Kolumbien

1992 - 1994

 

en français

DANKE FUER DIE KORREKTUREN


Wie gewöhnlich verbringen wir die ersten Wochen unseres Aufenthaltes in Kolumbien bei der Wohnungssuche und dem Autokauf (4x4 empfohlen, es wird dann einen Montero sein – auf Spanisch ist Pajero besonders grob, darum, die Umbenennung in Montero - und beim Versuch, sich in dieser 10 Millionen Einwohneragglomeration zu orientieren. Eigentlich ist es nicht schwierig: vom Süden nach Norden, parallel zu den Hügeln befinden sich die Carreras. Senkrecht zu den Carreras (Osten-Westen) sind die Calles. Diese Strassen sind von einem Fixpunkt einfach ab 1 nummeriert, Richtung Norden für die Calles, und Richtung Westen für die Carreras. Aber die Stadt hat sich gegen Süden ausgedehnt, also musste eine "Süd-Nummerierung" vorgenommen werden, ebenso Richtung Osten für die Carreras. Und nicht alle Strassen sind gerade und andere wurden zwischendurch gebaut; also wurden die Avenidas, Transversales und Diagonales erfunden, wovon die meisten auch nummeriert wurden. Aber sie befinden sich nicht unbedingt, da wo man sie vermutet. Derjenige der die Avenida 19 zwischen die Carreras (oder die Calles) 18 und zwanzig sucht wird gar nicht fündig !! Manchmal tragen jene Verkehrsader auch Namen ! Nach einer bestimmten Zeit gewöhnt man sich daran und, mit einer guten Strassenkarte, erreicht doch das vorgesehene Ziel.

Bogotá, oder besser Santafé (Santa Fe) de Bogotá gemäss der alt-neuen Bezeichnung dehnt sich auf eine Länge Nord-Süd von ca. 30 Kilometern und etwa 10 Km Ost-West, für die Schweizer etwa wie der Neuenburgersee. Oestlich wird die Entwicklung der Stadt von "Hügeln" (die über 3'000 M Höhe erreichen !) verhindert, westlich befinden sich die Industriequartiers. Also expandiert die Stadt nach Norden und nach Süden, wobei nördlich die vornehmeren und im Süden die ärmeren Leute wohnen.

Die Stadt liegt bei 2'600 MüS, in einem breiteren Hochtal. Am Anfang haben wir Gleichgewicht- und Atemprobleme gehabt und dann haben wir uns an die Höhe gewohnt. Jetzt, wenn wir zur Wärme und zur Sonne "runterfahren", braucht Jean-Didier trotz Zigarette keine Pumpe, um die Schwimmreifen der Kinder aufzublasen.

Das Klima von Bogotá, obwohl knappe 400 Km vom Aequator entfernt, ist allgemein kühl, aber die Tierras Calientes sind gottlob nicht allzu weit entfernt. Es genügt, etwas mehr als 2'000 M hinunterzufahren und schon treffen wir die Tropenzone. Mit dem Strassenzustand muss man für die ca. 200 Km Strecke etwa 4 Stunden rechnen. In der Stadt oder auf dem Land sind die Verkehrsadern voll manchmal riesiger Löcher. In den Städten liegt zudem die Tendenz beim Gullydeckeldiebstahl, sodass beim Fahren eine ständige Aufmerksamkeit nötig ist. Nicht nur wegen der Löcher aber auch wegen einer der undiszipliniertesten Verkehrsart, die wir je erlebt haben. Es wird in Bogotá nach dem Recht des Grössten gefahren. Also haben die Buschauffeure keine Hemmung auf der Dritten Spur anzuhalten, um die Passagiere aus- und einsteigen zu lassen, diese müssen wissen, wie sie durch den nichtanhaltenden Verkehr kommen. Oft auch biegt plötzlich das von ihnen links fahrende Fahrzeug vor ihrer Nase in die sich rechts befindende Gasse ein. Fahrzeuge mit Pannen oder verunfallt bleiben einfach, da wo sie waren, egal wie sie auf der Strasse stehen. Auf dem Land wird mindestens bei der vorherkommenden Kurve etwas Gras oder ein Baumast gelegt. Und wenn ich Land sage, muss man sich die Geographie Kolumbiens vorstellen: drei Bergketten, ständig ist man am rauf- oder am runterfahren, die Strassen wurden dem Berg entlang gebaut. Keine Brücken, keine Tunnels aber unzählige Kurven, meisten blind und öfter entlang manchmal sehr tiefen Abgründen.

Am Anfang des Aufenthaltes konnte man sich ein bisschen überall um die Hauptstadt bewegen. Leider hat sich die Guerilla genähert und nur auf die Hauptstrassen kann man Tagsüber fahren. Nachts fahren konnte man wegen der Banditen schon nicht und nun hat sich das militärische Risiko beigefügt. Die Narkotrafikanten rächen sich von einigen guten Coups der Polizei mit Bombenautos und auf das Meer haben die Behörden eine grosse Antipiraterie Aktion begonnen ! Eigentlich, ohne die Zeitungs- und Fernsehnachrichten würden wir von all diesen Problemen nur ganz wenig wissen, da wir im Alltagesleben so wenig davon merken.

Und, um das Leben zu verkomplizieren, herrscht Energiemangel. Schon am zweiten Tag unseres Aufenthaltes fingen die Stromunterbrüche an. Kolumbien bezieht den Hauptteil der Energie aus Wasserkraftwerke, das Phänomen "El Niño" hat das Regen fallen lassen, da wo es nicht nötig war, und die Stausee haben sich geleert. Dazu wurden die Oel- und Gaskraftwerke jahrelang gar nicht unterhalten. Also musste die Regierung energische (kann man sagen) Massnahmen treffen. Wir leben mit einem Stromrationierungsplan, der uns bis neun Stunden pro Tag Strom sparen lässt. Als dieser Text geschrieben wurde, waren wir hocherfreut, mit nur fünfeinhalb Stunden Unterbruch pro Tag. Im Büro kann man die Apparate zwischen 10.30 h bis 17.00 h benutzen. Es lebe das "Allelektrische" ! Jean-Didier war ganz froh, in einer Ecke des Archivs eine antike mechanische Hermes Ambassador zu finden. Nun, zusätzlich zu der vom Verkehr und von der Industrie erzeugten Luftverschmutzung, müssen wir noch diejenige der Notstromaggregate ertragen, die praktisch alle Händler gekauft haben, um ihre Läden etwas zu beleuchten und ihre elektronischen Kassen funktionieren zu lassen.

Aber man trifft, ganz Nah, ruhige Stätten wie Guatavita. Unweit daher liegt eine Berglagune, die den Ursprung der Legende des Eldorados bildet. Eine Version dieser Legende wird am Ende dieses Textes abgeschrieben.

Im Gegenteil zu Tunis findet man in Bogotá, alles was man nur möchte. Da viel eingeführt wird, sind die Preise entsprechend hoch aber das Alltagesleben wird davon vereinfacht.

Das Berufsleben ist wie überall. Die Schweizergemeinschaft beläuft sich auf ca 2'000 Mitbürger, die meisten der dritten, sogar der vierten Generation und gibt Jean-Didier genug Arbeit. Als wir ankamen fand er konsequente Arbeitsbiegen.

Im Gebiet Bogotá erreicht man regelmässig die 3'000 Metergrenze und die Fahrt nach Manizales führt, durch eine schöne Kaffeeplantagenzone, über einen 3'800 M liegenden Pass, leicht oberhalb der Baumzonengrenze.

Regelmässig fahren wir in die Tropenzone, um etwas Wärme und Sonne zu tanken und, während zwei oder drei Tage, die Kinder nicht anziehen zu müssen; auch die Eltern geniessen es, in T-Shirt und Bermuda oder Badeanzug zu leben.

Wenn die Stadt unter unseren Füssen tanzt, dann wissen wir, dass unweit die Erde gebebt hat. Und die Vulkane bleiben gottlob ruhig.

Im Tropengebiet haben wir die Resten von Armero besucht. Es handelte sich um ein Dorf (von ca. 35'000 Einwohner !), das von einer Schlammlawine im Jahre 1985 vernichtet wurde. Eindrucksvoll ist diese von Gestein und Kreuzen gedeckte Ebene. Das Vulkan Nevado del Ruiz hatte sich gewärmt und dabei die auf seine Spitze liegende ewige Schnee geschmolzen, die in Form von Schlamm gemischt mit Steinen und Bäumen den Talboden, über 5'000 M weiter unten, erreichte. Nun ist der Vulkan wieder ruhig und Ausflugsziel. Man kann bis zur Schneegrenze, bei 4'800 M, mit dem Auto fahren.

Während unseres Aufenthaltes haben wir dreimal eine Reise nach Quito geplant. Das erste Mal war die Strasse von der Guerilla gesperrt (wir hatten nicht Angst, aber wir konnten mit den Kindern nicht Tagelang blockiert zu bleiben riskieren); das zweite Mal waren etwa 50 Meter von der Strasse wegen starkem Regen einfach im Abgrund verschwunden und das dritte Mal mussten wir wieder einen Umzug vorbereiten !

Trotz Guerilla, Banditen, Narkotrafikanten, Erdbeben und sonstige Erdrutsche haben wir doch etwas von Kolumbien besucht. Unter anderem die Kolonialstadt Villa de Leyva, wo man Einige der ganz wenigen bleibenden Eingeborenen treffen kann, Capurganá, charmantes, verlorenes Badeort an der Grenze zu Panama, das nur mit Kleinflugzeug aus Medellín zu erreichen ist, ausser man schwimme sehr gerne und Santa Marta, an der Karibikküste. Von Cartagena, Cali und San Agustín wird später erzählt.

Regelmässig verbringen wir die Wochenenden in Mariquita, in den Tierras Calientes, im Tal des Rio Magdalena. Ein ehemaliger Schweizer Entwicklungshelfer führte dort ein Hotel, in welchem sich, selbstverständlich, viele Schweizer vom verschmutzten Leben Bogotá's erholten. Die hinführende Bergstrasse habe ich schon beschrieben, nur muss man hunderte von überlasteten Lastwagen und lebensmüden Busfahrern zuzählen. Die in diesem Ort herrschende relative Sicherheit muss auch erwähnt werden, denn es gibt in Bogotá nicht nur Banditen, terroristische Narkotrafikanten, Guerilla in der Nähe, Luftverschmutzung und Energiesparmassnahmen, aber auch sind Entführungen an der Tagesordnung. Politische Entführungen um Gelder zu erpressen aber auch Entführungen wegen Organen, und dabei werden (Klein-) Kinder besonders gefährdet.

Während eines verlängerten Wochenendes haben wir mit einigen Freunden San Agustín besucht, wo zahlreiche präkolumbische Gräber und Statuen entdeckt und restauriert wurden. Auch in Cali haben wir einige Tage verbracht, dabei einen Tag im Tropenwald eines Bekannten  verbracht, sowie auch die Stadt Popayán und das eingeborenen Marktdorf Silvia besucht.

Als Höhepunkt meines Arbeitslebens wurde ich zum "Sportattaché" (doch ! und ihr könnt hämisch lachen) befördert. So konnten wir nach Cartagena de Indias fliegen, um unseren Mitbürger Laurent Bourgnon zu empfangen, der die Route du Café (Transatlantiksegelregatta "zu Eint") als Erster endete, jedoch nicht siegte. Auch war ich Sportvertreter der Botschaft um, zusammen mit der Handelskammer, dem Klub und der Schweizerschule die Uebertragung auf Riesenbildschirm des Fussballmatches Schweiz – Kolumbien zu organisieren.

Und wieder kam die Meldung der nächsten Versetzung, diesmal nach Dakar, Senegal. Umzug vorbereiten, Listen erstellen, Auto verkaufen, und dann erfahren wir, dass wir uns eine vollmöblierte Dienstwohnung erwartet. Also Umzug umdenken, Listen neu erstellen, usw. und dies auf die ganz neue Informatikplatform, die wir vor etwa zwei Jahren bekommen haben. Aber gut, dies machen wir endlich eins für alle Male, und wir werden alles auf Disketten mitnehmen... Jaaaa, aber Bill Gates hat Windows noch nicht richtig erfunden und, ein Paar Jahre später werden wir alles neu machen müssen.

Und, im Juli 1994 fliegen wir von Kolumbien ab. Trotz der Schwierigkeiten, die wir erlebt haben, haben wir dieses Land geliebt, haben wir es so weit wie möglich bereist, haben die Erinnerung von Picknicks an den Seen mit Freunden oder in Familie und behalten einige Freunden in Erinnerung.

Zum Schluss die versprochene Version der Legende des El Dorado

Vor der Ankunft der Spanier lebte im Ort Guatavita nahe beim gleichnamigen See ein reicher Muisca-Fürst, der unter seinen vielen Frauen eine besass, die alle anderen an Schönheit, Liebreiz und Klugheit weit übertraf. Aber eines Tages betrog sie ihren Herrn und Gebieter mit einem Edelmann am Fürstenhof. Als der Fürst davon erfuhr, liess er ihren Liebhaber hinrichten, während er sie selbst damit bestrafte, dass er diese Schan- de im ganzen Land verkünden liess. Dadurch aber wurde die Fürstin so sehr von Gram erfasst, dass sie aus dem Palast floh, zu dem in der Nahe gelegenen See hinauflief und sich mit ihrer kleinen Tochter in die Fluten stürzte. Als der Fürst davon erfuhr, rief er alle Zauberer seines Landes zusammen und verlangte von ihnen, sie sollten ihm sein geliebtes Weib wieder zurückbringen. "Sag ihr, ich flehe sie an, sie möge zu mir zurückkommen, es soll alles vergessen sein, was geschehen ist", befahl er einem der Zauberer, der in den See sprang, um diese Botschaft der Fürstin zu übermitteln. Der Zauberer jedoch tauchte bald wieder auf, um zu verkünden, dass die Fürst-Gemahlin nun unten im See an der Seite eines Dämonen in einem Palast lebe, der tausendmal schöner sei als der des Herrschers von Guatavita. Die Fürstin wolle nicht mehr zurückkehren, denn sie sei an der Seite des Dämonen glücklicher als an der Seite ihres Gemahls. Der Fürst von Guatavita war aufs tiefste betrübt und befahl noch einmal zu tauchen, um wenigstens das Kind heraufzuholen. Der Zauberer sprang erneut in den See, aber als er wieder auftauchte, hielt er ein Kind in den Armen, das tot war und dessen Augen ausgestochen waren. Der Dämon wollte es nicht mehr lebend zurückgeben.

ln tiefstem Kummer entschloss sich der Herrscher nun, für diesen schmerzlichen Verlust Opfer zu bringen. Bei dieser Zeremonie sollten die Untertanen aus dem ganzen Land anwesend sein, um für die Seelen von Mutter und Kind zu opfern und zu beten. Jeweils an den grossen Festtagen des Jahres begab sich der Fürst zum See hinaus, begleitet von seinem Hofstaat und den Pilgern im ganzen Land. Er bestieg ein Floss und fuhr in die Mitte des Sees, während am Ufer dicht gedrängt die betenden Menschen standen. Der Fürst hatte für diese Zeremonie seinen ganzen Körper mit Harz bestrichen, auf das Goldstaub gestreut wurde. Als nun die Morgensonne aufging, sass der Fürst, über und über mit Gold bedeckt auf dem Floss, und strahlte im gleissenden Sonnenlicht himmlischen Glanz aus. In der Mitte des Sees angelangt, gebot er den umstehenden Klagenden, zu schweigen und ihr Haupt zu verhüllen. Wahrend er sich seiner goldenen Hülle entledigte, indem er mit einem bestimmten Kräutersaft den Goldstaub abwusch, warf er unter lauten Gebetsrufen Gold und Smaragde als  Opfer  und Zeichen seiner Liebe in den tiefen See. Aber seine Frau wollte ihn nicht mehr erhören.