler. Dominik heiratete in erster Ehe Maria Knöpfle - eine schöne, zarte und gebildete Frau, deren Vater aus Neustadt stammte und in London ein Uhrengeschäft besaß und sie dort ausbilden ließ. Aus London hatten wir in meinem Elternhaus eine schöne Uhr mit Westminsterschlag. Mir liegen noch Briefe von Dominik vor aus der Zeit seiner Brautwerbung an "Jungfer Maria Knöpfle", sie war damals im Rößle in Hinterzarten. Ihr Vater schenkte dem Paar den Bauplatz Am Reichenbach in Neustadt. Leider starb Maria früh, auch ihr Töchterchen, im Straßburger Internat erzogen, starb schon mit 13 Jahren . Nach dem 12 Jahren Trauerzeit heiratet Dominik noch einmal: Pauline Wehrle aus dem Ochsen in Triberg.. Er schrieb in einer schönen, klaren, feinen Schrift, ein großer, schlanker, gut aussehender und temperamentvoller Mann. Durch Herrn Kegel aus Neustadt erhielt ich Briefe und Abrechnungen der Gesellschaft. Dominik war ein "Workoholic", der von morgens 6 Uhr bis abends 8 Uhr tätig war - nach 1876 lebte er in Neustadt, wo er für die Gesellschaft Fürderer & Co.die Hausuhrenfabrik baute und bis 1888 leitete. Später wurde auf diesem Gelände die Schraubenfabrik von Otto Goetz betrieben. In der Firma Fürderer & Co. waren auch der Bruder Dominiks, mein Urgroßvater Eugen (1816-92) und mein Verwandter Melchior Bleyler Gesellschafter. Diese Handelsgesellschaft führte die alte Elsaßträger-Kompanie, die 1895 aufgelöst wurde, fort und hatte Niederlassungen in Neustadt (Fürderer, Jägler & Co.), Basel, Mühlhausen, Colmar, Schlettstadt, Straßburg, Zabern, Hagenau und Metz. Um konkurrenzfähig zu sein und zu bleiben auf dem harten Markt der Uhrenfabrikation mußten sich meine Vorfahren und ihre Gesellschafter neue Marktstrategien einfallen lassen. Sie produzierten nicht nur Uhren , sondern auch das Rohmaterial, Schrauben .1846 wurde die Drahtzieherei Falkau gekauft und umgewandelt zur Uhren-Zulieferfabrik mit eigener Schraubenproduktion. Ab 1870 wurde sie zur Aktiengesellschaft, 100-200 Arbeiter fanden einen Broterwerb.. Privates modernes Unternehmertum trat an die Stelle der alten Glasträger-Kompanien bis zum Ende des 1. Weltkriegs. 1918 löste sich das Elsaß vom Deutschen Reich. Das Werk meiner Vorfahren, der Bleyler, Kohler, Siebler, Fürderer lebte nur noch in einzelnen Stiftungen weiter..

Trotz günstigen Produktionsbedingungen konnte die Uhrenfabrik in Neustadt dem ausländischen Billigangebot nicht standhalten. Sie hörte 1892 zu bestehen auf. Die Altersversorgungskasse der Fabrik hinterließ jedoch ein Vermögen für alte Arbeiter und Arbeiterinnen, aus dem sie jährlich 2x eine Auszahlung erhielten.

Aus ehemals einfachen Hausierern mit Glaswaren im 18. Jahrhundert, die ihre Waren auf dem Rücken trugen, sind durch Fleiß, Sparsamkeit und Verzicht wohlhabende Handelsherren im 19. Jh. geworden. Sie haben ihrer Heimat im Schwarzwald damals zu Reichtum verholfen und boten den Menschen oben im Schwarzwald Möglichkeiten zu einem Broterwerb. An ihren Handelsplätzen im Elsaß waren sie willkommen, haben einen guten Namen gehabt und zur Deutsch-Französischen Freundschaft beigetragen. Sie halfen, Grenzen zu überwinden. Ihre Gesellschaft bestand durch familiäre und wirtschaftliche Bindungen über 250 Jahre. Lernbereitschaft, Bescheidenheit, Offenheit, Tatkraft und innovatives Denken befähigte sie, Wandlungen der Zeit zu erkennen und danach zu handeln. Durch den Verzicht auf das Trennungsgebot 1874 endete der Zusammenhalt in der Heimat, danach auch die Gesellschaft. Privates Unternehmertum ersetzte die alte Elsässer Kompanie Im 20.Jahrhundert - nach zwei Weltkriegen - bleibt nichts von den großen Geschäftsunternehmen als die Erinnerung.

Monika Schacherer-Bleyler, 29.9.2000

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