TSCHECHOSLOWAKEI

1984 - 1986

en français

DANKE FUER DIE KORREKTUREN


Nach mehr als 20 Jahre probiere ich, den Aufenthalt in der Tschechoslowakei zu rekonstruieren.

 

Am Ende der Ausbildung kehre ich also in die Schweiz zurück. Dort erfahre ich, dass ich als Assistent des Verantwortlichen für die Ausbildung des Konsularpersonals in Bern bleiben werde. Obwohl ich gerne sofort weiter gefahren wäre, nehme ich die Sache gelassen und werde während 6 Monaten die für die Ausbildung der im Januar anfangenden Stagiaires nötige Dokumentation vorbereiten, die für den im März stattfindenden Zulassungswettbewerb Kandidaturdossiers analysieren, Referenzen beantragen, usw. Also bin ich bis die ende Februar stattfindende Pause sehr beschäftigt. Im Verlaufe dieser ersten Monaten in Bern habe ich auch erfahren, dass ich im Monat April nach Prag versetzt werde.

 

Ich profitiere von dem Unterbruch im Februar um, mit André, diese erinnerungsvolle Reise nach Südafrika zu unternehmen. Hélène befindet sich in Johannesburg und dies bildet einen ausgezeichneten Grund. Wir nehmen Kontakt auf, kaufen die Flugbilletten und landen, nach einer konsequenten Verspätung in Südafrika. Unterkunft, Stadtrundfahrt, Zuluprogramm mit Liedern und Tänzen, alles war sehr gut organisiert, sogar eine dreitägige Fahrt in den Kruger Park. Dort werden wir allerlei Buschtiere bewundern, insbesondere Webvögel, Zebras, Giraffen und zahlreichen Antilopen, sogar ja auch Spuren von Panthern und ausgetrocknetem Elefantenkot.


Auch waren Plätze im Bluetrain reserviert und wir konnten diese wunderbare Reise zwischen Johannesburg und Kapstadt im Luxuszug geniessen. Selbstverständlich kommen wir zum Tafelberg, von wo wir in der Nebel in einer Fensterlosen Seilbahn runterfahren müssen. Mit einem Mietwagen besuchen wir das Kap der guten Hoffnung und fahren auf die Gartenstrasse bis nach Port Elisabeth weiter.


Selbstverständlich fahren wir etwas aus, um eine Strausszucht oder Höhlen, sicher auch den Weinort und die –kellern von Stellenbosch zu besuchen und auch die Spezialitäten der Kaprebberge zu probieren und geniessen. Die Rückreise ist wie der Hinweg, mit einer konsequenten Verspätung und, bei der Ankunft in Neuchâtel werde ich "Scheissausländer" verrufen.

 

Anfangs April lade ich meinen gebrauchten BMW und fahre nach Prag ab. Ach, Dummheit ! Nicht nur habe ich die Karte richtig studiert, aber auch habe ich sie zu Hause vergessen. Die Grenze finde ich doch und, nach der eindrucksvollen Passage des eisernen Vorhangs, führt die Strasse direkt nach Prag. Da ich kaum einige Wörter tschechisch kann, probiere ich nicht, ohne Karte über Umwege zu fahren und komme schnell in der schönsten Stadt Europas, wo ich mich in der mir zugeteilten Dienstwohnung bald installiere, in einem charmanten Quartier, gerade neben der Vltava.

 

In dieser Stadt werde ich unzählige Fotos abschiessen, die Lichter sind so wechselhaft und das Ambiente ständig unter einem romantischen Einfluss.


Daneben hat mir der Kanzleivorsteher mit seinem Musikvirus angesteckt. Wir besuchen Viertel dieser Stadt, in welchen wir sonst nie gegangen wären, wäre die "Not" nicht gewesen, die Schallplatte jenes Werkes von jenem Komponisten, von jenem Orchester interpretiert, unter die Leitung jenes Dirigenten… Nach Bangkok und die Exotik wird sich mein Leben hauptsächlich der Musik, etwas Oper und Schauspiel, Pantomime widmen. Andere Aktivitäten sind, wegen der politischen Lage, eher Rar. Also, wenn die Kollegen mich zum "Samstagabendball" einladen, zögere ich nicht der tanzenden Jahreskreuzfahrt der US Marines auf einem alten Dämpfer auf der Vltava mitzumachen. Und dort treffe ich eine Praktikantin der finnischen Botschaft, welcher ich im Verlaufe der zahlreichen Tänzen und Gläsern slowakischen Weissweines mindestens fünfmal ihr Vorname frage. Und da habe ich endlich Merja getroffen; Merja, die ein Paar Wochen später nach Finnland zurückkehren muss, um ihre Ausbildung abzuschliessen und die, danach zu mir nach Prag zurückkommen wird.

 

In der Zwischenzeit bin ich mehrmals in die Schweiz gefahren und habe meinen 900er Honda in die Tschechoslowakei mitgenommen. Den werde ich ganz brav auf dem Botschaftsareal parkieren, denn die Tschechen sehen solche Maschinen nicht oft und ich habe keine Lust, die Zubehöre zu verlieren. Mit dem Motorrad besuche ich die Umgebung von Prag, den unteren Tal der Elbe, den man sächsische Schweiz nennt und einige der vielen Schlössern, die unweit der Hauptstadt stehen, mit einer besonderen Vorliebe für Kokořín.

 

Eines Tages des ersten Sommers waren wir am Mittagessen, als plötzlich grosse Aufregung auf der Leninavenue herrschte. Ein Bus musste einen Wagen abweichen und rammte einen geparkten Anderen ein. Pech, es war der meinige. Mit verschobenem Fahrgestell musste er direkt zum Schrott. Schnell finde ich ein anderes Auto, einen kleinen Boliden Ford Capri, meinen ersten Automat.

 

Prag, zu jener Zeit von Ost- und Westeuropa, von der Konfrontation von der kapitalistischen gegen die sozialistische Welt ist eine Ewigkeit des Geheimnisses. Die Dienstwohnungen, die von der Verwaltung zur Verfügung gestellt werden, sind voll Wanzen, die Telefon- und Telexgespräche werden bestimmt ständig abgehört, auch sind sicher all unsere Bewegungen irgendwie registriert. Im Büro, zu Hause, am Telefon wird nur von Unwichtigem gesprochen. Wenn was Wichtiges zu besprechen ist, dann wird herausgegangen. Anekdote: ich hatte in meiner Stube einen Glastisch auf welchem, unter anderem, sich ein Kompass befand. Eines Tages sehe ich zufällig die Nadel des Kompasses eine ganze Runde drehen. Mit diesem Instrument habe ich dann das Magnetfeldsystem unter dem Holzboden bei der Verbindungstüre zum Esszimmer. Was aber tun ? Nichts, denn die Apparatur würde sehr schnell ersetzt, aber darüber am Kaffeetisch, im Büro laut sprechen, überhaupt vor dem Übersetzer, notorischer Informant des Sicherheitsdienstes.

 

Merja ist also zurück nach Prag gekommen. Wir leben mehrere Monate zusammen und beschliessen zu heiraten. Leider hat Finnland kein Abkommen mit der Tschechoslowakei in Bezug auf Zivilstandsdokumente abgeschlossen. Wir bekommen die letzten korrekt beglaubigten Dokumente nur ein Paar Tage vor dem Vermählungsdatum. Ein Bekannter, ehemaliger Protokollchef der Stadt Prag ist ein grosser Helfer im bürokratischen Krieg mit der Verwaltung und, am 19. Dezember 1985 sagen wir uns "ja" vor dem Bürgermeister der Altstadt Prag, im Gemeindehaus auf der Staroměstské Náměsti. Romantischer ist kaum möglich. Während wir vor dem Bürgermeister standen, war der Botschafter im Aussenministerium, probierte erfolgreich die tschechischen Behörden zu überzeugen, keine Gegenmassnahmen zu treffen, da die Schweiz deren Konsul wegen Nachrichtendiensts eben ausgewiesen hatte.

 

Wir leben in der geschlossenen kleinen "Westgemeinschaft" von Konzerten, Einladungen, Ausflügen und überhaupt von Wanderungen in dieser so romantischen Stadt. Wer die Karlsbrücke in einem herbstlichen nebligen Abend nicht durchgelaufen ist, kann sich kaum die permanente Romantik von Prag vorstellen.

 

Eines Tages 1986 kam das Telegramm unserer Versetzung nach Norwegen. Bevor wir das Land überhaupt kennen, fangen wir an es zu idealisieren. Aber wir leben in Prag in einer vom Bund vollmöblierten Dienstwohnung und so wird es in Norwegen nicht sein. Also haben wir das Ikea Katalog tief studiert und eine Telexbestellung in München aufgegeben, denn die zugeteilte Umzugfirma ist in dieser Stadt beheimatet. Wir wollen sowieso Saara und Rainer besuchen und die Versetzungsreise ist über die Schweiz geplant, um einige Ferien dort zu verbringen und überhaupt meine Ehefrau an diejenigen vorzustellen, die sie noch nicht kennen.