Lüdenscheid-Hellersen

Volksheilstätte Hellersen, Post Lüdenscheid
heute Haus Hellersen, Seniorenwohnanlage

"Die Volksheilstätte Hellersen, Post Lüdenscheid, wurde Anfang August 1898 als erste aus Kreismitteln erbaute Anstalt eröffnet. Sie liegt 4 km von Lüdenscheid an einem nach Süden sich abdachenden, mit Laub- und Nadelwald besetzten Abhange in Höhe von 400 m über dem Meeresspiegel. Die Front nach Süden gerichtet, bietet die Anstalt einen weiten Ausblick auf ein durch waldige Höhenzüge belebtes Gelände und in ein reichbewachsenes Tal. Die ganze Umgebung der Anstalt ist durch Anlage von Wegen und Rasenplätzen zu einem Park umgewandelt, der sich an die umliegenden Waldungen harmonisch anschließt. Gegen Norden und Westen werden die Gebäude durch überragende Bergrücken gut geschützt, während sich nach Osten die Höhen etwas abdachen. Die Anstalt besteht aus dem Haupt- und Wirtschaftsgebäude, die mittels eines bedeckten Ganges verbunden sind, den Liegehallen, deren zwei sieh an die Ost- und Westflügel des Hauptgebäudes bogenförmig anschließen und deren dritte etwa 50 m vom Gebäude entfernt liegt, und dem Maschinenhaus, das durch einen Wirtschaftshof von den übrigen Baulichkeiten getrennt ist. Das Hauptgebäude ist für 102 Betten eingerichtet, die in 2-9bettigen Zimmern im Erd-, I. und II. Ober- und Dachgeschoß verteilt sind. Die Mittelzimmer des I. und II. Obergeschosses sind mit einem Balkon versehen. Im Kellergeschoß des Hauptgebäudes sind die Niederdruckdampfkesselanlage, die Bade- sind Duschräume, Sputumdesinfektionsanlage, Kohlenräume und Plättzimmer untergebracht. Im I. und II. Obergeschoß befinden sich Waschräume mit Waschschalen in feststehenden Wandtischen und freistehende Wasserspülklosetts, letztere auch im Erdgeschoß. Zum Tagesaufenthalt dienen zwei Räume im Erdgeschoß, die direkten Zugang zu den anschließenden Liegehallen haben. 
Das zweigeschossige Wirtschaftsgebäude enthält im Kellergeschoß die Dampfkochküche, die Spülküche, Gemüse- und Kartoffelkeller. Im Erdgeschoß liegt der Speisesaal an den ein kleiner, kirchlichen Zwecken dienender Anbau angeschlossen ist. Die übrigen Räume dieses Gebäudes dienen Wohnzwecken des Personals. Hinter dem östlichen Flügel des Hauptgebäudes fügt sich ein Anbau fiir die Dampfwaschküche und die Wäschedesinfektionsanlage an. Unter der Liegehalle an diesem Flügel befinden sich Räume für Schuhschränke und Schuhreinigung. Die Fußböden der Korridore und Wohnräume haben Linoleumbelag, die der Küche, Bade- und Duschräume Plattenbelag. Die Wände haben überall einen 1 1/2 m hohen Öl- bzw. Lackanstrich.

Neben der Fensterventilation dienen besondere Ventilationsschächte zur Entlüftung sämtlicher Räume. Die Abwässer der Gebäude bringt eine Tonrolckanalisationsanlage nach Klärgruben int Walde. Die Wasserversorgung erfolgt aus in der Nähe der Anstalt gelegenen einwandsfreien Quellen. Die Beleuchtung erfolgt durch eine eigene elektrische Kraftanlage. Die Krankenzimmer befinden sich ausschließlich im Hauptgebäude der Anstalt, und zwar sind 2-3fenstrige mit je 6 Belten im Erdgeschoß; im I. Obergeschoß sind 2 große Flügelzimmer au je 9 Betten mit je 2 Fenstern nach Süden und Norden gerichtet, 4 Krankenzimmer zu je 4 Betten mit je 2 Fenstern nach Süden und in der Mitte des Gebäudes ein Zimmer zu 8 Betten mit 2 Fenstern und einem Balkon mit Glastür nach Süden. Im II. Obergeschoß sind 2 Flügelzimmer zu je 7 Betten mit je 2 Fenstern nach Süden und Norden, ferner 7 Zimmer zu 2 Betten mit je 1 Fenster nach Süden — das mittlere von diesen mit 1 Balkon ebenfalls nach Süden — und 2 Zimmer zu je 3 Betten mit je 2 Fenstern nach Süden. Im Obergeschoß (Dachgeschoß) ist in der Mitte ein Zimmer zu 4 Betten mit 3 Fenstern nach Süden, an beiden Flügeln je 1 Zimmer zu 5 Betten mit 3 Fenstern nach Süden und 1 Fenster nach Westen bzw. Osten. Auf den Korridoren des I. und II. Obergeschosses sind auf einer Seite Waschzimmer mit je 24 Kippwaschbecken, daran anschließend 1 Wärterzimmer, auf der anderen Seite des Treppenhauses ein Klosettraum mit je 4 verschließbaren Wasserklosetts, ein Pissoir und ein Becken mit Warm- und Kaltwasserleitung mit Abfluß; dieselbe Einrichtung befindet sich im Erdgeschoß, nur ist hier statt eines Waschzimmers das Zimmer des Bademeisters; an dieses schließt sich daneben das Geschäftszimmer der Heilstätte an. Die Tagesräume liegen auf den Flügeln des Erdgeschosses und haben direkten Zugang zu den beiden Liegehallen am Hause; sie haben beide je 62 qm Flächeninhalt, bei 4 m Höhe, das westliche hat je 2 Fenster nach Süden und Norden, das östliche 2 Fenster nach Süden und 1 Fenster nach Osten. In den Tagesräumen befinden sich außer je 4 großen Tischen und hinreichenden Stühlen je 2 dreiteilige Schreibtische aus Tannenholz. In der Mitte des Hauptgebäudes befinden sieh noch das Untersuchungszimmer mit dem daran anschließenden Laboratorium, in welch letzterem auch die Untersuchung und Behandlung der oberen Luftwege vorgenommen wird. Auf der anderen Seite ist das Zimmer des leitenden Arztes und daran anschließend ein früher als Geschäftszimmer benutztes, jetzt als Warteraum dienend. einfenstriges Zimmer. 

Die Behandlung der Kranken ist die hygienisch-diätetische Methode. Auf die strikte Einhaltung der Liegekur, die regelmäßig mit Spaziergängen abwechseln soll, wird streng [geachtet]. Jeder Kranke bekommt nach jeder Untersuchung eine Karte ausgehändigt, auf der die Dauer seiner Liegekur und Spaziergänge genau verzeichnet ist. Auch die mannigfache Anwendung des kalten Wassers wird geübt, und zwar in Form von Bädern, Duschen (Brausen) und Abreibungen mit nassen Laken. Der größte Teil der Kranken erhält frühmorgens eine einfache kalte Dusche (Brause), wird dann trocken abgerieben und beginnt dann den Spaziergang. Bei den Neuaufgenommenen wird zunächst mit 25° C angefangen und allmählich im Laufe der Behandlung auf 15° und 12° heruntergegangen. Zurzeit, und im Durchschnitt das ganze Jahr hindurch, kommen täglich 75-80 Kranke zum Gebrauch der kalten Dusche. Ausgeschlossen vom Duschen werden alle diejenigen Kranken, bei denen Fieber, starker Hustenreiz, oder sonstiges schlechtes Befinden bestellt, namentlich solche, die kurz vorher Bluthusten hatten. Im großen und ganzen ist ein großer Andrang zum Gebrauch der Dusche vorhanden, ja manche fühlen sich durchaus unglücklich, wenn sie aus irgendeinem Grunde (Fieber, Bluthusten usw.) nicht zum Duschen kommen dürfen. Jeden Sonnabend findet eine große Reinigungsdusche statt, wobei sich die Kranken erst mit warmem Wasser berieseln lassen, dann sieh den ganzen Körper gründlich einseifen und dann unter die Brause gehen. Alle diejenigen, welche aus irgendeinem Grunde an der Dusche nicht teilnehmen dürfen, erhalten allwöchentlich ein warmes Vollbad von 33° C mit nachfolgender Übergießung mit 22° Wasser. Außerdem wird die Wasseranwendung in Form von Prießnitzschen Brustumschlägen, Kreuzbinden usw. bestätigt. Auch sog. spezifisch wirkende Mittel, wie Tuberkulin kommen gelegentlich, wenn auch selten, zur Anwendung. Tuberkulin hatten wir in den letzten Jahren nur auf ausdrücklichen Wunsch einzelner Kranke angewandt. Von der Behandlung mit J. K. (Spengler) haben wir nach wenig ermutigenden Versuchen Abstand genommen. Zur Belehrung der Kranken dienen häufige Vorträge über die persönliche Gesundheitspflege, über Wesen der Tuberkulose sind Schutz vor Tuberkulose. 
Zur Unterhaltung der Kranken werden öfter theatralische, musikalische Aufführungen, ernste und heitere Vorträge, gemeinschaftliche Ausflüge nach in der Nähe gelegenen Sehenswürdigkeiten (Talsperre Hornen) abgehalten. Sämtliche Mahlzeiten für die Kranken, mit Ausnahme der Bettlägerigen, finden gemeinschaftlich im Speisesaal der Heilstätte statt, der im sonst vom Hauptgebäude getrennten Wirtschaftsgebäude liegt und durch einen gedeckten Gang mit dem Hauptgebäude verbunden ist. An Personal sind vorhanden außer dem leitenden Arzt 1 Assistenzarzt und 1 Medizinalpraktikant, 1 Bureaubeamter, 1 Bademeister (zugleich 1. Wärter), 3 Hausdiener, die auch zur Krankenpflege im Bedarfsfalle herangezogen werden können. Außer dem Heizer für die Niederdruckdampfheizung und dem Maschinisten für die eigene elektrische Kraft und Lichtanlage, sind 3 Schwestern (Rotes Kreuz Köln) angestellt, von denen der ältesten die Überwachung vom ganzen Betriebe obliegt, eine ausschließliche dem Wäschereibetriebe vorsteht und eine sich ausschließlich mit Krankenpflege beschäftigt. Im Wirtschaftsgebäude sind außerdem tätig: 1 Köchin mit Gehilfin sind 9 Mädchen, von welche letzteren 2 im wesentlich für den Speisesaal, 2 ausschließlich in der Waschküche verwandt werden. Die Speisen werden von dem Bademeister und den 3 Hausdienern aufgetragen. Die ganzen Mahlzeiten finden unter den Augen der beaufsichtigenden Schwester statt. Kranke selbst werden nicht mit dem Auftragen von Speisen beschäftigt. Sämtliches gebrauchtes Geschirr wird durch eine mit elektrischem Antrieb versehene Spülmaschine mit Sodaseifenlösung und nachfolgendem Eintauchen in reines heißes Wasser von 100° gereinigt und keimfrei gemacht."

Fotos und Text aus Nietner, 1913.




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