Hohenstein (Olsztynek)

Heilstätte bei Hohenstein (Ostpreußen). Verein zur Errichtung von Lungenheilstätten in Ostpreußen e. V.
heute eine Kinderrehaklinik namens "Ameryka" Wojewódzki Szpital Rehabilitacyjny dla Dzieci w Ameryce

"Die Heilstätte bei Hohenstein, Eigentum des Vereins zur Errichtung von Lungenheilstätten in Ostpreußen e.V. wurde am 1. Oktober 1903 eröffnet; die Heilstätte verfügte bei der Eröffnung über 50 Betten, welche ausschließlich für männliche Lungenkranke bestimmt sind; die Zahl der Betten wurde allmählich auf 84 erhöht. Die Anstalt liegt in dem Stadtwalde bei Hohenstein, allseitig von etwa 60 bis 70 jährigem Kiefernbestand umgeben, nach Norden uncl Osten durch bewaldete Hügel gegen Winde geschützt, einige hundert Meter entfernt von einem kleinen See, der Gelegenheit zum Baden bietet. Das der Anstalt gehörige Gebiet umfaßt 5 Hektar, von denen etwa zwei Drittel Wald sind; der Rest wird von den Anstaltsgebäuden, den Gartenanlagen und dem Hofraum ausgefüllt. Zu Spaziergängen steht den Kranken der Stadtwald, der eine Größe von etwa 450 Hektar hat, zur Verfügung. Die Anstalt besteht aus einem langgestreckten Hauptgebäude, das ein Erdgeschoß und zwei Obergeschoße enthält; in diesem Gebäude befinden sich, fast ausschließlich in den beiden Obergeschossen, die Schlafzimmer der Kranken, sämtlich nach Süden gelegen. Die Anstalt zählt 22 Schlafzimmer für Kranke, davon 6 zu je einem Bett, 2 zu zwei Betten, 2 zu drei bis vier Betten, 9 zu fünf Betten, 3 zu sieben, 1 zu zehn Betten, im ganzen 84 Betten; die Größe der Schlafzimmer ist so bemessen, daß im Durchschnitt auf den Kopf etwa 4,9 qm Bodenfläche und 33 cbm Luftraum entfallen, ein Maß, das in den Zimmern für weniger als fünf Personen auf 35-45 cbm steigt.

An der Nordseite des Hauptgebäudes liegen die Korridore; an der Ost- und Westseite sind die Waschräume, Baderäume und Aborte; in dem Erdgeschoß befinden sich drei Tagesräume, 4 Zimmer zu ärztlichen Zwecken, die Wohnung des Assistenzarztes, Räume zu Verwaltungszwecken, sowie der Raum, in
welchem der Kessel aufgestellt ist, in dem der Auswurf zwecks Desinfektion gekocht wird, bevor er in die Kanalisation gelangt. In der Mitte des Gebäudes ist ein zweistöckiger Balkon vorgebaut, welcher als Liegehalle benutzt wird und für 10 Kranke Raum bietet; eine zum Teil zweistöckige Liegehalle stößt unmittelbar an die Ostseite des Hauptgebäudes an; sie bietet für etwa 60 Kranke Platz; auch nach Westen zu, nicht in unmittelbarer Verbindung mit dem Hauptgebäude, sondern freiliegend, ist eine Liegehalle aufgestellt, welche Platz für 10 Kranke bietet; ein Pavillon, der in den Gartenanlagen errichtet wurde, dient im Sommer ebenfalls als Liegehalle. Nach Norden zu ist an das Hauptgebäude ein Nebengebäude angeschlossen, welches die Küche nebst Wirtschaftsräumen, die Centralheizungsanlage, sowie den Speisesaal enthält. Auf dem Hofraum ist ein weiteres Gebäude, das die Waschküche, Wohnung für das verheiratete Personal, die Akkumulatoren-Anlage, sowie den Maschinenraum enthält; in diesem hat ein Sauggasgenerator in Verbindung mit einem 16 PS-Motor Aufstellung gefunden, welcher elektrische Kraft zum Pumpen des Wassers in die Wasserleitung, sowie elektrisches Licht liefert, welches ausschließlich zur Beleuchtung gebraucht wird. Abgesehen von einem Stallgebäude das die Pferde und Mastschweine der Anstalt beherbergt, wäre von Baulichkeiten noch eine geräumige Werkstätte zu nennen, in welcher geeignete Patienten in den letzten Wochen vor Beendigung ihrer Kur mit leichten körperlichen Arbeiten beschäftigt werden.

Das im Jahre 1908 erbaute Wohnhaus für den leitenden Arzt liegt außerhalb des Hofraumes, westlich von der Anstalt. Die innere Einrichtung der Heilstätte entspricht den modernen hygienischen Anforderungen

Der näheren Umgehung der Anstalt ist durch Anlage von Rasenplätzen sowie Anpflanzung von Laubhölzern, Sträuchern und Blumen ein freundliches, anheimelndes Aussehen verliehen worden. Die sämtlichen Abwässer werden der Klärung vermittelst einer biologischen Kläranlage unterzogen; nach vollzogener Klärung werden die Abwässer auf ein Rieselfeld geleitet, welches den Gemüsebedarf der Heilstätte liefert; die dazu erforderlichen gärtnerischen Arbeiten werden fast ausschließlich von den Kranken verrichtet.

Die gesamten Betriebskosten einschließlich Verzinsung und Amortisation des Anlagekapitals werden durch die eingehenden Verpflegungsgelder gedeckt; der
Preis der Verpflegung einschließlich ärztlicher Behandlung beträgt in der allgemeinen Krankenabteilung 3,50 Mark -täglich, in der Abteilung der sogenannten 'Pensionäre', welche meist Einzelzimmer haben und eine Verpflegung erhalten, welche etwas höheren Ansprüchen genügt, 4,50 Mark täglich.

Die Leitung des ganzen Betriebes, sowohl in ärztlicher als in wirtschaftlicher Beziehung, liegt in der Hand des leitenden Arztes; das ständige Personal besteht aus dem leitenden Arzte, 1 Assistenzarzt, 4 Krankenschwestern, 1 Bademeister, 1. Kutscher, 1 Maschinist und den nötigen Dienstboten.
Die Behandlung ist in der Hauptsache die hygienisch-diätetische; diese wird unterstützt durch Tuberkulin-Präparate und, so weit es nötig ist, durch anderweitige Medikamente. Die Anstalt ist fast ausnahmslos sowohl im Sommer wie im Winter bis auf das letzte Bett belegt; die Zahl der zur Aufnahme vorgemerkten Kranken ist häufig eine so große, daß die Kranken 4-8 Wochen auf die Aufnahme warten müssen. Bis zum 1. April 1912 wurden insgesamt 2282 Kranke in die Heilstätte aufgenommen" (Text und obenstehende Bilder aus: Nietner, 1913).

Weitere Fotos aus der Zeit vor 1933 finden Sie beim Bildarchiv Ostpreußen: Foto 1 und Foto 2 und zwischen 1933 und 1945 als Reichsarbeitsdienstlager: Foto 3 

Quelle: http://www.zeno.org - Zenodot Verlagsgesellschaft mbH
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