Journal of Linguistics and Language Teaching
Volume 1 (2010) Issue 1
pp. 137 - 144


Marcel Eggler: Argumentationsanalyse textlinguistisch. Argumentative Figuren für und wider den Golfkrieg von 1991. Tübingen: Niemeyer 2006. 450 Seiten (ISBN 3-484-31268-8; 110,00 €)

 

Welche argumentativen Verfahren wenden Journalisten an, um „auf sensiblem diskursivem Terrain“ den politischen Prozess „brisanter Notstandsentscheide“ medienwirksam zu kommentieren und diese zugleich gegenüber ihrer Leserschaft zu rechtfertigen bzw. sie von ihren Meinungen zu überzeugen? (1).


Ausgehend von einem Zitat Chaim Perelmanns, der bereits 1980 gefordert hatte, die „Leitartikel in den Zeitungen“ einer Analyse zu unterziehen, und dadurch die „Logik der Werturteile zu entdecken“ (1980: 3), zeichnet Marcel Eggler die öffentlich zutiefst kontrovers geführten Debatte über Notwendigkeit und Gerechtigkeit des Golfkriegs von 1991 nach. Folgerichtig analysiert der Autor zwei Leitartikel mikroskopisch genau auf ihre implizit und explizit vorhandenen Argumentationsstrukturen.


Die beiden Artikel der Schweizer Wochenzeitung Die Weltwoche (Text A: Kann es einen Frieden geben ohne Recht? vom 17.01.1991; Text B: Wenn das Recht keine Waffe mehr hat" vom 24.01.1991), bilden die Grundlage für die „rhetorische Aufarbeitung“ und eine fein ziselierte Analyse der „logische[n] Struktur“ (1). Eggler interessiert hier insbesondere, wie Journalisten ihre Argumentationen organisieren, und welche Positionen im Textverlauf mit den entsprechenden argumentativen Figuren besetzt werden.


Auf der Basis argumentationstheoretischer und textlinguistischer Methoden entwickelt der Autor sein Analyseverfahren, das zugleich im Dienste der Sprachkritik steht. Daher richtet sich der skeptische Blick nicht nur auf die möglichen „Inkonsistenzen“ der untersuchten Texte und auf die „inadäquat oder irreführend eingesetzten rhetorischen Mittel“, sondern in gleicher Weise auch auf die „Konsensfähigkeit bestimmter Topoi“ (3). Als Grundlage seiner Arbeit dienen Eggler Erkenntnisse aus Rhetorik, formaler Logik und der Sprechakttheorie, die er mit Ansätzen aus der Textlinguistik, der Psycholinguistik und der Inferenztheorie kombiniert.


Der erste große Themenabschnitt widmet sich zunächst den als strittig erkannten Aussagen, über die zwischen den beteiligten Diskurspartnern Einigung erzielt werden soll. Generell kann das Strittige aber „nur auf der Grundlage des kollektiv Geltenden“ (18) entschieden werden, welches sich als ein System von Grundüberzeugungen in einer Gesellschaft bereits etabliert hat. Freilich lässt sich selten eine klare Grenze zwischen rationalem Überzeugen und rhetorischem Überreden ziehen. Nach Habermas (1972) können aber Geltungsansprüche immerhin nach Wahrheit, Richtigkeit, Wahrhaftigkeit und Verständlichkeit differenziert werden (8).


Journalisten bewegen sich nun bei öffentlichen Argumentationen in einem kollektiven Raum, indem sie sich auf „in Sprachsystemen Geltendes“ stützen und zugleich „neue Plausibilitäten“ erzeugen (22). Eggler subsumiert hier alle zu einem bestimmten Zeitpunkt und Thema verfassten Texte unter dem Begriff des Argumentationsraumes und weist auf die dort bestehenden intertextuellen Beziehungen hin. Im Grunde handelt es sich hier freilich um nichts anderes als die Umdeutung des Diskursbegriffs, der in der Textlinguistik beispielsweise als „Einbettung von Textsorten in umfassendere kommunikative Strukturen und ihre Vernetztheit miteinander“ genutzt wird (Adamzik 2000: 109). Eggler betrachtet argumentative Texte dagegen in Anlehnung an Habermas (1972: 162) als eine Abfolge von Sprechakten, die sich zu „einer komplexen Argumentationsillokution“ zusammensetzen lassen (26). Den Mittelpunkt einer solch komplexen Struktur bildet nun die zentrale Geltungsfrage oder Quaestio, die sich mittels unterschiedlichster Topoi stützen lässt. Als besonders erfolgversprechend hat sich die Konzessivrelation erwiesen, die dem Kooperationsprinzip von Grice folgt. Dabei wird die gegensätzliche Position eines potentiellen Leser zunächst bestätigt, nur um anschließend dagegen zu argumentieren und die eigene Meinung durchzusetzen. Anhand der untersuchten Texte bietet Eggler dann einen umfassenden Überblick über die gängigen Argumentationsmuster und belegt diese mit den entsprechenden Zitaten (28ff). Zur Visualisierung der verwendeten Strukturen nutzt der Autor das Argumentationsmodell von Toulmin (1958). Doch im Gegensatz zu den recht einfach gehaltenen Analysen der formalen Logik handelt es sich bei den Argumentationen der Alltagskommunikation um überaus komplexe Kombinationen einzelner Sequenzen, die in der angestrebten Visualisierung rasch an ihre Grenzen stoßen, da sie häufig zu komplizierten, kaum noch verständlichen Argumentationskonfigurationen führen. Der Autor reagiert auf diese ganz offensichtliche Schwierigkeit mit ansprechenden Grafiken, die alle Möglichkeiten gestalterischer Finessen ausschöpfen, und auch ungeübteren Lesern das Erfassen der einzelnen Argumentationssequenzen erleichtern.  


Die konkret lexikalisch-syntaktische Ebene der beiden Leitartikel bildet nun die Oberfläche, anhand derer Schritt für Schritt die logisch-semantische Tiefenstruktur herausgearbeitet wird. Dieses Verfahren bietet sich auch deshalb an, als sich Argumentationen innerhalb der Alltagssprache streng genommen immer als „enthymemisch“ erweisen: Erst die tiefer führende Analyse erweitert den Text zu einer kohärenten Entität, die auch die „inferierten“ bzw. „zu inferierenden“ Positionen mit berücksichtigt (79). In der Konsequenz fokussiert Eggler nach den textkonstituierenden Kriterien sein Interesse auf die Inferenzen, die ein Leser gedanklich hinzufügt bzw. ein Journalist nicht eigens ausformuliert, sondern stillschweigend voraussetzt. So gelangt er von der semantischen Repräsentation (Satzbedeutung I) über eine Analyse der präsemantischen Implikaturen zum ‚eigentlich Gesagten’ (Satzbedeutung II), und über die Analyse der postsemantischen Implikaturen zum ‚eigentlich Gemeinten’ (101). Die von Journalisten favorisierten Schlüsselwörter erweisen sich dabei zudem als wichtiges Entscheidungsinstrument, da diese „als komprimierte Chiffren für ganze Überzeugungspotentiale“ (106) stehen.


Wie gestaltet sich nun aber eine solch detailliert gestaltete Argumentationsanalyse ganz konkret? Eggler zeigt dies in aller Ausführlichkeit anhand der beiden ausgewählten Leitartikel aus dem Golfkriegsdiskurs des Jahres 1991 und stellt den jeweiligen Text im Original an den Anfang des jeweiligen Kapitels (Text A (110); Text B (285)). Die Abschnitte werden mit römischen Ziffern gekennzeichnet und jeder Satz mit einer eigenen Nummer versehen, so dass sich dieser während der Analyse immer wieder eindeutig zuordnen lässt. Der Blick richtet sich jetzt zunächst auf die zentralen Propositionen der Texte, bevor dann die eigentliche Argumentationsstruktur der einzelnen Sätze im jeweiligen Kontext herausgearbeitet wird.


Die zentrale Proposition des ersten Textes mündet, so Eggler, nun ganz offensichtlich in die damals wie heute viel diskutierte und nach wie vor provozierende Fragestellung „Ist der Krieg [...] ein gerechtfertigter, gerechter und nötiger Krieg?“ (114), die darauf abzielt, die „moralische Richtigkeit des Golfkriegs“ (116) argumentativ auszuführen. Dies wird sich – so die Vermutung – nun kaum deutlich an der Textoberfläche zeigen, sondern eher subtil in der Tiefenstruktur einer vielschichtigen Argumentation zu erwarten sein. So gilt es zunächst, die Schlüssellexeme „gerecht“, „gerechtfertigt“ und „nötig“ auf ihre Semantik hin eingehender zu überprüfen. Anhand einer Skala lässt sich dann der „normative Status“ darstellen, der Text A zugrunde liegt (vgl. Schema 4.1 (134)). Der daraus abzuleitende Sieger-Claim erklärt die Frage „nach der Gerechtigkeit des Krieges weniger [als] ein moralisches, als vielmehr ein ‚objektives’ Problem“ (134) und müsse – so die Auffassung des Journalisten – unbedingt auf der Sachebene gelöst werden.


Gerade der Blick auf die deutsche Geschichte verleitet nun dazu, die Ereignisse der Diktatur Hitlers, mit denjenigen der Diktatur Saddam Husseins gleich zu setzen (160), so dass sich daraus – unabhängig von allen pazifistisch motivierten Emotionen – zwangsläufig die Notwendigkeit eines Krieges ableitet. Natürlich dürfe ein Krieg im Atomzeitalter nicht geführt werden, so der Autor des Textes A, allerdings sei dies in einer solchen Ausnahmesituation die letzte Möglichkeit, die Welt vor einem noch größerem Übel - der bevorstehenden Katastrophe - zu retten (Zweck-Mittel-Schlussregel: vgl. Schema 4.2 (144)). In der sich nun anschließenden Analyse zeigt Eggler, wie der Textautor nicht erst über den zentralen Claim, sondern bereits zu Beginn seiner Ausführungen, also schon bei Titel und Untertitel, die nachfolgenden Argumentationssequenzen erkennen lässt. In Anlehnung an die Struktur klassisch rhetorischer Reden gliedert sich dessen Artikel in Exordium (Abschnitte I-V) – Argumentatio (VIII-XVIII) – Peroratio (XIX-XX). Antithetisch gestaltete Argumente prägen den ersten Teil, die Saddam Hussein nicht mehr als Mensch sondern als den leibhaftigen Teufel charakterisieren (167), der den Weltuntergang (d.h. die Apokalypse) und die gleichzeitige Vernichtung der gesamten Menschheit im Sinne habe. Der zweite Teil zeigt wiederum historisch gegebene Analogien, die sich nachweislich auf bewiesene Fakten stützen und daher kaum widerlegt werden können. Dabei würde der Verfasser des Artikels natürlich lieber die pazifistische Seite unterstützen. Es gebe jedoch – so sein Fazit – keine Alternative zwischen Krieg oder Nicht-Krieg: Tertium non datur


Der zweite Leitartikel, eine Woche später in derselben Zeitung erschienen, weist eine weitaus komplexere Argumentationsstruktur auf als der erste und verdichtet die jeweiligen Einheiten zu Bündeln „von ineinander verschachtelten Toulminschemata“ (289). In Anlehnung an ein Zitat Carl Friedrich von Weizsäckers lässt sich schon im Titel die zentrale Quaestio der Journalistin herleiten, die in die Frage mündet „Ist die Lage im Golf eine Lage, in der das Recht keine Waffe mehr hat?“ (289). Allerdings kommt hier dem Untertitel eine besondere Rolle zu, verweist er doch über die zu inferierende Präsupposition - „Es ist schwierig, den Krieg gerecht abzulehnen“ (299) - auf die eigentliche Argumentationslinie der Verfasserin. Diese zielt nun darauf ab, den Golfkrieg letztendlich doch zu rechtfertigen, da er ihrer Ansicht nach das kleinere Übel darstelle. Selbst die Friedensbewegung müsse das endlich einsehen, denn diese habe sich in derart große Widersprüche verwickelt, dass sie dadurch letztendlich ihre Glaubwürdigkeit eingebüßt habe. Wenn nun aber selbst diese nicht mehr überzeugend gegen den Krieg eintreten könne, müsse man als Bürger daraus seine Konsequenzen ziehen und den Golfkrieg als notwendiges Übel zwangsläufig akzeptieren.


Natürlich ist diese von Eggler nach und nach herausgearbeitete Argumentationsstruktur keineswegs so offensichtlich beschrieben wie hier dargestellt, sondern liegt subtil formuliert in der Tiefenstruktur des Textes verborgen. Die Argumentationsverdichtung, aber auch die beiden, fast unverbunden aneinander gereihten Textteile I und II erschweren es dem Zeitungsleser zusätzlich, hier tatsächlich die eigentlichen Absichten der Journalistin zu erkennen.


In einer präzisen Analyse können die Intentionen der Verfasserin freilich Zug um Zug aufgedeckt werden: Im Exordium (Abschnitte I-II) wirft sie beiden Seiten - Kriegsbefürwortern als auch Kriegsgegnern - vor, dass bislang „nicht ernsthaft, nicht umfassend genug, mithin nicht mit der gebotenen diskursiven Disziplin, argumentiert“ wurde und es nun für ernstzunehmende Gespräche zu spät sei (336). Allein deshalb müsse der Krieg akzeptiert werden. Auch in der Argumentatio (III-X) wird diese Position vertreten; die Verhandlungen werden als „Farce“ abgetan und ad absurdum geführt (355). Dass die Autorin den Golfkrieg aber tatsächlich als „gerecht“ empfindet und hier auch offen für diese Meinung eintritt, wird am Ende von Abschnitt VII deutlich, wenn sie schreibt: „Tatsache ist, dass heutzutage ein Krieg, und sei er angesichts der flagranten Verletzung des Rechts durch einen Diktator vom Schlage Saddam Husseins auch noch so berechtigt, nicht mehr mit einem allgemeinen Konsens rechnen kann" (365). Gleichzeitig zeigt sie damit aber auch ihr Dilemma, denn wenn der Widerstand gegen den Krieg in der Bevölkerung so groß ist, tut sie gut daran, die eigene Meinung hinter Aussagen bekannter Persönlichkeiten zu verstecken. Ein argumentatives Glanzlicht stellt schließlich noch die Formulierung dar, die all jenen, welche gegen den Krieg demonstrierten, eine explizite Komplizenschaft mit Saddam Hussein unterstellte. In der Peroratio (XI) richtet die Journalistin dann einen letzten Appell an ihre Leserschaft, dem Diktator „auch nicht eine Handbreit Boden“ (288) zu überlassen.


Gerade in diesen haarfein durchkomponierten Analysen gelingt es Eggler, die mit subtilen Argumenten angereicherten Texte für den Leser aufzuschlüsseln und auch die letzten Finessen noch herauszuarbeiten und darzustellen. Eine solche, mikrostrukturell orientierte Vorgehensweise basiert freilich auf makrostrukturell fokussierten Fragestellungen, bei denen zunächst die zentralen Propositionen gefiltert, wichtige Schlüssellexeme berücksichtigt, sowie Titel und Untertitel untersucht werden. Gleichzeitig lassen sich schon hier die analytischen Leitlinien für die sich anschließende mikrostrukturelle Untersuchung festlegen, bei der Texte gezielt nach Topoi und Argumenten abgesucht werden.


Schemata und Grafiken unterstützen die Erläuterungen und Vorgehensweise Egglers eindrücklich und stellen eine nicht zu unterschätzende Verständnishilfe für den Leser dar. Gerade mittels der wohldurchdachten grafischen Feinjustierungen gelingt es dem Autor dabei, selbst komplexeste Vorgänge verständlich zu visualisieren. Dass sich das vorgeschlagene Analyseverfahren auch in reduzierter Form im Schulunterricht einsetzen lässt, demonstriert der Autor abschließend noch im Anhang des Werkes anhand eines Unterrichtsentwurfs zu Dürrenmatts Theaterstück „Der Besuch der alten Dame“. Nicht allein der wissenschaftlichen Arbeit gilt damit sein Augenmerk, sondern auch und vor allem der stärker praxisorientierten Umsetzung für den Schulalltag. 


Insgesamt überzeugt die vorliegende Arbeit durch ihre fein herausgearbeiteten Analysen, die sprachliche Präzision und die grafische Illustrierung der Vorgehensweise. 

 

 

 

 

Adresse der Verfasserin:

 

Christine Schowalter

Universität Koblenz-Landau, Campus Landau

Institut für fremdsprachliche Philologien: Romanistik

Marktstraße 40

D-76829 Landau (Germany)

 







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