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Briefe 1907-08

- Kaiserliche Marine -

- Band 94 -

 in der maritimen gelben Buchreihe

Georg Wilhelm Franck

- Band 94 -

Briefe von Bord aus Ostasien 1907-1908 Kaiserlicher Marineoffizier Willi Franck: Band 94 in der maritimen gelben Buchreihe bei

als Printbuch bei amazon unter ISBN 978-1542971409

Das Deutsche Kaiserreich war im geschwächten China der Jahrhundertwende gemeinsam mit anderen europäischen Mächten mit der kaiserlichen Marine präsent. Willi Franck versah als 1. Offizier auf dem Kanonenboot "TIGER" seinen Dienst. Über den Yangtsekiang unternahm man Reisen tief ins Innere Chinas, nach des Kaisers Musterkolonie Tsingtau und nach Japan.  Darüber berichtet er seinen Eltern in Pinneberg in vielen Briefen.  Diese in der „Deutschen Kurrentschrift“ geschriebenen Briefe wurden vom Enkel des Autors, Burkhart Franck, transkribiert und digitalisiert. Sie enthalten sehr interessante Schilderungen aus der noch heilen „guten alten Zeit“ vor dem Weltenbrand des alles Hergebrachte brutal zerstörenden großen Krieges, den die europäischen Großmächte so leichtfertig mit verheerenden Folgen für Deutschland und ganz Europa vom Zaune brachen.

5-Sterne-Rezensionen für das Printbuch bei amazon:
Das Buch ist ein faszinierendes Stück Kultur- und Mentalitätsgeschichte aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg, als Deutschland noch eine Weltmacht war. Damals hatte Deutschland noch eine ernstzunehmende Marine und die Marineoffiziere waren angesehene Angehörige der gesellschaftlichen Elite. In den Briefen von Marineoffizier Willi Franck aus den Jahren 1907 - 1908 spiegelt sich diese Zeit, die manchmal auch als erste Welle der Globalisierung bezeichnet wird, auf reizvolle Weise. Kurz: Es lohnt sich!

Maritime Lesefreude pur mit Erkenntnisgewinn Von Ingo Vormann am 16. Juli 2017

Das Buch stellt eine hochinteressante Zeitreise dar, die nicht nur Marineinteressierten viel Lesefreude und Erkenntnisgewinn bietet. In den über 100 Jahre alten Brief-Plaudereien des Kapitänleutnants und Ersten Offiziers SMS Tiger, Willi Franck, mit seiner Familie in Pinneberg stecken immer wieder erstaunliche Aussagen und Einzelheiten, die Bezug bis in die heutige Zeit haben. So spricht Willi Franck aus China kaum von Deutschland, sondern meist von Europa. Ein Hinweis auf die damalige europäische Verbundenheit und Sichtweise vor Ort in der Ferne. Spannend und lehrreich wird es, wenn Willi Franck – Diskretion erbittend - über die Verhältnisse an Bord und sein schwieriges Verhältnis zu seinem Kommandanten spricht: Führung und besonders Menschenführung sind eben Tagesgeschäft und wichtige Aufgabe in einer jeden Marine. Auch der Bordalltag zeigt Parallelen zu heute und hat bisweilen seine Tücken, wenn es z.B. nach dem Pönen zu regnen beginnt. Irgendwie bekannt mutet auch die Schilderung Chinas als Land an, in dem einige Mächtige eine Gewaltherrschaft ausüben und die Übrigen sich das gefallen lassen. Franck berichtet auch über riesige Hochwasser- und Sturmkatastrophen mit Tausenden von Toten und von japanischer Wirtschaftspionage. Aber auch Heiteres hat seinen Platz, wenn nämlich vier Chinesen nicht mit vier, sondern mit ihren 12 Ehefrauen zum Kaffee an Bord kommen und die Messekapazitäten sprengen. Dieser seltene Einblick in deutsche Kolonial- und Marinegeschichte sowie chinesische Kulturgeschichte ist gerade auch wegen seiner Briefform sehr gut – auch mit Unterbrechungen –lesbar, informativ und unterhaltsam. Dazu tragen auch die sehr nützlichen Fußnoten mit ihren Erläuterungen und die zahlreichen Fotos sowie Karten und Skizzen bei.


als ebook im ePupb- und kindle-Format unter ISBN: 978-3-7427-8348-6

Briefe von Bord – 1907-08 - Kaiserlicher Marineoffizier Willi Franck

Inhalt des Bandes 94:

Anmerkungen des Enkels Burkhart Franck 

Vorwort der Tochter Brigitte Claussen geb. Franck 

Lebensstationen des Willi Franck 

Bild Willi Franck mit Offizieren des SMS TIGER– 1907 

Briefe 1907 – 1908 aus Ostasien:

Schanghai                                                           27.03. – 13.05.1907

Yangtse-Fahrt                                                      14.05. – 01.06.1907

Schanghai                                                           02.06. – 05.07.1907

Yangtse-Fahrt                                                      08.07. – 31.07.1907

Fahrt nach Hongkong                                          05.08. – 01.10.1907

Nagasaki                                                             09.10. – 26.10.1907

Port Arthur                                                          27.10. – 14.11.1907

Tsingtau und Lauschan                                       15.11. – 30.12.1907

Fahrt nach Hongkong                                          02.01. – 13.02.1908

Yangtse-Fahrt                                                      01.03. – 31.05.1908

Tsingtau und Schanghai                                      01.06. – 01.07.1908

Yangtse-Fahrt                                                      03.07. – 03.09.1908

Nagasaki                                                             05.09. – 15.09.1908

Abschied und Heimfahrt                                     28.09. – 16.10.1908

Kleiner Kreuzer SMS „ARIADNE“ 

Leseprobe:

Shanghai, den 27. III. 1907

Liebe Eltern!

Seit heute beginnt für uns die ruhige Liegezeit in Shanghai; wir sind zu den Osterfeiertagen von unseren Schießübungen auf dem Yangtse hierher zurückgekehrt und bleiben wenigstens bis ca. 5. Mai, hoffentlich bis Ende Mai hier.  Das Schiff hat Erholung gut nötig, die ewige Fahrerei bringt viel Schmutz an Bord und manche Schäden zum Vorschein.  In 4 Wochen stehen wir vor der Jahresbesichtigung, da muß bekanntlich nicht nur die Mannschaft sondern auch das Schiff tiptop in Ordnung sein; da wirds noch allerhand zu thun geben, was bisher aufgeschoben wurde, und wenn nach Ostern die Briefe spärlicher fließen oder aufhören, so haltet es diesem zugute.

Es waren schlechte Tage in dieser Woche, Wind und Regen, dem Schießen nicht günstig.  Gestern endlich kam ein besserer Tag, der bis spät in die Nacht ausgenutzt wurde; zur Belohnung konnten wir heute nach Shanghai zurück, nachdem mir allerdings das Anbordnehmen unserer selbst gebauten Scheibe reichlich Schwierigkeiten gemacht hatte.  Umso schöner, wenn man´s hinter sich hat.

Neulich schrieb mir jemand aus Kiel, sie entbehre doch wohl das gesellschaftliche Leben Berlins; das sollte mir Leid thun.  Jetzt hat sie´s in mancher Hinsicht ja noch gut, aber wenn die Kommandierungen kommen! (Bei Euch sind sie ja schon da und schon in Kraft.)  Wie steht es denn damit?  Auch darüber schwirren hier verschiedene Gerüchte aus Kiel.  Ja, wenn dieser Brief Euch erreicht, ist nun wirklich schon ein Jahr seit meiner Ausfahrt verflogen!  Ob das 2. ebenso interessant werden wird? – Eben wird nochmal Post gemeldet, französische; ich dachte ich hätte sie schon; ich habe wirklich noch zu viel zu beantworten.  Wirklich.

Tante Emma und Tante Wanda schreiben.  Man freut sich über die vielen guten Nachrichten, dann aber verzweifelt man fast an der Möglichkeit allen rechtzeitig zu antworten.  Hier ist nun die eigenartigste Postverbindung die man sich denken kann: englische, französische, deutsche, amerikanische Postdampfer und nun noch die russische Bahn, die von hier alle Woche und in 21-23 Tagen befördert.  Die Hofpost geht nur mit den drei erstgenannten Dampferlinien [1].

Ich will nun noch an der Hand Eures Briefes ein wenig weiter plaudern.  Zunächst die Vergleichskarten; ich wußte, daß beide mit demselben Dampfer gehen würden, wollte nur gern wissen, ob der Umweg über Berlin viel ausmacht; also ½ Tag.

Ja, und dann die Wahlen!  Auch hier draußen hat man sie natürlich mit großem Interesse erwartet und verfolgt.  Ob das Centrum sich innerlich doch nicht auch einen Knacks dabei geholt hat?  Den Pbgern gratuliere ich zum Wahlergebnis .

Vielen Dank für die Theelöffel!  Ich muß mich demnächst wohl in die nächst höhere Steuerklasse einschätzen, werde bei und bei Krösus-Nachfg.  Südwestafrikabuch v. Frenssen ist bisher nicht eingetroffen.  Ich kann es hier an Bord bekommen (geliehen); schreibe dies zur Kontrolle für Vater und event., um es mir zuhause aufzubewahren.

Dienstlich und meßlich bin ich z. Zt. zufrieden, wenns Schiff nur besser instand wäre!  Der Kommandant ist zwar nicht ganz mein Gusto – ich schreibe das nur, damit Ihr nicht denkt, ich wolle aus irgendwelchen Gründen nicht davon sprechen – er ist mir zu einseitig materiell; ein großer Teil seiner Gedanken dreht sich um die Verpflegung, und er setzt bei anderen Menschen das gleiche Interesse ziemlich rücksichtslos voraus.  Er ist allerdings in Punkto Geschmack und Magen äußerst empfindlich, war letzter Zeit infolgedessen wenig gut aufgelegt, jetzt aber in der Besserung.  Das Auslandskommando und Seereisen insbesondere sind ihm ein Greuel; auch hierin oktroyiert er anderen seine Meinung rücksichtslos auf.  Für Dienst und Schiff hat er wenig Interesse, mischt sich in den Dienst des I. O. auch wenig ein was an sich ja angenehm, im Übermaß aber auch erschlaffend wirkt.  Auf Alle Menschen schimpft er; wenn der Ausdruck erlaubt ist, dann ist er´s hier; dabei meint er es nicht böse, ist vielmehr gutmütig.  Er hofft in 1½ oder 1 Jahr abgelöst zu werden; mir wäre ein 3. Kommandant kein Vergnügen.

Die Messe hat sich z. Zt. besser gefügt, ich glaube, daß der Rest des Jahres ohne Mistöne verlaufen wird, denn es handelt sich bei allen Differenzen nur um Messemitglieder, die schon vor meiner Zeit hier waren.  Der neuere Teil ist leichter zu behandeln und im Ganzen freue ich mich deshalb auf die Ablösung der alten.

Der Brief wird frühestens übermorgen abgehen; ich schließe heute provisorisch mit herzlichem Gruß!

P.S. Meine Halsmandeln sind etwas geschwollen; ob´s die routinemäßige Entzündung wird?  Wißt Ihr noch, Weihnacht vor einem Jahr?

W.

1.4.1907

Durch Versehen der Postordonnanz erreichte der Brief die russische Post nicht mehr; so schicke ich ihn heute durch Hofpost.  Inzwischen ist in Brief mit eingelegten Schwestern-Briefen eingetroffen; herzlichen Dank!  Hier, abgesehen von Ostern, nichts Neues, mir geht´s gut.  Eine von mir erwartete Mandelentzündung hat sich wieder verzogen.  Es ist prachtvolles Osterwetter geworden.  Heute Mittag zum Frühstück habe ich mich bei Michelans angesagt.  Beste Grüße!  Ganz besonders Euch selber.

Euer Willi

 Shanghai, den 25. IV. 1907

Liebes Mütterlein!

Nochmals will ich über Sibirien schreiben, vielleicht kommt dieser angekündigte Brief noch richtig zum Geburtstag an.

Mir also geht es gut, ich kann nicht klagen, es sei denn über den Kommandanten, dessen Interessen mir unverständlich und schrecklich sind.  Aber damit finde ich mich ab; nur, wenn er mich holen läßt, um mir von seinen Gedanken zu erzählen, das wird mir sauer; er ist so verdrießlich und unzufrieden, nichts ist ihm recht.  Es muß wohl auch solche Menschen geben.  Ist die Besichtigung, Anfang Mai, gut, so werde ich im nächsten Jahr nichts auszustehen haben.  Ist sie´s nicht, so wird es oft verquast sein.  Doch darum lasse ich mir keine Kopfschmerzen wachsen und Ihr sollt´s auch nicht, dies soll Dir doch ein fröhlicher Geburtstagsbrief werden; also will ich ein wenig berichten.

Wir haben eine ruhige Zeit hier, ich freue mich das Schiff endlich mal in Ordnung zu bekommen, nicht nur die großen Reparaturen wie damals in Tsingtau, alles bis ins Kleinste wird jetzt in Angriff genommen; leider war mir heut das Wetter nicht günstig; es fing meinem Hoffen entgegen, an zu regnen und die frische Farbe lief in langen Streifen herunter, selber zerstört und auch die schon trockene Farbe beschmutzend; es ist nicht ganz schlimm geworden, aber doch ärgerlich genug.  Man kann sich als Seemann auch eine Vorstellung machen, wie sehnsüchtig oder besorgt der Landmann manchmal zum Himmel hinaufschauen mag.

Shanghai ist für hier draußen die Großstadt, in Wirklichkeit ist es gesellschaftlich beschränkt, ziemlich viel Wohlleben, viel Kliquenwesen und Klatscherei.  D. h. dabei spreche ich von den Deutschen hier, die uns gegenüber sehr liebenswürdig sind, nicht aufdringlich wie z. B. in Bangkok, und doch gastfrei.  Auch unter den jüngeren Kaufleuten trifft man einige recht nette Menschen.  Michelans spielen eine Hauptrolle, würden es wohl noch mehr thun, wenn er mit seiner Person etwas mehr darstellte.  Sie soll zu Hause ein strenges Regiment führen; sagt man; das könnte wohl nur nützlich sein.  Man sagt hier, Michelan würde bald nach Hongkong versetzt werden; das scheint mir, würde keine Verbesserung sein, wenngleich auch keine Zurücksetzung.  Doch das ist nur Gerücht und Fama hat bekanntlich eine leichtfertige Zunge.

Ich habe ein paarmal eine gemütliche Stunden bei M´s verbracht, werde auch morgen dort Abendbrot essen.  Paula M. ist riesig liebenswürdig, vergnügt und eine rührende Mutter für ihre Tochter; etwas zart und angegriffen ist sie, fast schlank.  Vor einiger Zeit stellte uns Michelan das Dampfboot für eine Partie flußaufwärts mit unserer Besatzung zur Verfügung, es war eine lustige Partie, von der Ihr bald ein paar Photographien sehen werdet.  Kurz vorher hatte es in der Nähe der Lagerschuppen von Melchers – das ist Michelans Firma [6] – gebrannt, ein Riesenfeuer, das wohl 500 – 1.000 Chinesenhäuser zerstörte; da hatten wir unsere Mannschaften hingeschickt und Löschen geholfen.  Der Dank waren 2 Kisten Bier und die Bootspartie.  Auch eine Bootspartie in die Pfirsich-Blüte bei der Pagode, etwa Eurer Liebe zur Kirschblütenzeit entsprechend, machte ich mit Michelans; es ist wirklich reizend, überhaupt Shanghais Umgegend, sauber und wenigstens im Frühling, wo jetzt alles eben grün geworden ist und bleibt, anmutig und erfrischend.

Der jetzige Generalkonsul v. Buri war 1901 in Melbourne; wir haben alte Erinnerungen ausgetauscht; sonst, ohne solche Anknüpfungspunkte, ist er liebenswürdig, aber zugleich diplomatisch steif und langweilig, auch schon etwas alt.  Dabei hat er eine unglaublich lebenslustige und lebhafte, noch ziemlich junge Frau, die riesigen Betrieb macht.  Die „WILMINGTON“, unsere Freunde von Canton, sind auch wieder hier; gestern waren wir zum Ball dort an Bord; eine ganze Anzahl hübscher junger Amerikanerinnen waren da.

Ja, nun für heute Schluß, ob ich morgen noch zu weiterem Schreiben komme weiß ich noch nicht, also lebt wohl!  Wenn Ihr dies lest, ist die Hälfte meiner Auslandszeit herum; heute übers Jahr fährt unsere Ablösung aus Bremerhaven ab.  Wir werden dies Jahr wohl in Tsingtau zur Ablösung sein, vielleicht auch in Hongkong.  Dort bekommen wir unser neues Naphtaboot .

Mein Crewkamerad v. Goessel wird krankheitshalber als I. O. des „JAGUAR“ abgelöst.

Nun aber wirklich Schluß!  Ich schicke nächstens in Yachtklubbüchern Photographien.  Bitte auch die Briefe aufbewahren.

Nochmals viele Glückwünsche!

Dein Willi

Leseprobe:

27. September 1907

Hongkong

L. E.,

Nachdem wir endlich Antwort aus Pakhoi haben, werden wir morgen nach Amoy, Wusung u. Nagasaki in See gehen.  Hoffentlich bleibt das Wetter schön; nur etwas heiß ist´s bisweilen noch.  Weddingen hat uns gestern verlassen.

W.

Nagasaki 13.10.1907

S.M.S. „TIGER“

Liebe Eltern,

Ich möchte heute abend ein wenig länger mit Euch plaudern; es ist Sonntag abend, wir haben eine Picknick-Partie hinter uns, die Italiener vom „VESUVIO“ sind zum Teil noch in der Messe und sehr lebhaft.  Deshalb und wegen meiner Spaziergangsmüdigkeit weiß ich nicht, ob ich mit meiner Epistel fertig werde und sie mit der Post morgen abschicken können werde.  Daß die ganze Briefpost jetzt über Sibirien geleitet wird, schrieb ich wohl schon; nur Zeitungen gehen über Port Said.  Hier gehen die Posten freitags von Shanghai ab, mittwochs kommen sie an.  Wann sie bei Euch abgehen, könnt Ihr, wenn Ihr wollt, ja leicht (nötigenfalls beim Marine-Postbüro) erfahren.  Die Dauer von Shanghai soll 21 Tage betragen; von Shanghai nach Hongkong dauerts weitere 3 – 4 Tage, nach Tsingtau 4 – 5 Tage (weil kein sofortiger Anschluß ist).  Das sind ja die Hauptorte für uns; nach allen anderen größeren Orten  ist ziemlich gute Postverbindung, die Ihr, wenns interessiert, ungefähr ja taxieren könnt.

Mein letzter Brief war ja wohl aus Hongkong; wir haben seitdem uns nach dem Norden verzogen und hier in Nagasaki wundervolle Temperatur.  In Hongkong haben wir nochmals vergeblich, eigentlich sogar hoffnungslos, die „SÜLLBERG“ gesucht; das zweite Mal gings die Küste entlang in Richtung auf die Hainan-Strasse bis St. John´s Island.  Die Firma, für die der Dampfer fuhr, war reichlich unverfroren in seinen Anforderungen an uns, vor allem aber in seinem Gerede, das er hinterher in die Welt setzte: der „TIGER“ sei zu spät hinausgegangen und habe zu wenig abgesucht; später noch: es sei wünschenswert, daß die Kriegsschiffe selbständig, d. h. ohne Zustimmung des Admirals, in solchen Fällen handeln könnten.  Die beiden ersten Behauptungen sind eine freche Undankbarkeit (die sich übrigens auch in dem „Quittungsschreiben“ des Herrn Siebs zeigte) und ein schimmerloses Urteil über die ihm unbekannte Sachlage.  Wie kann der Mensch urteilen, wann wir auslaufen sollen, und wie wir dann verfahren sollen?  Und wie kann er dies sein Urteil öffentlich verbreiten?  Auch das letztere ist Quatsch; es zeigt mir, daß Herr S. nichts darüber weiß, was er von Kriegsschiffen verlangen oder erwarten kann, und welche Verhaltensmaßregeln sie haben.  Aber komisch!  Die Deutschen Hongkongs sind es auch, von denen behauptet wurde, sie brauchten keine deutschen Kriegsschiffe; die Engländer schützten sie genug!  Ganz richtig, aber dieses ostentativ betont, statt sich zu freuen, auch mal eine deutsche Kriegsflagge wehen zu sehen, giebt der Behauptung doch einen eigenartigen Beigeschmack!  Und wie figura zeigt, sind sie bisweilen auch mal anderer Ansicht.

Die Deutschen Hongkongs sind überhaupt zum großen Teile gesellschaftlich wenig genießbare Leute, nicht nur für uns, sondern auch für die anderen Deutschen hier draußen; auch die finden sich nicht mit den Hongkongern.  Mir kommts bisweilen vor, wie´s mit den Juden daheim entsprechend geht, so hier mit den Deutschen.  Sie wollen Engländer werden, sind als solche natürlich minderwertig, werden aber die größten, freilich auch unangenehmsten Deutschenhasser.  Bezeichnend ist schließlich auch, daß ein outsider, Herr Frikke, von den Deutschen nichts wissen will: er habe keine Bekannte unter ihnen.  Ich schreibe Euch dies so ausführlich, um es später als schriftliche Erinnerung zu haben.  Verzeiht, wenn es Euch langweilte.

Als wir Hongkong verließen hatte der Nordost-Monsun schon eingesetzt; wir haben uns redlich gegenan gequält, schön wars nicht, zumal es auch zeitweise in Strömen regnete.  Amoy liefen wir an 29/9 – 1/10, um die Akten der Südstation dort abzugeben und endgültig die Erlaubnis zu erhalten nach Nagasaki zu gehen.  Dann mußten wir auch noch Shanghai anlaufen, um v. Davidson an Bord zu nehmen, nachdem schon in Hongkong Weddingen für die Heimfahrt uns verlassen hatte.  v. D. war Fähnrich auf „FÜRST BISMARCK“, jetzt Leutnant, ein netter, ruhiger Messekamerad, wenigstens nach dem Eindruck der ersten Zeit.  Da er so groß ist wie ich, haben wir jetzt den „Messegrößen-Durchschnitt“ von 1,83 m erreicht, ein ganz stattliches Offizierkorps!

Ganz so zufrieden wie im Juni bin ich mit der Messezusammensetzung sonst doch nicht mehr, immerhin noch recht zufrieden, und die Leitung verglichen mit der im vorigen Jahr ist leicht.  Es kommt die verhältnismäßig große Jugend der meisten Offiziere zum Teil erschwerend, zum Teil erleichternd in Betracht.

In Shanghai war ich einen Tag lang mit dem Kommandanten zusammen, wir haben altbekannte Hotels und Restaurants wiederbesucht und die Stadt per Wagen durchstreift.  Michelan´s trafen und sprachen wir kurz; sie waren aus Japan zurück und wohlauf, aber anderweitig versagt, bedauerten uns nicht bei sich sehen zu können.  Es ist mir immer noch ein Stück Arbeit und Selbstverleugnung, mit dem Kommandanten herumzuziehen; aber er leidet fraglos unter dem Alleinsein sehr und ist dankbar für jede Einladung oder gesellschaftliche Inanspruchnahme.

Er macht mir den Dienst ja auch sehr leicht, freilich nur aus eigener Bequemlichkeit und Unlust.  Aber diese ewige Unzufriedenheit und Nörgelei und Quäserei, die er nicht für sich behalten kann, und durch die er auch den anderen die Freude an allem verdirbt, machen mich mürbe.  Und dann das Allheilmittel Poko, eine Art scharfer Pfefferminzessenz, die er einnimmt und ihm sicherlich den ewig verkorxten Magen verkorxen würde, wenn es noch möglich wäre, und nach dem dann stundenlang seine Umgebung auf 2 m Entfernung riecht, während ich neben ihm spazieren laufe und hören muß, wie er geschlafen hat, wie sich sein Magen verhält, was er gegessen hat, essen soll und essen möchte: das macht mich übel werden.  Ich bin froh wenn ich´s hinter mir habe und suche ihm nicht ein zweites Mal am Tage in die Finger zu fallen.  Schade!  Es könnte ja nett hier sein!

Seit Mittwoch abend 9/10 sind wir in, richtiger vor Nagasaki; denn zuerst legte man uns, als von Shanghai kommend, bis Sonnabend morgen in Quarantäne; eine ½ Stunde von der Stadt fort.  Dabei war man freilich inkonsequent genug den Offizieren, der Briefordonnanz und „wenn es dringend nötig sei“ dem chinesischen Koch den Verkehr mit Land zu gestatten, also gerade den Leuten allein, die in Shanghai an Land gewesen sind!  Die entwickeln sich zu den schönsten Bürokraten und Paragraphen-Menschen ohne Sinn und Verstand, die Japaner. 

Na, wir waren gerade zu den Odori-Festen Kunchi-Odori (Herbsttanz): traditionelle Festtage v. 7. – 9. Oktober am Suwa-Schrein seit dessen Bau 1642 mit Drachentänzen und Geschichts-Darstellungen. Zeitweise dienten die Aufführungen zum Identifizieren der sich nicht beteiligenden Christen. zurecht gekommen; wie im vorigen Jahr.

Wir nahmen denn auch eine Einladung dazu an, diesmal zum Bürgermeister.  Es war wieder ganz amüsant, Motive der Darstellungen aus der japanischen Geschichte, die Art der Aufführungen wie bei uns Kindervorstellungen, niedlich und etwas besser ausgestattet wie im Vorjahre, die Kostüme zum Teil sehr hübsch und wertvoll, besonders die Stickereien.  Bemerkenswert ist vielleicht, daß auch die Japaner in der – sagen wir Wohlanständigkeit – Fortschritte machen.  Die Kinder hatten, wie es für die Schulen allgemein angeordnet und durchgeführt ist, „Reformkimonos“ an statt der früheren einfach umgeschlagenen Kimonos solche mit Hosen!  Ob sie nun bessere Menschen werden?

Im übrigen spielte sich das Fest wie im Vorjahre ab, ich brauche es wohl nicht zu wiederholen.  Mit uns waren die Franzosen vom „D`ENTRECASTEAUX“ Geschützter Kreuzer „D´ENTRECASTEAUC“: Bj 1896, 8.123 t, 19 kn, Bes.: 521, 2 x 24 cm, 12 x 14 cm, 6 x 3,7 cm und die Italiener vom „VESUVIO“ Gäste, die beide hier im Hafen liegen

So hatten wir heute große Flaggenparade; unsere Nationalhymne, die japanische, die französische und die italienische.  Es war das erste offizielle Auftreten unserer Bordkapelle, die übrigens, obwohl so ziemlich aus dem Nichts geschaffen, jetzt schon recht gut spielt.

13/10 – Heute also hatten wir unser Picknick, d. h. vom Konsul veranstaltet, mit den Italienern und einigen Damen von Land, Engländerinnen, zusammen.  Ein längerer Spaziergang brachte uns durch die hübsche Gegend, leider durch die Damen und die Menge der Teilnehmer (21 Personen) behindert und beeinträchtigt.  Es hatte die vorhergehende Nacht in Strömen gegossen, daher wundervolle Temperatur u. Luft, aber teilweise schlechte Wege, schmutzig und steinig.  Eine junge Engländerin hatte es fertiggebracht, leichte weiße Ballschuhe und durchbrochene Strümpfe anzuziehen; sie sah ihre Eitelkeit bald gestraft.  Im übrigen war der Star des Tages eine häßliche alte Dame, die seit längeren Jahren 74 Jahre alt ist und als die beste Tänzerin keinen Ball und selten irgendein anderes Vergnügen ausläßt.  Auch heute war sie uneingeladen erschienen, redete wie ein Buch, niemand hörte zu, sie verlangt das auch nicht, rennt wie ein Bürstenbinder, oft glücklicherweise ihre eigenen Wege und war glücklich, als nach dem Picknick ein Tanz improvisiert wurde.  Jeden Tanz kennt und tanzt sie, mitunter Solo.  Das meiste läßt sie sich aus Europa kommen und schwärmt einem daraus vor.  Es muß auch wohl solche Käutze geben!

Im ganzen habe ich wenig von der Tour gehabt; die Italiener machten recht viel Lärm und schienen sich wohl dabei zu fühlen.  Ich überlege, ob ich die hübsche Partie nicht noch einmal alleine machen soll.  Jedenfalls will ich in dieser beginnenden Woche noch manche Tour hier in der Umgebung allein oder in ganz geringer Begleitung machen und verspreche mir viel Freude davon.  Hoffentlich bleibt das Wetter gut, auch schon der Mannschaft halber, die ebenso viel herumlaufen soll und auch thut; nachmittags ist dienstfrei.

Nun gute Nacht für heute; wohl noch vor meiner Abfahrt von hier werdet Ihr noch einmal über Japan hören.  Viele herzliche Grüße!

Euer Willi
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Zeitgleich weilte Oberzahlmeister Otto Schulze in Fernost:
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