Als ich noch ein Tangojüngling war

RUDOLF LORENZEN: Als ich noch ein Tangojüngling war. Aus: Heinrich Himmler und die Liebe zum Swing 

Damals trug ich Lackschuhe und weiße Kragen schon am Vormittag. Das lange, pomadige Haar lag mir glatt am Kopf, in der Mitte gescheitelt. Dazu übte ich einen müden Blick aus halbgeschlossenen Augen, so als lohne es sich nicht, in den Tag zu sehen. Den Kopf leicht geneigt, begegnete ich einer rohen Welt, die mich "Tangojüngling" nannte. Tangojünglinge, zu meiner Zeit, waren geschmäht. Den Ton gaben andere an, kurzbehoste und singende Jungen, die in Reihen marschierten. Ihr Zuhause war der Sportplatz. Doch meine Welt war nicht das Draußen, sondern das Drinnen, meine Zeit nicht der Tag, sondern der Abend. Ich war ein Kaufmannslehrling, aber nach Büroschluß wurde ich eine Blume der Nacht. In einem Tanzclub saßen wir zusammen, rauchten viel und tanzten wenig. Doch dann bevorzugten wir Slowfox und English-Waltz. Tango war schon zu rustikal - so dekadent waren wir. Eigentlich trugen wir unseren Namen zu Unrecht. Wenn ich mich gelegentlich bequemte, eine der jungen Damen aufzufordern, legte ich etwas in meinen Blick, als würde ich für den Tanz bezahlt. Bei langgezogenen Schritten blickte ich über die Schulter der Dame irgendwohin ins Nichts. Hatte ich einige Male getanzt und meine zwanzig Zigaretten geraucht, verließ ich den Club mit über die Schulter gelegtem fliegendem Mantel, so als erwarte mich vor der Tür mein Wagen, und begab mich in eine Bar. Der Bardame gab ich die Hand. Es war eine Ehre, recht viele solcher Damen zu kennen, und wenn jemand morgens in der Handelsschule sagte: „Lizzy ist jetzt im 'Regina'“, so war das eine größere Sensation, als hätte jemand gesagt: „Gestern hat der Führer die Tschechoslowakei erobert." In der Bar tat ich mich nicht mit großen Gebärden hervor, ein Herr wie ich trat leise auf. Ich hatte meinen festen Platz am äußersten Ende der Bar. Dort saß ich auf dem Hocker, den Rücken müde an die Wand gelehnt, und sagte nur leise: "Bitte, Lizzy, wie immer." Es war schön, wenn die Bardame noch wußte, was ich vor einer Woche getrunken hatte. Ich nippte an meinem Cocktail und machte ein Gesicht, als sei es eine Zumutung, hier den Abend verbringen zu müssen. Ich spielte den Einzelgänger, dem die Frauen langweilig geworden waren und der es vorzog, die Einsamkeit an der Bar als das kleinere Übel zu wählen. Ich spielte den jungen Mann mit Geld, der nicht mehr verzehrte, weil die Getränke dieser Bar so miserabel waren, und ich spielte den Turniertänzer, der niemals tanzte, weil die kleine Tanzfläche und das Publikum dieser Bar seinem Können nicht angemessen waren. Die Zeche ließ ich mir quittieren, als müsse meine abendliche Pflicht steuerlich anerkannt werden. Bevor ich jedoch nach Hause kam, vernichtete ich die Quittung. Hätte mein Vater einen Zettel bei mir gefunden: "2 Manhattan = RM 2,40", hätte er gesagt: "Du wirst noch einmal in der Gosse enden!" In der Gosse zu enden, war nicht mein Ziel, aber doch, ein wenig "herunterzukommen". Der Schlager vom armen Gigolo hatte mich verwundet. Mein Vorbild war Willi Forsts "Bel Ami". Ich beneidete andere Jünglinge, die sich mit einem Barmixer oder Schlagzeugmann duzten. Wenn Rosita Serrano ein Gastspiel gab, gingen wir nicht so sehr ihretwegen hin, sondern um die begleitende Kapelle Kurt Hohenberger zu hören. Wir liebten die dezenten Rhythmen mehr als Gesang. Tanzmusik gar mit Gesang - das war eher etwas für den Jahrmarkt! Sang der Pianist "Sie will nicht Blumen, will nicht Schokolade", ließ ich die Bemerkung fallen, dies sei eigentlich der englische Foxtrott "O Joseph, Joseph". Damit machte ich Eindruck. Einmal im Jahr leisteten wir uns einen Spaß. Am Sonntagnachmittag fuhren wir hinaus aufs Land, um auf schlechtem Parkett eines Dorfgasthauses Polka zu tanzen. Wir waren sehr lustig. Abends im "Regina" erzählte ich dann der Lizzy: "Tolles Amüsement gehabt, heute nachmittag!" Von der Dame, die ich nach Hause brachte, verabschiedete ich mich mit einem Handkuß und mit Worten wie etwa: "Wie konnten Tappes nur einen Akkordeonspieler nehmen! Bin noch ganz krank davon." Aber am nächsten Morgen im Büro sagte ich beiläufig zu einem anderen Lehrling: "War gestern mit Trude bei Tappe. Um ein Uhr war Schluß, um fünf Uhr war ich zu Haus. Gar nicht so übel, die Trude ..." Dann gähnten wir beide auffällig und sahen auf unsere nikotingelben Finger. "Dieses verfluchte Nachtleben! Man müßte mal wieder so richtig ausschlafen", sagten wir. Als ich siebzehn war, hatte ich mich so weit "runtergelebt", daß ich ein Senior der Tangojünglinge wurde. Ich tanzte Turnier mit einer verheirateten Frau, die hatte einen alten Mann von achtundzwanzig. Die goldene Turniernadel mit den Initialen der Tanzschule, die wir nach einem Sieg in der höchsten Klasse verliehen bekommen hatten, trug ich von nun an täglich und offen am Rockaufschlag, da, wo andere ihr Sport- oder Parteiabzeichen trugen oder die kleine Ausführung des Eisernen Kreuzes aus dem ersten Weltkrieg. Mehrere junge Damen legten nun Wert darauf, sich mit mir im "Regina" zu zeigen. Dort duzte ich inzwischen den Kellner, ich duzte auch Lizzy, nannte sie: "Meine Liebe ..." Andere Jünglinge ahmten mich nach: Wenn ich einen Ohio bestellte, bestellten sie auch einen Ohio. Wenn ich sagte: "Schlagbaß und Gitarre ist genug", dann sagten sie: "Ja, ja, bloß kein Schlagzeug." Als ich achtzehn wurde, kamen immer mehr Soldaten ins "Regina". Eine andere Welt war das. Sie sprachen laut und duzten Lizzy gleich. Das hatte bei mir zwei Jahre gedauert! Und wenn sie auf dem winzigen Parkett tanzten, machten sie kleine, schurrende Schritte. Sie schienen wie die Vorboten einer schrecklichen Zeit: Überall diese unansehnlichen Menschen mit dem kahlen Hinterkopf und den kleinen, schurrenden Tanzschritten - man war nirgends mehr sicher vor ihnen. Wir letzten Tangojünglinge zogen uns in den Luftschutzkeller des Tanzclubs zurück. Dort tanzten wir heimlich Lambeth-Walk, schon den Gestellungsbefehl in der Tasche. Solange es ging, nahmen wir die "große Zeit" nicht zur Kenntnis und betrachteten uns als nicht im Krieg befindlich. Am letzten Tag, ehe ich nach Polen mußte, ging ich zu meinem Friseur. Seit drei Jahren hatte er mich frisiert, "ganz persönlich", auch wenn er mit der vielen Pomade nicht einverstanden war. Ich bat ihn, mir heute keinen Mittelscheitel zu ziehen, sondern den Scheitel ganz nach links zu verlegen. So hatte ich es bei den Soldaten gesehen, und ich nahm an, mit diesem Linksscheitel künftig am wenigsten aufzufallen. "Und vor allem bitte: Das Haar kürzer", sagte ich. "Wird auch "höchste Zeit!" meinte er. Tangojünglinge waren aus der Mode gekommen. Mit mir, damals, ging eine große Epoche zu Ende.