6 Das Psychoonkologische Experiment - Erfahrungsbericht

 Am 08-01-2014 gehe ich mit 67Jahren erstmals zu einer Vorsorgeuntersuchung. Den Urologen hatte ich Jahre zuvor als Balintgruppenteilnehmer kennen gelernt. Ich schätze ihn als gewissenhaften Arzt und tüchtigen Operateur.

Damals hatte ich mir vorgenommen: wenn ich einmal ein ernsthaftes urologisches Problem habe, dann gehe ich damit zu ihm.

Ich hätte diese Aussage umkehren sollen: Wenn ich diesen Urologen aufsuche, dann habe ich etwas ernsthaftes.

DENN: „Da ist etwas“ höre ich seine Stimme noch einige Wochen nachklingen.

Anschließend schiebt er mir eine Art Dildo in die einzige bei mir dafür geeignete Körperöffnung, um zu sonographieren.

Selbst ich kann den Tumor im Bild gut erkennen. Es könne zwischen Verkalkung und Karzinom alles mögliche sein, das müsse man alsbald per Biopsie klären. An seiner hektischen und geschäftigen Art merke ich, welches Ende des Spektrums er wirklich meint.

Schade, denke ich. Irgendwann, so hatte ich immer gehofft, sollte einmal ein Backstein vom Himmel fallen und mir das Lebenslicht ausblasen. Nicht zu früh, aber rechtzeitig, bevor Demenz oder bösartige Erkrankungen mich packen könnten. Und jetzt? Die Aussicht, nur noch wählen zu können, ob ich am Tumor oder an der Therapie desselben zu sterben gedenke, nein, diese Aussicht gefällt mir ganz und gar nicht.

Vor Jahren hat mir dieser Urologe von einem Patienten erzählt, der einen schlimmen Nierentumor hatte: er hätte eigentlich sofort operiert werden müssen, entschloss sich aber, erst einmal Urlaub zu machen. Sein Argument: „Ich bin noch in der Lage, in den nächsten vier bis sechs Wochen mein Leben zu genießen. Ob ich aber die OP überlebe, das weiß ich nicht.“

Ich hatte damals dem Urologen erklärt: „Herr Kollege, ich sehe das genau so, wie Ihr Patient.“ Ein halbes Jahr später erfuhr ich, dass bei diesem Patienten alles gut gegangen war. Er war nach einem schönen Urlaub mit Erfolg operiert worden.

Jetzt bin ich selbst in einer ähnlichen Lage. Und ohne groß zu überlegen, verkünde ich: „Ende April werde ich aus dem Urlaub zurück sein. Dann sehen wir weiter.“

Ein wenig irritiert stimmt der Urologe zu. Anfang Mai soll eine Biopsie gemacht werden, danach richtet sich das weitere Vorgehen. Einer Blutentnahme für umfangreiche Laboruntersuchungen stimme ich gerne zu.

Die Aussicht, durch eine Operation und Nachbehandlung zum inkontinenten Eunuchen zu werden, gefällt mir überhaupt nicht.


Zurück „Zu Hause“

„Was wirst Du jetzt machen?“ werde ich gefragt. „Den Kopf in den Sand stecken, das bringt doch nichts!“ Und: „Du schaffst das auch noch, nach allem, was Du schon überlebt hast!“ höre ich von anderer Seite.

Und ich selbst kann mir nur immer wieder vorstellen: „Entweder stelle ich noch so viel wie möglich an und lasse alles seinen Gang gehen, oder ich lasse mich auf die Möglichkeiten der modernen Medizin ein und lasse auch hier alles seinen Gang gehen."

Einige endlose Tage wälze ich diese Gedanken hin und her.



Nach einer Woche sind die Blutergebnisse da. Der Tumormarker ist grenzwertig, und ich habe eine Thrombozytopenie. Das heißt: eigentlich müsste ich jedes mal, wenn ich mich irgend wo anstoße, einen riesigen blauen Fleck bekommen. Das ist aber nicht so. Und was den Tumor anbetrifft, sagt der Test überhaupt nichts aus.



Trotzdem hat mir die Blutanalyse geholfen: Mir fällt plötzlich ein, wie es mir vor vielen Jahren gelang, eine stark blutende Risswunde innerhalb von zwanzig Minuten schließen zu lassen. Mit einer Art Selbsthypnose.

Ich war vom Fahrrad gefallen und hatte mir an einem Holzspitzenzaun einen Riss im linken Handgelenkbereich zwischen Daumenballen und Handballen zugezogen. Es blutete, war verdreckt, man konnte ein paar Sehnen sich bewegen sehen. Meine Frau, ehemalige Gefäßchirurgin, begann, ein Nahtbesteck bereit zu legen. Ich zog mich dennoch erst ein mal – absichtslos – zurück. Spülte den Dreck am Wasserhahn weg und setzte mich bequem hin. Noch leicht geschockt und ermüdet schloss ich die Augen. Plötzlich sah ich ein riesiges Schiffsdeck. Ich selbst war auch auf dem Schiff oder war ein Teil des Schiffes. Über das ganze Deck war ein Fischernetz ausgebreitet, von oben bis unten gerissen. Eine Armee von Matrosen -kein einziges Schiff auf dieser Welt kann sich eine solche Masse von Matrosen leisten- war dabei, das Netz Faden für Faden zusammen zu knüpfen. Ich sah ihnen interessiert zu und irgendwann war das Netz repariert. Ich nahm die Imagination zurück und sah, dass etwa zwanzig Minuten vergangen waren. Dort, wo die Haut aufgerissen war, sah man nur noch einen schmalen, roten Strich. Wie nach einem oberflächlichen Kratzer. Meine Frau meinte, die Verletzung habe wohl vorher durch den Dreck schlimmer ausgesehen, als sie war. Ich selbst achtete für ein paar Tage darauf, die frisch verheilte Wunde nicht zu belasten. Nach meinem Verständnis war mit dieser Imagination alles das, was bei der „normalen“ Wundheilung geschieht, lediglich stark beschleunigt worden.

Übrigens habe ich einige Jahre später das Fischernetz wieder gesehen. Diesmal lag es -ganz real- auf der Hafenmauer in Chioggia ausgebreitet.



Könnte man einen Tumor -ja, es gibt nachgewiesene Spontanheilungen- nicht mit ähnlichen Methoden verschwinden lassen? So, dass der Urologe glauben müsste: ich habe mich bei der Erstuntersuchung geirrt?



Und dann fällt mir der „Freund-Vernichter“ wieder ein: eine aus dem NLP entwickelte, etwas fragwürdige Technik, eine verheiratete oder in sonstiger Beziehung stehende Frau zu erobern.


Die Regieanweisung (Stefan Strecker) sieht folgende Szenerie vor:

Mann (M) macht sich in eindeutiger Absicht an Frau (F) heran. (Frauen tun bekanntlich das gleiche umgekehrt nicht – einige, die es dennoch taten, mussten dazu keine faulen Tricks anwenden)

M.:baggert....

F.: Aber ich habe einen Mann (Freund, oder was auch immer)!

M.: (soll/muss das jetzt als Herausforderung sehen) Ach wie schön, dann musst Du ja hundertprozentig glücklich sein!

F.: Ja, ich bin glücklich und zufrieden. Hab so etwas noch nie zuvor erlebt!

M.: Tatsächlich! Und es gibt auch nicht eine einzige kleine Spur von Unzufriedenheit in Deiner Beziehung?

F.: (in den allermeisten Fällen) Ok, was ist schon hundertprozentig vollkommen....

M.: (lässt sie nicht ausreden) Ja, kluge Menschen wissen, dass nichts hundertprozentig sein kann. Erzähle jetzt bitte keine Einzelheiten, ich möchte Dir gerne ein Gedankenexperiment vorschlagen, welches Du ganz für Dich durchführen kannst... Wenn es klappt, führt es dazu, dass Dir die ungeliebten Eigenschaften Deines Mannes nichts mehr ausmachen. Wenn es, nicht klappt, was ich mir nicht vorstellen kann, dann passiert einfach gar nichts. Kannst Du Dir vorstellen, dieses Risiko einzugehen?

(wenn ihre Neugier geweckt ist, dann ist schon fast alles gewonnen)

M.: Gut, dann stell Dir doch bitte einmal eine, meinetwegen auch zwei oder drei Eigenschaften Deines Partners vor, von mir aus auch noch mehr, die Du absolut nicht magst. Und dann stell Dir mal eine Gestalt vor, die NUR aus diesen Eigenschaften besteht. Egal, ob das ein Mensch ist, ein Tier, oder auch ein Gegenstand..... und Du sollst mir, wenn Du Dir das vorstellen kannst, nichts darüber erzählen. Es ist Dein Gedankenexperiment. Ich möchte Dich nur bitten, wenn Du Dir vorstellen kannst, wie eine solche Gestalt aussieht, dann nicke kurz mit dem Kopf.

(wenn M. unsicher ist, darf er F. bitten, die Augen zu schließen, weil das das Experiment erleichtert. Es ist aber nicht nötig.)

F.: (nickt wahrscheinlich nach einiger Zeit)

M.: Danke! Und jetzt stelle Dir mal vor, welche Geräusche diese Gestalt von sich gibt. Und wenn Du Dir das vorstellen kannst, dann nicke wieder mit dem Kopf.

F.: (nickt)

M.: Danke... und nun stelle Dir bitte vor, wie sich diese Gestalt anfühlen würde..... nur vorstellen......, nicht vorstellen, dass Du es machst, nur vorstellen, wie es wäre......... und wenn Du Dir das so gut wie es jetzt geht, vorstellen kannst, dann nicke wieder mit dem Kopf....

F.: (nickt)

M.: Danke. Jetzt stell Dir bitte vor, wie diese Gestalt riechen würde, nur vorstellen, wie sie riechen würde, wenn Du sie riechen könntest..... Gut, wenn Du Dir das richtig vorstellen kannst, dann nicke wieder mit dem Kopf.

F.: (nickt)

M.: Danke. Und jetzt, stell Dir bitte vor, wie dieses Ding schmecken würde, vielleicht, wie diese Gestalt schmecken würde, wenn Du mit ihr knutschen würdest. Nur vorstellen, wie es wäre, nicht vorstellen, dass Du es tust. Und wenn Du es Dir richtig vorstellen kannst, dann nicke wieder mit dem Kopf.

F.: (nickt)

M.: Prima, jetzt kommt das eigentliche Gedankenexperiment: Stell Dir vor, wie Du diese Gestalt zusammenknüllst, so auf Schneeballgröße und dann zeige ich Dir, wie Du sie hinter den Mond schießen kannst......hast Du sie zusammengeknüllt?

F.: (nickt)

M.: ok, jetzt stell Dir eine riesige Gummischleuder vor, lege diese Kugel hinein. Während Du die Gummischleuder anspannst, zähle ich gleich von eins bis drei. Dann sage ich JETZT und in diesem Moment lässt Du los. Dann wird diese Kugel in die unendliche Ferne geschossen, bis weit hinter den Mond. Bist Du so weit?

F.: (nickt)

M.: Dann spanne jetzt die Gummis so stark wie möglich an: Eins-zwei-drei (einen Moment Pause) JETZT!

(M sollte jetzt auf die Mimik von F achten. In dem Moment, wenn eine gewisse Anspannung von Entspannung abgelöst wird): Na, wie weit ist es geflogen?

F.: (wird jetzt kurz berichten)

M.: (unterbricht, wenn F. nicht außergewöhnlich irritiert scheint): weißt Du was? Mach es doch gleich noch mal! Ich zähle wieder vor.....

(Das kann man nach Lust und Laune noch ein paar mal wiederholen, vielleicht auch F. überreden, das Experiment ganz alleine, ohne Unterstützung zu wiederholen)



Und jetzt kommt die Erfolgskontrolle

M.: Denke jetzt mal ganz intensiv an Deinen Partner. Was empfindest Du?

(in der Anleitung heißt es nun: Wenn F. etwas anderes antwortet, als „NICHTS“, dann haben wir irgend etwas übersehen! Wie es weiter geht, überlasse ich der Kreativität meiner Leserinnen – die Leser sollen hier nicht weiter angeleitet werden!)



Ich will diese Manipulationstechnik hier nicht, und schon gar nicht moralisch bewerten. Ich weiß aus eigener Erfahrung, dass sie auch erfolgreich von Frauen gegenüber Männern angewandt werden kann. Das habe ich selbst bei einem Hypnosekurs erfahren, nachdem ich die Methode vorgestellt hatte. Eine Teilnehmerin verwickelte mich anschließend in ein Gespräch. Hätte sie nicht das Wort „Gedankenexperiment“ benutzt, hätte ich die Manipulation überhaupt nicht bemerkt.



Bereits damals kam mir die Idee, diese hochwirksame Manipulation auch zu nützlichen Zwecken im Coaching, in der Therapie einzusetzen.



Und jetzt bin ich selbst Patient und Versuchsperson: Wenn es mir seinerzeit gelungen war, eine Wunde in kürzester Zeit zu verschließen, kann es dann auch gelingen, einen Tumor, der ja manchmal auch spontan verschwindet, sozusagen raus zu werfen? Hier nehme ich das Risiko, dass möglicherweise nichts geschieht, gerne in Kauf.



Ich setze mich bequem in meinen alten Fernsehsessel, schließe die Augen und warte ab, wie sich der Tumor in meiner Phantasie darstellt.

Ich muss nicht lange warten, es erscheint ein Gebilde, welches mich entfernt an eine Esskastanie mit Schale erinnert. Viel größer, größer als ein Fußball und mit langen Stacheln. Die Stacheln sind gefährlich, weiß ich intuitiv. Würde ich nur einen davon abbrechen, würde das ganze Gebilde explodieren. Was dann passieren würde, weiß ich nicht, erwarten würde ich eine Überschwemmung mit rostfarbener, klebriger, ätzender Flüssigkeit. Also riskiere ich das lieber nicht.

Welche Geräusche gibt dieses Gebilde wohl von sich? Ich höre plötzlich tieffrequentes Knirschen und Quietschen. Es klingt irgendwie bedrohlich, denn die Frequenz erhöht sich langsam aber stetig.

Wie fühlt es sich an? Ich berühre äußerst vorsichtig einige dieser Stacheln. Sie sind nur haarfein wahrzunehmen. Und dennoch stahlhart. Der Körper kann nicht berührt werden. Es würde wegen der „Haare“ zur Explosion kommen. Aber ich „weiß“, dass sich das Gebilde ledrig-holzig anfühlen würde. Obwohl ich nicht weiß, was ledrig-holzig ist, oder wie sich das anfühlen würde.

Der Geruch ist ziemlich neutral. Wie Stahl? Nein, eigentlich nicht. Aber doch ähnlich.

Und der Geschmack? Diese Stachelhaare schmecken nach Heu. Mit einem Hauch von Plastik.



Jetzt stelle ich mir vor, wie „etwas“ dieses Gebilde auf „Schneeballgröße“ zusammendrückt. „Etwas“. Ich weiß nicht, was das „etwas“ ist. Ich weiß, dass ich selbst diese Kunst nicht fertig bringen würde. Ich würde das „Ding“ mit Sicherheit zum Platzen bringen.

Danke!

Und jetzt lege ich den Tumor in eine riesige Gummischleuder und spanne die Stränge an. Bis kurz vor dem Zerreißen.

Eins! Zwei! Drei! JETZT!

Die Tumor-Schneeball-Kugel fliegt in die unendliche Ferne. Bis weit, weit hinter den Mond. Ich öffne die Augen – wann hatte ich sie denn geschlossen? Und orientiere mich kurz. Die Dammgegend fühlt sich angenehm warm und gelockert an.



Ich wiederhole die Übung noch zwei mal. Beim dritten mal – oder auch schon beim zweiten mal? Stell sich als „Ausgangsbild“ eine kleine, handliche Gummikugel dar, mit Noppen. Sie erinnert an Kugeln, wie man sie zum Entfusseln zusammen mit Textilien in die Waschmaschine stecken kann. Ich fühle mich dankbar und erleichtert.

Nun wiederhole ich das ganze jeden Tag zu einer bestimmten Zeit. Regelmäßig. Nach wenigen Tagen stellt sich nur noch eine kleine, harte, perlenartige Kugel dar. Beim Wegschießen fliegt sie immer weiter ins Weltall hinein. Manchmal stellt sich auch eine Tonmurmel dar. Diese behandle ich dann ganz, ganz vorsichtig und achte darauf, dass sie ganz besonders weit weg geschossen wird. Ich fürchte, wenn sie bei oder in mir zerbröseln würde, dann wären Metastasen vorprogrammiert. Aber jedes mal gelingt mir der Schuss besser.



Etwa zwei Wochen vor dem Urlaub kommt mir eine brillante Idee:

Vor mehr als zwanzig Jahren hatte ich einmal einen Neurochirurgischen Vortrag angehört. Der Referent, Ordinarius für Neurochirurgie einer Universitätsklinik, erzählte von seinen Erfahrungen mit der damals recht jungen Kernspintomographie. Er bekomme gelegentlich Patienten zugewiesen, bei welchen ein kleiner Gehirntumor als Zufallsbefund festgestellt worden sei. Oft sei es ziemlich schwierig, einen solchen, im Bild deutlich sichtbaren Tumor dann aufzufinden.

Das bedeutet: Das MRT (die Kernspintomographie) kann einen Gehirntumor entdecken, lange, bevor dieser irgendwelche Symptome macht.

Sollte das gleiche nicht auch am „anderen Körperende“ funktionieren? Sollte man den vom Urologen festgestellten Tumor nicht auch in der Kernspintomographie ansehen können?

Genauer als mit der „einfachen“ Sonographie?



Ich telefoniere mit einem befreundeten Neurologen. Er ist Oberarzt in einem Krankenhaus mit eigener MRT-Abteilung. Ja, man habe vor kurzem ein „noch moderneres“ Gerät angeschafft, weiß er. Und der leitende Röntgenologe sei sicherlich an außergewöhnlichen Geschichten wie der meinen interessiert. Und es gebe bei dieser Untersuchung schließlich auch keinerlei Strahlungsrisiko.

Ich nutze meinen Status als ärztlicher Kollege, der ich einmal war, schamlos aus. Statt wochenlang auf einen Termin zu warten, liege ich einige Tage später auf einem harten Schragen vor der „Röhre“. Eine junge Ärztin stellt sich kurz vor und legt ohne lange Erklärungen eine Infusionskanüle. Ich kenne das, weiß, worum es geht, frage mich dennoch, wie ich mich in der selben Situation fühlen würde ohne meinen medizinischen Hintergrund, als normaler mündiger Patient sozusagen. Aber vielleicht würde man mir ja dann alles ganz genau erklären.

Ein Röntgentechniker schließt die Kontrastmittelinfusion an. Immerhin meint er, falls es mir davon schlecht würde, solle ich sofort Alarm geben. Aber außer einem leichten Jucken an der Stirn, wie bei einem minimalen Sonnenbrand, merke ich keine Nebenwirkungen.

Ich habe schon zwei MRT-Untersuchungen hinter mir. Damals ging es um das Nervensystem. Es war schon ein Erlebnis der besonderen Art, mit Kopf und Rumpf in einer engen „Röhre“ zu stecken, während -den Geräuschen nach zu urteilen- eine Straßenbahn mehrere male um den Kopf herum fährt und immer wieder mehrere Presslufthämmer unwahrscheinlichen Krach machen. Ich fand es nicht schlimm, konnte aber gut verstehen, dass manch ein unvorbereiteter Patient dabei eine Panikattacke erleiden kann.

Der Techniker stellt jetzt einen breiten Bogen, irgendwie erinnert der mich an eine Hundehütte, über meinen Unterleib. Das sei das allerneueste Gerät. Ich werde also nicht in die Röhre hineingeschoben. Der Lärm während der eigentlichen Untersuchung klingt aber genauso.



Ich soll nach einer Stunde wieder kommen. Der leitende Rötgenologe sei gerade mit einem Notfall beschäftigt. Das wundert mich nicht weiter. Am Morgen, noch vor meiner Untersuchung, habe ich in der Cafeteria des Krankenhauses gefrühstückt. Am Nebentisch saßen die Ärzte der psychiatrischen Abteilung. Ich musste mich trotz einer gewissen Schwerhörigkeit nicht anstrengen, um die Unterhaltung zu verfolgen. Die leitende Ärztin schimpfte über die Neurologen, besonders über meinen Freund dort. Sie habe ihn am frühen Morgen einige male wegen eines Patienten angerufen, der dringend neurologisch untersucht werden müsse. Der Herr Oberarzt habe sie jedesmal „einfach weggeklickt“. Die anderen Neurologen auch. Ein Psychiater, der meint, vielleicht hätten die Neurologen gerade einen Notfallpatienten versorgen müssen, wird schrill und lautstark übertönt. Ich besuche jetzt in der Wartezeit meinen Freund. Er erzählt von einem schlimmen Notfall. Der Patient hatte ein großes Blutgerinnsel im Gehirn. Er habe sofort operiert werden müssen. Es sei auf jede Minute angekommen. Neurologie, Neurochirurgie und Radiologie seien in Teamarbeit damit beschäftigt gewesen. Ja, er habe deswegen alle ankommenden Anrufe abgewiesen.

Später kommt auch der leitende Radiologe. Er wundert sich, woher ich weiß, dass er mit einem Notfall beschäftigt war. Dann sehen wir gemeinsam meine MRT-Bilder an. Ein Tumor ist nicht zu entdecken. Der Kollege drückt sich sehr vorsichtig aus. Will sich nicht festlegen. Die Bilder sind so klar und deutlich, wir stellen den verdächtigen Bezirk in Großaufnahme dar, sehen ihn Millimeterweise an. Es ist nichts ungewöhnliches zu entdecken.

Entweder war der urologische Befund klinisch und sonographisch ein Irrtum, oder meine Methode hat ihn wirklich „vertrieben“. Ich kann es nicht beurteilen, ich weiß nicht, was da geschehen ist. Ich nehme es einfach dankbar zur Kenntnis, dass der Tumor weg ist.

Und ich werde gelegentlich den tumorspezifischen Laborwert kontrollieren lassen.





Der anschließendeUrlaub ist hochinterssant und sehr anstrengend. Es ist heiß und stickig. Manchmal unerträglich. Oft genug fällt mir das Atmen nicht ganz leicht. Aber ich habe eine ganz besondere Beziehung zum Fernen Osten und „muss“ immer wieder hin. Alkohol in Maßen macht die Hitze erträglicher. Ich werde mir -wie immer nach den Tropenurlauben- eine längere Abstinenzphase auferlegen. Bis jetzt habe ich diese Abstinenz auch ohne Entzugserscheinungen gut vertragen.

Ich führe fast täglich meine Imaginationsübung durch. Der Tumor wird in der Vorstellung immer kleiner, härter, harmloser. Er stellt sich wie eine Erbse dar, wie eine Tonmurmel, später wie ein vertrockneter Pfirsischkern. Selbst wenn er einmal nicht bis weit hinter den Mond fliegt, selbst wenn er ganz in meiner Nähe gegen irgend etwas klatscht, ist das harmlos. Beim nächsten Schuss fliegt er dann in die unendliche Ferne.



Am 29.05.2014 stellt sich bei einer morgendlichen Imagination kein Tumor dar. Die Prostata imponiert wie ein kleines, mit feinem Sand gefülltes Säckchen. Etwa so groß wie eine große Kastanie. Die äußere Hülle wie aus Gummi, die Farbe habe ich nach einer halben Stunde vergessen. Der Inhalt feinsandig, hellbeige. Akustisch ist nur ein Reibegeräusch wahrzunehmen, wenn ich dieses Säckchen zusammendrücke. Es fühlt sich etwas weicher an, als ein KNAUTSCHI. Riecht wie Sand. Den Geschmack probiere ich nicht aus.



Ich bin sehr interessiert (natürlich!!), wie es weiter geht. Ich werde immer wieder einmal darüber berichten.


Und so ging es weiter:

Nach mehr als drei Jahren bin ich -"fast"- tumorfrei. Ich habe mäßige Kontinenz- und Potenzstörungen mit Tendenz zur Besserung, habe ernste Gehstörungen mit Tendenz zur Verschlimmerung, kann aber ohne Hilfsmittel gehen. Das psychoonkologische Experiment war gründlich schief gegangen. Der nach dem vermeintlichen Erfolg meiner Imaginationen grenzwertige Tumorindikator-Wert hatte sich ein Jahr später verdoppelt. Zwischen Biopsie und Operation war er noch einmal angestiegen. Ich hatte großes Glück, dass der Tumor in seiner Gesamtheit entfernt werden konnte. Gerade noch rechtzeitig.

Die gelegentlichen Kontrolluntersuchungen lassen keine wesentlichen Progressionen erwarten. Und sollte jemals ein Rezidiv entstehen, wird es aller Wahrscheinlichkeit nach nicht mehr in meinem Leben böses anrichten können. 

Übrigens:

ICH LASSE MIR VON DIESEM ARSCHLOCH NAMENS KREBS NICHT DIE LAUNE VERDERBEN!

 

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