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Steinhof

Steinhof“ und „Baumgartner Höhe“ sind der Wiener Bevölkerung sehr bekannt, aufgrund der jahrzehntelangen Geschlossenheit der Anstalt wusste jedoch niemand so genau, was sich „Am Steinhof“ auf der Baumgartner Höhe, abgeschirmt hinter einer fast 5 km langen Mauer, in der Vergangenheit so alles getan hat und welche Objekte sich darin befinden. Heute ist diese Anstalt ein modernes, offenes Krankenhaus mit Spitzenmedizin und wird unter dem Namen „Sozialmedizinisches Zentrum Baumgartner Höhe – Otto Wagner Spital mit Pflegezentrum“ geführt. Im Oktober 2007 wird das 100-jährige Bestandsjubiläum gefeiert.

"Am Steinhof" – Baumgartner Höhe

Die Überfüllung der niederösterreichischen Landesirrenanstalten war derartig groß, dass der zuständige Landesausschussreferent Leopold Steiner (1857–1927) den Antrag zum Bau einer neuen Anstalt in Wien beim „Hohen Landtag“ im Jahre 1902 einbrachte, der auch „in hochherziger Weise“ angenommen wurde. Leopold Steiner wollte eine Anstalt schaffen, die nicht nur für längere Zeit die Unterbringung von Wiener Geisteskranken innerhalb Wiens gewährleisten sollte, sondern auch in Zukunft einen weiteren Bau einer Irrenanstalt in Wien nicht notwendig machen würde. Das Areal mit den Objekten sollte sehr großzügig angelegt sein und Kriterien wie die Erreichbarkeit mit der Straßenbahn von der ganzen Stadt aus (um den Besuch der Angehörigen zu erleichtern), den Schutz gegen das Heranbauen von Wohngebäuden sowie die Möglichkeit eines Anschlusses an die Hochquellenwasserleitung, an das Wiener Kanalnetz sowie an das elektrische Netz erfüllen – und doch am Rande der Stadt bleiben, um die landschaftliche Umgebung einzubeziehen. Die oft bis zu ihrem Lebensende eingeschlossenen Patienten sollten wenigstens die Natur so nahe wie möglich genießen können. Am 12. November 1903 genehmigte der niederösterreichische Landesausschuss die Errichtung einer Heilanstalt (870 Betten), einer Pflege- anstalt (900 Betten) und eines Pensionats/ Sanatoriums (300 Betten) für 2.070 Patienten. Am 27. September 1904 legte Kaiser Franz Joseph den Grundstein, und fast genau drei Jahre später – am 8. Oktober 1907 – wurde die Schlusssteinlegung mit einer feierlichen Zeremonie in der Anstaltskirche „Zum Hl. Leopold“ durch den Thronfolger Erzherzog Franz Ferdinand vorgenommen. Die Baumgartner Höhe, das Gebiet betrifft die südlichen Ausläufer des Gallitzinberges im westlichen Wienerwald-Raum Wiens, hat die niederösterreichische Landesregierung von über 110 Grundbesitzern mit einer Summe inklusive Honorare, Übertragungsgebühren, Steuern und Spesen (Expensen und Expropriationskosten) um 4,413.553 Kronen (heutiger Wert ca. 20,2 Mio. Euro) aufgekauft, um auf diesem Areal mit einer Größe von 144 ha, 57 Ar und 46 m2 (251 Joch und 370 Quadratklafter) eine Heil- und eine Pflegeanstalt für Nerven- und Geisteskranke sowie ein Pensionat (Sanatorium) zu bauen. Damals war der niederösterreichi- sche Landesausschuss der Meinung, dass durch einen großzügigen Grundstücksankauf nicht benötigte Flächen wieder verkauft werden können, aber auch bei einer möglichen Ausdehnung des Hauses keine teuren Grundstückszukäufe getätigt werden müssen. In Anbetracht der im nördlichen Teil nicht benötigten Flächen wurde dieser Bereich der Öffentlichkeit als Naherholungsgebiet zugänglich gemacht. Dieses Areal wird zu jeder Jahreszeit zur Erholung und sportlichen Betätigung von der Bevölkerung genützt und als „Steinhofgründe“ bezeichnet. Der Begriff „Steinhof“ ist dadurch entstanden, weil dieses Gebiet weitgehendst kahl und steinig war. Erst nach der Eröffnung wurden zahlreiche Bäume und Sträucher gepflanzt, um den Patienten die Natur so nahe wie möglich vor die „Haustür“ zu bringen. Als das Krankenhaus in der Zeit von 1904 bis 1907 errichtet wurde, gehörte die „Baumgartner Höhe“ noch zu Niederösterreich, und zwar zum 13. Wiener Gemeindebezirk, denn Wien war zu dieser Zeit noch kein eigenes Bundesland. Erst später, nach der Veränderung und Neufestlegung der Bezirksgrenzen und als Wien im Jahr 1922 ein eigenes Bundesland wurde, kam das Gebiet zum 14. Wiener Gemeindebezirk. Dieses riesige Bauprojekt war eine außergewöhnliche Leistung für die damalige Zeit. Es gab noch keine technischen Hilfsmittel, wie Kräne, Aufzüge, Bagger etc., auch Lkws waren nicht vorhanden, und so wurde eine eigene provisorische Eisenbahnlinie vom Bahnhof Ottakring auf die Baumgartner Höhe verlegt, wobei der Ameisbach mit einer hölzernen Brücke überbaut wurde, um sämtliche Baumaterialien, unter anderem an die 35 Millionen Ziegel, mit der Dampflok auf die Baustelle zu transportieren. Es arbeiteten täglich fast an die 5.500 Arbeiter auf der Baustelle.

In nur drei Jahren wurden an die 66 Objekte errichtet. Es war wie eine „Stadt in der Stadt“ mit einer kompletten Infrastruktur, wo an die 5.000 Menschen – Patienten, Ärzte, Pflegepersonal, Werkstättenpersonal und Verwaltungspersonal – lebten und die Patienten so weit wie möglich in das gesellschaftliche Leben mit eingebunden waren.

(Von 1904 bis 1907 arbeiteten täglich fast 5.500 Arbeiter, um die „Stadt in der Stadt“ zu verwirklichen. Eine eigene provisorische Eisenbahnlinie wurde angelegt.)

Kirche am Steinhof – Anstaltskirche „Zum Hl. Leopold“ – Otto Wagner Kirche

Otto Wagner (1841–1918) hat in seinem Gesamtkonzept eine Mittelachse mit Funktionsobjekten geschaffen, die nicht für medizinische Zwecke dienten und als Otto Wagners „Sonntagsarchitektur“ bezeichnet wurden. Diese begann beim Haupteingang mit der Direktion des Hauses, nächstes Gebäude war das damals so genannte „Gesellschaftshaus“ – dieses Haus wurde für Unterhaltungsveranstaltungen, Theateraufführungen und cinematographische Vorführungen verwendet, um die Patienten ein wenig von ihrem Leid abzulenken. Es ist heute als „Jugendstiltheater“ bekannt und der Öffentlichkeit zugänglich. Wie gut diese Investition war, konnte gleich nach der Eröffnung erkannt werden, denn es gab nur wenige „Entweichungen“ und „Selbstzerstörungen“ bei den Patienten. Daneben steht die renovierte Zentralküche, und als letztes Objekt ist am höchsten Punkt des Krankenhausareals die Anstaltskirche „Zum Hl. Leopold“ errichtet worden.

Sie sollte die Krönung des Krankenhauses sein und eine dominierende Wirkung über das ganze Areal ausstrahlen. Mit der Neuvergoldung der Kirchenkuppel im Zuge der Generalsanierung in den Jahren 2001 bis 2005 mit einem Kostenaufwand von umgerechnet 11,3 Mio. Euro wurde dieser Effekt wieder verstärkt. Noch dazu, wo sie von vielen Stellen aus der Stadt Wien sehr gut sichtbar ist und als Wahrzeichen des westlichen Wien gesehen wird. Otto Wagner hat das Gesamtkonzept der Anstalt erstellt, er selbst aber nur die Kirche errichtet, der er sich besonders annahm. Die übrigen Objekte wurden von Oberbaurat Carlo von Boog, der während der Bauzeit verstarb, und von Baumeister Franz Berger errichtet. Otto Wagners Kirche am Steinhof ist die Krönung seiner Bauten, und sie war die einzige moderne Kirche am Anfang des 20. Jahrhunderts in Europa. Dieser moderne Sakralbau wurde nicht nur von der Bevölkerung, sondern auch vom Kaiserhaus abgelehnt.

Thronfolger Erzherzog Franz Ferdinand – der Kaiser ließ sich krankheits- halber entschuldigen – hat in seiner Eröffnungsrede am 8. Oktober 1907 in der Kirche im Beisein aller Ehrengäste Otto Wagner kritisiert, indem er meinte, dass ihm der Maria Theresianische Stil viel besser gefalle als der Jugendstil. Mit der Barockkunst konnte das Kaiserhaus seinen Prunk und Reichtum zeigen, nicht aber mit dem ein- fachen Jugendstil.

Otto Wagner wollte den Thronfolger nicht beleidigen, und so konterte er mit einem eleganten Vergleich: „Eure durchlauchtigste Hoheit, zur Zeit Maria Theresias wurden die Kanonen sehr prunkvoll geschmückt, verziert und ziseliert, jedoch heutzutage fertigen wir nur mehr einfache glatte Kanonen an, und sie erfüllen den gleichen Zweck, um schießen zu können – und diese einfach gestaltete Kirche erfüllt den Zweck, um beten zu können.“ Der Thronfolger war sehr erzürnt über diese Antwort, erwiderte kein Wort, drehte sich hochmütig um und ging weg. Otto Wagner hat keinen Auftrag mehr vom Kaiserhaus bekommen. Sein Grundgedanke bei der Konzipierung der Kirche war, dass sich Kunst mit Zweckmäßigkeit verbindet. Man sollte seine Kunst nicht nur betrachten und bewundern, sondern auch verwenden und benützen. „Schön ist, was praktisch ist“, meinte Otto Wagner. Er hatte viele Kritiker, die nicht dieser Meinung waren. Die Wiener Bevölkerung hätte nicht zugelassen, dass die moderne Kirche, mit lauter „gottlosem Ma- terial“ wie Beton und Eisen gebaut, in der Stadt errichtet worden wäre. Weil aber die Kirche relativ weit weg von Wien in einer „Irrenanstalt“ errich- tet wurde und man sie aufgrund der Geschlossenheit der Anstalt ohnehin nicht besuchen konnte, wurde der Kirchenbau hingenommen. Jedoch meinte die Bevölkerung, dass die „Verrückten“ beim Besuch dieser Kirche noch verrückter werden würden, als sie es ohnehin schon wären. Die Kirche ist mit Ziegelsteinen gebaut und die Fassade mit 2 cm starken Marmorplatten verkleidet, diese sind mit „Kupfernägeln“ im Mauerwerk befestigt. Sämtliche Fassadenplatten hat man im Zuge der Generalsanierung (2001–2005) erneuert, sie stammen wie die ursprünglichen aus dem Marmorsteinbruch von Carrara in Mittel- italien.

Von den drei gleich großen südlichen Haupteingängen wurde das Westtor von den weiblichen Patienten, das Osttor von den männlichen Patienten zum Betreten der Kirche benützt, das Mitteltor wurde nur zu besonderen Anlässen geöffnet. Eine Funktion, die sich auf die Geschlechtertrennung in der damaligen Landes-Heil- und Pflegeanstalt – westlich der Mittelachse die Frauen und östlich die Männer – bezogen hat. Im Verwaltungsbericht aus dem Jahre 1909 wurde diese Gegebenheit in einem köstlich geschriebenen „Beamtendeutsch“ wie folgt beschrieben: „Die Trennung zwischen Männern und Frauen ist deshalb notwendig, auf dass es sich nicht von selbst vermehret. “ Mit „es“ ist das Haus gemeint. Über dem Haupteingang sind vier aus Kupferblech getriebene Engel des Bildhauers Othmar Schimkowitz (1864–1947) aufge- stellt, die nun nach der Restaurierung wieder alle eine gleiche devote Kopfhaltung nach unten innehaben. Das war nicht immer so, und das lässt sich folgendermaßen erklären:

Drei der Engel hatten einen „braven“ devoten Blick nach unten, und nur ein Engel hatte eine sehr stolze Kopfrichtung nach oben. Viele Besucher haben sich gewun- dert, warum dies so ist. Ein männlicher Besucher meinte zu wissen, wo der Engel hinschaut – und zwar nach Gumpoldskirchen. Die Richtung hätte gestimmt, aber dieser Herr war wahrscheinlich eher ein Weinliebhaber als jemand, der sich mit Theologie beschäftigt. Als Begründung für die „falsche“ Kopfhaltung gibt es nur eine mündlich überlieferte simple Erklärung: Während eines sehr heftigen Sturms ist der Kopf des zweiten Engels von rechts abgebrochen und heruntergestürzt. Um Geld zu sparen, wurde dieser Kopf von der Hausschlosserei wieder angelötet. Da es sehr schwierig ist, dünnes Kupferblech zu löten, war es nicht möglich, die gleiche Kopfrichtung wie bei den anderen Engeln hinzubekommen, und dadurch hatte dieser Engel eben einen sehr auffälligen, stolzen Blick nach oben erhalten. Von jedem aufmerksamen Besucher wurde diese Tatsache sofort festgestellt und hinterfragt. Diese „Extravaganz“ ist nun mit der sehr gelungenen Restaurierung vorbei, und die Engel mit den schönen vergoldeten Flügeln und den Verzierungen auf ihren Gewändern sowie ihrem feinen jugendlichen Gesichtsausdruck blicken wieder alle in einer devoten Haltung auf den Vorplatz der Kirche.

Hinter den Engeln, mit dem Motiv nach außen gerichtet, befindet sich eines der wunderschönen Glasmosaikfenster des Künstlers Koloman Moser (1868–1918), einer der Mitbegründer der „Wiener Werkstätte“. Das Motiv zeigt den Verlust des Paradieses. Adam und Eva werden von Gottvater – siehe das Münzmotiv – aus dem Paradies vertrieben. Die beiden Glockentürme sind mit in Kupfer getriebenen Figuren des Bildhauers Richard Luksch (1872–1936) geschmückt. Auf dem Westturm ist der hl. Leopold, der Schutzpatron von Wien und Niederösterreich, und auf dem Ostturm der hl. Severin, der als Missionar 450 n. Chr. in Mitteleuropa tätig war, zu sehen. Dahinter erhebt sich die „Sichtkuppel“ der Kirche. Damit die an die 100 Tonnen schwere Eisenkonstruktion dieser Sichtkuppel im Kircheninneren nicht zu sehen ist, hat Otto Wagner eine Zwischendecke, die von Bau- experten als „Kappendecke“ bezeichnet wird, eingezogen, die mit vier blau getönten Fenstern, welche die Symbole der Evangelisten darstellen, ausgestattet ist. Die Kirchenkuppel wurde nach der Sanierung erneut vergoldet und leuchtet wieder strahlend über das Wiental. Die vergoldete Kuppel – nun wieder im ursprünglichen Zustand wie bei der Eröffnung – sieht von der Ferne wie eine halbe Zitrone aus, und daher wurde die Baumgartner Höhe auch scherzhaft „Lemoniberg“ genannt. Eine gängige Beleidigung war es, jemanden auf den „Lemoniberg“ zu schicken. In der Kuppellaterne befindet sich ein Ausstieg, wo man von einem schmalen Rundgang eine herrliche Aussicht auf das südwestliche Wien genießen kann.

Kehrt man zum Haupteingang zurück und betritt man diese einzigartige Jugendstilkirche, richtet sich der Blick sofort auf den wunderschön angefertigten Baldachin des Hauptaltares, der einen ganz magisch anzieht. Wie selbstverständlich verweilt man für kurze Zeit, um das Raumgefühl zu bekommen und um die Schönheit zu genießen, die dem Besucher hier geboten wird. Otto Wagner hat bei dieser Kirche bis ins Kleinste ein Gesamtkunstwerk geschaffen. Er hat bei vielen Details, wie schon erwähnt, die Funktionalität mit der Kunst verbunden und Rücksicht auf die psychisch Kranken genommen, welche die Kirche besuchen. Beim Eingang im Inneren der Kirche befinden sich links und rechts die Weihwasserbecken, die besonders gestaltet sind. Wenn der Besucher die Kirche betritt, braucht er nicht die Hand in das Becken einzutauchen, um sich zu bekreuzigen. Über dem Becken ist ein Wasserspender angebracht, der das Wasser heruntertropfen lässt, und so braucht man nur die Hand dar- unter zu halten, um sich mit dem Weihwas- ser zu benetzen – eine einfache, zweckmäßige und hygienische Lösung. Auch der Kirchenboden ist eine Besonderheit. Vom Haupteingang bis zum Presbyterium ist der Boden in einer Höhe von 16 cm abfallend. Dadurch wird bewirkt, dass der später kommende Besucher, der gezwungenermaßen im hinteren Bereich stehen bleiben muss, etwas höher steht und den Altarbereich uneingeschränkt sehen kann. Durch den abfallenden Boden ist die Sicht zum Hauptaltar von jedem Standort aus gewährleistet, und der quadratische Grundriss, ein lateinisches Kreuz mit kurzen Schenkeln, trägt dazu bei, dass sehr viele Besucher noch näher zum Altar kom- men können. Die Kirchenwände sind im Inneren mit drei Meter hohen Marmorplatten verkleidet, womit eine leichte Reinigung gewährleistet ist. Die Kirche ist auch in drei Bereiche eingeteilt gewesen – heute ist diese Einteilung nicht mehr notwendig. Der erste Bereich war der Chor, reserviert für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, Ärzte, Pflegepersonal, Verwaltungspersonal. Aus Sicherheitsgründen durfte ein Patient den Chor nicht betreten. Der zweite Bereich war der allgemeine Kirchenraum und der dritte Bereich das Presbyterium, das durch ein stark befestigtes Kommuniongitter aus Marmor vom Kirchenraum abgetrennt ist. Dieses Marmorgitter sollte auch eine Art Barriere sein, damit Patienten den Priester beim Zelebrieren der Messe nicht stören konnten. Zu der von Paul Neumann gestalteten Kanzel führen vom Kirchenraum keine Stufen hinauf, damit kein Patient hinaufsteigen konnte. Der Priester betritt durch die Sakristei die Kanzel, um zu predigen. Für die Bedürfnisse der Patienten wurden eine WC-Anlage und ein Rettungszimmer eingerichtet was zu dieser Zeit in einer Kirche eine unliebsame Besonderheit darstellte und stark kritisiert wurde. Ein weiteres Novum stellt die Ausrichtung der Kirche dar. Üblicher- weise sind die Kirchen west-östlich ausgerichtet, der Altar ist nach Osten gerichtet.

Otto Wagner hat die Kirche süd-nördlich ausgerichtet und an der West- und Ostseite große Fenster installiert, damit den ganzen Tag über viel Licht in das Kircheninnere gelangen kann. Der psychisch Kranke soll sich in einem hellen Raum befinden. Otto Wagner ließ sich unter anderem von den Ärzten und – weil er kein besonders religiöser Mensch war – auch von der katho- lischen Kirche beraten. Auch wurden die Kanten sämtlicher Kirchenbänke abgerundet, sodass sich kein Patient verletzen konnte. Auf dem Boden befinden sich bei den Bänken keine Querverbindungen, somit wurde beim Betreten der Bänke die Stolpergefahr vermieden. Zwei seitliche „Fluchttüren“ sind vorhanden und wurden damals benützt, um Patienten so rasch wie möglich bei einem Anfall ins Freie zu führen.

Heutzutage sind diese Vorkehrungen alle nicht mehr notwendig, die Kirche ist eine „normale“ Kirche wie jede andere, und es findet nach der Wiedereröffnung wieder jeden Sonntag am Vormittag eine Messe.

Die zweite Münze der Goldmünzenserie ist einem einzigartigen sakralen Wiener Bau gewidmet: der berühmten Kirche am Steinhof, die ausschließlich im Jugendstil erbaut und ausgestattet wurde. Diese Kirche, entworfen vom Meister des Wiener Jugendstils Otto Wagner, wurde 1904 bis 1907 in der Heil- und Pflegeanstalt auf der Baumgartner Höhe erbaut und ist außen und innen ein wahres Juwel.

Das Kirchengebäude in seinen schlichten kubischen Formen hat Thomas Pesendorfer auf der neuen Goldmünze dargestellt. Die leicht schräge Ansicht zeigt uns sowohl die linke Seite als auch die imponierende Vorderfront. Die Skulpturen der Landespatrone, des hl. Leopold und des hl. Severin, stehen auf Ecktürmen über dem Portal.

Die wuchtige Kuppel ragt in die obere Randschrift: REPUBLIK ÖSTERREICH. Weiter unten wird dieser Schriftbogen rechts und links gewissermaßen von Baumblättern überwuchert, die ins Bild ragen. Unterhalb der Kirche ist eine Rasenfläche angedeutet, die das Münzbild abschließt. Darunter steht die Jahreszahl 2005. Im unteren Teil setzt sich der unterbrochene Schriftbogen fort, der die Münze umrandet. Hier wird in der gleichen Jugendstil-Schrift wie oben der Nennwert angegeben: 100 EURO.

Die Fenster der Kirche am Steinhof hat kein Geringerer als Koloman Moser ent- worfen. Helmut Andexlinger wählte für die Gestaltung der anderen Münzseite den Mittelteil des Glasfensters „Der Sündenfall im Paradies“. Dieses Fenster befindet sich oberhalb des Portals. Das verbleite Mosaik in der Opal- und Goldglasausführung ist ein besonders schönes Beispiel für die außergewöhnliche Fenstergestaltung der Kirche.

Der ausgewählte Mittelteil des Fensters ist in der Mitte des Münzbildes angeordnet. Zu beiden Seiten dieses Motivs sehen wir zwei Engelsfiguren. Die Bronzeoriginale sind Kunstwerke von Othmar Schimkowitz. Diese Seite ist die eindrucksvolle Ergänzung der Jugendstil-Architektur durch ein besonders schönes Jugendstil-Beispiel der bildenden Kunst statt, die von Patienten und Besuchern frequentiert wird. Die beiden Fenster, welche die Kirche so hell erstrahlen lassen, sind von Koloman Moser angefertigt. Auf der Evangelienseite zeigt das Fenster „die sieben leiblichen Werke der Barmherzigkeit“, und auf der Epistelseite sind „die sieben geistigen Werke der Barmherzigkeit“ dargestellt. Die Heiligen blicken alle zum Hochaltarbild, das den segnenden Heiland zeigt, der die Nothelfer und Fürsprecher der Kranken in den Himmel aufnimmt. Eine schöne Abfolge lässt sich durch den Sündenfall und Verlust des Paradieses beim Eingang und in weiterer Folge, wo durch das Gebet in der Kirche die Wiederaufnahme in den Himmel erfolgt, erkennen. Das Hochaltarbild wurde vom akademischen Maler Remigius Geyling (1878–1974) entworfen, von der Mosaikwerkstätte Leopold Forster ausgeführt und erstreckt sich über eine Fläche von 84 m 2

. Die beiden Seitenaltarbilder – ebenfalls Mosaikbilder, die Maria Verkündigung und den Schutzengelaltar sowie die beiden Heiligen Petrus und Paulus darstellen – wurden von dem akademischen Maler Rudolf Jettmar (1869–1939) angefertigt. Otto Wagner wollte bei seinen Bauten weder Gemälde auf Leinwand noch Fresken, und so hat sich der Architekt und Künstler für diese besondere Mosaiktechnik mit den Materialien Keramik, Feueremail, Glas sowie Marmor entschieden. Es war dies die erste in dieser Art und in so großer Dimension dargestellte Arbeit. Das aus großen und kleinen Platten kombinierte Altarbildmosaik entspricht den Größenverhältnissen der Seitenfenster. Die Fleischteile der Figuren wurden in Keramik (Engoben), die Kleider in Marmorintarsia, die Heiligenscheine der Heiligen in Feueremail ausgeführt, und für den Himmel und die Wolken wurden Mosaikglas und Smalten verwendet.

Otto Wagner hat nicht nur größte Sorgfalt auf den Bau der Kirche gelegt, sondern auch auf sämtliche Details bei der Inneneinrichtung der Kirche sowie auf die sakralen Gegenstände und die liturgischen Geräte, die der Priester verwendet. Für Kenner seien einige davon aufgezählt: Introitusglocke, Messkelch mit Patene, Messkännchen mit Patene, Hostienbüchse, einzigartige Jugendstilmonstranz mit Ciborium, Weihrauchge- fäß mit Weihrauchschiffchen inklusive Löffel, Weihwasserkessel mit Aspergill sowie Standkreuze und Standleuchten aus Messing, große und kleine Standleuchten, eigener Leuchter für die Osterkerze – und sogar die Blumenübertöpfe hat Otto Wagner selbst entworfen. Ebenso hat er die vier Hauptleuchten und Deckenleuchten, Ewig-LichtLeuchten, Brüstungsgitter, Stiegengeländer und diverse Wandapplikationen geplant. Die wunderschönen, im Jugendstil gestalteten Paramente werden nach der Restaurierung ausgestellt. Diese Gegenstände bestätigen das geschaffene Gesamtkunstwerk von Otto Wagner und sind von einmaliger schlichter Schönheit geprägt.

Der Kirchenraum bietet ca. 800 Personen Platz. Seine in weißem und goldenem Farbton gehaltenen Flächen sowie die mit blauopaken Glassteinen oder Glasronden geschmückten Einrichtungen beherrschen das Gesamterscheinungsbild. Sie geben der Kirche einen byzantinisch anmutenden, zusätzlich eleganten künstlerischen Aspekt und bringen dem Besucher ein erhebendes Gefühl, verstärkt durch die Helligkeit und Freundlichkeit in dem Gebäude.

Der Architekt und Künstler Prof. Otto Wag- ner hat mit diesem kirchlichen Haupt- und Gesamtkunstwerk des Jugendstils ein beispielhaftes Werk geschaffen, in dem gezeigt wird, wie man Form und Motiv aus Zweck, Konstruktion und Material herauszubilden vermag.

„Otto Wagner – Die Kirche am Steinhof“ Ein Bildband von P. J. Keiblinger

Die Steinhof-Kirche prägt als Wahrzeichen den kulturellen Aufbruch der Stadt um die Jahrhundertwende. Der Bildband zeigt völlig neue Perspektiven der Kirche und lässt zu einer historischen Reise in die Jahrhundertwende aufbrechen. Der Bezug der Architektur des Jugendstils in Verbindung mit einem psychiatrischen Krankenhaus ist einzigartig. Die Kirche selbst gilt als Krönung des Werkes von Otto Wagner und ist die einzige Jugendstil-Kirche der Welt. Der Reinerlös fließt zur Gänze in die Renovierung der Kirche.

Das Buch kann bei den Portieren, in der Verwaltungsdirektion von Steinhof – Tel. +43/1/910 60-11201 –, in den MÜNZE ÖSTERREICH-SHOPS oder per Bestellkarte gekauft werden. Preis: € 14,20 (inkl. MwSt.) setstats 1

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