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Die Verdienste des Herrn Hattie

Hommage an einen Empiriker  oder  Die Renaissance der Pädagogik?

Leseprobe 1

Besichtige ich die aktuelle pädagogische Landschaft in Schulen und auch in Institutionen der Lehrerinnen- und Lehrerausbildung, so kommen in mir doch Zweifel auf, ob das die Unterrichtsqualität in den Schulstuben unseres Landes verbessert, wenn immer wieder neue Säue durch das Dorf getrieben werden, mit haufenweise neuen Begrifflichkeiten, die bei genauerem Blick auf die dahinter verborgenen Sachverhalte sich als gar nicht so neu entpuppen. Gibt es in der Pädagogik wirklich Gedanken, die in der langen Geschichte von Bildung und Erziehung noch nie gedacht wurden? Gewiss verändert sich die Welt und ebenso gewiss verändern sich die Menschen und damit auch die Anforderungen an Schule und Unterricht, und die Wissenschaft liefert auch neue Erkenntnisse, etwa im Hinblick darauf, wie Lernen überhaupt stattfindet und von welchen Dingen es positiv oder auch negativ beeinflusst wird. Aber jede noch so schöne neue Theorie muss sich schlussendlich am tatsächlichen Ertrag messen lassen – „Visible Learning“ bzw. „Lernen sichtbar machen“ eben; allein für die Wahl dieses Titels gebührt John Hattie ein Kompliment.
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Leseprobe 2

Hattie schafft es mit seiner Metastudie, viele Facetten der Schulwirklichkeit zu betrachten und ihre Wirksamkeit darzulegen, und zwar nicht theoretisch und hypothetisch, sondern real und pragmatisch. Endlich! Und wenn ich mir jetzt auf der Grundlage dieser Ergebnisse eine Lehrkraft aus der Retorte basteln könnte, dann käme sie Frau Schildt oder Professeur Lopez wohl recht nahe.
Eine gewisse Genugtuung kann ich nicht verhehlen. Endlich kriegen die Konstruktivisten und auch die Verfechter offener Unterrichtsformen mal Wind aus den Segeln genommen. Auch jene, die behaupteten, jede Lehrperson könne „gut“ sein, sie müsse nur in den Hintergrund treten und sich der rechten Methode bedienen (am besten eine, für die man einen Medienkoffer braucht, damit...). Und jene, die aus der Schule und dem Lernen eine Spaßgesellschaft machen wollen und den Schweiß der Arbeit gering schätzen. Und auch noch jene, die jeden Leistungsanspruch als mit Leidensdruck einhergehend aus der Schule verdammen möchten. Nicht zu vergessen jene, welche die „Meisterlehre“ glauben ächten zu dürfen (immerhin nennen sie es neudeutsch „Master teaching“). Ein Glück, dass Hattie über die „Direkte Instruktion“ herausgefunden hat, dass sie funktioniert [»Direct instruction works!«], denn damit macht er sich ob der angeblichen Nähe zum Frontalunterricht ja angreifbar. Angeblich aber nur, nicht wirklich!
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Kurt Vogelsberger,
08.04.2014, 11:38
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