Hat der Tiger Herrn Semmler gefressen?

minedition, Bargtheide/Hong Kong 2012
13,95 EUR



Takku erinnert sich, dass er als kleiner Junge schlecht sehen konnte. Niemand hatte seine Kurzsichtigkeit bemerkt. Daher hielten ihn seine Eltern und die ganze Umgebung am Ginsterweg für nicht ganz gescheit. Durch den Schleier vor seinen Augen ahnte er manchmal nur, mit wem er es gerade zu tun hatte. Er erinnert sich an Leute und Hunde. Leute schimpften mit ihm, Hunde bissen. Bis auf Hasso, der auf einem Auge blinde Schäferhund von Börmels, den Nachbarn. Takku durfte in seine Hundehütte und mit ihm aus dem Napf die Nudeln essen. Hasso war sein erster Freund.

Der zweite Freund war Cornelius. Cornelius war der Nachbarsjunge. Cornelius Mutter war sehr um ihren Sohn besorgt. Mach den Mund nicht auf, wenn ihr jetzt draußen spielt, sonst wirst du dich noch erkälten, rief sie ihm nach, wenn er Cornelius abholte.

Der dritte Freund war das Schwein von Frau Kinke. Frau Kinke war die Putzfrau. Wenn Mutter einkaufen ging, wurde Takku bei Frau Kinke abgeben. Das Schwein passte auf ihn auf. Es war klug. Es wusste über viele Dinge Bescheid, obwohl es fast nie etwas anderes gesehen hatte als den Schweinestall. Die Freundschaft währte bis zu dem Tag, als Takku den Schweinestall leer vorfand. Er lief zurück zur Haustür. Frau Kinke kam ihm mit den Worten entgegen Takku, das ist für Dich!, in der rechten Hand eine Leberwurst und in der linken eine Blutwurst. Es war ihm sofort klar: Das war sein Freund, das Schwein!

Um das Haus am Ginsterweg herum wohnten Börmels mit Hasso, dahinter Fehsts, die Eltern von Cornelius, und seine Oma, auf der anderen Seite Brauns und daneben Herr Semmler. Justus, der Vater, mochte Herrn Semmler nicht, denn der war ein alter Nazi. Auf der Straßenseite gegenüber lebten Familien von Soldaten und daneben englische Offiziere.

Takku hatte eine Stoffkatze, Mimi Appelkuss, die er sehr liebte. Leider litt sie an der Schwindsucht, denn sie verlor ihre Holzwolle-Füllung. Von Zeit zu Zeit wurde sie operiert und mit Schaumgummi gestopft. Das hielt aber ihren weiteren Verfall nicht auf. Irgendwann hatte Takku die Katze verloren. Sie wurde ein Jahr später im Kompost wieder gefunden, steifgefroren.

Jeden Abend zeichnete Takku mit seinem Vater.Justus, malst Du mir einen schönen Unfall?

Es gab noch jemand, der sehr wichtig war: Freund Tiger, ein gewaltiger sibirischer Tiger, der Takku beschützte und ständig begleitete. Der Tiger kam aus Leipzig und wohnte dort im Zoo. Takku lernte ihn kennen, als er mit Justus die Großeltern in der „Ostzone“, wie es damals hieß, besuchte. Es war Liebe auf den ersten Blick! Ohne dass sein Vater oder die Wärter des Zoos es bemerkten, brach der Tiger aus dem Käfig aus und begleitete die beiden Zoobesucher bis zum Haus der Großeltern.



Den Grenzpolizisten, die auf der Rückfahrt in der Eisenbahn die Koffer durchsuchten, drohte der Junge, sein Freund, der Tiger, werde sie fressen! Justus wurde kreidebleich vor Schreck! Die Strenge der Grenz-Polizisten war gefürchtet. Die aber lachten über Takkus Drohung.

Takku konnte seinen Freund Tiger in einer alten Fabrik um die Ecke besuchen. Der Tiger hatte drei Köchinnen angestellt, die ihnen Spaghetti mit Tomatensoße kochten: Lange Spaghetti, die nicht zerbrochen wurden, bevor sie in den Kochtopf kamen! Der Tiger fraß nur ab und zu Leute und auch nur welche, die Takku nicht leiden konnte. Am liebsten aßen die beiden Nudeln mit Tomatensoße.


Wenn sein Vater Justus morgens zur Arbeit fuhr, lief Takku zum Auto und wünschte ihm, dass er keinen Unfall mache und schön zeichne. Justus fuhr in die Hochschule. Hochschule hieß es, weil das Büro in einem Hochhaus war. Das Auto war ein blauer Käfer. Wenn Takku darin mitgenommen wurde, war sein Platz hinter der Rückbank, so dass sich der Tiger auf dem Rücksitz ausstrecken konnte. Es riecht hier wie im Raubtierhaus! Wenn die Mutter geahnt hätte, wer da roch!

Hinter den Soldatenhäusern lag die Wiese, ein Brachland, auf dem Takku, Cornelius und der Tiger spielten, Buden und Fallen bauten. DieWiese war aufregender als der Sandkasten. Auf der Wiese wohnten Indianerstämme, und es zogen Herden von Bisons vorbei. Dort lagen vergrabene Schätze. Räuber trieben sich herum. Cornelius musste den Räuber spielen. Freund Tiger räkelte sich im Schatten. Keine Angst, er hatte keinen Appetit auf Cornelius, er war noch satt von den Nudeln, die ihm die drei Köchinnen gekocht hatten.

Die Wiese konnte sich in einen sturmgepeitschten Ozean verwandeln, auf dem ihr Piratenschiff an noch nie betretene Küsten geworfen wurde. Hier waren sie Robinson, Freitag und der Tiger. Und der Tiger schützte sie vor den Menschenfressern, indem er sie selber frass.

Eines Tages war Herr Semmler verschwunden. Spurlos, ohne Abschied. Hat der Tiger Herrn Semmler gefressen?

Kurz bevor Takku in die Schule kam, entdeckten die Eltern seine Kurzsichtigkeit. Er bekam eine Brille. Mit der konnte er den Tiger nicht mehr sehen. Für gescheit halten ihn manche heute noch nicht.
Hasso








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