Ende 2001 verlässt Jean-Didier die schwedische Kälte, in welcher Merja und die Kinder bis Ende des Schuljahres bleiben werden und kommt in Port-au-Prince nach einem langen Reisetag an. Es ist Fastnachtsmontag, freier Arbeitstag vor den Feierlichkeiten des Fastnachtsdienstags, auch arbeitsfrei. Er wird diese zwei dienstfreie Tage zusammen mit seinem Vorgänger, der der ehemalige Stagiaire ist, den Jean-Didier in Oslo ausgebildet hat und kürzlich Verstärkung in Stockholm, im Büro verbringen. Er wird danach einziger Abgesandter – und Karrierekonsul – im der Botschaft in Mexiko unterstellten Honorargeneralkonsulat sein.


Gerade nach (oder wegen ?) seiner Ankunft finden gewalttätigen Meutereien statt. Solche Vorkommen werden, von angeblichen Putschversuchen bis zu zahlreichen Demonstrationen "zur Unterstützung der Regierung" rasch zur Routine.


Während der ersten drei Monate, wird der "allein stehende" Jean-Didier viele Wohnstätten besuchen, und dabei bereits einige ausscheiden lassen, Restaurants und Supermärkte aussuchen, und sogar ein Auto kaufen. Es wird ein Honda CRV sein, das er nie gern fahren wird.


Der Umzug aus Schweden wird relativ schnell durchgeführt aber die Freizeitdauer wird es nicht erlauben, viele Ferien zu beziehen. Der Aufenthalt in Europa beinhaltet einen Ausbildungskurs von einer Woche und mehrere Tage von Besprechungen in Bern. Und wir fliegen gemeinsam nach Haiti, wo Jean-Didier unbedingt Mitte Juli zurück sein muss.


Port-au-Prince befindet sich am Ende einer Bucht der karibischen See, auf einer Tiefebene gelegen, die nördlich und südlich von Bergen (die "Mornes") eingeschränkt ist, und auf welchen sich praktisch kein Wald mehr befindet. Die Mornes von der Südseite wurden damals von den reichen Eigentümern der Hauptstadt kolonisiert, und man geniesst dort bis etwa 1'500 Meter Höhe eine kühlere Luft als in der Stadt. Sogar in der Trockensaison braucht man kaum Klimaanlagen.


Auf das erste Niveau befindet sich Pétion-Ville mit dem Generalkonsulat der Schweiz und wir werden bestimmt in diesem Gebiet wohnen, obwohl die französische Schule ziemlich entfernt ist. Nach einigen (zu langen) Hotelwochen ziehen wir sogar im Haus von Richard Haus ein, etwas oberhalb des Büros.


Dieses charmante Haus wurde am Hang einer noch bewaldeten kleinen Schlucht auf fünf Stockwerke gebaut, die obere Etage ist auf Strassen-Niveau. Wir haben keinen Blick auf die Ebene aber dafür geniessen wir eine fast göttliche Ruhe, die nur von schlaflosen Hähnen und der Samstagabenddisco etwas unterhalb gestört wird.


Die Landschaft um die Hauptstadt ist karg. Die Mornes sind wie geschält und man sieht nur vereinzelte Bäume. Hingegen sind sie von Sträuchern gedeckt und diese brennen regelmässig während der warmen Saison.


Die Energie wird spärlich verteilt und meistens anarchisch in der Mitte der Nacht. So sind die Wohnstätten mit Inverters (Art Stromtransformatoren von einigen Batterien, damit eine minimale Versorgung besteht) und oft mit Stromgeneratoren ausgestattet. Viele Quartiers, auch Dasjenige, in welchem wir wohnen, sind der Wasserversorgung gar nicht angeschlossen. Die Häuser werden entsprechend mit Regenwassersammelsystemen und riesigen Zisternen versehen. Das Gut muss sorgfältig verwaltet werden, um nicht gezwungen sein, Tankwagen kaufen zu müssen, was wir doch nach einer langen dürren Periode machen müssen. Das Wasser wird dann in einen kleineren Tank auf das Dach gepumpt, um etwas Druck in den Leitungen zu sichern.


Eine der ersten Aufgaben Jean-Didiers war die Büros umzuziehen. Die Arbeitsbedingungen waren nicht mehr erträglich, und es genügte, vom 1. zum 3. Stock des gleichen Hauses zu gehen, um diese drastisch zu verbessern. Auch wurde sein Pflichtenheft mit vielen anderen bisher nicht ausgeübten Aufgaben erweitert. Er muss nun über die unruhige politische Lage regelmässig berichten, die wenigen Schweizerfirmen, die mit diesem Lande handeln wollen helfen und die kulturelle Präsenz der Schweiz etwas Präsent machen probieren.


Die haitianische Wirtschaft kann nur als ruiniert bezeichnet werden. Die Mehrheit der (ganz kleinen) besitzenden Klasse ist Verteilen ein Fremdwort. Man trifft demzufolge zwei Wirtschaften nebeneinander: die eine für die "Reichen" bestimmt – man findet in Port-au-Prince die letzte Mode von Paris, Rom oder London sowie alle Luxusgüter von den Champs-Elysées – die andere, informelle, für die Mehrheit der Bevölkerung, die in einem unvorstellbaren Elend und ungesunder Umgebung leben muss. Der Mindesttageslohn beträgt 32 Gourdes, weniger als ein amerikanischer Dollar. Die Arbeitslosenrate wird um über 60 % der aktiven Bevölkerung geschätzt und der "durchschnitt" Haitianer verbringt fast die ganze Zeit, die tägliche Ernährung seiner Familie zu suchen.


Das Bildungswesen ist auch katastrophal und die Lehrer des öffentlichen Sektors haben schon viel Idealismus, um den meist abwesenden Kindern (auch auf der Suche vom täglichen Brot) die Basen des Schreibens, des Lesens und des Rechnens beizubringen. Die Quote des Analphabetismus wird auf ca. 80 % geschätzt. Die Kinder der besitzenden Klasse und der winzigen Mittelklasse besuchen die unzähligen privaten Schulen im Lande, die eine gute Bildung anbieten.


Der Haitianer ist geduldig und besitzt eine künstliche Gabe. Haiti hat zahlreiche Schriftsteller, Dichter und Maler grossgezogen. Die Malerei ist bestimmt die meist ausgeführte Landesproduktion zusammen mit den Arbeitern, im Ausland sehr geschätzt und deren Geldüberweisungen einen sehr hohen Teil des BSP ausmachen.


Mit der Rückkehr von Jean-Bertrand Aristide an der Staatsspitze, nach Wahlen, die einen Rekord an Stimmenthaltung kannte, und so krassem Parlamentswahlbetrug vom Jahre 2000 dass die internationale Gemeinschaft beschloss, der Regierung kein Geld mehr zu geben, liegt die politische Lage beinahe am Chaos. Zwei kompromissbereitschaftslose Lager stehen einander gegenüber. Die Regierung macht die internationale Gemeinschaft (und die Opposition) für den Zerfall der Wirtschaft schuldig, und die Opposition wirft der Regierung vor, nichts zu unternehmen, um die Situation zu entlocken. Die Regierung probiert mit allen möglichen und bedauernswertesten Mitteln, wovon zwei grotesken Putschversuchen, die Opposition zu schweigen zu bringen. Dann mit der Organisation von Meutereien und Terrorismus, deren Führern zu eliminieren oder zum Exil zu zwingen. Die Organisation der Amerikanischen Staaten hat Resolution auf Resolution gestimmt, um der haitianischen Krise zu lösen, die von der Regierung schlicht ignoriert werden. Die Regierung probiert, mit der Hilfe von kriminellen Organisationen, eine Diktatur aufzubauen. Die unheilvolle Flucht von Jean-Bertrand Aristide Anfangs 2004 ist das Resultat.


Die Menschenrechte werden auch verhöhnt – Ende 2001 wurde ein Journalist von einer gehetzten Menschenmenge regelrecht zerhackt, denn er gehörte zur politischen Opposition. Die Regierung schliesst auch die Augen auf das Los von etwa 300'000 Sklavenkindern (die Restavèk, siehe u.a. http://de.wikipedia.org/wiki/Restavec) und unternimmt nichts, um deren Lage nur ganz wenig zu verbessern.


Beruflich ist Jean-Didier mit einer kleinen Schweizergemeinschaft beschäftigt und wird auch mit sehr viel Selbstverwaltung kämpfen. Die Onlineschaltung der Informatik-Anlage zum Beispiel wird mehrere Monaten in Anspruch nehmen. Das Sammeln von Informationen seitens der Behörden ist auch besonders schwierig. Dazu sind die Fahrten kompliziert; wir sollten manchmal zwei Autos haben, um den Transport der Kinder richtig koordinieren zu können.


Das erste Schuljahr in Haiti wird von einer Lehrerin der französischen Sprache erschwert. Die Kinder haben dieses Fach überhaupt nicht mehr gerne. Glücklicherweise wird die Dame am Ende des Schuljahres versetzt und die Kinder nehmen Ihre Gewohnheit wieder, ausgezeichnete Schüler zu sein.


Ferien und Reisen werden immer von einem Ersatz für Jean-Didier abhängig. Wir werden also während der Wochenenden die Umgebungen von Port-au-Prince besuchen können. Weitere und längere Reisen können nur stattfinden, wenn jemand "von Bern" angekommen ist.


Nach mehreren Monaten werden wir doch einen raschen Abstecher nach Santo Domingo machen und zur Fastnachtzeit ein Paar Tagen in Florida verbringen können. Dort werden wir ein Reitturnier in West Palm Beach besuchen und Einiges in Miami einkaufen.


Später fahren wir bis zum Cap Haïtien, wo wir die Zitadelle "La Ferrière" besuchen. Diese Festung wurde vom König Christoph am Anfang des 19. Jahrhundert erbaut, kostete das Leben von tausenden Arbeitern und wurde sowohl militärisch wie strategisch absolut Unnutz. Auch besuchten wir die Ruinen des Palastes Sans-Soucis, Kopie von Potsdam, das kurz nach dem Erstehen von einem Erdbeben zerstört wurde. Anschliessend fuhren wir über schrecklichen Pisten in die Dominikanische Republik, wo wir wieder gute Strassen fanden, bis Las Terrenas, charmantes Badeort am Antlantik, wo wir später regelmässig hinfahren werden.


Über Miami fliegen wir in die Schweiz für die Sommerferien 2002 und werden zur Ausweisungssaal geführt, denn wir hätten uns illegal in den Vereinigten Staaten aufgehalten. Die Lösung wird gefunden und wir dürfen die Disney Parks in Orlando wie auch das Kennedy Space Center in Cape Canaveral besuchen. In der Schweiz besuchen wir regelmässig die Landessausstellung Expo02, da wir das Privileg haben, in deren Mitte zu wohnen.

Auch machen wir einen Ausflug bis in die Bretagne, wo wir ehemalige Freunde aus Dakar besuchen, geniessen eine Raclette bei Jérôme und, selbstverständlich, rennen von einem Laden zum Nächsten, um all das einzukaufen, das uns in Port-au-Prince fehlt.

Im letzten Aufenthaltjahr werden wir die Wale in der Bucht Samana, Dominikanische Republik, beobachten können. Dabei werden wir einen "Walsprung" bewundern können.Später werden wir der interessanten Fastnacht von Jacmel erleben, zusammen mit einem pensionierten Ehepaar aus Finnland, der den europäischen Winter unter den Tropen verbringt, und welchem wir später regelmässig treffen werden. Bei den Osterferien wird Janne-Nicolas (Jean-Didier konnte nicht ersetzt werden) einige Freunde in die Forêt des Pins begleiten. Während drei Tage werden sie dort, an der Grenze Haitis und der Dominikanischen Republik wandern.

"Grosse Ferien" wird es keine mehr geben, denn wir werden im August 2003 direkt nach Chile versetzt.