Frauenwohl (Olsztyn)

Die Lungenheilstätte Frauenwohl bei Allenstein in Ostpreußen.
heute Samodzielny Publiczny Zespół Gruźlicy i Chorób Płuc w Olsztynie (Spezialklinik für Lungenkrankheiten Allenstein)

"Obwohl der Ostpreuße seiner Heimat warm anhängt, traut er ihr doch gerade in klimatischer Hinsieht nicht viel zu. Mit dem spät einsetzenden Frühjahr findet er sich ab, im Sommer freut er sich seines wunderschönen Ostseestrandes und seiner prächtigen masurischen Seen, auch den oft noch bis in den November hinein schönen, sonnigen Herbst lobt er selbst. Wenn aber im Winter eisige Ostwinde über das weite Land fegen, ist er vielfach geneigt, in der winterlichen Kälte einen Hinderungsgrund für die gedeihliche Durchführung einer Freiluftkur zu erblicken. Die Erfahrung lehrt aber, daß bei genügend ein Windschutz auch im ostpreußischen Winter gesundheitlicher Nutzen erzielt werden kann, ja daß bei starkem, trockenem Frost und beständiger Schneedecke prächtiger, viele Tage anhaltender warmer Sonnenschein den Aufenthalt auf den Liegehallen behaglich und ersprießlich macht. Tatsächlich kommen in den ostpreußischen Heilstätten nicht mehr sog. Erkältungskrankheiten vor als in den anderen. Nach mehrjährigem, erfolgreichem Bestehen der Männerlungenheilstätte bei Hohenstein in Ostpreußen eröffnete der Verein zur Errichtung von Lungenheilstätten in Ostpreußen e. V. Ende Oktober 1907 in dem prächtigen Stadtwalde bei Allenstein-Ostpreußen die Lungenheilstätte Frauenwohl.

Bei der weiten Ausdehnung der Provinz und der Abneigung besonders der ostpreußischen Frauen, die Heimat zu verlassen, entspricht sie einem tiefbegründeten Bedürfnis und erfreut sich nicht nur bei den Kranken einer oft bewiesenen Sympathie; sind es doch vorzugsweise ostpreußische Frauen, die
einen großen Teil des Gründungskapitals mitgesammelt haben und gelegentlich mit Genugtuung die schöne Anstalt besichtigen. Den zum Teil recht großen Gründungsbeiträgen schloß sich das Zentralkomitee zur Bekämpfung der Tuberkulose mit einer Summe von 50 000 Mark an. Die Hypotheken übernahm die Landesversicherungsanstalt Ostpreußen. Die Anstalt mit zunächst 100 Betten kostete rund 760 000 M. Freundlich, weiß mit rotem Ziegeldach schimmert das schloßartige Gebäude mit seinen langen Fensterreihen und den westlich und östlich angebauten Liegehallen durch die hohen Tannen. Vor der nach Süd-Süd-Osten gerichteten Vorderfront sind die Anlagen etwas niedriger und jünger, um Sonne und Licht genügenden Einlaß zu gewähren. Nach Norden sind die umfangreichen Wirtschaftsgebäude angeschlossen. Die Heilstätte ist ohne Prunk, doch allen Anforderungen der modernen Hygiene entsprechend und bequem eingerielitet. Von den nach Einrechnung der Reservebetten 108 Betten ist eine Abteilung von 23 Betten für Selbstzahler gebildeten Standes eingerichtet. Während die Kranken in der Hauptabteilung zu mehreren in größeren Krankenzimmern wohnen, sind in der Sonderabteilung, dem sog. Pensionat, die Patienten auf Einzelzimmern untergebracht und haben besondere Gesellschaftszimmer und eigenen Speisesaal.

In hygienisch-technischer Hinsicht ist die Anstalt bestens versorgt. Ein 50 m tiefer Brunnen versieht die Heilstätte mit gutem, gesundem Wasser, das jetzt vor dem Übergang in die Warmwasserleitung wegen zu starken Ahsetzens von Kesselstein vorher noch chemisch enthärtet wird. Es wird dadurch als Kesselspeisewasser und für die Wäscherei besonders brauchbar. Im übrigen ist die Anstalt für den Notfall noch an die Allensteiner Wasserleitung angeschlossen. Die Abwässer werden bequemerweise mit einem kleinen Elektromotor aus einem Sammelreservoir einfach in die städtische Kanalisation hineingepumpt. Dafür muß zwar eine Pacht entrichtet werden, indessen ist es ein nicht genug zu schätzender Vorteil, daß die Verwaltung gar keine Schwierigkeit mit der Abwässerbeseitigung hat. Die Beheizung ist allgemein als Niederdruckdampfheizung durchgeführt und hat auch für die höchsten Kältegrade ausgereicht. Die Beleuchtung der Anstalt ist eine elektrische, und zwar erzeugt die Heilstätte die nötige Elektrizität selbst. 2 große Kraftkessel, in besonderem Kesselraum, speisen periodisch abwechselnd die stattliche Dampfmaschine von 60 indizierten Pferdekräften. An sie angeschlossen erzeugen 2 Dynamomaschinen Elektrizität für das Stromnetz in den Gebäuden, für die Pumpenmotoren, für den elektrischen Speisenaufzug und für den Akkumulatorenraum mit 200 Zellen. Außerdem sind die Wäschereimaschine und eine Haferquetschmaschine noch direkt an die Dampfmaschine angeschlossen. Der Abdampf der Dampfmaschine wird noch zweckmäßig zur Warmwasserbereitung verwandt, wodurch Heizmaterial gespart wird. Von den Kraftkesseln geht noch eine Leitung zu den Kochkesseln in der Küche.

Der wirtschaftliche Betrieb untersteht dein Chefarzt und wird verwaltet von Schwestern des Diakonissenmutterhauses der Barmherzigkeit in Königsberg i. Pr. Trotz der umfangreichen Anlage der Anstalt und der stattlichen technischen Anlagen ist es möglich ohne Zuschuß die Kranken der Hauptabteilung zu 3 M. 50 Pf., die Insassen des Pensionats zu 4 M. 50 Pf. alles in allem, auch Medikamente eingeschlossen, zu verpflegen. Nur die Inhaber besonders großer und gutausgestatteter Zimmer zahlen 5 M. 50 Pf. täglich. An der Heilstätte sind außer dem Chefarzt tätig ein Assistenzarzt, ev. ein Medizinalpraktikant, 6 Diakonissen vom Krankenhaus der Barmherzigkeit in Königsberg i. Pr. teils zur Pflege, teils in der Verwaltung, 1 Maschinist, 1 Heizer, 1 Gärtner, 1. Nachtwächter, 1 etatsmäßiger Tagelöhner und 13 Stuben- und Küchenmädchen.

Etwa 30 m von der Anstalt entfernt, doch ungestört vorn Anstaltsbetrieb, liegt das behagliche, mit allem Komfort ausgestattete Haus für den leitenden Arzt. Es hat eine eigene Niederdruckdampfheizung, da es etwas niedriger als das Hauptgebäude liegt. Den Verkehr nach der Stadt vermittelt in 20 Minuten das Anstaltsfuhrwerk, für das 3 Pferde zur Verfügung stehen. Es dient hauptsächlich zum Abholen und Fortbringen der Anstaltskranken, doch auch den Zwecken des Chefarztes, wenn nötig auch der anderen Anstaltsinsassen. Von nicht zu unterschätzender Bedeutung für die verheirateten Ärzte und Angestellten der Heilstätte ist die Nähe der Stadt mit ihren guten Schulen, ein Vorteil, dessen sich die wenigsten Heilstätten rühmen können. Die Kranken werden der Anstalt vorzugsweise von der Landesversicherungsanstalt Ostpreußen, auch von der Landesversicherungsanstalt Westpreußen, von Kassen und öffentlichen Behörden zugewiesen. Über ein Drittel sind Selbstzahler. Bei dem leicht lenkbaren Naturell der ostpreußischen Frau ist es möglich, den Verkehrston in der Heilstätte etwas familiärer und intimer zu stimmen als vielleicht anderswo. So kommt es, daß für manche Instmannsfrau die Anstaltskur die Glanzzeit ihres Lebens bildet, aber auch die Kranken gebildeter Stände bewahren dem traulichen Aufenthalt in der Heilstätte eine freundliche Erinnerung" (Obenstehende Fotos und der Text sind aus: Nietner, 1913).






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