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Die Reißleine ziehen

Vom unaufhaltsamen Niedergang einer Schulart

Jüngst wurde mir zugetragen, wie die obere und oberste Schulbehörde in RLP auf Klagen und Bitte um Unterstützung eines Kollegiums reagierte, das sich durch die extremen Bedingungen an seiner Schule (sehr hoher Anteil von Schülerinnen und Schülern mit Migrationshintergrund, extremes Leistungsgefälle nach unten, Häufung von Verhaltensauffälligkeiten, Schulunlust, mangelnde Sozialisation, … [die Aufzählung ließe sich nahezu endlos fortsetzen]) zunehmend überfordert sah und sieht.

Die Schule sei mit Lehrkräften gut ausgestattet, die Lehrerschaft möge durch eigene Fortbildung dafür Sorge tragen, dass sie mit solchen Schwierigkeiten und mit Differenzierung besser umzugehen lerne.

Ich gestehe, dass mich das wütend machte. Ein Armutszeugnis und Vogel-Strauß-Politik jener, die unserem Land für Schule Verantwortung tragen. Aber eine seit Jahren, nein, seit Jahrzehnten übliche Praxis, wenn es um die Bewältigung gesellschaftlicher Probleme geht. Immer wieder von Neuem werden Schulen und die Lehrerschaft in die Pflicht genommen, wahre Berge von Aufgaben sind gewachsen. „Wir machen’s einfach“ ist das Motto, … und kosten darf es nichts. Inklusion etwa ist das neue Steckenpferd, mit dem man sich politisch profilieren kann. Als wäre die Schülerschaft an besagter Schule nicht schon Patchwork genug, da kommt’s auf einen weiteren Flicken auch nicht mehr an!
Und die Lehrerschaft ist schlecht ausgebildet. Das soll hier keine Kritik an unserer Lehrerausbildung sein – das ist ein ganz anderes, aber ebenfalls brennendes Thema. Viele der Sachverhalte, mit denen Lehrkräfte massiv konfrontiert sind, waren im Grunde nie Gegenstand ihrer Ausbildung, können es auch gar nicht sein. Ein bisschen Psychologe, ein bisschen Therapeut, ein bisschen Mediziner, ein bisschen Buchhalter, ein biss-chen Nanny hie und Nanny da, … alles können, aber leider nichts richtig.

Und die politisch Verantwortlichen und die Schulbehörden merkten und merken nicht, welcher Tsunami da auf sie zurollt. Aber sie werden es merken müssen, irgendwann, wenn es vielleicht zu spät ist.

Schulstrukturreform! Die Realschule, eine gut funktionierende Schulart mit Reputation und bestem Image, von Eltern wie auch Industrie und Wirtschaft anerkannt und nachgefragt, mit einer immens wichtigen Funk-tion im gesellschaftlich Mittelbau, wurde mit der Zwangsehe mit der Hauptschule (und deren Abschaffung) zerschlagen. „Marketingstrategisch“ umbenannt in »Realschule plus«. Viele Menschen meines weiten Bekanntenkreises, Insider in diesem „Geschäft“, schüttelten verständnislos den Kopf: „Wie kann man so etwas nur machen!“. Ein CDU-Abgeordneter äußerte zu jener Zeit im Landtag kritisch, da sei wohl die Bezeichnung »Realschule minus« die treffendere gewesen – wie wahr! Oder auch »Hauptschule plus«, das wäre der Wahrheit wohl deutlich näher gekommen.

Die zunehmende Freigabe des Elternwillens an allen Verzweigungen des Bildungsweges war gewiss ein ehrenwertes demokratisches Prinzip. Nichtsdestotrotz ist es nach meinem Dafürhalten notwendig, dass der Staat sich das schlussendliche Recht der „negativen Auslese“ vorbehält. Denn nur so lässt sich die Qualität von Bildungswegen aufrechterhalten.
Eltern wollen immer „das Beste“ für ihre Zöglinge. Das ist gut und richtig so. Allerdings sind Zweifel angebracht, ob Eltern bei dieser Entscheidung vorrangig das Wohl des Kindes als vermehrt die schulische und berufliche Karriere im Auge haben. Aus diesem Grunde ist es nachvollziehbar – und mir selbst war das von vornherein klar – dass diese neue »Realschule plus« den Weg der Hauptschule wird gehen müssen. Denn wer will sich schon mit der untersten Stufe der „Bildungstreppe“ begnügen und zufriedengeben?
Das ist ein menschliches, ein psychologisches Moment, glasklar und vorhersehbar: Ein Boom würde einsetzen auf die Gymnasien und die Integrierten Gesamtschulen. Wer glaubte, die Schülerströme von Hauptschule und Realschule würden sich nunmehr in der Realschule plus vereinigen, der irrte gewaltig. Und jene Klientel, welche die Hauptschule zu einer schwierigen Schule machte und mangels pädagogischer Konzepte und Lösungen letztendlich zu einer „Restschule“, die ist ja nach wie vor und mehr denn je existent, nunmehr aber in der einzig verbliebenen Option „Realschule plus“. Die bisherige potenzielle Schülerschaft der Realschule tritt die Flucht „nach oben“ an, zu IGS und an die Gymnasien.
So musste es kommen und so kam und kommt es auch und wird weiter so sein: in jetzt schon absehbarer Zeit wird die »Realschule plus« ihr unrühmliches Ende finden. Wird es dann ein „Gymnasium plus“ geben?

Am 23. Juni 2015 erschien in der Rheinpfalz ein zweiteiliger Bericht über Aussagen und Erklärungen der Bildungsministerin Vera Reiß, übertitelt mit »Mehr Freiheit für die Schulen« und »Kulturetat „auf Kante genäht“«. Darin ist zu lesen, Frau Reiß wolle ob der überdurchschnittlich zurückgehenden Anzahl der Anmeldungen für die Realschule plus (mehrere kleine RS+ wurden bereits geschlossen) „die Eltern künftig besser über die Ausbildung in den Realschulen plus informieren und über die Möglichkeit, auch aus dieser Schulform heraus zur Hochschulreife zu gelangen“.

Ich fürchte aber, liebe Frau Reiß, die Eltern wissen sehr wohl darum; eine Aufklärungskampagne wird da wirkungslos verpuffen. Denn auch an den nicht mehr existenten Hauptschulen war das auch schon so! Es gab dort ein freiwilliges zehntes Schuljahr, in dem hinreichend qualifizierte Schülerinnen und Schüler den Realschulabschluss machen konnten. Das hatte aber nicht den Effekt, diese Schulart attraktiver zu machen. Offensichtlich waren und sind die Entscheidungsgründe der Eltern ganz andere. Eben jene, die auch der Hauptschule den Garaus machten. Gelernt hat man offensichtlich nichts daraus.

Das Siechtum der Hauptschule dauerte lange. Ihre Abschaffung jedoch kam mir aber doch vor wie eine „Nacht-und-Nebel-Aktion“. Eine einsame Entscheidung im hohen Haus? Plötzlich, aber doch nicht ganz unerwartet. Und die Lehrerverbände gaben „grünes Licht“. Ich glaube, noch nie zuvor davon gehört zu haben, dass ein betriebsspezifischer Berufsverband für die Schließung des eigenen Betriebes plädierte. Warum haben sie das wohl getan?
Und der Realschullehrerverband ließ sich wohl ködern mit dem Appendix „Fachoberschule“. Ein Appendix, der, folgt man den Bericht des Landesrechnungshofes, sich vielerorts tatsächlich zum „Blinddarm“ entwickelt, der über kurz oder lang operiert werden muss.

Die „Flucht“ ist ja auch in einer anderen, überaus gewichtigen Säule unserer Bildungslandschaft zu verzeichnen, ebenso vorhersehbar, nämlich der Lehrerausbildung. Abiturienten, die „auf Lehramt“ studieren, werden sich von vornerein kaum für die unterste Treppe entscheiden wollen, eben jene Schulart, in denen sie die schwierigsten Rahmenbedingungen vorfinden, in denen gar erfahrene und versierte Lehrkräfte zunehmend an ihre Grenzen stoßen, in denen höchste Qualifikationen gefordert sind, um bestehen zu können. Zumal die Studien- und Ausbildungszeiten sich kaum mehr unterscheiden (Regelstudienzeiten RS plus = 4,5 Jahre, Gymnasium = 5 Jahre; Vorbereitungsdienst einheitlich 1,5 Jahre). Kaum einer wird da von Beginn an den Wunsch äußern, an der Realschule plus tätig werden zu wollen, z. B. weil man sich mit dieser Schulart identifiziert. Einzig die Studienerfolge (oder besser: Studienmisserfolge) und die Einstellungschancen werden dies steuern.

Ich bin sicher, dass der „Lehrermangel“ an den Realschulen plus über kurz oder lang überhand nehmen wird. Landauf landab höhrt man davon schon jetzt, insbesondere was die bedarfsgerechte Lehrerversorgung in den Fächern betrifft.
Sie werden es dann so machen, wie in anderen Mangelfächern auch: Physik- und Chemielehrkräfte sind kaum zu haben, dann bildet man Fächergruppen, etwa „Naturwissenschaften“, und lässt das vorrangig von reichhaltig vorhandenen Biologelehrkräften unterrichten, … und erklärt dieses Konstrukt zur Tugend.
In den Realschulen plus lässt man eben fachfremd unterrichten, propagiert das „Klassenlehrerprinzip“ (der Haupschulen der frühen Jahre), verleiht diesem den Orden der pädagogischen Weisheit und nimmt das gar als Vorzug in das Profil der jeweiligen Schule auf.
Problem gelöst!
Aber leider nur vordergründig. Die Folgen werden fatal sein. Wo kommen wir hin, wenn Fachlehrkräfte das Fach nicht beherrschen, das sie unterrichten sollen?
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