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Die Zackenbahn

In "Leipelt's Touristenführer für das Riesen- und Isergebirge", verfasst 1914 von Siegfried Beck, ist über die Zackenbahn folgendes zu lesen: "Die Bahnstrecke Petersdorf-Grüntal (Ober-Polaun), 35 km (Isergebirge), im Juni 1902 eröffnet, lenkt schon im ersten Kilometer nach Verlassen des Petersdorfer Bahnhofes [Piechowice, PL] auf hohem Damme in starker Krümmung und enger Schleife derart rechts ab, daß man – rechts sitzend – nach wenigen Minuten den Ort Petersdorf wieder vor sich sieht und zwar tief unten; denn der Bahnkörper ist um 20 m angestiegen. Hier wendet er sich aber in stetigem Ansteigen am Hange des 'Kratzberges' – eines Südfortsatzes des 'Nebelberges' – durch den Wald in entgegengesetzt (SW) gerichteter Schleife (und 2 ¾ km von Petersdorf) in ziemlich gerader W-Linie 3 ½ km fort. 4 km von Petersdorf, dann fahrern wir dicht an dem oberen Teile von Hartenberg, (Heidelberg) [Górzyniec, PL] entlang, meist im Walde immer ansteigend weiter. Links zeigt uns dann eine Lichtung 20 m tiefer das Tal des 'kleinen Zackens' (an dessen Ufer die Forststraße von Petersdorf über Ludwigsbaude nach Flinsberg und eine neue Brücke sichtbar werden). An dieser Stelle (520 m) ist eine Weichenanlage (z.Z. Kreuzung Seifershau genannt) angebracht, welche (falls diese Waldstraße seitens der Grundherrschaft dem öffentlichen Verkehre freigegeben wird) zu einem Haltepunkte eingerichtet werden und hoffentlich den zutreffenden Namen 'Hartenberg' [Górzyniec, PL] erhalten wird; denn das Dorf Seifershau [Kopaniec, PL] liegt 3 bis 5 km nördlich, dazwischen ist der Ziegenhalsberg (745 m) zu übersteigen, Hartenberg dagegen liegt nur 2 km entfernt. Wer von hier nach der Ludwigsbaude (7 km) will, hat alsdann bis zu dieser Weiche die nächste Bahngelegenheit. Gleich hinter diesem Bahnpunkte wendet sich der Bahnkörper wieder nach 1. in enger Schleifer, in deren Scheitel auf jener Brücke der 'kleine Zacken' überfahren wird – also östlich – zurück, um nach weiteren 2 ½ km eine Biegung nach Süden gegen den 'hohen Iserkamm' zu machen, welcher durch einen 145 m langen Tunnel durchfahren wird. Beim Austritte genießt der Reisende ein herrliches Aussichtsbild: im Vordergrunde die 'Dachsbaude', tief unten das Tal des 'großen Zackens' mit Schreiberhau, gegenüber das Hochgebirge, besonders deutlich die Schneegruben und der Reifträger. Der Zug hält hier (10 km) auf H-St.:
Nieder-Schreiberhau [Szklarska Poręba Dolna, PL], 620 m. Kurzer Aufenthalt zum Aussteigen und Aussichtbetrachten an der Brustwehr des Bahnhofes. Moltke-Denkmal, Moltkefeld, Stangorklamm).

Mittel-Schreiberhau [Szklarska Poręba Średnia, PL], 630 m. Nun wieder eine Krümmung nach SW., dann 1 km in beinahe gerade Linie durch den Ortsteil 'Hüttstatt' von Schreiberhau, nun SO., darauf eine Halbkreiskrümmung SW-NO, und nach 2 ½ km vom vorigen sind wir auf dem Bahnhof:

Ober-Schreiberhau [Szklarska Poręba Górna, PL], 740 m, am Weißbachstein, angelangt. Kaum 2/3 km vom Bahnhofe heraus wieder eine, zwar stumpfere, Krümmung nach SW, den Ortsteil 'Weißbachtal' durchquerend und bei neuer S-Krümmung den Weißbach überschreitend nach 2 ¼ km Bahnhof:

Josephinenhütte [Szklarska Poręba Huta, PL], 740 m. Nach der gleichnamigen Glashütte, ½ km. Dann geht die Bahn wieder nach rechts (NW), dem Zacken an der rechten Uferseite nahe bleibend, dircht bei der 'Gebertbaude' (diese rechts) vorüber am Südfuße des Rotfloßhübels, 4 ½ km mit geringen Abbiegungen; nachher beinahe rechtwinklig gegen Süden, noch ½ km und Haltetelle:

Jakobstal [Szklarska Poręba Jakuszyce, PL - Bahnhof im Sommer 2010 wiedereröffnet], 885 m, der höchste Punkt der ganzen Bahnstrecke, ist erreicht, und zwar unmittelbar am gleichnamigen Bauden-Orte mit der Proxenbaude an der Hirschberg-Petersdorf-Reichenberger Kunststraße. Nach Karlstal (wie früher die Station benannt war) sind 4 km w. Nunmehr ½ km unmittelbar die Straße begleitend, dann am 'Kasparhübel' und am 'Schweinlochkamme' 4 km, mehrfach schlängelnd in mäßigem Gefälle bis

Neuwelt [Nowy Świat, PL - Bahnhof heute stillgelegt], 779 m, wo vielleicht einmal eine Haltestelle eingerichtet werden wird. Der Ort gleichen Namens liegt 1 ½ km östlich; weiterhin Harrachsdorf. Haltestelle:

Strickerhäuser [Harrachov, CZ], 731 m. Vor und hinter dieser beschreibt die Bahn wieder einen, aber

unregelmäßigen, engen Halbkreis, schlängelt sich um den Südfuß des 'Ziegenkammes' in drei Biegungen Nord-West-Nordwest-West-Nordwest, dann fährt man durch einen 280 m langen Tunnel [Harrachovský tunel], hierauf den Grenzfluß 'Iser' überschreitend in neuem scharfen Bogen West-Süd-Ost und wieder West in 4 km nach dem

Grenzbahnhof Grüntal [Kořenov, CZ], 699 m,an dem gleichnamigen zu Ober-Polaun gehörigen Ortsteile. - Zollabfertigung! - Nach Wurzelsdorf, Bad, 3 km (698 m).
Vorn Grüntal wendet sich die Bahn SW, durchfährt einen Tunnel von 850 m Länge [Polubenský tunel], tritt in Unter-Polaun heraus, folgt eine Strecke der Talsohle der Desse, durchbricht noch vier Berghindernisse, dann folgen der Schwarzfluß-, 155 m, der Tiefenbacher, 105, der Dessendorfer, 205, und der Brander Tunnel, 70 m lang; Ende nach 234 m Gefällte auf 9 km Strecke in Tannwald [Tanvald, CZ]. In Tiefenbach und Dessendorf H.-St. [Desná, CZ] In Tannwald Anschluß an die Gablonz-Reichenberger Linie."

P. Regell beschreibt in seinem Reiseführer von 1905 die Bahnfahrt von Petersdorf bis zur preußisch-österreichischen Grenzen umso romantisierender: "Doch werden an überraschenden und packenden Effekten sowohl die alte wie die neue Straße bei weitem durch den neuen Schienenweg übertroffen, der die Talenge des Großen Zacken tief unter sich läßt. An Großartigkeit und Mannigfaltigkeit der landschaftlichen Szenerie läßt sich der Bahnstrecke Petersdorf-Josephinenhütte keine andere Bergbahn diesseits der Alpen vergleichen, da die Wirkung der natürlichen Kontraste noch durch den raschen Wechsel der Landschaftsbilder gesteigert wird. Denn jede Krümmng der Bahnline stellt uns bald das Talbild, bald die Kammszenerie vor Augen und versetzt uns so unmittelbar aus dem Tale vor eine Hochgebirgslandschaft. Hinter dem Bahnhof Petersdorf (380 m) verläßt sie die Talebene und schwingt sich in zwei bedeutenden Schleifen zu dem 240 m höher gelegenen Bahnhof Nieder-Schreiberhau empor. Obwohl die Bahn so die Steigung allmählich zu überwinden sucht, machte ihre Anlage doch kolossale Durchstiche und Dammaufschüttungen, Felssprengungen und Einebungsarbeiten notwendig. Indem der Zug langsam am Abhang des Zackenkammes unterhalb der vielbesuchten Bibersteine emporklettert, überblicken wir den Zug des Mittelgebirges, hinter welchem der Kamm, in einzelne Teilbilder zerschnitten, mehr und mehr hervortaucht. Jetzt tritt uns noch einmal die kühne Gestalt des Kynasts vor Augen, und bald breitet sich das Tal in seiner ganzen Ausdehnung zu unsern Füßen, in weitem Bogen von den Wällen des Landeshuter Kammes und Katzbachgebirges umfangen. Vor Kaiserswaldau wende sich der Zug nach der entgegengesetzten Richtung, und der Blick kehrt nach dem Hochgebirge zurück, das sich jetzt über dem Mittelgebirge in voller Größe und Ausdehnung enthüllt. Wir blicken in das wilde Antlitz der Schneegruben, in dem jeder Zug scharf hervortritt, und weiter zu den stolzen Höhen der Kleinen Sturmhaube und der Schneekoppe, die in dieser Seitenansicht in schöner Kegelform sich zeigen. Kaum haben wir Zeit, die hervorstechendsten Eigenheiten des großen Bildes in uns aufzunehmen, so biegt auch schon der Zug in das enge Seitental des Kleinen Zacken ein. Nach dem Epos die Idylle; ein lieblicher Wiesengrund, von dem Silberban d des Baches durchzogen, in der Tiefe und an den Seitenhängen verstreut die Häuser des Dörfchens Hartenberg, darüber bis zu den Höhen geschlossener Wald, hin und wieder eine Lichtung, in welcher der gelbe Ginster und das hellpurpurne Weidenröschen aus dem dunklen Grün des Brombeer- und Heidelbeergestrüpps aufleuc
hten, alles in allem eine freundliche, aber bescheidende Landschaft. Die Bahn hält sich zunächst am Zackenkamm zwischen den obersten Häusern des Dorfes und dem Walde, doch bald verschwindet das Dörfchen hinter uns, die Dämmerung des Waldes nimmt uns auf, dann überschreiten wir den Kleinen Zacken und gleiten nun langsam am andren Steilufer empor, das bereits dem Hohen Iserkamm zugehört. Tief unter uns erblicken wir die zurückgelegte Strecke, das Dörcfchen und durch den Spalt des Taleinganges einzelne Teile des Hirschberger Tales. Der Blick in die Tiefe wird immer großartiger, der Abhang steiler und felsiger; mühsam keucht die Lokomotive aufwärts; sie braucht geraume Zeit, um diese höchste Steigung zu überwinden. Plötzlich umfängt uns tiefe Nacht, rasselnd und schnaubend wühlt sich der Zug ins Innere des Berges ein, aber schon nach wenigen Minuten begrüßt uns wieder das Tageslicht, und wie mit einem Zauberschlage sind wir in eine ganz andere Landschaft versetzt. Die Hochgebirgswelt, die wir bisher nur aus der Tiefe und Ferne bewundert haben, liegt jetzt unmittelbar vor unsern Augen, ja, wir befinden uns mitten inne. Zum Greifen nahe tritt uns der Kamm mit seinen zerrissenen Wänden entgegen, in alles überragender Wildheit die tiefen Höhlungen der Schneegruben. Westlich von ihnen hebt sich von einer Matte am rande des Hochwalds die Alte Schlesische Baude ab. Aber auch der grüne Vordergrund des Mittelgebirges erscheint in kühn geschwungenen Linien; wie ein scharfer Riß läuft quer durch ihn der Spalt des Zackentales; das Dörfchen, das sich jenseits desselben in den Wald hinaufzieht, ist Kiefewald; vor uns, unter uns und über uns erblicken wir vereinzelt oder in Gruppen die Häuser von Schreiberhau. Inzwischen ist der Zug in der Haltestelle Nieder-Schreiberhau angelangt, dicht unterhalb des Moltkefelsens. Höchst überraschend ist von der breiten Bahnhofsrampe der Blick ins Tal, da hinter der ebenen Fläche der Rampe die Bergwand plötzlich in jähe Tiefe abzusinken scheint. Die weitere Fortsetzung der Bahnstrecke schmiegt sich wieder dicht in die Falten des Geländes und bildet drei halbkreisförmige Schleifen; den Mittelpunkt der ersten nimmt die evangelische Kirche des Niederdorfes ein, einen ähnlichen Bogen beschreibt die zweige Schleife um die hochrangende, bis weit ins Tal hinein sichtbare katholische Kirche, und endlich die letzte umfängt das schone, von Villen übersäte Weißbachtal, in dem das Sanatorium
eine beherrschende Stellung einnimmt. Je mehr wir uns dem Gebirge nähern, desto mehr verliert das Hochgebirge an Längenausdehnung, während es an relativer Höhe mit der Steigung der Bahnlinie immer mehr zuzunehmen scheint. Endlich überblicken wir nur noch die westliche Hälfte des Kammes mit dem Schneegruben in der Mitte, dem Hohen Rad und Reifträger und ihren Fortsetzungen als Seitenflügeln. Indem uns nun je nach der Krümmung der Bahnlinie bald der eine, bald der andere Seitenflügel mehr vor Augen und scheinbar näher tritt, gleicht das Gerüst des Kammes einer beweglichen Kulisse, deren feste Achse der Schneegrubengrat bildet. Die Bilder des Vordergrundes gleiten in rascher Folge an uns vorüber, und wir im Fluge gewinnen wir einen Überblick über das nach allen Seiten sich dehnende Schreiberhau. Bald hinter der Haltestelle Nieder-Schreiberhau erscheint zur Rechten an den Wald gelehnt das Eisenbahnerheim, das uns seine reich verzweigte Front zukehrt, auf der anderen Seite blickt vom jenseitigen Steilufer des Zackens der plumpe Bau des Rettungshauses trotzig herüber, dicht am Bahndamm guckt zwischen hohen Baumkronen der First der Sagenhalle hervor, unmittelbar vor der Station Mittel-Schreiberhau. Der Zug läuft an der Abdachung des Schwarzen Berges hin, aber der höchste Punkt desselben, der Hochstein, tritt erst hinter dem Bahnhof Schreiberhau in den Gesichtskreis. Endlich vor Bahnhof Josephinenhütte (712 m) wird auch die Neue Schlesische Baude sichtbar. Auf der weiteren Bahnstrecke bis zur böhmischen Grenze bietet sich nichts Bemerkenswertes: hin und wieder eine Hütte im Walde, eine in Trümmer zerfallende Steingruppe, das Flußbett mehr oder weniger tief in den dunklen Moorboden eingeschnitten, zuweilen ein Durchblick nach dem waldbedeckten Westende des Riesengebirges, sonst
Wald und Wald, endlich eine größere Lichtung am Bahnhof Karlstal (886 m), wo die Bahn ihre höchste Stelle erreicht, dann wieder ununterbrochener Wald bis zu den Strickerhäusern, dem fernsten Vorposten von Schreiberhau und zugleich der letzten Station in Preußen. Die Bahnstrecke Petersdorf-Grüntal wird gewöhnlich als Zackenbahn bezeichnet; ebenso zutreffend würde man sie Schreiberhauer Bahn nennen; denn zum weitaus größten Teil läuft sich durch Schreiberhauer Gebiet, und nicht weniger als sechs Bahnhöfe liegen in diesem. "

Abbildung unten links: Bahnhof Kořenov, 2010, einst Grenzbahnhof Grüntal, Andreas Jüttemann.  Heute beherbergt das Bahnhofgebäude ein Eisenbahnmuseum zur Geschichte der Zackenbahn, EIntrittskarte dieses Museums siehe Abbildung rechts unten.

Abbildung Mitte rechts: Bahnhof Jakobstal (Der 2010 wiedereröffnete Grenzbahnhof zwischen Polen und Tschechien), 2010, Andreas Jüttemann

Abbildung unten rechts: Moderne Züge eines polnisch-tschechischen Joint-venture-Unternehmens verkehren seit Sommer 2010 zwischen dem tschechischen Bahnhof
Kořenov und dem polnischen Bahnhof Ober-Schreiberhau, 2010, Andreas Jüttemann

Aufnahmen des elektrischen Triebwagenverkehrs auf der Zackenbahn in den 1930er Jahren 
(Fotos vermutlich gemeinfrei - falls Sie Rechteinhaber sind, bitte mich informieren -  Bibliothek des Herder-Instituts Marburg)












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