Der menschenkundige Schopenhauer

 

 

Eine interessante Veröffentlichung ist zu rezensieren. Nämlich: die CD-ROM „Schopenhauer im Kontext III“, die mit den kompletten Nachlassschriften, dem umfassenden Briefwechsel und den raren Reisetagebüchern des Philosophen aufwarten kann. Diese Sammlung enthält die sämtlichen Werke nach der Ausgabe Paul Deussens (1911-1923), die Nachlassschriften nach Arthur Hübscher (sofern sie nicht schon im sechsten Band der Deussen-Ausgabe als Nebenschriften publiziert wurden) und den Briefwechsel sowie die Vorlesungen (vor allem nach den Bänden IX-X und XIV-XVI der Deussen-Edition 1917, 1929-1941 und den Schopenhauer-Jahrbüchern)

 

Man kennt Arthur Schopenhauer als griesgrämigen Philosophen und Pessimisten. Man weiß vielleicht, dass er im Streit mit Hegel stand, und sich meist abfällig über Frauen äußerte. Dieses Alltagswissen über Schopenhauer beruht auf Anekdoten und Popularisierungen in den diversen leicht zu lesenden Einführungen zur Philosophie. Eine andere Linie der Schopenhauer-Rezeption behandelt seinen ‚metaphysischen Pessimismus’ und diskutiert ihn im Rahmen seiner Stellung zu den anderen ‚großen Denkern’ der Philosophiegeschichte. Hier entsteht ein komplexes und kompliziertes Schopenhauer-Bild mit viel gelehrter Wissenschaftlichkeit, bei der man sich durchaus fragen kann, was Schopenhauer selbst zu diesen Interpretatoren und Professoren universitärer Philosophie gesagt hätte. Man wird kaum glauben können, dass diese Art des Philosophierens Schopenhauers Anliegen war. Er würde die gelehrten Untersuchungen zu seiner ‚Lehre’ vermutlich mit beißendem Spott bedenken. Sinnvoller ist es wahrscheinlich, Schopenhauer als einen ‚Lebenslehrer’ und ‚praktischen Philosophen’ zu verstehen. In dieser Rolle sah er sich wohl auch selber, nachdem schon in frühen Jahren seine halbherzig unternommenen Versuche zu einer beamteten und besoldeten Professur zu gelangen, gescheitert waren. Fortan verachtete er weitgehend die ‚Universitätsphilosophie’.

Er hielt sie für leere Wortspielerei und Gedankenakrobatik. Seine polemischen Bemerkungen zu diesem Thema sind im Nachlaß ausführlich zu lesen.

Schopenhauer wollte mit seiner ‚Philosophie’ die Philosophie ‚weltklug’ machen. Diese Intention sieht man gut in seinen ‚Aphorismen zur Lebensweisheit’. Doch neben diesem Buch sollte man besonders Schopenhauers Nachlaß beachten, um den ‚Moralisten’, d. h. den ‚Menschenkenner’ kennen zu lernen.     

 

Der menschenkundige Schopenhauer lässt sich am besten aus dem ‚Handschriftlichen Nachlaß’ erkennen. Dieser ist voll von Notizen, Bemerkungen zum Zeitgeist, Lektürefrüchten, Kritiken, Vorarbeiten, Anmerkungen (zum eigenen Werk), Manuskripten,  Randbemerkungen zu Büchern und Übersetzungen. Hierin zeigt sich Schopenhauer als scharfer Beobachter und Kommentator menschlichen Verhaltens. Dies ist die Domäne der sogenannten Moralisten, die in Deutschland nicht besonders beachtet werden. Sie geben in unsystematischer Form ein weltkluges und menschenkundiges Wissen. Zu diesen Lebenslehrern gehören Machiavelli, Gracián, La Rochefoucauld, La Bruyère, Chamfort und Leopardi. In seinen Nachlassschriften erweist sich Arthur Schopenhauer als ein wichtiges Mitglied dieser literarischen Tradition. Der Nachlaß und der Briefwechsel, lange vergriffen, wird nun – erstmals wieder in annähernd vollständiger Gestalt – auf der elektronischen Komplettausgabe Schopenhauers, der CD-ROM „Schopenhauer im Kontext III“ dargeboten. (Den Nachlaß ohne die Briefe gibt es dabei auch schon in der Teilsammlung „Schopenhauer im Kontext II“). Wer den anderen Schopenhauer, den Lebenslehrer und Maximenschreiber kennenlernen möchte, der muß neben den ‚Aphorismen zur Lebensweisheit’ die Schriften des Nachlasses und Schopenhauers Briefe lesen. Sie geben, wie sich in letzter Zeit auch an separaten Veröffentlichungen und Zusammenstellungen aus diesen Schriften – z. B. durch F. Volpi – zeigte, diverse Ratschläge zur ‚Kunst des Lebens’. Der handschriftliche Nachlaß (zuletzt ordentlich ediert Mitte der siebziger Jahre des vorigen Jahrhunderts durch Arthur Hübscher) bzw. der 6. Band (d. i. Nebenschriften) der Deussen-Ausgabe enthält u. a. diese ‚Kunstlehren’ Schopenhauers, die auch schon des öfteren als – mitunter aber textlich eher ungenaue oder über-modernisierte – Einzelpublikationen erschienen sind. So zum Beispiel: ‚Die Kunst, recht zu behalten’ (Eristische Dialektik); ‚Die Kunst, glücklich zu sein’; und als Übersetzung: ‚Die Kunst der Weltklugheit’ des spanischen Jesuiten Balthasar Gracián. Schopenhauers große Schrift ‚Die Welt als Wille und Vorstellung’ nimmt diese weltklugen Gedanken auf, und verarbeitet sie in eine ‚fortlaufende Form’. Dadurch jedoch werden sie häufig durchaus schwieriger zu lesen. Wer den privaten und weltmännischen Schopenhauer kennenlernen will, dem seien der Nachlass und die Briefe sehr ans Herz gelegt. Die anderen, bekannten Schriften gibt es auf der CD-ROM quasi obendrauf dazu. An technischen Finessen läßt das Programm keine Wünsche offen. Man kann direkt zu den Anmerkungen und Übersetzungen fremdsprachiger Zitate und Texte wechseln, sich alles mehrspaltig anzeigen lassen. Markieren, Zusammenstellen, Speichern, Drucken. Alles drin. Grandios.

 

Schopenhauer im Kontext III. Werke, Vorlesungen, Nachlaß und Briefwechsel auf CD-ROM, Berlin 2008 (Worm-InfoSoftWare) 1 CD-ROM + Begleitheft mit 15 Seiten [Literatur im Kontext auf CD-ROM; 31]

 

Dr. Andreas Schwarz